Die englische Woche begann für Rot-Weiss Essen ernüchternd. Nach dem 0:3 in Osnabrück in der Vorwoche verließ man auch die Hansestadt Rostock mit leeren Händen. Damit hat man in den beiden Spielen gegen direkte Konkurrenten eine ernüchternde Bilanz von 0 Punkten und 2:6 Toren eingefahren. Katastrophal dabei war erneut die Defensivleistung. Der Auftritt beim 2:3 (0:1) an der Ostsee war sicherlich eine Steigerung gegenüber dem an der Bremer Brücke. Doch gibt es letztlich frappierende Parallelen. RWE ist nur noch Siebter in der Tabelle. Ein Absturz mit Ansage. Bereits am Mittwoch geht es gegen Waldhof Mannheim. Dann könnte sich bereits entscheiden, ob Essen noch einmal oben anklopfen kann oder die Saison ab jetzt eher ausklingen kann. Diese Aussage klingt hart bei 12 noch ausstehenden Spielen, aber Essen befindet sich derzeit in einem tiefen Leistungsloch, das als selbst ausgehoben erscheint.
War es das? RWE erleidet nach Negativ-Premiere einen (Tabellen)-Absturz mit Ansage
Die Entscheidungsqualität und die innere Ruhe fehlen – Was sind die Gründe?
Uwe Koschinat nannte diese beiden Kriterien unmittelbar nach Spielschluss als Ursachen für die Negativ-Premiere unter seiner Ägide. Denn erstmals seit Uwe Koschinat das Traineramt an der Hafenstraße übernommen hatte, erlitt Rot-Weiss Essen zwei Pflichtspielniederlagen in Folge. Mit einfacheren Worten gesprochen, die Mannschaft ist sehr verunsichert. Was Koschi nicht verraten wollte war, wie er sich diesen Umstand erklärt. In der jüngeren Vergangenheit nahm von Vereinsseite aus da gerne die Fans in die Verantwortung, die zu skeptisch gegenüber der Mannschaft seien und zu unzufrieden angesichts eines guten Tabellenstandes.
Zumindest das letzte Argument zählt nun nicht mehr. RWE hat entscheidenden Boden verloren und mutiert fast zu einer Schießbude in der Liga, die allein in den letzten 4 Partien 11 Gegentore schluckte. Dass es so kam, verwundert zwar in dem Ausmaß, aber nicht in der Grundsätzlichkeit. Denn spätestens nach dem schlimmen Auftritt in Aachen sah man sich in der Jawattdenn-Redaktion der Befürchtung ausgesetzt, dass Essen bald abreißen lassen werde im Aufstiegskampf. Zu groß waren die erkennbaren Defizite und die Unterlegenheit einem wild ackernden Gegner gegenüber war nahezu schockierend. Nur die individuelle Klasse von Dickson Abiama rettete einen glücklichen Punkt.
Aktuell steht RWE bei 9 Punkten aus 7 Rückrunden-Partien. Eine sehr mäßige Bilanz, die einen Platz im Niemandsland der Tabelle zur Folge hätte. Da Uwe Koschinat persönlich gerade etwas ratlos wirkt und anmerkt, dass weder das Personal noch die Grundordnung derzeit einen Unterschied ausmache, stellt Jawattdenn.de diesbezüglich drei Thesen auf über die Ursachen der Negativ-Entwicklung.
These 1: Personal und Grundordnung brauchen Konstanz
Uwe Koschinat muss sich eine Frage sehr deutlich stellen, und zwar warum er in der Hinrunde eine lange Phase über sehr gut funktionierende Personal- und Grundordnung über den Haufen warf und ab dem 18. Spieltag eine Phase des Umstellens, Experimentierens und Rotierens begann. RWE hatte zuvor in 14 Partien 28 Punkte errungen und damit einen fantastischen Zweierschnitt. Essen spielte durchgängig die Viererkette und das Personal wurde meist nur punktuell oder gar nicht verändert.
