Und täglich grüßt das Murmeltier: Mangelhaftes journalistisches Handwerk im ÖRR mussten wir leider schon bei Nora Hespers im Rahmen ihrer mehrteiligen Kampagne gegen Rot-Weiss Essen feststellen und die Recherchefehler an vielen Stellen korrigieren. Eine Korrektur der Falschdarstellungen durch die Autorin blieb leider aus. Der jüngste „Monitor“-Bericht („Wie Rechte die Fußballkurven erobern“) ist hinsichtlich der Passagen zu Rot-Weiss Essen auf einem noch problematischeren Niveau, und wir hoffen, dass diesmal auf den Faktencheck mit einer entsprechenden Gegendarstellung reagiert wird. Die verpasste Recherche übernehmen wir im folgenden Artikel gerne.
Es ist eine Spezialität des ÖRR, in sogenannten „Faktenchecks“ Fake News zu entlarven, indem Kontext hinzugefügt oder bewusste Auslassungen ergänzt werden. Wieso bedient sich „Monitor“ umgekehrt derselben Stilmittel, um bereits zu Beginn des Beitrags die schon seit Eröffnung des Stadions vor 15 Jahren bestehende Tafel verbotener Nazi-Symbole zum Beleg für das eigene Narrativ der Dominanz rechtsradikaler Fans umzudeuten?
„Der Verein bittet, in der Kurve keine SS-Runen zu zeigen …“, heißt es im Beitrag. Auf der Tafel hingegen steht: „Diese Zeichen sind verboten und/oder bei uns nicht erwünscht!“ Der Verein bittet nicht etwa darum, keine SS-Runen zu zeigen, sondern untersagt Besuchern mit diesen erkennbaren Symbolen den Zutritt zum Stadion. Dem Ordnungsdienst dient die Tafel als Richtlinie dafür, wann kein Einlass zu gewähren ist. Das ist ein ziemlicher Unterschied.
„Warum ist das nötig?“, fragt der Sprecher. Niemand streitet die Präsenz rechtsradikaler Gruppierungen um die Jahrtausendwende oder die damit verbundenen Begleiterscheinungen ab. Genau um dies zu unterbinden, war eine klare Positionierung des Vereins notwendig. Ausgerechnet aus dieser eindeutigen Stellungnahme und dem klaren Verbot rechtsradikaler Symbole wird dem Verein Rot-Weiss Essen nun jedoch ein Strick gedreht, indem suggeriert wird, die Tafel sei neu und eine Reaktion auf vermeintlich gegenwärtige Probleme. Im Fall einer Entfernung der Tafel wäre dies umgekehrt wahrscheinlich so interpretiert worden, dass der Verein sich von seiner eindeutigen Positionierung gegen rechtsradikale Symbolik verabschiedet hätte und diese nun dulden würde.
Um die Aktualität zu unterstreichen, tritt ein verpixelter und anonymisierter Zeuge auf, der angeblich „lange kein Heimspiel verpasst hat“ und bei „fast jedem Spieltag“ „rassistische Ausrufe“ und „Sieg Heil!“ hört sowie Hitlergrüße sieht. Der Autor dieser Zeilen hat seit über zwanzig Jahren eine Dauerkarte im Stehplatzbereich und kann sich gut daran erinnern, dass dies Anfang der 2000er-Jahre tatsächlich noch regelmäßig der Fall war. Mit der aufkommenden Ultra-Jugendkultur war es mit derartigen Auswüchsen jedoch vorbei, und noch im alten Stadion wurde auf der Osttribüne ein „Sieg Heil!“-Rufer unter Applaus durch die aktive Fanszene des Blocks verwiesen.
