Vorbericht
Trister Ligaalltag nach rauschendem Pokalerfolg – RWE muss in Wiesbaden bestehen
So schnell kann sich eine Stimmungslage in Essen verändern. Nach der deutlichen Auftaktniederlage in Saarbrücken und dem mageren 1:0-Erfolg gegen überforderte Havelser wurde der Zweitligist aus Hamburg mit einer sehr konzentrierten Leistung aus dem DFB-Pokal geschmissen. Da tut es auch nichts zur Sache, dass der FC St. Pauli sowohl auf dem Platz als auch auf und neben den Rängen ein schwaches Bild abgegeben hat. In einem Wettbewerb, wo sich wie im gesamten Fußballgeschäft eine gewaltige Lücke zwischen Erst- und Zweitligisten und dem Rest zeigt, ist RWE eine von nur drei Mannschaften, die als Außenseiter in die nächste Runde einziehen konnte. Dies gebührt allein den vollen Respekt für Trainerstab und Mannschaft.
Jetzt wartet allerdings wieder der Ligaalltag. Der Gegner aus Wiesbaden ist trotz höherer Ambitionen sehr schlecht in die Liga gestartet und grüßt die Konkurrenz vom hintersten Tabellenplatz. Allerdings befinden sich die Essener aufgrund der schwachen Tordifferenz ebenfalls noch in den unteren Tabellenregionen. Es ist ein richtungsweisendes Spiel für beide Mannschaften. Wiesbaden will den totalen Systemabsturz vermeiden, während die Essener den starken Auftritt aus dem Pokal bestätigen wollen.
Die Personallage
Aus der letzten Pokalwoche geht die Mannschaft mit einem Ausfall heraus. Michael Kostka ist nach wie vor durch seine Verletzung im Niederrheinpokalspiel gegen den SV Sonsbeck nicht einsatzfähig. Auch Jaka Cuber Potocnik klagt noch über Beschwerden aus dem Spiel gegen den Oberligisten. In der Nachbetrachtung kann die Mannschaft froh sein, aufgrund der vorherrschenden Platzverhältnisse in Sonsbeck nicht stärker gebeutelt zu sein.
Uwe Koschinat hat kaum Gründe, die erfolgreiche Truppe aus dem Pokalspiel gegen den FC St. Pauli völlig umzukrempeln. Torwart Jakob Golz und die beiden Innenverteidiger Ben Hüning und Max Geschwill dürften gesetzt sein. Auf den defensiven Außenbahnen werden Veränderungen auch nicht erwartet. Jannik Hofmann setzte die starke Flanke zum 2:0 auf Telalovic, Franci Bouebari kämpfte sich nach anfänglichen Schwierigkeiten in die Partie hinein. Abräumer Janne Sietan und Arbeiter Toni Menzel sind aus der Zentrale zurzeit nicht wegzudenken.
Marvin Obuz zeigte in beiden Pokalspielen eine sehr gute Leistung und könnte wieder den Vorzug vor Dickson Abiama bekommen. Denkbar wäre am ehesten noch ein Wechsel auf der linken offensiven Seite, wo Lucas Brumme wieder vollständig genesen ist und Nico Pesch eine ordentliche, aber keine herausragende Partie gegen St. Pauli spielte. Dennoch zeigt genau dieses Szenario, welche herausragenden Möglichkeiten Uwe Koschinat in seinem Kader noch hat. Nicht nur aufgrund der beiden Tore haben Semir Telalovic und Marek Janssen in der Sturmspitze die Nase vorne, auch arbeiten beide Spieler unglaublich viel in der Defensive mit.
