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2026/2027 – 3. Liga

Rot-Weiss Essen – Viktoria Köln (1:0)

Zweites Heimspiel, zweiter 1:0-Sieg!
Mit einem akrobatischen Treffer sorgt Neuzugang Tony Menzel nicht nur für das Tor des Tages, sondern gleichzeitig für den umjubelten Siegtreffer. Später sorgte er allerdings für sorgenvolle Minen, als er verletzungsbedingt ausgewechselt werden musste. Wir drücken die Daumen, dass es nichts Ernstes ist! Unsere Bilder vom Spiel und unsere Spielanalyse sind online.

Vorbericht

Wem lacht die Siegesgöttin? RWE empfängt mit Viktoria Köln einen dicken Brocken

Häufig kritisieren RWE-Fans, dass Trainer Uwe Koschinat auf den Pressekonferenzen vor dem Spiel den jeweiligen Gegner etwas zu sehr über den grünen Klee lobt. Uwe Koschinat bedachte nun auch Viktoria Köln mit sehr wertschätzenden Worten, und zwar mit voller Berechtigung. Nach den bisherigen Saisoneindrücken könnte das Team von der Schäl Sieck der bislang härteste Kontrahent in dieser Spielzeit werden. RWE hat in dieser noch sehr jungen bislang sicher nicht enttäuscht, wirft aber viele Fragen auf, von denen einige hier aufgegriffen werden. Antworten liefern aber am besten immer Siege.

Das Personal und die taktischen Optionen

Am Ende des Sommertransferfensters begrüßten die Essener mit Nick Bätzner einen durchaus prominenten Neuzugang, der wahrscheinlich für die bislang vermisste offensive Kreativität sorgen soll. Bätzner könnte durchaus sofort in die Startelf rücken der Rot-Weissen rücken. Bislang hat RWE eines der formulierten Ziele, mehr Tempo auf den Platz bringen zu können, durchaus erreicht. Zumindest im Spiel gegen den Ball.

Janne Sietan und Tony Menzel zeigen sich bislang sehr präsent im Gegenpressing, Menzel kommt aufgrund seiner Quirligkeit an viele Bälle heran, die andere verloren geben müssten. Durch die Verpflichtung von Bätzner ist Menzels Zukunft in Essens Startelf allerdings fraglich geworden. Hinzu kommt eine bessere defensive Stabilität. Nach dem Horror-Auftakt in Saarbrücken mit 5 Gegentoren hielt Essen, kurioserweise nur unterbrochen durch den Verbandspokal beim unterklassigen SV Sonsbeck, gegen Havelse, den FC St. Pauli im DFB-Pokal und in Wiesbaden den Kasten sauber. Ben Hüning und Max Geschwill finden sichtbar besser zueinander. Und dahinter steht ja auch immer noch Jakob Golz, der aber von seiner Vorderleuten weniger mit Rückpässen ins Spiel einbezogen wird als zuvor.

Kurioserweise wirkt das Zusammenspiel von Marek Janssen und Semir Telalovic als hängende Spitze gut. Kurioserweise weil Essen etwas die Torgefahr abgeht. Marek Janssen wirkt läuferisch und im Zusammenspiel signifikant verbessert, arbeitet auch gut gegen den Ball, Telalovic merkt man sein Potenzial deutlich an, er ist am Ball nur schwer zu verteidigen und auch im Abschluss gefährlich. Grundsätzlich nimmt der Fan wahr, dass RWE nach vorne verteidigen möchte. Nun muss man das auch über länger als 60 Minuten wie in Wiesbaden zeigen.

Rot-Weisse Fragezeichen und Arbeitsfelder

Kaum hält man hinten die Null, fallen die Tore vorne nicht mehr wie reife Früchte. Und das, obwohl Janssen und Telalovic durchaus gut harmonieren. RWE fehlt aber die Tiefe im Spiel, häufig vermisst man bereits den vorletzten Pass und Torgefahr aus der zweiten Reihe, die ein Torben Müsel verkörperte, geht noch völlig verloren. Essens Lösung lautet Nick Bätzner. Der Mittelfeldmann wird vom Bundesligaaufsteiger Paderborn geholt, wo er in der letzten Saison auf 32 Pflichtspieleinsätze in der zweiten Liga kam. Einen Bankdrücker hat RWE somit nicht geholt. Wer muss weichen? Wird Bätzner für Tony Menzel auf die 8 rücken oder für Telalovic auf die 10, was bedeuten würde, dass Marek Janssen herausfällt.