In den letzten fünfzehn Jahren im neuen Stadion war nach dem getrommelten „Sieg!“-Schlachtruf kein ergänzendes „Heil!“ mehr zu vernehmen, und auch die unsäglichen Affenlaute oder das U-Bahn-Lied sind aus dem Stadion verschwunden. Wenn dies laut Aussagen des Augenzeugen an „fast jedem Spieltag“ stattfindet, wäre es dann nicht ein Leichtes, diese Aussage mit Aufnahmen einer versteckten Kamera zu untermauern? Oder als Journalist diese Behauptung zumindest einmal durch einen eigenen Stadionbesuch zu überprüfen?
Tatsächlich dokumentiert sind andere Aktionen der Fans von Rot-Weiss Essen, die aber nicht so recht ins gewünschte Bild passen:
Im Anschluss an die Schweigeminute für die Opfer von Hanau wurde noch zu Regionalligazeiten im Stadion lautstark „Nazis raus!“ skandiert.
Als beim Heimspiel gegen Stuttgart II eine Schweigeminute mit dem Ausruf „Deutschland den Deutschen!“ gestört wurde, folgte ebenfalls ein einhelliges „Nazis raus!“. Der Rufer wurde des Stadions verwiesen sowie mit einem Stadionverbot belegt.
Nach dem antisemitischen Terrorangriff der Hamas in Israel zeigten RWE-Fans im Duisburger Gästeblock ein Transparent mit der Aufschrift „Nie wieder ist jetzt!“

Bei jedem Heimspiel hängt gut sichtbar die Fahne „RWE-Fans gegen Rassismus!“. Wer sich die Sticker-Sammlungen auf diversen Instagram-Seiten anschaut, findet zudem eine große Bandbreite an Aufklebern gegen Rassismus und Antisemitismus, die in der ganzen Stadt verteilt zu finden sind. Demgegenüber steht die Aussage eines verpixelten „Augenzeugen“, die von keinem einzigen uns bekannten regelmäßigen Stadiongänger so bestätigt werden kann.
Das heißt nicht, dass es nicht auch heute noch Vorfälle durch oder Probleme mit rechtsextremen Fans gibt. Niemand wird dies bestreiten, und ein konsequentes Vorgehen gegen Einzelfälle wie den im Beitrag genannten Hitlergruß ist absolut richtig und unterstützenswert. Aber die schlechte Recherche des „Monitor“-Beitrags untergräbt die eigene Glaubwürdigkeit bei diesem wichtigen Thema.
Es folgt der Ausschnitt, der belegt, dass eine kleine Gruppe von RWE-Fans weit nach Abpfiff im Stadion „Wir schieben euch alle ab!“ gesungen hat. Im Kontext sollte zumindest erwähnt werden, dass der Ausruf als Provokation den noch immer anwesenden Cottbusser Gästefans gewidmet war und nicht etwa als politisches Statement geäußert wurde. Das macht das Lied nicht besser, verhindert jedoch den Eindruck, den „Monitor“ gerne erwecken möchte: nämlich, dass die AfD-Parole („Wir schieben SIE alle ab!“) weiterverbreitet werden sollte, was nachweislich nicht der Fall war.
Im Juli des vergangenen Jahres gab es für viele RWE-Fans ein echtes Highlight: Das Freundschaftsspiel gegen Hibernian Edinburgh, 70 Jahre nach der Erstrundenpartie im Europapokal der Landesmeister. Über 2000 Fans zelebrierten den Auswärtsauftritt mit einer schönen Choreografie und dem Schriftzug: „Wie einst der Opa – mit Dir durch Europa“ – für „Monitor“ ein Beleg dafür, dass „die Rechten offenbar keine Außenseiter“ sind. Wieso? Das „erklärt“ unser Experte.
„Schaut man sich die Historie von Rot-Weiss Essen an, dann ist man nicht groß durch Europa gereist“, gibt der verpixelte Augenzeuge zum Besten und entlarvt sich mit einer derartigen Unkenntnis der rot-weissen Vereinsgeschichte endgültig selbst. Wurde durch die „Monitor“-Redaktion überhaupt auf irgendeine Art und Weise sichergestellt, dass es sich um einen RWE-Fan und Stadionbesucher handelt?
