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2022/2023 – 3. Liga

Dynamo Dresden – Rot-Weiss Essen (2:1)

Trotz des zwischenzeitlichen Ausgleichs durch Ron Berlinski musste Rot-Weiss Essen am Ende eine Niederlage hinnehmen. Dennoch zelebrierten 30.699 (!) Zuschauer und beide Mannschaften im Rudolf-Harbig-Stadion ein Fußballfest. Unsere Spielanalyse ist online.

Spielbericht

Keine Punkte zum Abschluss der Karwoche – RWE verliert in Dresden

Am Ende gab es von den Zuschauern aus Essen aufbauende Gesänge, und das zu Recht: RWE kämpfte um jeden Meter, ärgerte Dynamo, aber war der erdrückenden Qualität der Dresdner Offensive am Ende doch unterlegen. Die ca. 2.800 mitgereisten Esseener erlebten jedoch ein Spiel, das über lange Zeit eine enorme Dramatik entfaltete und somit die Atmosphäre im Essener Block zusätzlich anstachelte.

Das Personal

Andreas Wiegel stand nach seiner Gelbsperre bereit und spielte erwartungsgemäß. Überraschend war aber, dass ausgerechnet Oguzhan Kefkir für ihn herausrotierte, da Dabrowski Meiko Sponsel in die Dreierkette zog und Wiegel die Außenbahn beackerte. Zwar fühlt sich Meiko Sponsel in der Innenverteidigung ebenfalls zu Hause, spielte diese Position in der Saison jedoch selten. Es dauerte mit seiner Eingewöhnung ein wenig. Beim 1:0 unterschätzte der sonst so sichere Kopfballspieler José-Enrique Rios Alonso eine Flanke und Sponsel stand zu weit von Ahmet Arslan weg, der per sehenswertem Fallrückzieher abschließen konnte. Nach 29 Minuten geriet ein Rückpass Sponsels zu kurz und hätte zum 2:0 führen können, wenn nicht Dresdens Kutschke Jakob Golz in Eishockeymanier weggecheckt hätte. Da konnte man Dresdens Nummer 30 dankbar sein, dass er seiner Mannschaft diesen Bärendienst leistete. Anschließend arbeitete Sponsel aber sauber in der Dreierkette.

Die Einwechselungen verpufften weitestgehend, man muss Isi Young, Torben Müsel, Lawrence Ennali (76.) sowie Oguzhan Kefkir und Niklas Tarnat (86.) zugute halten, dass diese wenig Zeit hatten, um sich auszuzeichnen.

Die Pluspunkte

Hier müssen trotz guter Mannschaftsleistung zwei Spieler herausgehoben werden. Zunächst einmal hat Ron Berlinski seinen Torinstinkt wiedergefunden und erzielte im dritten Pflichtspiel in Folge einen Treffer. In Dresden antizipierte er einen Fehlpass des Dresdner Schlussmanns und schob ins verwaiste Tor ein. Schon im letzten Saisonendspurt wurde Berlinski die Lebensversicherung des SC Verl, für die er in den letzten sieben Spielen treffen konnte. Niemand wäre bei Rot-Weiss Essen unglücklich, wenn er sich auch dieses Jahr für seinen Aufwand auf diese Weise belohnen könnte.

Darüber hinaus täuscht das 2:1 über die wahren Kräfteverhältnisse hinweg, denn Dynamo war bärenstark. Dass es dabei nicht mehr Gegentreffer wurden, lag daran, dass Jakob Golz eine wirklich beeindruckende Entwicklung hingelegt hat und teilweise an Wunder grenzende Paraden zeigt. Man sieht darüber hinaus, dass Golz auch an seinen Schwachpunkten erfolgreich arbeitet. So wirkt er auch deutlich sicherer in der Strafraumbeherrschung als zu Saisonbeginn. Wir können froh sein, dass Golz sich bereits früh für Rot-Weiss Essen entschieden hat. Hier wissen Spieler und Verein, was sie aneinander haben.

