Der Samstag an der Donau bot großes Emotionskino. Als Vierter war RWE nach Ulm gefahren und hatte nicht mehr die ganz große Hoffnung, noch direkt in die Zweite Bundesliga aufzusteigen oder an den Aufstiegsspielen teilnehmen zu können.
Inklusive aller Nachspielzeiten 101 Spielminuten später, einem Wechselbad der Gefühle ausgesetzt, was das Wetter durch abwechselnden Regenschauer, Sonnenschein, Hagelsturm und erneuten Sonnenschein erstaunlich gut widerspiegelte und atmosphärisch begleitete, jubelten Mannschaft, Betreuerstab, Vereinsoffizielle und die arg gebeutelten Fans infernalisch miteinander. In der Nachspielzeit schoss Ben Hüning RWE in die Relegation, die folgenden vier Minuten verbrachten die RWE-Fans im Pyrorauch, der die Sicht auf das Spielfeld im Donaustadion arg reduzierte, zitternd, bangend, bibbernd auf den Schlusspfiff wartend.
Nicht nur auf den in Ulm, auf den Smartphones liefen zeitgleich die letzten Minuten aus Duisburg, wo der MSV nicht noch einmal treffen durfte und ein Entsetzensschrei durch Essens Kurven hallte, als Bulic wenige Meter frei vor dem Tor den Ball an den Pfosten setzte und damit Duisburger Relegationshoffnungen zerdepperte. Dem Ende in Ulm wurden zuerst die Außenblöcke H und I gewahr, vom Pyrorauch etwas weniger erfasst, und von dort aus breitete sich eine Jubelwelle nach links aus wie ein Tsunami.
So steht Rot-Weiss Essen zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte in der Aufstiegsrelegation zur Zweiten Fußballbundesliga und trifft dort am Freitag und dem darauffolgenden Dienstagabend auf die Spielvereinigung Greuther Fürth. Vor dem eigentlichen Vorbericht am Donnerstag möchten wir mit einigen Anekdoten das Warten auf das Relegations-Christkind bis kommenden Freitag schon etwas verkürzen. Große Geschichten und große Namen warten.
RWE, Relegation und Aufstiegsrunden
Rot-Weiss Essen kennt Relegationsspiele aus seiner Vereinsgeschichte. Dabei ging es aber sogar um den Erstligaaufstieg. Essen scheiterte dabei beide Male knapp. Im Sommer 1978 duellierte sich RWE als Vize-Meister der Zweiten Liga Nord mit dem Südvertreter 1. FC Nürnberg um den dritten Aufstiegsplatz neben den jeweiligen Staffelmeistern Bielefeld und Darmstadt. In Nürnberg unterlag RWE knapp mit 0:1, an der Hafenstraße kam man nicht über ein 2:2 hinaus, Horst Hrubesch vergab gleich zwei Foulelfmeter gegen Nürnbergs Keeper Manfred Müller, konnte aber nach einem beherzten Zutreten eines Klubberer-Verteidigers auch gar nicht mehr richtig auftreten.
Zwei Jahre später klopfte RWE erneut und das bislang letzte Mal an die Tür des Oberhauses. Gegner war der Karlsruher SC. Dieser fegte am 06.06.1980 mit 5:1 über RWE im Wildparkstadion hinweg. Damit schien die Messe bereits gelesen. Doch RWE gab sich nicht geschlagen. Vom Rückspiel gegen den Karlsruher SC eine Woche später an der Hafenstraße schwärmen die älteren Semester noch heute. RWE-Legende Willi Lippens hatte als Gast im Aktuellen Sportstudio des ZDF dem KSC trotz der deftigen Hinspielniederlage der Essener einen ganz heißen Tanz im damaligen Georg-Melches-Stadion versprochen und sollte mit seinen Teamkameraden Wort halten.
Essen wirbelte den KSC von Minute eins an durcheinander und traf nach 73 Minuten durch den kürzlich leider verstorbenen Frankie Mill zum 3:0. RWE stand kurz vor der großen Wende. Zuschauer des Spektakels an der Hafenstraße berichten noch heute mit leuchtenden Augen davon, wie die Essener sich nach diesem Treffer wie eine hungrige Meute um den Anstoßkreis versammelten und die Karlsruher erneut zu jagen begannen. Das Happy End blieb aus, weil der KSC kurz vor dem Ende durch einen abgefälschten Treffer zum 3:1 seinen Kopf aus der Schlinge ziehen konnte. In den seitdem zurückliegenden 46 Jahren gab es keine Relegation mehr in Essen. Erfolgreiche Aufstiegsrunden zur Bundesliga spielte RWE zuvor gleich dreimal 1965/66, 1968/69 und 1972/73.
