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2022/2023 – 3. Liga

SC Freiburg II – Rot-Weiss Essen (0:3)

Da ist er endlich, der erste Auswärtsdreier. Simon Engelmann, Ron Berlinski und Lawrence Ennali sorgten für einen am Ende ungefährdeten und verdienten Sieg beim SC Freiburg II. Unser Spielbericht ist online.

Vorbericht

Für Rot-Weiss Essen steht nach 15 Jahren eine Rückkehr zu einem Pflichtspiel nach Freiburg an – damals ging es an einem eiskalten Sonntag Ende Januar im Zweitligaabstiegskampf zur damals noch von Volker Finke betreuten ersten Mannschaft des Sport-Club. RWE war chancenlos und mit einem 1:3 noch gut bedient, gegen die Zweitvertretung soll es diesen Sonntag besser werden.

Der SC Freiburg erhält als eingetragener Verein bundesweit viele Sympathien in einer mittlerweile von Plastikclubs durchzogenen Bundesliga. Nur zu gerne hätte sich ein großer rot-weisser Tross auf den Weg nach Süden gemacht, um mal wieder gegen die erste Mannschaft anzutreten. Diese spielt jedoch mittlerweile im Europapokal, während RWE sich in Liga 3 mit der Zweitvertretung rumärgern muss, die – unabhängig vom Stammverein – niemand in einer Profi-Liga haben möchte. Das Dreisamstadion wird daher im Gegensatz zum Duell vor 15 Jahren weitgehend leer bleiben, denn der SC bestreitet später am Sonntag ein Auswärtsspiel bei der Berliner Hertha. In unserem Liga-Guide verraten wir, wieso es sich trotzdem lohnt, den Weg in das schöne Städtchen an der Dreisam anzutreten.

Die Ausgangslage gibt zunächst nicht viel Anlass zum Optimismus, denn während Freiburgs Reserve daheim noch ungeschlagen ist, konnte RWE auf des Gegners Platz bislang keinen Sieg einfahren. Freiburg findet sich mit 18 Punkten aus 10 Spielen in der erweiterten Spitzengruppe der Liga wieder, während Essen nach dem Auer Sieg in Oldenburg vorläufig auf Abstiegsplatz 17 abgerutscht ist. Statt der großen Wundertüte ist die Freiburger Reserve eine starke Drittligamannschaft und stellt mit dem deutschen U21-Nationalkeeper Noah Atubolu im Kasten die drittbeste Defensive der Liga (10 Gegentore).

In der Innenverteidigung dirigiert der 34-jährige Sandrino Braun-Schumacher mit der Erfahrung von 235 Drittliga-Spielen, der ebenfalls drittligaerfahrene Patrick Lienhard im zentralen Mittelfeld ist bereits 30 Jahre alt und vorne im Sturm läuft mit Vincent Vermeij der dritte Routinier auf – der 28-jährige war unter anderem in 79 Spielen in der holländischen Eredivisie am Ball. Kurz vor Transferschluss kam auch noch Merlin Röhl zur Mannschaft, der bei Liga-Konkurrent Ingolstadt die Liga schwindelig spielte und für 2,9 Millionen Euro in den Breisgau wechselte, um dort in Liga 3 an den Profi-Fußball herangeführt zu werden.

Hoffnung macht die Mini-Krise der letzten drei Spiele: Einer Niederlage in Wiesbaden folgten Unentschieden gegen Osnabrück und in Saarbrücken und die ohnehin nicht aufstiegsberechtigten Freiburger mussten den dritten Platz an Wehen Wiesbaden abgeben, das bekanntlich am letzten Spieltag 3:1 gegen unseren RWE gewann. Da die taktischen und personellen Änderungen Christoph Dabrowski in Halbzeit 2 gründlich schief gingen, ist es möglich, dass RWE mit der Startelf der letzten beiden Spiele ins Rennen geht. Das große Fragezeichen steht hinter einer Rückkehr Daniel Hebers in die Startelf, womit die Innenverteidigung Rios Alonso – Herzenbruch nach zwei Startaufstellungen in Folge wieder Geschichte wäre. Torschütze Andreas Wiegel und Ersatz-Kapitän Felix Bastians dürften hingegen auf den Außenverteidigerpositionen gesetzt sein.

Im Mittelfeld ist Felix Götze zum Dreh- und Angelpunkt avanciert, hinter ihm blühte auch Björn Rother als Abräumer erstmals auf und Niklas Tarnat ist bei Christoph Dabrowski ohnehin gesetzt. Da sich Isaiah Young nach seiner Einwechslung überhaupt nicht aufdrängen konnte und Oguzhan Kefkir – egal auf welcher Position – konstant gute Leistungen abliefert, besteht auch hier kein Grund für Veränderungen. Lawrence Ennali hat seinen Stammplatz bei Christoph Dabrowski ohnehin sicher und im Sturm führt derzeit auch kein Weg an Simon Engelmann vorbei.