Das Resultat, eine tolle Erfolgsserie, eingespieltere Abläufe auf dem Feld und sogar eine deutlich stabilere Defensivleistung. Mit Ausnahme des Mannheim-Desasters kassierte RWE ansonsten nur in Aue und Saarbrücken sowie gegen Cottbus in dieser Zeit mehr als ein Gegentor und in den 10 Restpartien nur 7 gegnerische Treffer. Es lief wahrhaft zufriedenstellend und zu diesem Zeitpunkt schien es endgültig gelungen, ein funktionierendes System mit einer funktionierenden Mannschaft etabliert zu haben.
Dann kam die Reise zum SC Verl. Vor der spielerischen Gewalt der Ostwestfalen hatte Koschinat so viel Respekt, dass er mit einer Fünferkette agieren ließ. RWE erarbeitete sich einen Punkt und hielt das eigene Tor sauber, so weit so gut. Aber er hatte dann nicht den Mut, schon gegen Ulm wieder umzustellen auf das vorherige Erfolgssystem. Immerhin blieb das Personal dabei unverändert zur Vorwoche. Zum vorerst letzten Mal, denn danach lief RWE in sieben Partien in Folge mit einer anderen Aufstellung aufs Feld und wechselte mehrfach das System.
Die Gründe dafür waren eher selten Sperren und Verletzungen, sondern im Schwerpunkt taktischen Erwägungen geschuldet. Mit dem Erfolg, dass die Punkteausbeute im Zuge dieser Entwicklungen auf 1,29 Zähler schrumpfte und man im Schnitt 2 Gegentreffer schluckte. Wenn Koschinat daraus schließt, dass die Probleme nicht mit dem Personal und der Grundordnung zu erklären seien, dann darf man dem entgegenhalten, dass nur Konstanz und Klarheit in den gewünschten Abläufen das Selbstvertrauen oder wie der Trainer es nennen würde, die Entscheidungsqualität und die innere Sicherheit seiner Spieler fördert. Spiele wie in Rostock zeigen, der Wille der Mannschaft ist da, aber der Kopf funktioniert nicht so, wie er es tun sollte. Nach fast zwei Dritteln der Saison hat RWE weder eine Stammformation noch ein klares System noch eine klare Grundordnung gefunden. So erscheint dieses Problem rundherum hausgemacht.
These 2: Ein funktionierendes Mannschaftsgefüge reißt man nicht ohne Not auseinander
RWE spielte eine starke Vorrunde. Ein Hauptgrund dafür war auch, dass die Essener ihre Stammelf mit Ausnahme der Hertha-Leihe Julian Eitschberger zusammenhalten konnten. Das machte sich sportlich bezahlt. Und wenn man ehrlich ist, dann zündete darüber hinaus keiner der durchaus prominenten Neuzugänge so stark, dass ein vorheriger Stammspieler massiv unter Druck gesetzt werden konnte. Nur die neuen Möglichkeiten durch insgesamt drei reine Mittelstürmer stachen heraus. Wie oben dargelegt entwickelte sich nach der absolvierten Startphase der Saison und der Abkehr von der Fünferkette ein funktionierendes Mannschaftsgefüge.
Die Truppe spielte nicht die Sterne vom Himmel, aber sie punktete konstant. Von daher überraschten am Jahresende die Ankündigungen der RWE-Verantwortlichen Marc-Nicolai Pfeifer und Alexander Rang, die Mannschaft durch gezielte Verstärkungen in ihrer Leistung optimieren zu wollen. Das war insofern überraschend, als dass bereits zum damaligen Zeitpunkt immer wieder Hochkaräter den Weg auf die Ersatzbank anzutreten hatten. So setzte sich bei den RWE-Fans die Erwartungshaltung durch, dass nur echte Hochkaräter nun den Weg an die Hafenstraße antreten würden. Wer kam waren allerdings mit Danny Schmidt und Ben Hüning eher Nachwuchstalente, nur Ruben Reisig und mit Abstrichen Dickson Abiama waren gestandene Spieler, die aktuell auch liefern.
Auf der Abgangsseite war Tom Moustier zu fixiert darauf, den Weg nach Portugal anzutreten, RWE musste ihn finanziell gesehen nicht abgeben, hielt es aber für besser, denn Moustier war in seinen Gedanken nicht mehr an der Hafenstraße. Den zu vorigen Leader Ahmet Arslan wurde seine mäßige Hinrunde zum Verhängnis. Arslan hatte selten geglänzt, aber immer viel gearbeitet und die Bälle durchs Mittelfeld geschleppt. Die Verantwortlichen waren sich aber einig, Arslan bringe es sportlich nicht mehr. Verbessert hat Essen sich auf dieser Position allerdings nicht, Arslan wurde noch nicht einmal adäquat ersetzt. Und in der Mannschaft vermisst man ihn.