Später folgten legendäre Aufstiegsrunden zur zweiten Liga, gleich drei an der Zahl. In der Spielzeit 1984/85 scheiterte man als Meister der Oberliga Nordrhein zunächst recht kläglich und unterlag unter anderem beim Westfalenmeister SC Eintracht Hamm, der heutigen DJK Eintracht Heessen mit 0:4. Und zwar nur 0:4, weil ein RWE-Anhänger einen frei aufs Tor zu stürmenden Hammer Spieler höchstpersönlich am Torabschluss hinderte, nachdem er die nicht sehr hohe Bande überquert hatte. Das verhinderte 0:5 lud zum Schmunzeln ein, ansonsten hatte RWE wenig zu lachen und verpasste als Dritter des Tableaus die beiden Aufstiegsplätze.
Ein Jahr später machte RWE es besser und eroberte nach dem FC St. Pauli Platz 2, der zum Aufstieg berechtigte. Aus dieser Aufstiegsrunde besonders in Erinnerung blieb, dass Essen das erste Match beim VFB Oldenburg gleich mit 0:5 in den Sand setzte, aber die Kurve bekam. Kurioses hielt das Match gegen den Berliner Vertreter SC Charlottenburg im Georg-Melches-Stadion bereit. Christian Sackewitz hatte auf Berliner Seite bereits per direktem Freistoßtor Essens 1:0 Führung egalisiert, da passierte in der zweiten Hälfte folgende Story. Dirk Heitkamp brachte RWE mit 2:1 in Front, der Torschütze wurde von seinen Mannschaftskameraden vor der damaligen Nordtribüne in einem Jubelknäuel gefeiert. Nur leider hatten die Essener dabei die Mittellinie bereits hinter sich gelassen und feierten in der eigenen Hälfte. Der Referee zeigte wenig Fingerspitzengefühl und gab das Match bereits wieder frei, sodass Charlottenburg Richtung RWE-Tor und Frank Kurth stürmen konnte, erst da bemerkten die Essener das nahende Unheil. Volker Abramczyk gelang im letzten Moment ein wunderschönes taktisches Foul kurz vor dem Essener 16er, dem Bereich, den damals noch niemand im Fußball Box nannte.
Leider hatte Sackewitz an diesem stürmischen Tag im peitschenden Regen an der Hafenstraße viel Zielwasser getrunken, erneut fand sein direkter Freistoß den Weg ins Essener Tor. Das Stadion tobte aufgrund der Ballfreigabe durch den Schiedsrichter und getragen auf einer Welle wütender Unterstützung gelang Michael Tönnies noch der Siegtreffer zum 3:2 und kurz darauf siegte RWE in Münster mit 5:1 gegen den ASC Schöppingen und war damit wieder Zweitligist.
Nach 5 Jahren zweiter Liga folgte der Zwangsabstieg für das chronisch klamme Essen, ein gewisser Jürgen Röber übernahm das Traineramt und baute aus dem Nichts ein schlagkräftiges Team auf, das im ersten Jahr Vizemeister der Oberliga Nordrhein wurde und ein Jahr darauf im Sommer 1993 als Meister die Aufstiegsrunde dominieren sollte. Den Erzrivalen aus Münster putzte RWE gleich zweimal mit 4:1 und 3:1, zudem Eintracht Trier an der Hafenstraße mit 3:0 sowie den VFL Herzlake mit 4:1. In Trier (0:0) und Herzlake (1:1) blieb man ebenfalls ungeschlagen und eroberte Platz 1 der Gruppe, der als einziger zum Aufstieg berechtigte. Es war ein Sommer der Freude rund um RWE.
Am Ende der folgenden Zweitligasaison stieg RWE wieder ab. Im November 1993 wurde den Essenern auf Platz 6 stehend wegen Unregelmäßigkeiten bei der Lizenzerteilung bereits jetzt die Lizenz wieder entzogen. Auf die Hintergründe möchten wir nicht mehr eingehen. Essen spielte fortan ohne Wertung in der Liga und Jürgen Röber ging enttäuscht zum Bundesligisten VFB Stuttgart. Ein besonderes Bonbon bot die Spielzeit aber noch. Tatsächlich zog RWE in das DFB-Pokalfinale 1994 ein, das für viele RWE-Fans, die die Bundesligazeit noch nicht miterleben konnten, das wichtigste Spiel ihres Fandaseins darstellte. Aufopferungsvoll kämpfende Essener hatten Werder Bremen nach einem 0:2 Pausenrückstand am Rande der Verlängerung, doch am Ende hieß es 1:3. So verbindet man mit Rot-Weiss Essen, der Relegation und auch Aufstiegsrunden viele kuriose, schöne und natürlich auch schmerzhafte Erinnerungen. Nach dem Auf – und Ab der Saison werden wir nun mit Sicherheit in den folgenden mindestens 180 Minuten gegen Fürth wieder Besonderes erleben.
