Spielbericht
RWE bot Staudersekt, der Gast (lange) nur Brause, wie seine Kunden
Wie man bereits vor Anpfiff zu mindestens 95% vorhergesagt hatte, ist der Pokaltraum für Rot-Weiss Essen ausgeträumt. Dass Verein und Fans ihn aber an diesem legendären Abend an Essens mystischer Hafenstraße bis zur 82. Minute und im Grunde bis zum Schlusspfiff nach 4 Minuten Nachspielzeit träumen durften, war nicht vorauszusehen.
RWE ging nach einem katastrophalen Fehler in der Bullen-Abwehr früh in Führung, Aushilfsstürmer Lucas Brumme erlief nach 9 Minuten einen viel zu kurzen Rückpass, umkurvte Keeper Nyland und schob mit seinem ungewohnten rechten Fuß ein. Das Stadion an der Hafenstraße erbebte in seinen Grundfesten. Obwohl RWE den Ausfall von 7 (!!!) Spielern, darunter 6 Stammkräften zu verkraften hatte, zeigte Essens Elf, dass sie eine echte Elf ist.
Nachdem bereits Semir Telalovic in der Vorwoche und Potocnik während des Regenburg-Spiels Verletzungen erlitten, meldete sich beim letzten nominell noch vorhandenen Stürmer Marek Janssen am Montag der Rücken. RWE, der ohnehin krasse Underdog, ging ohne gelernten Stürmer in das aussichtslos erscheinende Match gegen die Millionario-Truppe eines Brauseunternehmens. Doch nicht die Marketing-Idee, sondern Essen gab zunächst den Ton an. Auf den Rängen sowieso, doch sensationeller Weise auch auf dem Platz.
Eine Halbzeit lang war RWE mindestens ebenbürtig, wenn nicht sogar phasenweise überlegen. Jakob Golz wurde nicht gefordert. Und das, obwohl man vor Anpfiff befürchtet hatte, dass Jake die Handschuhe brennen würden. Essen tat das, was die einzige Chance ist, um einem individuell turmhoch überlegenen Gegner die Stirn zu bieten. RWE war ekelig, hart am Mann, verdarb dem Dosenkonstrukt jeglichen Spaß am Fußball. Selbst gegen diesen Gegner gelang das bewährte Konzept aus der Liga, aggressiv nach vorne zu verteidigen, die Innenverteidiger Ben Hüning und Rios Alonso machten einen überragenden Job, aber auch alle anderen RWE-Kicker mit ihnen. Die Hafenstraße feierte jeden gewonnen Zweikampf der Essener und auch noch so kleine positive Aktion frenetisch, Team und Publikum waren eins geworden. Kurz vor dem Pausentee sah sich der Bundesligist dann in Unterzahl. Seiwald, bereits Gelb verwarnt, hielt gegen Ruben Reisig den Socken drauf. Gelb-Rot. War das ein weiterer Baustein zur Sensation?
Die ersten 10 Minuten nach dem Wiederanpfiff veränderte sich das Bild nicht, RWE stellte in Überzahl sogar längere Ballpassagen her. Doch nach gut einer Stunde griff Gäste-Coach Martin Demichelis zur goldenen Option, brachte Baumgartner und Antonio Nusa. Eben dieser Nusa war danach kaum zu bremsen, der enorme Kräfteverschleiß der Rot-Weissen forderte seinen Tribut, zunächst vergaben die Bullen noch gute Gelegenheiten, doch nach 78. Minuten war Nusa von gleich drei Essenern nicht zu halten und bediente Baumgartner, 1:1. Nur 4 Minuten konnte RWE das Remis halten, dann nickte Baumgartner eine scharfe Freistoßflanke von Raum in den gefährlichen Raum zum Siegtreffer für die Topfavoriten ein.
Während die Gäste Spieler für 110 Millionen € Marktwert einwechseln konnten, kam bei RWE am Ende Förderspieler Fadih Vasic und mit ihm der in der 3. Liga kaum eingesetzte Luca Bazzoli. Das verdeutlichte erneut, wie ungleich die Waffen waren. Dennoch rappelte sich Essen auf und hatte noch gefährliche Situationen zum Ausgleich. Der fiel nicht und die meisten RWE-Spieler nach dem Schlusspfiff völlig ausgepumpt auf den Rasen.
Dort setzte Bullen-Schlussmann Nyland aber noch einmal Adrenalin frei. Er provozierte die hinter ihm aufgebaute rot-weisse Wand auf der alten West und wurde sofort von den herbeieilenden Lucas Brumme, Janne Sietan und Ben Hüning „zur Rede gestellt“. Richtig so Jungs, wir haben uns voll hinter euch gestellt und ihr stellt euch hinter uns.
Diese tolle RWE-Truppe, die stark ersatzgeschwächt das Unmögliche beinahe möglich gemacht hätte, und die Fans an der Hafenstraße, das deutet auf sehr innige Liebesbeziehung hin. Ohnehin ist es nicht richtig, von ersatzgeschwächt zu sprechen. Denn jemand wie Ruben Reisig, im Ligabetrieb kein Stammspieler, war alles, nur keine Schwächung. RWE bot an diesem Abend Staudersekt. Prickelnd-herben Ruhrgebietsfußball, voller Hingabe, Leidenschaft, fantastischer Stimmung aber ohne Happy End. Aber was heißt das Ende schon? Klar, es wäre geil gewesen, auch finanziell, eine Millionen Euro hätte RWE für das Achtelfinale mindestens on top verdienen können. Aber die unter Beweis gestellte Qualität und Hingabe für den Verein macht uns alle stolz, Jungs!