Insgesamt wirkt die Mannschaft weiterhin gefestigt. Der Einsatz und Kampf stimmt und dies muss die Mannschaft in die nächsten Wochen mitnehmen. Mit dem Heimspiel gegen Mannheim endet die Serie von sechs Spielen gegen die Top-7 Teams der Liga. Dies ist eine Spielplankonstellation, die für alle Beteiligten von RWE anstrengend ist, da Essen erwartungsgemäß wenig Punkte holen konnte. Wenn die Geschlossenheit im RWE-Team, aber auch von Fans und Mannschaft, wie sie in Dresden gezeigt wurde, beibehalten werden können, dann wird Rot-Weiss auch noch einige Punkte holen können.

Die Knackpunkte

Man muss vorsichtig mit der Kritik sein, denn der Abwehr einen Vorwurf zu machen, blendet die vielen Situationen aus, in denen die Verteidigung einen super Job gegen die geballte Offensivpower von Dynamo gemacht hat. Am auffälligsten agierte auf der Dresdner Seite Christian Conteh, dessen Schnelligkeit und Spielstärke, schwer zu verteidigen waren und der dennoch vom Abwehrverbund häufig aufgehalten wurde. Es ist eher ein Problem des gesamten Teams, das über weite Strecken insbesondere im Vorfeld des zweiten Dresdner Treffers nicht in der Lage war, für Entlastung zu sorgen, sodass irgendwann ein entscheidender Fehler wahrscheinlicher wurde. Beim Gegentor stahl sich Dennis Borkowski an Andreas Wiegel vorbei und konnte völlig ohne Gegenwehr eine Flanke per Kopf verwerten. Zum ersten Gegentor wurde bereits beschrieben, dass hier Rios Alonso und Sponsel den Ball nicht sauber klären konnten und Arslan somit einluden, seinen Fallrückzieher erfolgreich auszuprobieren.

Insgesamt erspielte Rot-Weiss Essen zu wenig Torchancen. Der zwischenzeitliche Ausgleich ergab sich durch einen krassen Abspielfehler von Torwart Stefan Drljaca. Die einzig richtig gute Torchance ergab sich kurz nach der Halbzeit, als Thomas Eisfeld frei zum Abschluss kam, Drljace einen starken Reflex zeigte und Simon Engelmann nicht genau genug zielte. Ansonsten war RWE zumeist im Rückwärtsgang. Auch die Idee mit den beiden schnellen Außen für mehr Druck zu sorgen ging im Rudolf-Harbig-Stadion nicht auf. Hier sollte Rot-Weiss in den kommenden sieben Spielen mehr Druck erzeugen. Da Dynamo einen der teuersten Kader der Liga ihr eigen nennt, besteht aber auch die berechtigte Hoffnung, dass die Essener dies gegen die anderen Gegner wieder hinbekommen.

Leider ließ sich ein zuletzt starker Björn Rother zu einer roten Karte provozieren. Das darf ihm nicht passieren, da er für RWE aktuell kaum ersetzbar ist. Man kann an dieser Stelle nur hoffe, dass Felix Götze diese Lücke schnell schließen und die Genese der Tätlichkeit (siehe Aufreger) bei der Bemessung des Strafmaßes berücksichtigt wird.

Thomas Eisfeld ordnete die Offensive gewohnt stark und hätte beinahe das 2:1 erzielt.

Die Aufreger

Diese Kategorie ist sehr prall gefüllt. Schiedsrichter Martin Speckner und sein Gespann hatten 90 Minuten plus Nachspielzeit Akkordarbeit zu verrichten. Das geschah nicht immer auf tadellosem Niveau und um ehrlich zu sein, RWE konnte sich über die ein oder andere Entscheidung nicht beschweren. Da war zum einen das nicht gegebene Tor von Borkowski, das das 2:0 für Dynamo bedeutet hätte. Sponsel hatte den Ball unsauber verarbeitet und lieferte sich dann ein Missverständnis mit Jakob Golz, anstatt den Ball im zweiten Anlauf zu klären. Jedenfalls kam Borkowski zwischen den beiden sich behindernden Essenern an den Ball und schoss ein. Zum Glück für RWE hatte Stefan  Kutschke, stets mittendrin statt nur dabei, den rot-weissen Schlussmann zugleich rustikal behindert und Golz ging zu Boden wie von einer Dampframme überfahren. Speckner pfiff Foul und versagte dem Treffer die Anerkennung. Irgendwo vertretbar, aber wenn es anders gelaufen wäre, wäre das ebenfalls in Ordnung gewesen.

