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2025/2026 – 3. Liga

Viktoria Köln – Rot-Weiss Essen

Den Abschluss des 30. Spieltags der Dritten Liga markiert das Duell zwischen Viktoria Köln gegen Rot-Weiss Essen. Nach einer wechselhaften Saison startete RWE eine zarte Siegesserie. Wie die Mannschaft diese Serie ausbauen möchte, erfahrt ihr in unserem Vorbericht.

Vorbericht

Offense wins Championship oder Spektakel statt Stabilität? Rot-Weiss Essen gibt Fans und Trainer vor Gastspiel in Schäl Sick Rätsel auf

Der Liga-Endspurt steht an. Neun Spieltage vor Schluss hat Fußball-Drittligist Rot-Weiss Essen erstmals in dieser Saison einen Platz auf dem Podest errungen. Der Relegationsplatz 3 befindet sich vor Beginn des 30. Spieltags in Essener Hand. Das hätte man nach den beiden Pleiten in Osnabrück und Rostock nicht mehr unbedingt erwartet. Dann ließ Essen einen Siegesdreierpack folgen. Die Liga und ihre Tabelle sind jedoch so eng, dass RWE, falls es besonders schlecht laufen sollte, auf Rang 6 durchgereicht werden könnte, umgekehrt winkt jedoch auch der direkte Aufstiegsrang 2.

Vor dem Duell bei Viktoria Köln auf der Schäl Sick wünscht sich RWE-Trainer Uwe Koschinat wohl einmal mehr defensive Stabilität auf dem Feld. In den letzten Wochen steht Rot-Weiss Essen jedoch für etwas ganz anderes, und zwar für Spektakel. In den bisherigen 10 Spielen der Rückrunde fielen bei Partien mit RWE-Beteiligung nicht weniger als 41 Treffer und damit 4,1 Tore pro Spiel. Das gefällt dem neutralen Fußballfan, den Essener Anhängern und ihrem Coach Uwe Koschinat gibt aber vor allem die Essener Defensivschwäche, mit der man eigentlich nichts oben zu suchen habe, so Koschinat, Rätsel auf. Welche Antworten findet RWE darauf im rechtsrheinischen Kölle?

Das Personal und die taktischen Optionen

Uwe Koschinat kann in Köln nicht aus dem Vollen schöpfen und muss Verletzungen kompensieren, nicht unwahrscheinlich steht ihm jedoch der breiteste Kader der Liga zur Verfügung. Aber Vorsicht, gleich vier RWE-Akteure sind vierfach verwarnt, es droht eine Gelbsperre für das Derby gegen den MSV. Dabei handelt es sich um Lucas Brumme, Ramien Safi, Rios Alonso und Michael Kostka. Hat das Auswirkungen auf die Startelf? Eher nicht.

In dieser ist Jakob Golz im Tor gesetzt, aller Voraussicht nach werden Michael Schultz und Rios Alonso zentral vor ihm verteidigen. Im Grunde spricht nichts dagegen, Franci Bouebari und Jannik Hofmann als Außenverteidiger beginnen zu lassen. Hofmann fällt allerdings nach einer Trainingsblessur aus, so dass Michael Kostka zurück aufs Feld kehrt.

Schon auf der Doppelsechs wird es spannender. Klaus Gjasula kehrt zurück, weicht deshalb der sehr ähnliche Spielertyp Ruben Reisig wieder? Ein Torben Müsel ist in Topform und dürfte gesetzt sein. Kaito Mizuta spielte zuletzt stark auf der Zehn, um die Positionen der offensiven Außen sind Brumme und Safi mit guten Karten ausgestattet, Marvin Obuz und vor allem Dickson Abiama lauern.

Ein kleiner Schock waren Meldungen unter der Woche von einem möglichen Ausfall von Marek Janssen, immerhin einer Magenta-Sport-Recherche nach einer der effektivsten Stürmer des europäischen Kontinents und das ist kein vorgezogener Aprilscherz. MJ benötigt 72 Minuten für ein Tor, vor ihm liegt nur ein gewisser Harry Kane. Zum Glück konnte Janssen das Abschlusstraining beschwerdefrei mitmachen und wird damit auch gesetzt sein.

In taktischer Hinsicht hat das Match gegen Aue vor allem eines gezeigt, für RWE ist Angriff die beste Verteidigung. In Hälfte eins spielten losgelöste Essener starken Offensivfußball mit drei Traumtoren, schluckten aber durch einen gewissen Übermut noch vor der Pause einen Gegentreffer. Da liegt es eigentlich nahe, sich etwas zurückzunehmen und auf Umschaltspiel zu setzen, zumal man schnelle Spieler hat. Doch genau das bekam RWE einmal mehr nicht. Essen agierte viel zu passiv, das eigentlich schon besiegte Aue traf zum 2:3 und RWE hatte es Jakob Golz zu verdanken, das Match nicht völlig aus der Hand zu geben, bevor Kaito Mizuta kurz vor Schluss die heimischen Fans und sein Team erlöste.