Ab den 1950er-Jahren bestritt Rot-Weiss Essen eine dreistellige (!) Anzahl internationaler Freundschaftsspiele und reiste neben der allseits bekannten Amerikatour natürlich auch regelmäßig durch Europa. Die internationalen Spiele stellten damals eine lukrative Einnahmequelle dar, und so trat RWE unter anderem in England, Frankreich, Spanien, Jugoslawien, den Niederlanden, Belgien und der Schweiz an. Die Spiele waren so zahlreich, dass z. B. 1954 sogar während der späteren Meistersaison unter der Woche fünf Tage durch Spanien und Frankreich getourt wurde, um gegen Real Madrid, den FC Rouen und RC Lens anzutreten. Einladungen auch bei Topklubs wie dem FC Barcelona (1960) oder Atlético Madrid (1952) waren keine Ausnahme, sondern die Regel, und kaum ein deutscher Verein dürfte auf eine derart reichhaltige Geschichte europäischer Freundschaftsspiele zurückblicken können, die hier darzulegen vollkommen den Rahmen sprengen würde.
Erneut stellt sich die simple Frage: War es so schwer, dies in eigener Recherche zu überprüfen, anstatt eine nachweislich falsche Aussage eines verpixelten, anonymen Zeugen zu übernehmen?
Aus der falschen Prämisse folgt schließlich auch die falsche Konklusion: Obwohl die Wörter „mit Dir“ in Verbindung mit dem RWE-Logo eigentlich selbst bei größten semantischen Verrenkungen keinen Fehlschluss zulassen, kommt Herr Pixel zu der Folgerung, dass die Wehrmacht gemeint sei.
Nachdem sich der Unsinn des Beitrags sukzessive gesteigert hat, lässt „Monitor“ dann verlauten, dass die Staatsanwaltschaft einen Vorfall bestätige, bei dem ein Fan aufgrund der falschen Gesinnung von zwanzig anderen aus dem Stadion geprügelt wurde. Wieso kommt „Monitor“ auch hier seiner investigativen Aufgabe nicht nach, den Vorfall weiter aufzuarbeiten? Warum muss erst jegliche Glaubwürdigkeit durch eine Ansammlung von Falschbehauptungen, bewussten Auslassungen und Verdrehungen von Tatsachen zunichtegemacht werden? Hätte dieser Vorfall nicht die Berechtigung, aufgeklärt zu werden? Eine Bestätigung durch die Staatsanwaltschaft ist genau das, was alle anderen Behauptungen des Beitrags vermissen lassen: Investigation und Verifikation.
Mitten in einer existenziellen Glaubwürdigkeitskrise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks liefert „Monitor“ hier vor allem seinen Kritikern jede Menge Argumente. Es bleibt zu hoffen, dass die Redaktion ihren journalistischen Pflichten nachkommt und eine Gegendarstellung mit den notwendigen Korrekturen veröffentlicht sowie den aufgrund seiner zahlreichen Fehler peinlichen und sogar rufschädigenden Beitrag rasch in der Mottenkiste verschwinden lässt. Dem grundsätzlich so wichtigen Thema hat „Monitor“ damit leider einen Bärendienst erwiesen und von dem geworfenen Dreck wird eine Menge haften bleiben. Wer es nicht mit Rot-Weiss Essen hält, wird sich vermutlich in seinen alten Vorurteilen bestätigt sehen und eine Gegendarstellung erreicht deutlich weniger Leute als der Original-Beitrag, dessen Falschaussagen leider bereits fleißig geteilt und verbreitet werden.
Ganz ohne jede Häme steht die Redaktion von jawattdenn.de zukünftig gerne zur Verfügung, wenn Hilfe bei der Recherche rund um den Verein benötigt wird oder für Interviews tatsächliche RWE-Fans vor der Kamera sprechen sollen, die das Stadion an der Hafenstraße auch von innen kennen.
Dominik Gsell