Der Gegner: SV Wehen Wiesbaden (Tabellenplatz zwanzig – null Punkte – null Siege – null Unentschieden – zwei Niederlagen – 1:7 Tore – Differenz -6)
Bereits Anfang Juni traute sich der SV Wehen Wiesbaden aus der Deckung und verkündete in Person von Daniel Scherning sein kommendes Saisonziel: Nichts weniger als der Aufstieg in die zweite Bundesliga soll es sein! Allerdings sorgen drei Aspekte bei dieser sehr offensiven Aussage für Verwunderung. Scherning war zu diesem Zeitpunkt schon bewusst, dass mit Fortuna Düsseldorf, Preußen Münster, MSV Duisburg, Hansa Rostock und Rot-Weiss Essen zahlreiche Konkurrenten auf die eher biederen Hessen warten würden. Zudem kam die Spielvereinigung aus einem Negativlauf, nur zwei der letzten neun Pflichtspiele in der Vorsaison konnten gewonnen werden. Zuvor allerdings sah es so aus, als ob Schernings Mannschaft möglicherweise noch ein Wörtchen um den Aufstieg mitreden könnte. Kurz vor der Winterpause besiegten die Wiesbadener noch die späteren Aufsteiger aus Osnabrück (1:0) und Cottbus (3:1). Auch nach dem Jahreswechsel ging die Erfolgsserie gegen die Topteams weiter, neben dem Sieg gegen Verl (2:1) wurden die Duisburger mit 6:1 gedemütigt. Nach diesem Spiel konnte selbst Dietmar Hirsch nicht mehr von einem unverdienten Triumph für den Gegner sprechen. Trotz eines schwächeren Auftritts an der Hafenstraße wurde selbst dort noch ein Punkt entführt (1:1). Am Ende mussten aber die Hessen abreißen lassen und wurden sogar vom zweitbesten Team der Rückrunde aus Aachen überholt.
Als dritter Punkt spricht auch der Umbruch im Kader gegen die Ansage des Cheftrainers. Zunächst beendete Identifikationsfigur Sascha Mockenhaupt nach zehn Jahren bei der SV Wehen wie angekündigt seine Karriere. Dann verlor die Mannschaft mit Fatih Kaya einen absoluten Goalgetter Richtung Samsunspor (1. Liga Türkei). Mit Ryan Johansson (Preußen Münster) verließ ein weiterer Stammspieler die hessische Landeshauptstadt. Die Neuzugänge haben zunächst weniger Strahlkraft gehabt. In Essen werden sich sicherlich einige an Max Brandt (zuvor SSV Ulm) erinnern, der in der Winterpause eigentlich an die Hafenstraße wechseln sollte, doch der SSV Ulm wollte den Mittelfeldspieler nicht gehen lassen. Philipp Hercher kam mit einer Erfahrung von 97 Zweit- und 135 Drittligaspielen aus Magdeburg nach Hessen. Sinan Karweina (FC Luzern) spielte unter anderem für Türkücü München 2021/2022 in der 3. Liga. Hingegen wurde mit Ayoub Chaikhoun (1. FC Nürnberg) ein unbekanntes Gesicht verpflichtet.
Nach dem holprigen Start, der aus einer unglücklichen Niederlage gegen Preußen Münster (1:3), bei der ein umstrittener Elfmeter den SV WW auf die Verliererstraße brachte, und zwei deutlichen Klatschen beim Aufsteiger aus Würzburg (0:4) und im Pokalspiel gegen Bayer Leverkusen (0:4) bestand, wurde der Panikmodus aktiviert. In der letzten Woche wurden innerhalb von nur 20 Stunden Roberto Massimo (Gornik Zabrze) und Marcus Müller (Holstein Kiel) noch zwei Spieler mit Erst- und Zweitligaerfahrung nach Hessen geholt. Ob sich beide für das Spiel gegen RWE noch empfehlen können, bleibt offen. Einfach wird die Aufgabe für die Mannschaft von der Hafenstraße garantiert nicht, der SV Wehen Wiesbaden wird sich gegen den totalen Fehlstart in die neue Saison stemmen. Wichtig wäre eine frühe Kontrolle, möglicherweise durch ein sehr schnelles Tor, um die Unsicherheit in Wiesbaden ausnutzen zu können.
Die Lage in der Liga und Fazit
Topfavorit Düsseldorf ist möglicherweise in der Dritten Liga angekommen und hat seinen ersten Sieg gegen die Zweitvertretung aus Stuttgart eingefahren. Der 1:0-Heimsieg war dabei wenig glanzvoll, dafür aber hochverdient.