Marvin Obuz, der eigentliche offensive Königstransfer, versucht sich in dieser Rolle, wenn er denn einmal die Spielzeit erhält. Das System Koschinat ist wenig geeignet für diesen Vollblutfußballer. In Rostock war aber spürbar, dass Obuz in der zweiten Hälfte immer mehr Verantwortung auf dem Platz übernahm, die Bälle forderte und diese verteilte. Auch wenn Obuz mehr kann, ihn abzuschreiben wäre fatal. Vielmehr sollte er mehr Wertschätzung erfahren.
In Summe hat RWE sicherlich den Kader trotz vollmundiger Ankündigungen nicht verstärkt. Es ist eher das Gegenteil der Fall. Die Fluktuation war für eine im Grunde erfolgreich spielende Mannschaft ungewöhnlich hoch, zu hoch und destabilisierte das Mannschaftsgefüge. Hinzu kommt, dass Kaderplaner Marcus Steegmann den ein oder anderen Spieler verpflichtete, der nicht zu Trainer Uwe Koschinats Wunschvorstellungen passte. Essens Kaderplanung ist keineswegs das Ergebnis einer eng abgestimmten Zusammenarbeit der sportlich Verantwortlichen.
These 3: Das Spielglück wendet sich ab, wenn du es nicht erzwingst
Die letzte These ist fußballerische Küchenpsychologie. RWE vermag das Spielglück nicht mehr zu erzwingen. Viele enge Partien hatte man mit Geschick und hin und wieder viel Glück am Ende für sich gezogen. Allein deswegen war vielen RWE-Fans das Tabellenbild nicht ganz geheuer, die Leistungen waren nicht so gut wie die Ergebnisse. Nun, dieser Umstand ist vorbei, schon in Osnabrück fehlte das Schussglück. In Rostock bekam man zwischendurch den Ausgleich zwar noch einmal geschenkt, als der Linienrichter zunächst übersah, dass Lucas Brumme mit dem Ball bereits ins Aus gedribbelt war und dann Ahmet Gürleyen in einer völlig ungefährlichen Zone der Box Potocnik auf das Dämmlichste foulte. Kurz darauf sprang dann Michael Kostka das Leder in der Essener Box unglücklich an die Hand und Rostocks Emil Holten, im Hinspiel noch vom Punkt an Jakob Golz gescheitert, verwandelte cool zum Essener Genickschlag. Es scheint so, als sei das Spielglück aufgebraucht.
Fazit und Ausblick: Zurück in den Aufstiegskampf oder Ringen um die goldene Ananas?
Am Mittwoch muss gegen Waldhof Mannheim ein Sieg her, um die Chance zu wahren, oben noch einmal angreifen zu können. Die Hoffnung ist zwar gering, dass eine Truppe mit der Defensivleistung eines Abstiegskandidaten das Ruder noch einmal richtig herumreißen kann, aber natürlich stirbt diese Hoffnung zuletzt. Anderenfalls droht RWE ein Kampf um die goldene Ananas wie einst zu tristen Regionalligazeiten. Zwar ist das in der Dritten Liga durchaus ein Privileg, heißt es doch, dass man auch nicht mehr unten hinein rutschen kann, letztlich wäre es aber eine Enttäuschung. Im vierten Jahr Dritte Liga sind die Ansprüche gestiegen, ein weiterer Grund dafür, dass die Fans nicht mehr so leicht zu begeistern sind wie in den Jahren zuvor. Es droht eine verschenkte Saison für Rot-Weiss Essen zu werden, in der viel drin war, aber aus eigenen Fehlern heraus man nicht so performed, wie es möglich wäre. Als Minimalziel sollte zumindest der Kampf um Platz 4 und damit die Qualifikation für die erste Hauptrunde des DFB-Pokals anvisiert werden.
NUR DER RWE!
Sven Meyering