Was ist mit der rot-weissen Bank? In Wiesbaden kamen Lucas Brumme, Dickson Abiama und Cuber Potocnik ins Spiel, da glaubte man, RWE blase nun zum Angriff auf 3 Punkte. Doch weit gefehlt, Essens Spiel verlor an Qualität und Wiesbaden war dem Sieg nahe. Keiner der drei Eingewechselten konnte Uwe Koschinat zeigen, dass er von Beginn an auf den Platz gehört hätte, eher zeigte sich die Berechtigung des Bankplatzes. Eine negative Überraschung, denn Abiama und Brumme gehören eigentlich mit zum Besten, was Liga 3 zu bieten hat und Cuber Potocnik wird noch immer Riesenpotenzial zugeschrieben. Diese Auftritte warfen Fragen auf.

Bei der Kaderzusammenstellung bekommt der Außenstehende ein Stück weit den Eindruck, Essen nähme dieses Jahr als Übergangssaison bewusst in Kauf. Die Truppe ist jung und wirkt entwicklungsfähig, doch es scheint, als hätten Vereine wie Rostock oder der Nachbar aus Duisburg unter dem Strich mehr Erfahrung und Durchschlagskraft. RWE äußert sich nicht zu den Saisonzielen. Es ist vor dem Hintergrund einer langfristigen Planung nicht verwerflich, zunächst eine Mannschaft mit Bedacht aufbauen zu wollen.

Wer glaubte, mit der Pokal-Kohle kaufe RWE bereits jetzt groß ein, sah sich getäuscht. Die lukrativen Zusatzeinnahmen aus dem DFB-Pokal schlummern in der Essener Hinterhand. Ein kluger Kaufmann wie es Marc-Nicolai Pfeifer ist, nimmt diese finanzielle Ressource gerne mit. Aber RWE hat sie scheinbar zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht eingesetzt. Warum auch? Wo wirklich der Schuh drückt, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten bis zur Winterpause noch zeigen. Vielleicht wird RWE im Wintertransferfenster dann auf Positionen tätig, die aktuell gar nicht im Fokus erscheinen.

Das Gegnerportrait: FC Viktoria Köln (4. Platz, 3 Spiele, 2 Siege und eine Niederlage, 9:7 Tore, Differenz + 2)

Auf Essen wartet ein echter Prüfstein. Die Kölner Viktoria ist in der Dritten Liga nicht totzukriegen. Des Öfteren werden ihr schlechte Karten zugeschrieben und der Abstieg prophezeit, doch dann kommt es immer anders. In echte Abstiegsgefahr geriet man nie und wenn man sich die bisherigen Auftritte in der noch jungen Saison anschaut, dann wird das auch dieses Jahr nicht der Fall sein. Im Gegenteil, die Auftritte des Teams des jungen Trainers Marian Wilhelm sprachen eine ganz andere Sprache.

Zwar geriet man am ersten Spieltag mit 2:5 zuhause gegen Jahn Regensburg unter die Räder, eine Parallele zu RWE (2:5 in Saarbrücken), doch dann zeigte der Klub von der Schäl Sick was eine Harke ist. Man siegte 3:1 bei Stuttgart 2, zwang den Zweitligisten 1. FC Nürnberg in ein Elfmeterschießen, das Kölle erst mit dem 14. Schuss verloren geben musste, und putzte dann Preußen Münster mit 4:1 von der Platte. Lohn, Platz 4 und zwei Punkte mehr auf dem Konto als Gastgeber Rot-Weiss Essen.

RWE sollte gewarnt sein. Insbesondere der Auftritt der Viktoria gegen Preußen Münster zeigte die Qualität dieser Truppe. Im Grunde waren die Adlerträger chancenlos. Köln zeigte in diesem Spiel alles, was eine gute Truppe ausmacht. Eine zumindest lange Zeit gute defensive Stabilität, einen extrem kultivierten Spielaufbau, schnelles Spiel in die Spitze, wenn es möglich war und hohe Ballsicherheit. Das Ergebnis, Münster lag 0: 2 hinten, bevor es sich versah, kassierte nach dem Anschlusstreffer schnell das 1:3 und kam in Hälfte zwei kaum an den Ball, weil Köln diesen im SC-Verl-Style zirkulieren ließ und Münster nicht ins Pressing kam. Das Spiel hätte sogar höher als 4:1 ausgehen können, denn der übereifrig agierende japanische Austauschschiedsrichter pfiff den Kölnern noch ein weiteres Tor durch schlechte Vorteilsauslegung zurück.