Warum es den Essenern nicht gelingt, Kompaktheit im defensiven Verbund herzustellen und die richtige Balance zwischen sich fallen zu lassen und zu tief zu stehen zu finden, bleibt rätselhaft. Immerhin ist das Stammpersonal nicht groß verändert worden, Abläufe sollten eigentlich besser passen. Koschinat trieb das Team auch in Hälfte Zwei vernehmbar für die Haupttribünen-Kiebitze zu mehr Aktivität und Arbeit gegen den Ball an. Doch warum hatte er das zuvor gut funktionierende Team überhaupt wieder „zurückbeordert“, um auf Umschaltspiel zu setzen und nicht einfach weiterspielen lassen?

Exemplarisch für solche koschinatschen Denkweisen ist auch die sportliche Form der Suspendierung für Tobi Kraulich, einem der spielstärksten Innenverteidiger der Liga, der RWE sehr viel für das gelungene Aufbauspiel bietet. Nach Informationen der WAZ ist Kraule aber in der Gunst des Trainers sogar hinter Ben Hüning zurückgefallen. Offizielle Begründung, ein Innenverteidiger werde vor allem nach seiner Defensivleistung beurteilt. Gemessen daran, dass RWE statistisch gesehen mit Kraulich (1,4 Tore) weniger Treffer kassiert, als mit Michael Schultz (1,5) und Rios Alonso (1,66) – Grundlage sind alle Partien, in denen ein Spieler mindestens 20 Minuten auf dem Feld stand – und der einzige Linksfuß in der Innenverteidigung ist, spricht sportlich kein einziges Argument für Koschinats Entscheidung.

Für RWE scheint jedenfalls zu gelten, Offense wins Championship. Das erscheint gerade unter Trainer Uwe Koschinat, dem die Defensive so wichtig ist, paradox zu sein. Aber die bisherige Erfahrung lehrt, Essen verteidigt sich am besten dadurch, dass es den Gegner selbst beschäftigt. Es ist eine Erkenntnis, die Uwe Koschinat wohl noch immer schwer fällt zu akzeptieren. Vielleicht sollte er den fußballerischen und offensiven Fähigkeiten seiner Truppe einfach mal vertrauen.

Das Gegnerportrait: Viktoria Köln (12. Platz/ 38 Punkte/ 11 Siege/ 5 Remis/ 13 Niederlagen/ 40:39 Tore/ Differenz +1)

Mehr Mittelfeld geht nicht. Viktoria Köln trennen 14 Punkte vom Platz in der Aufstiegsrelegation und ebenso viele Zähler vom erste Abstiegsplatz. Somit sind die Rechtsrheinischen jenseits von Gut und Böse. Dennoch erlitt die Viktoria zuletzt drei Niederlagen in Serie und kriselt, besonders schmerzt dabei die Pleite beim TSV Havelse in der Vorwoche. Mit 2:0 führte man durch Traumtore von Handle und Münst zur Pause und ließ im zweiten Abschnitt diverse Topgelegenheiten aus, das Ergebnis höher zu stellen. Dann nahm das Match eine völlige Wende und Havelse verließ das Feld als 3:2-Sieger. Drei Punkte verschenkt, die man gerne mit ins Rheinland zurückgenommen hätte.

Insgesamt spielt man aber eine solide Saison unter Trainer-Newcomer Marian Wilhelm. Der hatte am Saisonbeginn den zur Perle der Kurpfalz aus Sandhausen gewechselten Olaf Janßen, OJ belegt mit dem Zukunftsprojekt einen stolzen achten Platz in der Regio Südwest, ersetzt. Tatsächlich ist Wilhelm mit 37 Lenzen der jüngste männliche Cheftrainer der dritten Liga, das Küken ist Ingolstadts Chefin Sabrina Wittmann mit 34 Jahren.

Das Hinspiel an der Hafenstraße endete 1:0 für RWE. Ahmet Arslan erzielte das Essener Siegtor per Kopf. Das wirkt fast schon wie aus einer anderen Zeit, denn nicht nur Arslan ist längst nicht mehr da, sondern RWE zeigte in dieser Partie auch eine sehr konzentrierte Abwehrleistung. Insbesondere der Angriff der Viktoria ist nicht schlecht besetzt. Rekordschütze Tim Lobinger folgte zwar in der Wintertransferperiode dem Zebrawiehern aus Duisburg, doch mit David Otto sowie den offensiven Mittelfeldspielern Leonhard Münst und Benjamin Zank, letzter mit hohem Tempo ausgestattet, hat die Viktoria noch immer Qualität im Kader.

