Vorbericht
Premiere am 5. Spieltag
Selten sind Begegnungen für Rot-Weiss Essen in der Dritten Liga eine Premiere, doch am kommenden Spieltag ist es so weit. Erstmals duellieren sich RWE und die Kickers aus Würzburg in einem Pflichtspiel und immerhin 300 Schlachtenbummler nehmen den Weg aus Bayern auf sich. Gegen den Aufsteiger erhofft sich Rot-Weiss Essen den Dreier-Doppelpack im Heimspiel-Doppelpack. Der Aufsteiger aus der Regionalliga Bayern ist jedoch schwierig einzuschätzen.
Das Personal
Gleich zwei Positionen muss Uwe Koschinat im Vergleich zum Heimsieg gegen Viktoria Köln ersetzen. Im Falle des Ersatzmannes für den angeschlagenen Max Geschwill legt sich der Essener Coach ungewöhnlich deutlich fest. Als gefragt wird, ob er schon wisse, ob José Enrique Rios Alonso oder Luca Bazzoli spielen werden, unterstrich der Trainer bestimmt, dass José Enrique Rios Alonso auf dem Platz stehen werde. Dass Koschinat einem seiner zuverlässigsten Spieler der Vorsaison vertraut, kommt jedoch nicht überraschend.
Allerdings muss Koschinat leider auch Tony Menzel ersetzen, der noch in dieser Woche am Syndesmoseband operiert wurde und deswegen wohl erst in der Rückrunde wieder das Essener Trikot tragen wird. Hier bieten sich mehrere Alternativen an, doch ließ Koschinat erkennen, dass er eine offensivere Variante und damit Nick Bätzner bevorzugt. Der jüngste Neuzugang unter den Feldspielern könnte so ein frühes Startelfdebüt im Stadion an der Hafenstraße geben, doch ist er wohl nicht bei 100%, sodass Ruben Reisig wohl auf deutlich mehr Spielzeit als zuletzt kommen kann, selbst wenn er nicht von Beginn an auf dem Platz steht.
Das dritte Fragezeichen steht im Sturm. Hier zeigte sich Jaka Cuber Potocnik sehr engagiert im letzten Spiel, konnte jedoch keine Torbeteiligung für sich verbuchen. Angesichts der deutlich erkennbaren Entwicklung von Marek Janssen würde es nicht wundern, wenn Koschinat nun wieder auf ihn setzen würde.
Insgesamt steht hier trotz der erheblichen Schwächungen noch eine starke Mannschaft auf dem Platz, die Mittel finden sollte, die drei Punkte in Essen zu behalten.
Der Gegner: Würzburger Kickers (13. Platz / 1 Sieg / 1 Unentschieden / 2 Niederlagen / 4 Punkte / 7:7 Tore / Torverhältnis 0)
Lange sehnten sich die Würzburger Kickers nach der Rückkehr in die 3. Liga. 2024 gewann Würzburg die Regionalliga Bayern, musste sich jedoch Hannover 96 II geschlagen geben. Die Meisterschaft sollten die Würzburger danach nicht mehr holen, nach einem 6. Platz reichte aber Platz 2 in der Vorsaison, da der 1. FC Nürnberg II nicht für die 3. Liga gemeldet hat. Nahezu kein Verein wollte wirklich aufsteigen, was noch einmal zeigt, wie dringend die Regionalliga Bayern aufgelöst und in einen größeren Kontext gebracht werden muss. Hier liegen die Hoffnungen auf dem im Dezember stattfindenden DFB-Bundestag.
Trotz der glücklichen Aufstiegsfügung trauen viele Experten den Würzburgern zu anders als die letzten Aufsteiger ihrer Liga, sich in der 3. Liga zu etablieren. Vor allen Dingen wirtschaftlich sind die Möglichkeiten hier durchaus besser als zuletzt in Unterhaching und Schweinfurt. Dies zeigt sich auch in einem spannend verstärkten Kader in dieser Drittligasaison.
Mit sieben Toren in vier Spielen stellt Würzburg einen achtbaren Sturm. Hier sind gleich mehrere Offensivspieler herauszuheben. Besonders David Abrangao, der die linke Seite umpflügt, fühlt sich in der Dritten Liga pudelwohl und begeistert mit seinen Sturmläufen. Die Leihgabe von Greuther Fürth wertet den Kader auf und ist kaum aufzuhalten. Gerade weil Jannik Hofmann zuletzt immer mal im 1 gegen 1 wackelte, ist hier höchste Konzentration gefragt, um nicht überlaufen zu werden.