Gemessen an dieser Partie wartet auf Rot-Weiss Essen ein schwerer Brocken. Auch individuell ist Viktoria Köln gut besetzt. Die vier bislang eingesetzten Stürmer Niklas Castelle, Noah Maboulou, David Otto und Alexander Propopenko sorgten zusammen für nicht weniger als 8 Tore in 3 Spielen. Aus dem Mittelfeld und bei Standards kommt viel Kreativität von Taylan Duman, der Essen als Mitglied der Aufstiegsmannschaft des BVB2 2020/21 das Leben schwer gemacht hatte und danach in Nürnberg Zweitligaluft schnupperte. Auffällig war zudem der Auftritt von Außenbahnspieler Yannick Tonye, der Tempo und Technik vereint. RWE wird in der Defensive gefordert sein und im Zentrum sehr präsent und agil sein müssen, um Dominanz zu erlangen.

Eine Chance für die Essener liegt womöglich an dem sehr risikoreichen Aufbauspiel der Viktoria, die den Ball selbst in sehr engen Situationen gewagt herausspielen möchte. Kann RWE Bälle in gefährlichen Räumen erobern, könnte das die Siegesgöttin vom Sockel stoßen.

Fazit und über den Tellerrand geschaut: Die Lage in der Dritten Liga

RWE steht vor einem Heimspieldoppelpack gegen Viktoria Köln und die Würzburger Kickers. Essens Anhang erwartet nicht weniger als 6 Punkte daraus, dann wäre der Saisonstart geglückt. Doch um das Spiel gegen die Viktoria auf ihre Seite zu ziehen, werden die Rot-Weissen voraussichtlich eine Top-Leistung benötigen. Überhaupt sollten wir Anhänger Geduld beweisen. Das neu formierte Team muss erst noch zusammenwachsen und vor dem Hintergrund der erlangten wirtschaftlichen Stabilität ist RWE anders als andere Klubs in dieser Liga nicht zum schnellen Aufstieg verdammt. In der Ruhe liegt die Kraft, aber wie schon vor einiger Zeit einmal geschrieben, Rot-Weiss Essen ohne Druck im Umfeld wäre die Sahara ohne Sand. Schlichtweg nicht vorstellbar.

Was passiert sonst in der Liga? Am Freitagabend will der Audi über die Printen hinwegrollen und zumindest vorübergehend auf den zweiten Platz. Ingolstadt empfängt Alemannia Aachen.

Neben der Essener Partie gibt es am Samstag fünf weitere. Mit großem Interesse darf das Match zwischen Hansa Rostock und Wehen Wiesbaden erwartet werden. Die Kogge marschiert, ist aber defensiv verwundbar. Vielleicht schafft Wehen mit Ex-RWE-Kapitän Michael Schultz an Bord eine Trendwende. Preußen Münster, dessen Fans zuletzt anlässlich des NRW-Tages beim Auswärtsmatch bei der Viktoria separatistische Bestrebungen Westfalens formulierten, aber von den Armeen des Rheinlands überrollt wurden, empfangen das stetige Stehaufmännchen aus Havelse. Waldhof Mannheim versaute sich nach 2:0-Führung in Havelse den fast perfekten Saisonstart und unterlag noch 2:3. Die Punkte gegen den taumelnden SC Verl, das einzige noch punktlose Team, sind fest eingeplant. Vielleicht folgt die nächste böse Überraschung. Der SV Meppen empfängt den 1. FC Saarbrücken und der Tabellenführer Duisburg muss zu Jahn Regensburg. Dort möchte der bislang eher enttäuschte Sascha Hildmann Regenstürme über den Meiderichern entfachen. Nur zu.