Angesichts der punktenden Konkurrenz wächst der Druck auf RWE, trotz der nominell schwierigen Auswärtsaufgabe nicht mit leeren Händen nach Hause zu fahren. Nicht nur Aue, auch Bayreuth konnte am Samstag einen Auswärtssieg einfahren (1:0 in Meppen) und die beiden Tabellenschlusslichter Halle und Dortmund II treffen am Montag noch aufeinander, sodass mindestens einer der beiden das Punktekonto erhöhen wird. Es wäre daher umso wichtiger, wenn RWE am Sonntag endlich eine zweistellige Anzahl Punkte und einen Platz über dem Strich aufweisen könnte.

Nur der RWE!

Dominik Gsell

Spielbericht

Das Zerbrechen der Auswärtsserie – RWE entführt drei Punkte aus dem Breisgau

Es war einer der besten Auftritte der rot-weissen Mannschaft von Christoph Dabrowski in dieser Saison, der den ersten Dreier in der Fremde bedeutete. Darüber hinaus hat RWE das erste Mal mehr als zwei Tore erzielt und die Abwehr vor Jakob Golz sorgte zum zweiten Mal dafür, dass der Keeper sich die imaginäre weiße Weste anziehen konnte. Es war eine rundum gelungene Mannschaftsleistung, die für einen weitestgehend ungefährdeten Sieg sorgte. Freuten viele Fans sich bereits darüber, wieder bundesweite Auswärtsspiele anzuschauen, merkte man wieder, wie gut sich eine mehrstündige Rückfahrt in tiefer Zufriedenheit anfühlte.

Das Personal

Christoph Dabrowski deutete bereits im Vorfeld des Spiels in Freiburg, dass er den couragierten Einsatz von Ron Berlinski beim Testspiel belohnen wird, und stellte ihn folgerichtig von Beginn an auf. Allerdings überraschte Essens Trainer, dass er ihn nicht anstelle von Simon Engelmann, sondern für Flügelflitzer Lawrence Ennali in den rechten Angriff stellte. Diese Entscheidung war ein Erfolgsgarant, da sich Simon Engelmann und Ron Berlinski so perfekt ergänzten, dass man glauben konnte, sie würden schon Jahre zusammenspielen. Berlinski zahlte das Vertrauen mit einer beeindruckenden positiven Aggressivität auf dem Platz zurück und er krönte seine starke Leistung mit dem Treffer zum 2:0.

Außerdem durfte Kapitän Daniel Heber wieder für Felix Herzenbruch in die Innenverteidigung neben José-Enrique Rios Alonso rücken. Auch die Innenverteidiger spielten eine saubere Partie und ließen den erfahrenen Stürmer Vincent Vermeij nicht zur Entfaltung kommen.

Anders als beim Gastspiel in Wiesbaden zündeten auch die Einwechslungen. Simon Engelmann erlitt Krämpfe und konnte nicht mehr sein gewohntes Tempo gehen und auch Ron Berlinski hatte sich nach über 70 Minuten vollkommen ausgepowert und für die beiden Stürmer kamen Lawrence Ennali und Isaiah Young. Gerade Isi Young konnte sich im letzten Spiel nicht auszeichnen, in Freiburg war er jedoch hochmotiviert, sein wahres Leistungsvermögen zu zeigen. Schon nach wenigen Sekunden spielte er die Abwehr im Strafraum aus, konnte seinen Mitspieler jedoch noch nicht in Szene setzen. In der 82. schloss er dann jedoch einen Konter ab, den der Freiburger Keeper noch abprallen konnte, den der mitgeeilte Lawrence Ennali aber zu seinem zweiten Tor verwerten konnte.

Die Pluspunkte

In Freiburg war es wirklich die geschlossene Mannschaftsleistung, die überzeugte. Auf jeder Position haben sich die Spieler voll eingebracht. Oguzhan Kefkir hatte in der ersten Hälfte bereits einen harten Freistoß in die Torwartecke platziert, scheiterte da jedoch noch an Noah Atubolu. Bei seinem Zweikampfgewinn am gegnerischen Strafraum und dem sauberen Pass zu Simon Engelmann leitete er dann aber das 1:0 ein.

Hinzu kommt, dass sich die ganze Mannschaft an Felix Götze aufrichten kann. Er ordnet das Spiel, gewinnt wichtige Zweikämpfe und spielt gefährliche Pässe. So war ein gewonnener Zweikampf von Götze am eigenen Strafraum Ausgangspunkt zum 2:0. Er schickte Andreas Wiegel auf die Reise, der den Ball in den Strafraum gab. Simon Engelmann gab die direkte Vorlage und hat nun sieben Scorerpunkte. Es war auch beim 3:0 ebenfalls Götze, der Isi Young mit einem unglaublich gedankenschnellen Pass in Szene setzte.