Neben den Vorstößen Abrangaos sind auch Flanken auf den hochgewachsenen Tarsis Bonga, der letztes Jahr aus Oberhausen kam, das Mittel der Wahl. Zusätzlich muss Rot-Weiss aufpassen, dass nicht zu gute Freistoßpositionen ermöglicht werden. Gegen Wiesbaden verwandelte der Ex-Wehener Ivan Franjic einen Freistoß perfekt.
Doch den sieben erzielten Toren stehen sieben Gegentore gegenüber. In allen bisherigen Spielen ließ Aufstiegstrainer Michael Schiele eine Dreierkette antreten, die jedoch immer wieder Räume für die gegnerischen Stürmer ließ, die ausgenutzt werden können. Dies stützt Koschinats Wunsch nach Kreativität im Zentrum, denn gerade schnelle und konsequente Zuspiele werden die Stürmer in gute Abschlusspositionen bringen.
Ein Nackenschlag war insbesondere das letzte Heimspiel der Würzburger gegen Stuttgart II. Hier stand es 1:1, als Julian Luers eine harte, fast nicht zu erklärende rote Karte bekam. In Unterzahl erzielte Stuttgart nach einer Ecke noch das 1:2 und hätte nach einer weiteren Ecke das Ergebnis sogar noch ausbauen können. Würzburg lässt also Lücken, wenn sie aktiv bespielt werden.
Über den Tellerrand geschaut – Die Lage der Liga
Viktoria Köln setzte am Freitag ein saftiges Ausrufezeichen. Gegen einen der Aufstiegsfavoriten, den FC Hansa Rostock, gewannen die Kölner gleich mit 4:0. Diese Machtdemonstration, bei der einmal mehr David Otto sich gleich zweimal als Torschütze eintragen durfte, wertet den Heimsieg der letzten Woche massiv auf. Die Spielstarke Viktoria von der Schäl Sick hatte gegen Essen kaum eine Torchance, was für eine handfeste Weiterentwicklung der Defensivabteilung von RWE spricht. Dagegen konnte Hansa froh sein, dass die Viktoria nach dem vierten Treffer sichtlich einen Gang zurückschaltete.
Am Samstag will der 1. FC Saarbrücken die Erfolgswelle im Heimspiel gegen den FC Ingolstadt weiterreiten und es ist wahrscheinlich, dass die Saarländer ihre starke Position in der Tabelle halten können.
Die meisten Augen liegen jedoch auf dem Spiel von Fortuna Düsseldorf gegen den MSV Duisburg. Mehr als 45.000 Zuschauer haben sich bereits mit Tickets für die Begegnung eingedeckt. Gerade solche Konstellationen waren es in der letzten Saison, die Duisburgs Trainer Dietmar Hirsch nicht händeln konnte. Der aufgewertete Kader beim strauchelnden Absteiger aus Düsseldorf, das verspricht eigentlich eine klare Kiste für den MSV zu werden. Doch ist die Frage, ob die vergangene Saison schon aus den Köpfen ist.
Fazit
Rot-Weiss Essen ist in einer Mittelposition und würde das Spiel gerne gewinnen, um mit Schwung in die schweren Aufgaben der englischen Woche zu gehen. RWE sollte sich Möglichkeiten erspielen können, die sie hoffentlich konsequent ausnutzen. Die schweren Verletzungen setzen dem ohnehin dünnen Kader arg zu, aber Uwe Koschinat macht einen Punkt, wenn er sagt, dass die Verfolger von Menzel und Geschwill nun die Möglichkeit bekommen, sich zu zeigen. Wieder einmal werden 17.000 Zuschauer ins Stadion pilgern und die Hafenstraße zur Festung machen. Besser könnte die Situation nicht sein, um sich nicht nur in die Aufstellung von Koschinat, sondern auch in die Herzen der Zuschauer zu spielen.
In diesem Sinne: Nur der RWE!
Hendrik Stürznickel
Spielbericht
Koschinat entfesselt Offensivsturm gegen Würzburg an der Hafenstraße
Mit dem Abpfiff sorgte Lucas Brumme für einen späten Höhepunkt, als er einen sehenswerten Freistoß perfekt im Würzburger Kasten unterbrachte und dafür sorgte, dass Rot-Weiss Essen trotz zweier Gegentore selbst die zweite Halbzeit für sich entscheiden konnte. Für das Spiel selbst hatte der Treffer zwar nur statistischen Charakter, aber für die Zuschauer und die Mannschaft war es ein weiterer Gänsehautmoment in einem Spiel, an das sich alle noch lange erinnern werden, die es erlebt haben.