Am Sonntag sind für den neutralen Betrachter die Partien zwischen Würzburg und Stuttgart II sowie Großaspach gegen Hoffenheim II eher abtörnend. Wenn aber Fortuna Düsseldorf am Sonntagabend zum rheinischen Derby gegen Fortuna Köln anreist, dann wird den Landeshauptstädtern ganz besonders schmerzlich bewusst, dass sie in der dritten Liga angekommen sind. Statt im Rhein-Energie-Stadion beim FZÄH Kölle geht es ins zugige Südstadion. Am besten wir machen es paritätisch für die Stadt Köln. Während die Fortuna die Namensschwester aus Düsseldorf putzt, holen wir uns den Dreier gegen die Viktoria.

NUR DER RWE!

Sven Meyering

Spielbericht

Reifes RWE entzaubert Köln durch Magic Menzel – Essen schlägt die Viktoria mit 1:0

Ein sehr erfreulicher Samstag für Fußball-Drittligist Rot-Weiss Essen. Die Face geliftete RWE-Mannschaft schlug Viktoria Köln sehr verdient mit 1:0. Die gut 17.000 Zuschauer sahen zwei unterschiedliche Halbzeiten. RWE powerte in den ersten 45 Minuten fortwährend und ließ die potenziell spielstarke Viktoria nicht zur Entfaltung kommen. Toni Menzel zauberte das Leder nach einer Pesch-Hereingabe in Ibrahimovic-Manier zum Tor des Tages in die Maschen (27.). Magisch. In der zweiten Hälfte gehörte den Gästen der Ball, aber Torchancen zum Ausgleich gab es für Köln nicht. Ein unter dem Strich reifer Auftritt der jungen Essener Mannschaft.

Statistik:

Die Aufstellungen:

Rot-Weiss Essen

J. Golz – F. Bouebari, M. Geschwill, B. Hüning, J. Hofmann – T. Menzel (75. N. Bätzner), J. Sietan – N. Pesch (63. L. Brumme), S. Telalović (90. +3 L. Bazzoli), M. Obuz (63. D. Abiama) – J. Potočnik (75. M. Janssen)

FC Viktoria Köln

A. Schulz – K. Jakob (46. P. Fallmann), T. Kloss, T. Eisenhuth, M. Sponsel – N. Swider, T. Duman (81. A. Prokopenko) – L. Wolf, Y. Tonye (68. M. Pledl) – D. Otto (81. J. Sachse), N. Castelle (46. N. Maboulou)

Tore

  • 1:0 T. Menzel (27.)

Strafen

  • M. Geschwill(44.)
  • J. Potočnik(63.)
  • M. Sponsel(80.)
  • J. Hofmann(85.)

Stadion

Stadion an der Hafenstraße

Zuschauer

17.347

Schiedsrichter

Simon Schreiner (Pfarrkirchen)

Der Spielfilm

Von Beginn an war RWE Herr im Haus an der Hafenstraße. Um die Spielstärke der Kölner Gäste nicht zur Entfaltung kommen zu lassen, powerte Essen hoch verteidigend nach vorne. Nach 5 Minuten zog Noah Pesch von der linken Bahn nach Innen und hatte die Kugel auf seinem starken rechten Fuß. Bei seinem Schlenzer Richtung langes Eck sahen alle, dass Kölle Keeper Schulz vergeblich flog, aber das Leder klatschte nur an den Innenpfosten.

RWE setzt nach und erobert den Ball nach schlampigen Abschlag von Schulz, Menzel schlenzt, diesmal rettet der Kopf eines Verteidigers, eine weitere Minute später schließt Potocnik zu unplatziert ab. Sietan und Menzel schieben stetig nach vorne, Köln kann sich nicht befreien. Wenn, dann versuchen es die Gäste über Tonye, der gleich zweimal spektakulär von Franci Bouebari abgegrätscht wird, die Hafenstraße feiert den jungen Franzosen frenetisch.

RWE macht leider zu wenig aus den vielen Balleroberungen im vorderen Drittel, der letzte Pass oder der Abschluss gelingt nicht. Dann wird es spektakulär. Kölle klärt einen Eckball von Pesch, der darf noch einmal flanken und Toni Menzel vollbringt am kurzen Pfosten, obwohl von reichlich Kölnern markiert, ein Kunststück. Der nur halbhohe Flankenball wird von Essens neuer Zaubermaus schräg in der Luft liegend per Hacke ins Tor befördert, Schulze ist zu überrascht, um entscheidend eingreifen zu können. Ein Sahnetreffer (27.).