In Essen kein Unbekannter ist Meiko Sponsel, in der Saison 22/23 als Leihspieler vom FC Kölle in Essen aktiv. Der Rechtsverteidiger hat mittlerweile einiges dazu gelernt und ist zum gestandenen Spieler gereift. Insgesamt wartet auf RWE ein solide zu nennender Gegner mit gesunder Mischung aus Jung und Alt, der zudem seit dem 27.10.2012 gegen RWE im Sportpark Höhenberg unbesiegt geblieben ist. Damals seigte RWE mit 2:1. Ein Ergebnis, das man gerne wieder mitnehmen wird.

Blick über den Tellerrand: Die Lage in der Dritten Liga-Endspurt

Wie die Zeit vergeht. Bereits jetzt stehen die entscheidenden Wochen an. Wer verbleibt im Aufstiegsrennen, wer verabschiedet sich? RWE steht dabei vor der Partie bei Viktoria Köln vor einem sogenannten Pflichtsieg. Es wäre der vierte Dreier in Folge, wenn er denn gelänge. Noch immer ist die Euphorie seltsamerweise gedämpft für Essener Verhältnisse. Die vielen Fragezeichen innerhalb und rund um den Verein machen den Anhang eher nachdenklich als euphorisch. Und wer das kritisiert, sollte sich vor Augen führen, dass Euphorie nicht verordnet werden kann, sondern erzeugt werden muss.

Der Aufstiegskampf ist spannend wie eh und je. Im Tabellenkeller scheint jedoch bereits sehr viel entschieden, denn den 17. Erzgebirge Aue und die dahinter rangierenden Mannschaften von Ulm, Havelse und Schweinfurt trennen 9 Punkte und mehr vom rettenden Ufer, das von der Enttäuschung der Saison aus Saarbrücken besetzt wird. Dennoch könnten die „abgeschlagenen Vier“ in der ein oder anderen Partie noch das Zünglein an der Waage sein.

Ganz oben in der Tabelle hat der VfL Osnabrück seit Beginn der Rückrunde ein klares Statement gesetzt. Die Niedersachsen erzielten seitdem 26 Zähler mit beeindruckenden 23:5 Toren. Damit trafen die Osnabrücker bislang nur dreimal weniger als in der gesamten Hinrunde und haben eine bärenstarke Defensive. RWE, das ebenfalls 23-fach netzte, kassierte im selben Zeitraum satte 13 Gegentore mehr und verlor wie viele andere Truppen auch viel Boden gegenüber den Lila-Weißen. Hier gilt weiterhin das Motto, Defense wins Championship.

Im Verfolgerfeld ist es aber vielfach die Offensive, die noch ein Trumpf ist, während man hinten aufstiegsunwürdig verteidigt. Neben Essen hat auch der MSV Duisburg 18 Einschläge zu verkraften und liegt bei insgesamt 40, auch Verl wackelt mit 41 Gegentreffern ordentlich.

Energie Cottbus hat insgesamt satte 43 Einschläge hinnehmen müssen. Allerdings gab es mit Beginn der Rückrunde einen Paradigmenwechsel im Spiel der Wollitz-Elf, die nur 10 Gegentore schlucken musste, allein vier davon beim letzten Auftritt in Aachen. Die grundsätzlich dennoch gewonnene defensive Stabilität geht jedoch auch zu Lasten der Offensive, denn Cottbus hat in diesem Zeitraum auch nur noch 12 eigene Tore erzielt und hat seitdem an tabellarischem Boden verloren. Den Lausitzern ist in der Rückrunde etwas die Wildheit, aber auch die Durchschlagskraft verloren gegangen. Womöglich ein Fingerzeig für RWE, dass man die Offensivkraft besser voll ausnutzen sollte.

Am Freitagabend begann der Spieltag mit einem sehr wichtigen Spiel, Wehen Wiesbaden, ebenfalls Profiteur der Rückrunde und noch mit Ambitionen, empfing das formstarke Hansa Rostock. Obwohl Rostock nach einer sehr harten Schiedsrichterentscheidung mehr als 30 Minuten in Unterzahl war, blieb es beim frühen 0:1 für die Gäste, was ein herber Rückschlag für die Aufstiegsambitionen des SVWW ist.

Am Samstag darf sich Energie Cottbus gegen den SSV Ulm keine Schwächen erlauben. Hier ist die Devise der Konkurrenz, Totgesagte leben länger. Auch der SC Verl braucht Punkte gegen Saarbrücken, die Saarländer möchten weiteres Land zwischen sich und Platz 17 erobern.