Das Personal
Über die Aufstellung spekulierten auch wir in unserem Vorbericht und Uwe Koschinat überraschte hier an mehreren Stellen. Neben der im Vorfeld angekündigten Hereinnahme von José Enrique Rios-Alonso entschied er sich im Falle vom Ersatz Tony Menzels dafür Noah Pesch in die Zentrale zu ziehen. Diesen Schachzug werden wir noch in Pluspunkten näher beleuchten, was bedeutet, dass die Idee voll aufging. Erwartungsgemäß durfte Marek Janssen wieder starten und auf der linken Seite feierte Aiman Dardari sein Startelfdebüt. Nachdem Dardari ein paar Unsicherheiten zeigte, wurde er mit laufender Spielzeit sicherer und spielte seine Dribbelstärke aus. Dazu war er giftig gegen den Ball, sodass er positiv auf sich aufmerksam machen konnte.
Im Vorbericht haben wir vor David Abrangao gewarnt und Uwe Koschinat hatte diesen Spieler wohl auch auf dem Schirm und ersetzte Jannik Hofmann durch Michael Kostka. Das war ähnlich wie die Umpositionierung Peschs ein extrem cleverer Schachzug, denn Michael Kostka hat seine Stärken sehr viel mehr in der Defensive und er schaffte es wirklich gut, den spielstarken Abrangao aus dem Spiel zu nehmen.
In der 60. Minute brachte Koschinat Ruben Reisig und Nick Bätzner ins Spiel und Letzterer sollte in seinem zweiten RWE-Spiel gleich einen Doppelpack schnüren. 10 Minuten später kam Lucas Brumme für Noah Pesch, der nach der Hereinnahme Reisigs auf die linke Seite auswich. Kurz vor Schluss durften Jaka Cuber Potocnik und Dickson Abiama ins Spiel eingreifen.
Die Pluspunkte
Die schwere Verletzung Tony Menzels sorgte bei vielen Menschen, die es mit den Essenern halten, für Sorgenfalten, weil diese komplexe Position schwierig zu besetzen ist. Uwe Koschinat vertraute dem 21-jährigen Noah Pesch und der zahlte dieses Vertrauen mit Zinsen zurück. Es sah aus, als organisierten Janne Sietan und Noah Pesch die Mittelfeldzentrale schon seit Jahren zusammen. Während Sietan kompromisslos gegen den Ball agierte und Würzburg zur Weißglut trieb, war Noah Pesch gefühlt überall auf dem Platz, wo der Ball war. Völlig zurecht belohnte sich Noah Pesch mit einem schwierigen Abschluss nach einer selbstlosen Weitergabe von Marek Janssen zum 3:0 vor der Pause. Janne Sietan schwimmt gefühlt zu sehr unter dem Radar, denn auch sein Spiel war einmal mehr extrem stark.
Während die Defensive in den letzten Spielen Trumpf war, drehte heute die Offensivabteilung auf. Telalovic zeigt ohnehin Woche für Woche beeindruckende Leistungen und traf auch heute per cleverem Kopfball zum zwischenzeitlichen 2:0, aber auch Marek Janssen setzte einen Kopfball perfekt zum 1:0 und startete damit den Torreigen. Besonders freuen sich viele RWE-Fans über die Leistung von Marvin Obuz. Die Flanke zum 1:0 kam butterweich und platziert auf den Kopf Janssens. Auch sonst zeigte sich Obuz selbstbewusst und spielfreudig.
Darüber hinaus musste Uwe Koschinat vor dem Spiel mit der Presse darüber sprechen, dass seine Einwechslungen zuletzt nicht so gezündet haben wie in der letzten Saison. Heute erzielten die eingewechselten Nick Bätzner und Lucas Brumme insgesamt drei Tore. Während Nick Bätzner die Steine von den Herzen purzeln ließ, als er zum 4:2 eine starke Vorlage von Semir Telalovic verwandelte, begeisterte er anschließend mit seinem Kopfballspiel. Franci Bouebari flankte in Richtung Strafraumkante und Nick Bätzner platzierte seinen Kopfball aus 15 Metern mit einer solchen Wucht im Winkel des Tors, dass man sofort an das Traumtor von Niklas Füllkrug von vergangener Woche denken musste. Beinahe hätte sich auch Dickson Abiama in seinen wenigen Einsatzminuten in die Torschützenliste eingetragen. Leider konnte er seine artistische Einlage im gegnerischen Strafraum nicht krönen.
Angesichts des vielfach verteilten Lobs wird klar, dass wir es heute mit einer rundum gelungenen Mannschaftsleistung zu tun hatten. Man muss allerdings auch Franci Bouebari herausheben. Schon letzte Woche war er der vielleicht stärkste Mann auf dem Platz und auch heute begann er in der ersten Halbzeit wirklich gut. In der zweiten Hälfte überragte Bouebari ein weiteres Mal. Man kann die sportliche Leitung nur beglückwünschen, dass sie Bouebari und den SC Freiburg dazu bewogen hat, dass der Linksverteidiger seine Zelte erstmal in Essen aufbaut.