RWE und der VAR – Fair geht anders
Anders als im Ligabetrieb wird es in der Relegation einen Video Assistance Referee, kurz VARund im Volksmund Kölner Keller genannt geben. Das heißt, zeigt der Schiri nach einem Tor zur Mitte, heißt das noch lange nicht, dass der Treffer Bestand haben wird, vielleicht sieht der Kölner Keller ja noch eine minimal Abseitsposition und der Treffer wird zurückgezogen. So erging es den Gästen aus Fürth im Zweitligafinale gegen Düsseldorf gleich zweimal. Ein Elfmeter wurde deswegen zurückgepfiffen und ebenfalls das vermeintliche 4:0 der Fürther. Beide Male war das um Haaresbreite. Mit nur einem Treffer mehr für Fürth würde Essen im Übrigen am Freitagabend Eintracht Braunschweig empfangen.
Tatsächlich machte aber auch RWE bereits zweimal Bekanntschaft mit dem von Fans ungeliebten VAR, der dem Match viel Spontanität nimmt, und dabei keine gute. In der Pokalsaison 2020/21 traf der krasse Außenseiter Rot-Weiss Essen als Viertligist im Achtelfinale auf den Millionario-Klub aus Leverkusen. Simon Engelmaann schoss in der 118. Minute das 2:1 und RWE in den siebten Fußballhimmel. Aber in der Szene vor Engelmanns 2:1 konnte Leverkusens Frimpong den Ball nicht im Essener Strafraum erreichen. Felix Herzenbruch hatte den Leverkusener am Trikot berührt und leicht festgehalten. Also bat der VAR Tobias Reichel den Schiedsrichter Daniel Schlager an den Videomonitor. Schlager sollte prüfen, ob Herzenbruch Frimpong gefoult hatte. Dann hätte es tatsächlich nicht 2:1 für RWE gestanden, sondern Leverkusen hätte beim Stande von 1:1 einen Elfmeter bekommen!
Eine derartige Szene, in der es nicht nur um einen eigenen Treffer, sondern zugleich um einen gegnerischen Elfmeter geht, hatte man sich im Vorfeld nicht ausgemalt. Schiri Schlager entschied, dass Herzenbruch nur leicht und kurz gezupft hatte. Kein Elfer, sondern 2:1 für RWE! Wahnsinn. In Hälfte eins übrigens war Simon Engelmann rotverdächtig von einem Leverkusener Abwehrmann auf dem Weg zum Bayer-Tor gefoult worden, Schiri Schlager übersah das und der VAR gleich mit ihm. Aber bei der wichtigsten Entscheidung des Spiels und der ersten Kölner-Keller-Intervention der Essener Vereinsgeschichte überhaupt ließ sich der Referee vom VAR nicht zu einem Pfiff gegen RWE überreden. Und eben dieser Daniel Schlager aus Gernsbach wird am Freitagabend das Match an der Hafenstraße wieder leiten, VAR wird dann Arno Blos aus Deizisau sein.
In der nächsten Runde gegen Holstein Kiel hätte RWE sich nichts sehnlicher gewünscht als ein Eingreifen des VAR. Man hatte das Spiel zunächst im Griff und die Spannung stieg, da Trainer Christian Neidharts Plan aufzugehen schien – bis zur 26. Minute. Da kam Kiels Finn Porath an den Ball und sackte nach einer Grätsche von Essens Quarterback Dennis Grote in der Box zusammen. In der Normalgeschwindigkeit haben wohl auch viele RWE-Fans Verständnis für die Entscheidung von Schiedsrichter Markus Schmidt gezeigt, denn dieser zögerte nicht eine Sekunde und zeigte auf den Elfmeterpunkt. In der anschließenden Zeitlupe sah allerdings ganz Fußballdeutschland, dass man nichts sieht. Dennis Grote zog seine Beine rechtzeitig zurück, Finn Porath markierte aber trotzdem den sterbenden Storch.
Es war allen klar, dass dieser Pfiff nicht der Überprüfung durch den Video-Referee Robert Hartmann standhalten würde. Doch dieser meldete sich zum Ärger aller, die es mit den Rot-Weissen halten, nicht. Unverständlich. Die Kommentatoren, unter ihnen auch Marcel Reif, zerrissen das Schiedsrichtergespann am nächsten Tag dafür bundesweit in der Luft, aber das nutzte RWE nichts mehr. Noch unter Schock stehend kassierte man das 0:2 sofort danach und das 0:3 in der Nachspielzeit. Fazit, VAR an der Hafenstraße braucht man nicht wirklich und zumindest RWE machte die Erfahrung, dass der Videoschiedsrichter nur eingriff, um die Größeren zu schützen. Und damit das eigentlich angestrebte Ziel, größere Fairness, konterkarierte.
Das war die Historie, am Freitag beginnt die Zukunft!
NUR DER RWE!
Sven Meyering