Die anschließenden Pfiffe des Dresdner Publikums, das laut Ron Berlinski nicht von der Wand bis zur Tapete denken könne, gegen Jakob Golz waren hingegen absurd, denn der Schlussmann war mit Sicherheit nicht aus freien Stücken zu Boden gegangen. Da waren zum anderen die strittigen Strafraum- und Elfmeterszenen. Nach 20 Spielminuten hatte Christian Conteh, ein absoluter Ausnahmespieler in der Dritten Liga, nach einer wieder einmal schlechten Essener Ecke die Konterchance und zog mit Mordstempo vom rechten Flügel in die Box. Da konnte der zuvor abgehängte Felix Herzenbruch ihn wieder stellen und am Abschluss hindern, dann aber prallte Conteh mit voller Wucht in Andreas Wiegel, der sich in seinen Weg gestellt hatte. Bei diesem Tempo sah das umso spektakulärer aus und obwohl Wiegel sich nicht einfach in Luft auflösen kann, hätte das sicherlich zum Elferpfiff führen können, doch Speckners Pfeife blieb stumm.

Kurz darauf wischte Felix Herzenbruch im 16er mit der Hand durchs Gesicht seines Gegenspielers, der sofort zu Boden ging, sich aber zuvor auch von hinten an Herzes Hals zu schaffen gemacht hatte, sodass unter dem Strich zurecht keine Elferentscheidung erfolgte. Nach etwa einer Stunde verspürte Kyu-Hyun Park in der rechten Ecke der rot-weissen Box offenbar einen Kontakt von Moritz Römling und suchte die Liegewiese auf. Insbesondere der Linienrichter hatte beste Sicht auf die Situation und signalisierte seinem Chef auf dem Platz kein Foul. Römling hatte mit Sicherheit ausgeholt, ob er ein Luftloch gerissen oder aber Park getroffen hatte, blieb unklar, aber glücklich war auch in dieser Szene zu nennen, dass es keinen Elfer gab. Die Art von Parks Fall legte eine strafbare Berührung jedenfalls nahe.

Die sogenannten 50:50 Entscheidungen fielen im Schwerpunkt pro RWE aus. Ansonsten hat man selten so ein lächerlich zu nennendes Ensemble an Elferschindern gesehen, wie die Truppe von Dynamo. Mindestens vier weitere Male gingen Dresdner Spieler theatralisch und im Gegensatz zu den beiden anderen Szenen völlig grundlos im Strafraum zu Boden und grundsätzlich endete keine Aktion ohne langes Lamentieren oder dass Herr Stefan „Kotzbrocken“ Kutschke wild in Richtung eines RWE-Akteurs pöbelte und sich vor ihnen aufbaute wie ein spätpubertierender Halbstarker.

Sind derlei unfaire Aktionen in Dresden die von Coach Markus Anfang seinen Spielern eingeimpfte Mentalität? Anfangs Akteure scheinen dasselbe ambivalente Verhältnis zu Anstand und Moral zu haben wie ihr Übungsleiter, der sich ja gerne mal mit Passfälschen beschäftigt.

Ahmet Arslan ist ein überragend zu nennender Spieler bei Dynamo, aber was er nach 82 Zeigerumdrehungen veranstaltete und so, wie er sich später vor den TV-Kameras gab, war an bornierter Dreistigkeit und Unfairness nicht zu überbieten. Park hatte soeben für die plumpeste Schwalbe der bisherigen Dekade zurecht Gelb gesehen und die Aufmerksamkeit des Referees abgezogen, da stieg Arslan im Vorbeilaufen Björn Rother mit voller Absicht rüde auf den Fuß und ernete leider die erhoffte Reaktion. Rother ließ sich zu einem Revanchetritt hinreißen, den Arslan natürlich weitlich auskostete und den sterbenden Schwan mimte. Schiedsrichter Speckner hatte nur Rothers Reaktion wahrgenommen und gab Essens Sechser die Rote Karte. Das war korrekt und die Essener Chancen, das Match in Unterzahl noch zu drehen, auf das absolute Minimum gesunken.