Der Sonntag sieht in drei Partien vier Aufstiegsanwärter im Einsatz. Der souveräne Tabellenführer Osnabrück gastiert ab 13:30 bei der TSG Hoffenheim 2. Coach Timo Schultz möchte keine Nachlässigkeiten erlauben und weist daraufhin, dass sich die Lage auch schnell wieder ändern könnte.

Einen Showdown gibt es um 16:30 Uhr an der Wedau. Nach dem Debakel von Rostock und vor dem Derby an der Hafenstraße hat der MSV Duisburg gehörig Druck auf dem Kessel. Mit 1860 München kommt das viertbeste Rückrundenteam, dass unter Coach Markus Kauczinski den für diesen Trainer typischen Stil von hoher Kompaktheit und offensiver Effizienz gefunden hat. Damit sind die 60er so etwas wie das derzeitige Anti-RWE. Uwe Koschinat wird sich auch mal wieder ein zu Nullspiel wünschen und weniger Spektakel. Im Sportpark Höhenberg werden die Essener den 30. Spieltag beschließen. Die Devise muss sein, Duisburg raus aus den Köpfen, die Viktoria rein in die Köpfe. RWE könnte sich eine sehr günstige Ausgangsposition für das Derby erarbeiten.

Kürzlich wurde es ihm noch vehement abgesprochen, doch nun könnte Uwe Koschinat tatsächlich zum Aufstiegstrainer bei Rot-Weiss Essen werden. Beim vielumjubelten Aufstieg aus der Regionalliga West vor nun vier Jahren ging RWE ein allseits gefeierter Coach ein wenig ab. Christian Neidhart hatte zwar zuvor mit RWE fast alle Rekorde gebrochen, aber war dennoch zwei Spieltage vor Schluss von seinen Aufgaben entbunden worden. Die damaligen RWE-Verantwortlichen Marcus Uhlig und Jörn Nowak wollten die letzte Patrone zünden und diese zündete zur Erleichterung aller ziemlich laut. Jörn Nowak und Vincent Wagner führten RWE mit zwei abschließenden Siegen zurück in den Profifußball, weil Preußen Münster in Wiedenbrück patzte.

So muss man lange zurückblättern, um Trainer mit waschechten Aufstiegsmeriten zu finden. Vor genau 20 Jahren führte Uwe Neuhaus RWE in die 2. Bundesliga, ein Trainer, der aufgrund seines als „bürokratisch“ empfundenen Spielstils stets umstritten gewesen war. Zwei Jahre zuvor gelang auch Jürgen Gelsdorf ein Zweitligaaufstieg, im Sommer 2004 herrschte sogar echte Euphorie. RWE hatte unter „Onkel Jürgen“ die letzten 9 Saisonspiele in Serie gewonnen. Diesen Rekord brach auch Christian Neidhart nicht.

Und wer kennt noch Rudi Gores? Der gebürtige Gerolsteiner brachte Rot-Weiss Essen in der Spielzeit 1995/96 hoch ins Fußballunterhaus. Im Oktober 1995 begeisterte RWE im DFB-Pokalachtelfinale unter Gores und legte das legendäre Spiel gegen Bayer Leverkusen hin, das nach Verlängerung 4:4 endete und erst im Elferschießen für Essen verloren ging. Doch einer überstrahlte alle.

Den Respekt von 1907% der RWE-Fans als einzig wahrem Aufstiegstrainer gebührt noch immer dem auch zum Jahrhunderttrainer gewählten Jürgen Röber. Röber formte aus den Trümmern eines Lizenzentzugs zwischen Sommer 1991 und Winter 1993 ein Spitzenteam, das er 1993 in die Zweite Liga führte und das unter Röbers Nachfolger, er war zum VfB Stuttgart gewechselt, Wolfgang Frank am 14. Mai 1994 im Berliner Olympiastadion das DFB-Pokalfinale gegen Werder Bremen bestreiten sollte.

Auch Uwe Koschinat übernahm die RWE-Mannschaft in denkbar ungünstiger Konstellation und sollte mit ihr durchstarten. Man wird ihn auch im Erfolgsfall nicht als neuen Jürgen Röber sehen. Dafür ist der fast mythologische Schatten des Jahrhunderttrainers zu mächtig. Aber womöglich wird man Uwe Koschinat als den Mann sehen, der unzählige Schwierigkeiten von innerhalb und außerhalb besiegt haben wird, auch wenn Uwe sich viele Probleme immer wieder selbst bereitet. Es wäre ihm und Rot-Weiss Essen zu wünschen, dass es ein erfolgreiches Ende nimmt.

NUR DER RWE!

Sven Meyering