Die Knackpunkte
In der Halbzeitpause kritisierte Christian Flüthmann, dass die Mannschaft zuletzt die überzeugenden Leistungen der ersten Halbzeit nicht in die zweite Halbzeit übernehmen konnte. Das muss man auch heute festhalten. Nach der Halbzeitpause spielte RWE gehemmt und lud bis dahin chancenlose Würzburger dazu ein, auch Duftmarken im Essener Strafraum zu setzen.
Daraufhin fielen dann auch die Gegentore. Das erste Gegentor war noch von der Marke „kann passieren“. Der Ball flog nach einer Ecke mehrmals durch den Strafraum, sodass Liam Omore wenige Zentimeter vor dem Tor nur noch einnicken musste. Danach wechselte Uwe Koschinat Ruben Reisig ein, der Noah Pesch im Mittelfeldzentrum ersetzte. Koschinat traf heute nahezu nur richtig gute Entscheidungen, dieser Wechsel gehörte leider nicht dazu, denn das Mittelfeldzentrum verlor nach dem Wechsel komplett die zuvor aufgebaute Sicherheit und so wurde enorm viel Druck auf die Abwehrkette ausgeübt.
In der 64. Minute setzte sich Tarsis Bonga auf Essens linker Seite bis zur Grundlinie durch und bediente mustergültig Franck Evina, der für den verletzten David Abrangao ins Spiel kam, und dieser erzielte das 2:3 aus Würzburger Sicht. So war die schöne hohe Führung auf ein mageres Törchen zusammengeschmolzen. Die fehlende Sicherheit holte RWE sich durch eine wütend kämpfende Innenverteidigung zurück. Ben Hüning ist dabei die ganze Saison über eine Klasse für sich, aber auch Rios-Alonso muss man hier lobend erwähnen. Er brachte durch zwei krasse Böcke das Publikum gegen sich auf, in der Schlussphase muss man aber dagegenhalten, dass Rios-Alonso sehr stark offensiv verteidigte und damit viele Bälle vom Essener Strafraum weghielt. Das gehört dazu, wenn man seine Leistung beurteilt.
Über den Tellerrand geschaut – die Lage der Liga
Mit großen Erwartungen wurde der Westschlager zwischen Fortuna Düsseldorf und dem MSV Duisburg erwartet. Nach dem Stotterstart der Fortuna setzten die Düsseldorfer ein Ausrufezeichen, indem sie vor vollem Haus die Siegesserie der Duisburger mit einem 2:1-Sieg beendeten. Auch der FC Ingolstadt sorgte für Aufsehen, indem der Audi-Club durch einen 1:0-Erfolg drei Punkte aus dem Saarbrücker Ludwigspark entführten.
Dadurch, dass Alemannia Aachen eine 2:0 Führung noch gegen Jahn Regensburg verspielte, übernachtet Rot-Weiss Essen nun auf dem zweiten Tabellenplatz. Wer hätte das nach dem verkorksten Saisonauftakt in Saarbrücken gedacht.
Fazit
Im vergangenen Jahr lieferte Rot-Weiss Essen spektakuläre Spiele, erzielte viele Tore und schaffte es um ein Haar in die zweite Liga aufzusteigen, sie erreichten aber viele Essener Fanherzen nicht. Die sportliche Leitung entschied sich nach der Saison für eine neue Ausrichtung, für die sie fortan Spieler für den Verein überzeugte und Uwe Koschinat lässt ein neues und intensives System spielen, dass nicht immer für Torfestivals wie heute sorgt, bei dem die Mannschaft jedoch wieder die Herzen aller Zuschauer erreicht.
Der Kampf um den Ball, die Geilheit auf Tore, das offensive Verteidigen, es macht momentan richtig Spaß an die Hafenstraße zu kommen und die Erfolge stellen sich dabei wie von selbst ein. An das Carl-Benz-Stadion in Mannheim haben die Essener keine guten Erinnerungen. Wenn Rot-Weiss Essen die Tugenden der letzten Wochen abruft, dann wird es aber keine Wiederholung des letzten Spiels geben, sondern eine Revanche.
In diesem Sinne: Nur der RWE!
Hendrik Stürznickel
Fotos



































































