Am Samstagmittag steigt das „Spitzenspiel“ zwischen dem MSV Duisburg und den Würzburger Kickers, die beiden Mannschaften konnten zwei Siege zum Auftakt feiern. Alemannia Aachen hat den Aufsteiger SV Meppen zu Gast, der nach der Rückkehr in die Dritte Liga gegen Mitaufsteiger Großaspach die ersten Punkte sammeln konnte. Die Verler wollen einen kompletten Fehlstart gegen die Fortuna aus Köln vermeiden, die ebenfalls noch keinen Sieg bejubeln konnten. Die Riege der Aufsteiger macht Sonnenhof Großaspach komplett, die ihr Heimspiel gegen den FC Ingolstadt bestreiten müssen. Am Samstagnachmittag will Jahn Regensburg die knappe Heimniederlage gegen den 1. FC Saarbrücken in Hoffenheim vergessen machen.
Der Sonntag startet mit einem heißen Duell, wenn der 1. FC Saarbrücken als Tabellenzweiter auf den Aufstiegsfavoriten aus Rostock trifft. Die gut gestarteten Mannheimer müssen anschließend in Hannover gegen den TSV Havelse bestehen, hoffen wir mal für die Waldhöfer, dass es auch diesmal im Stadion etwas zu Essen gibt. Viktoria Köln und Preußen Münster beschließen dann den dritten Spieltag.
Die Mannschaft von der Hafenstraße muss schnell den Schalter umlegen. Neben der sportlichen Ausgangssituation, gegen einen angeschlagenen Boxer antreten zu müssen, wird es auch auf den Rängen keine euphorische Stimmung wie an der Hafenstraße geben. Dennoch werden die anreisenden Fans aus dem Ruhrgebiet alles geben, um ihre Farben siegen zu sehen. Denn der Erfolg soll sich ebenfalls in der Liga einstellen, damit auch in dieser Saison die Möglichkeit auf den Aufstieg in die zweite Bundesliga besteht.
In diesem Sinne
NUR DER RWE!
Pascal Druschke
Spielbericht
Die Erkenntnis nach Wiesbaden, RWE kann zu Null! Vorne wie hinten
In einer zunächst aus Essener Sicht gut, aber am Ende immer zerfahrener geführten Partie entführte die Koschinat-Elf einen Zähler aus der hessischen Landeshauptstadt. Das 0:0 war nichts für Fußball-Feinschmecker. Mit der Defensivleistung darf man zufrieden sein, aber der Auftritt in der Offensive wird ganz kurz vor Schluss des Sommer-Transferfensters die Rufe nach einem Spielgestalter sehr laut werden lassen.
Das Personal und der Spielfilm
Die erste Hälfte gehörte RWE. Von Beginn an setzte Rot-Weiss Akzente nach vorne und erstickte umgekehrt Vorstöße der Gastgeber bereits im Keim. Janne Sietan und Tony Menzel waren beide sehr agil im Zentrum und leiteten nach Ballverlusten ein häufig erfolgreiches Gegenpressing ein. Den Gastgebern merkte man den Fehlstart in die Saison an. Selbstbewusstsein sieht anders aus.
Schon in der zweiten Minute hätte eine verunglückte Rettungsaktion der Wehener beinahe die Essener Führung gebracht. Eine Hereingabe von Obuz in Richtung Marek Janssen beunruhigte Janitzek so sehr, dass er den Ball unsauber auf das eigene Tor brachte, doch die Kugel strich knapp am Pfosten vorbei. Keeper Stritzel hechtete, wäre aber ohne Chance gewesen. Dennoch hätte Schleimer mit einem gefühlvollen Schlenzer aufs lange Eck Wiesbaden in Front bringen können (13.).
RWE hatte zählbare Gelegenheiten durch Telalovic kurz vor der erwähnten Schleimer-Chance und Pesch (42.). Während Telalovic eine Hofmann-Flanke über den Scheitel und am linken Pfosten vorbei streichen ließ, war für Pesch der Winkel zu spitz. Große Gelegenheiten waren auch auf Essener Seite also Mangelware, dennoch agierte Essen vor dem Seitenwechsel dominant nach vorne bei 63% Ballbesitz und vernünftiger Risikoabwägung nach hinten.
In der zweiten Hälfte stellte sich leider ein Kontrastprogramm ein. Essen büßte nach etwa einer Stunde die Spielkontrolle ein. Zunächst plätscherte das Match dahin, dann besaß Wiesbaden gute Gelegenheiten. Der eingewechselte Massimo hatte nach einer Stunde viel Wiese vor sich, scheiterte aber an Golz.