Man darf niemanden herausnehmen. Die Aggressivität und der Kampf von Andreas Wiegel und Felix Bastians beeindrucken. Es macht Freude, dass Björn Rother die richtige Rolle gefunden hat und wie stark der Dauerläufer Niklas Tarnat den Spielaufbau gestaltet. Rios Alonso spielt so routiniert, als hätte er 100 Spiele Drittligaerfahrung auf dem Buckel. Clemens Fandrich, Mustafa Kourouma und Aurel Loubongo hatten hingegen kaum Möglichkeiten, sich zu zeigen, da sie nur für wenige Minuten eingewechselt wurden. Insgesamt wirkte der Auftritt nicht mehr, als ob die Mannschaft über die eigenen Kräfte hinausgehen muss, um etwas mitzunehmen, sondern es wirkte streckenweise so souverän, als würde man schon Jahre in der 3. Liga spielen. Der Eindruck stimmt für die Zukunft optimistisch.

Die Knackpunkte

In einem solchen Spiel nach Kritikpunkten zu suchen, wirkt ein wenig pedantisch und ist auch gar nicht einfach. Am ehesten könnte angemahnt werden, dass sich die Spieler ein wenig mehr disziplinieren sollten, damit sie nicht so viele gelbe Karten einsammeln. Während das Foul von Björn Rother, für das er nach sieben Minuten bereits verwarnt wurde, durchaus sinnvoll war, da er einen guten Angriff unterband, gab es Verwarnungen, die nicht nötig waren. So ließ sich Simon Engelmann auf ein Scharmützel mit Hugo Siquet ein, für das die beiden Spieler verwarnt wurden. Felix Bastians schubste seinen Gegenspieler, als der Ball in der 69. Minute klar im Aus war und erhielt dafür ebenfalls eine vermeidbare gelbe Karte. Auch das nicht zwingend nötige Ballsperren von Felix Götze (82.) in der Hälfte der Freiburger war eine klare gelbe Karte.

So stehen aktuell bereits nach dem 11. Spieltag mit Björn Rother, Felix Götze und Lawrence Ennali gleich drei Spieler vor einer Gelbsperre, da sie bereits vier gelbe Karten gesammelt haben. Hier kommt der breite Kader zum Tragen, der eventuelle Ausfälle hoffentlich kompensieren kann.

Der Aufreger

Auf dem Platz gab es keine großen Aufreger, auch wenn Freiburgs Trainer sich in der Pressekonferenz über den Unparteiischen beschwerte. Allerdings hat Rot-Weiss Essen auf die gehäuften Meldungen über die Gewaltzunahme um den Verein Rot-Weiss Essen herum reagiert und bereits vor Abschluss der Ermittlungen Hausverbote für gleich 76 Zuschauer verhängt. In dem darauffolgenden Statement wird sogar ein Vereinsausschluss für einige der Betroffenen in Erwägung gezogen, sodass es scheint, als habe der Verein handfeste Belege für konkrete Vergehen in diesen 76 Fällen.

Dies führte zu einer Protestaktion von einem Teil der Essener Fanszene und so verzichtete die Ultrabewegung in der ersten Halbzeit auf einen koordinierten Support. Auch wenn die Zaunfahnen umgekehrt aufgehängt blieben, wurde die Mannschaft in der zweiten Halbzeit wieder voll unterstützt und nach Spielende auch verdient gefeiert.

Nach dem Spiel soll es jedoch abwertende Rufe gegenüber Vereinsoffiziellen gegeben haben, die überzogen waren und von anderen Auswärtsfans mit Pfiffen quittiert wurde.

Fazit

Dieser Sieg ist auf verschiedenen Ebenen extrem wichtig für Rot-Weiss Essen gewesen. Da der SC Verl und die SpVgg. Bayreuth Punkte geholt haben, wuchs der Druck auf Rot-Weiss Essen, um über dem Strich zu bleiben. Egal wie das Duell von Dortmund und dem Halleschen FC ausgeht, bleibt RWE auf dem 14. Platz. Gleichzeitig zeigte das Team, dass es auch gegen ein hoch veranlagtes Team der Liga mithalten kann. Überraschend kam der 2,9 Millionen Euro teure Neuzugang Merlin Röhl gegen Rot-Weiss zum Einsatz, obwohl er in den letzten Partien bei der ersten Mannschaft im Kader stand und diese am gleichen Tag in Berlin spielte. Der hoch veranlagte Röhl kam aber ebenso nicht zur Entfaltung wie der Goalgetter Vincent Vermeij. Das lässt hoffen, dass RWE bei den kommenden Aufgaben gegen Dresden und Mannheim, die beide in die Zweite Bundesliga aufsteigen wollen, sich durchaus Chancen auf weitere Punkte ausrechnen darf.

Es ist mühsam, da immer wieder Rückschläge gekommen sind und sicherlich auch kommen werden, aber die Leistung macht Mut, dass diese Mannschaft im Zusammenspiel mit der Unterstützung der Fans, die auch in Mannheim wieder zahlreich Karten bestellt haben und für ein ausverkauftes Haus gegen Dresden sorgen, in dieser Liga bestehen können. Der Fokus kann nun auf dem Topspiel gegen Dynamo Dresden liegen, das am kommenden Samstag an der Hafenstraße steigt.

Hendrik Stürznickel