Apropos, Finanzen, Leidenschaft und Hingabe. Nach meinem Auftritt im Podcast „Vonne Hafenstraße“ habe ich natürlich viel Feedback zu meiner Analyse des unfairen Wettbewerbsvorteils des Brauseklubimperiums bekommen, das 50+1 dreist aushebelt. Wiederholen möchte ich von meinen Aussagen inhaltlich nichts, schaut es euch an, wenn ihr mögt und es noch nicht getan habt. Es war für mich keineswegs überraschend, dass es auch harte Kritik daran gab. Schließlich wird das Thema um die Marketing-Idee ja heutzutage kaum noch ernsthaft öffentlich diskutiert und wir Fans haben dazu still zu halten. Und natürlich muss man meine Meinung nicht teilen, das ist doch der Kern einer jeden guten Debatte. Aber ausgesprochen interessant sind die Formen der Kritik. Diese verzichtet nämlich tatsächlich nahezu gänzlich auf eine inhaltliche Auseinandersetzung mit meinen Aussagen. Die User boten Brause wie ihre Truppe lange Zeit auf dem Feld. Ich zitiere mal ausgewählte Postings, die sehr repräsentativ sind für die Qualität der „Debatte“, kursiv dahinter meine Gedanken dazu:
„Herrje, das sind ja Argumente aus der Bahnhofskneipe.“ (Dabei haben Sie selbst noch gar keine Argumente genannt, seltsam.)
„Quatsch mit Soße, neidisch?“ (Unterstellter Neid, das Totschlagargument, das jede Auseinandersetzung killt.)
„Keine Ahnung, wer das ist, aber es interessiert mich auch nicht.“ (Du musst mich nicht kennen, aber vielleicht sachlich auf die Kritik eingehen?)
„Total daneben. Purer Neid. Drinkt (Rechtschreibung aus dem Original übernommen) selbst ein Red Bull.“ (Nö, selbst bevor RB den Fußball unterwanderte, wurde mir beim Gedanken an und beim Geruch dieser Brause bereits kotzübel.)
„Wie kann man sich derart scheinheilig über 50+1 aufregen, wo es doch so viel Gewalt im Fußball gibt?“ (Ich rege mich nicht über 50+1 auf, sondern über den Regelbruch. Gewalt verabscheue ich. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Richtig, gar nichts.)
„In England lacht man nur über Deutschland (gemeint ist 50+1).“ (Ja, schallend laut, besonders bei Manchester City.)
„Die Vereine haben doch auch alle groß Sponsoren, ist das dann auch ein unfairer Vorteil?“ (Nein, ist es nicht, das liegt daran, dass diese Frage Realsatire ist, weil es einen Unterschied zwischen Investoren mit 100%-Stimmenanteil und Sponsoren gibt.)
„Eure Scheiß-Wessi Vereine hatten doch nach der Wiedervereinigung auch Wettbewerbsvorteile, jetzt neidet ihr dem Osten seinen Bundesligisten.“ (Das Thema 50+1 ist kein Ost-West-Thema, es betrifft ebenso Leverkusen und Wolfsburg, wie auch im Talk erwähnt. Die meisten echten Fußballanhänger im Osten, die nicht nur Kunden sind, werden überrascht sein, dass sie durch die Marketingidee repräsentiert werden sollen.)
Ja, das sind die Repliken, die für zahlreiche andere in dieser Form stehen. Ich habe hier nichts verändert oder ausgespart. Das halten Anhänger oder Verteidiger eines Dosen-Konstrukts für eine Debatte. Bezeichnend. Es zeigt eines sehr deutlich, wer keine Argumente dagegen besitzt, muss sofort persönlich werden. Wenn zum Beispiel das Nennen von Zahlen, Daten, Fakten, purer Neid sein sollen, dann zeigt das nur eins, und zwar dass die Befürworter der Marketingidee weitestgehend Kenntnis befreit von der Materie sind und außer persönlichen Angriffen oder sachfremden Scheinanalogien nichts zu bieten haben und das auch noch für eine Argumentation halten. Das gilt zumindest für diejenigen, die sich zu Wort gemeldet haben.
Gibt es wirklich keine anderen? Ich wäre übrigens offen für jede gute und sachliche Debatte zu diesem Thema und keineswegs so blind zu glauben, dass in den traditionellen Profiklubs alles gut laufe. Auf echte Argumente warte ich aber noch. Ich habe kein Problem damit, argumentativ einen drauf zu kriegen, wenn ich meine Nase in den Wind halte. Aber dann gebt euch doch einfach mal Mühe damit.
Körperliche Mühe gaben sich im Vorfeld Teile der Essener Fanszene und mauerten den an diesem Abend nur kleinen Gästebereich für den 500 Leute starken Brausemob einfach mal zu. Pünktlich zum Anpfiff war die Barriere beseitigt. Die Aktion wird bundesweit gefeiert. Zumindest ist sie kreativ und keine Gewalt gegen Menschen.
So, und jetzt genug mit dieser unerfreulichen Erscheinung. Genießen wir es einfach, was für eine geile Mannschaft wir haben. Und Trainer Uwe, du machst es einfach großartig diese Saison. Chapeau!
NUR DER RWE
Sven Meyering
Fotos













































