RWE wechselte, brachte Abiama und Potocnik für Obuz und Janssen, dann auch Brumme für Pesch. Doch je länger das Match dauerte, desto mehr verlor RWE den Zugriff. Brumme lässt sich auf dem linken Flügel narren, Hofmann unterläuft die Flanke, Kalem köpft am langen Pfosten nur ans Außennetz (76.).
Wiesbaden drückt weiter, Golz entschärft zwei knappe Bälle, in der 86. Minute muss gegen einen Kopfball aus kurzer Distanz eine Glanzparade her. Essener Entlastung? Fehlanzeige. RWE hängt so in den Seilen, dass Koschinat nun auch noch Telalovic vom Feld nimmt. Mit ihm muss Franci Bouebari weichen, es kommen Ekin Celebi und Ruben Reisig. RWE demonstriert nun, mit einem Punkt zufrieden zu sein. Die letzte Chance ist ein Freistoß für Essen aus zentraler, aber zu weit entfernter Position. Brumme versucht es dennoch, Stritzel pflückt den Ball. Schiedsrichter Exuzidis beendet kurz darauf die immer zerfahrener gewordene Partie. Ein leistungsgerechtes 0:0.
Die Aufreger
Das Match hatte in Leonidas Exzuzidis einen ruhigen und unaufgeregten Leiter, strittige Szenen gab es kaum. Glück hatte RWE allerdings, als Franci Bouebari Wehens neuen Sturmtank Marcus Müller vor Essens Box zu Fall brachte. Regelwidrig. Doch den fälligen Freistoß aus Mittelstürmerposition gab es nicht
Fazit und über den Tellerrand geschaut: Die Lage in der Dritten Liga
Essens drittes zu Nullspiel in den letzten vier Pflichtpartien deutet auf die erhoffte verbesserte defensive Stabilität hin. Doch mit dem Auftritt in der zweiten Hälfte darf man nicht zufrieden sein. RWE verlor nicht nur den Zug nach vorne, sondern bekam auch keinen frischen Wind von der Bank. Vor allem bei Cuber Potocnik wurde deutlich, warum er gegen Marek Janssen, der sein Spiel gegen den Ball enorm verbessert hat, aktuell den Kürzeren zieht.
Das Wichtigste an dem Match, Essen nahm zumindest den einen Punkt mit. Aber die spielerische Armut der zweiten 45 Minuten warf Fragen auf. Uwe Koschinat sagte nach der Partie am Mikrofon, dass man solche Spiele mit Siegen an der heimischen Hafenstraße vergolden müsse. Ein klarer Auftrag an seine Mannschaft, den Heimspieldoppelpack gegen Viktoria Köln und die Würzburger Kickers erfolgreich zu gestalten. Vorerst ist man Mittelmaß in der Tabelle.
Von ganz oben grüßt nach drei Siegen in drei Spielen der MSV Duisburg, der Würzburg beim 3:0-Erfolg keine Chance ließ. Ebenso keine Chance gab es für den Verlierer auf dem Aachener Tivoli. Der hieß aber überraschend Alemannia Aachen, das doch ein 0:3 gegen Aufsteiger Meppen fing. Im Langeweiler-Süd-Duell Großaspach gegen Ingolstadt wurde der einzige neben RWE im DFB-Pokal erfolgreiche Drittligist auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Ingolstadt siegte 2:0. Die Anzeichen, dass Ostwestfalens Perle Verl den erneuten personellen Aderlass kein weiteres Mal unbeschadet überstehen wird, verdichten sich. Das 1:2 gegen Neuling Fortuna Köln bedeutete im vierten Pflichtspiel die vierte Pleite. Im letzten Spiel des Tages schossen die Jungkicker aus Hoffenheim mit Klausi als Leitwolf Regensburg mit 5:1 ab. Das wird sich Jahn-Trainer Hildmann auch anders vorgestellt haben.
Bereits gestern Abend erarbeitete Fortuna Düsseldorf sich ein verdientes 1:0 gegen Stuttgart 2. Die ersten Punkte für den eigentlichen Toppfavoriten. Für RWE bleibt die Erkenntnis, dass in einer Liga, in der es extrem eng zugeht, jeder Punkt zählt. Auch ein 0:0 in Wiesbaden. 3 € ins Phrasenschwein und weitermachen.
NUR DER RWE!
Sven Meyering