Arslan rechtfertigte seine Aktion später an den Mikrofonen damit, dass Rother ein unfairer Spieler sei, der die ganze Zeit beleidige und provoziere. Das sei nicht sein Stil, deshalb habe er es mit dem „Wischer“ clever gemacht und Rother halt drauf reingefallen. Muss man das noch weiter kommentieren? Manches spricht halt für sich. Für RWE bleibt zu hoffen, dass Björn Rother mit 2 Spielen Sperre davon kommt. Das wäre nach den Statuten möglich, wenn ein eher leichtes Vergehen vorliegt und zuvor eine Provokation stattgefunden habe.

Der Blick über den Tellerrand: Die Lage in der Dritten Liga

Unter dem Strich verlor Rot-Weiss Essen eine extrem hitzige Partie vor bundesligareifer Kulisse und Atmosphäre völlig verdient. Dynamo war über das Gros der Spielzeit überlegen und Essen nutzte seine kleine Phase der leichten Dominanz kurz nach der Pause nicht zur Führung. Das rächt sich dann und ehrlicherweise hat Dynamo Dresden nicht nur einen der teuersten, sondern wohl auch fast den erlesensten Kader der Liga. Allein ein Spieler wie Christian Conteh dürfte auf den Notizzetteln der allermeisten höherklassigen Spieler-Scouts stehen. Wenn dieser dann zusammen mit Kickern wie Hauptmann oder Arslan dann seine PS auf die Straße bringt, wird es schwer. Das Match zeigte zudem alles, was wir in der Regionalliga so schmerzlich vermisst haben. Eine großartige Kulisse, temporeichen Profifußball, emotionale Hitzigkeit. Das hat also dennoch Spaß gemacht.

Nichtsdestotrotz ist die Niederlage bitter, denn das letzte Woche etwas verscheuchte Abstiegsgespenst zieht nun wieder seine Kreise über der Hafenstraße 97 A. Der Hallesche FC fegte dank einer furiosen Schlussphase Erzgebirge Aue im Ostderby förmlich vom Platz, am Ende stand es 5:2 und der Sprung ans rettende Ufer war für den HFC geschafft. Nur noch vier Zähler trennen Halle und Essen noch. Der BVB II zeigt mittlerweile, dass sein Kader für etwas anderes gemacht war als den Abstiegskampf. Im kleinen Revierderby vermöbelten die Borussen den MSV Duisburg vor dessen heimischer Kulisse mit sage und schreibe 5:0. Das Gute daran, auch die Zebras bleiben in Schlagweite der Plätze, die die Hölle bedeuten. Oldenburg unterlag Wehen-Wiesbaden und stagniert im Tabellenkeller.

Unangenehm aus Essener Sicht war die zwischenzeitliche 2:0-Führung im Sonntagsspiel des FSV Zwickau gegen favorisierte Saarbrücker, doch konnte Saarbrücken in der letzten Viertelstunde noch für den Ausgleich und damit für einen großen Abstand zwischen Zwickau und Essen sorgen. Auch der SC Verl machte es bis kurz vor Schluss gegen Bayreuth spannend, die am Ende doch deutlich mit 4:1 im Paderborner Stadion abgefertigt wurden.

Es sind nach diesem Spieltag also immerhin noch fünf Punkte Abstand zu der Abstiegszone, was angesichts des schwierigen Gegners in der kommenden Woche ein wichtiges Polster darstellt. Eine Sicherheit bedeuten 36 allerdings keinesfalls, sodass der Endspurt angegangen werden muss. Bis dahin

Nur der RWE!

Sven Meyering & Hendrik Stürznickel