RWE verändert seine Herangehensweise bis zum Pausenpfiff nicht, während Jakob Golz beschäftigungslos bleibt, sieht sich sein Gegenüber mitsamt seinen Teamkollegen Essener Druckwellen ausgesetzt. Kurz vor der Pause wird Telalovic in letzter Sekunde geblockt, ein 2:0 wäre sehr verdient gewesen. Tosender Applaus begleitet das rot-weisse Team in die Pause.

In Hälfte zwei will das Pressing nicht mehr so gut aufgehen, den Kölnern gelingen längere Ballpassagen. Viktoria-Coach Marian Wilhelm hat Tonye die Seiten wechseln lassen und vom Pitbull-Zugriff Franci Bouebaris befreit. Ohne dass Jannick Hofmann enttäuscht, sieht Tonye nun mehr Land am Ball und das gilt für Köln generell.

Die Story des zweiten Abschnitts ist schnell erzählt, hocherfreulich generiert die potenziell spielstarke Viktoria auch mit dem Ball keine einzige nennenswerte Offensivaktion, erst kurz vor Schluss muss Golz bei einem Distanzversuch zupacken und tut es problemlos. Auf der Gegenseite wird der eingewechselte Abiama über Brumme und Telalovic in der Box frei gespielt, zielt aber ein Stück zu hoch (67.). Das hätte die Vorentscheidung sein können.

Da es auch zugleich die beste Chance im gesamten weiteren Spiel war, geht das Match nach 4 Minuten Nachspielzeit folgerichtig mit 1:0 an RWE. Leider muss Matchwinner Menzel nach 73. Minuten angeschlagen raus und Nick Bätzner gibt sein Debüt.

Die Pluspunkte und Arbeitsfelder

Was für ein Auftritt in Hälfte 1. Die Koschinat-Elf war in Sachen Pressing, Balleroberung und folgerichtig Zweikampfführung wahrscheinlich am Optimum. Das spielstarke Köln, das eine Woche zuvor Preußen Münster die Adlerfedern ausgerupft und als Kochhühnchen nach Hause geschickt hatte, sah sich stetiger Essener Power ausgesetzt. Die im Vorbericht angesprochene Risikobereitschaft im Spielaufbau zeigten die Kölner und RWE konnte in Abschnitt eins davon zehren.

Janne Sietan und Tony Menzel nehmen mit ihrem enorm intensiven Spiel extrem viel Druck von Essens letzter Kette. Was insbesondere Menzel für Bälle gewinnt, ist erstaunlich. Das tut der Innenverteidigung mit Ben Hüning und Max Geschwill gut. Die wackelte nur einmal und das selbst verschuldet. Geschwill war risikofreudig und ließ sich den Ball abluchsen, In der Box kam Bätzner zur Hilfe und blockte den Ball weg vom Gegenspieler, das hätte ins Auge gehen und zum Elfer führen können. Ansonsten war es die wahre Freude, wie Franci Bouebari seine Außenbahn beackerte und auch Hofmann, allerdings mit Abstrichen zu seinem Gegenüber, das auf der rechten Seite tat.

Essen tut nun das, was in der letzten Saison vielfach gefordert worden ist, und hält mit Aktivität und hohem Verteidigen den Druck von seiner Abwehrkette und Jakob Golz fern. Vielleicht brauchen die Essener noch einen verbesserten Rhythmus, bestehend aus Tempowechseln zwischen Power und Verlangsamung des Geschehens. Während man in der ersten Hälfte fortwährend marschierte, war Hälfte zwei sehr von der Vorsicht geprägt. Gegen den Ball arbeitete man auch da weiterhin gut, aber Köln kam vermehrt ins letzte Drittel, biss sich aber dort an der nun tieferen Verteidigung die Zähne aus.

Hier ging ein taktischer Kniff auf, denn Koschinat stellte in der zweiten Hälfte auf 1:1 Deckung um, als die Viktoria angefangen hat, das Mittelfeld zu überlagern. Während in der 1. Halbzeit die Gegenspieler noch übergeben wurden, hat Janne Sietan seinen direkten Gegenspieler in einer Situation knapp 30 Meter begleitet. Diese Umstellung war zu dem Zeitpunkt, in dem die Kölner besser ins Spiel kamen, völlig richtig und sorgte mit dafür, dass es weiterhin nicht gefährlich wurde.

Nach dem Spiel ließ RWE-Coach Uwe Koschinat die Geothermik in seine Analyse einfließen, denn der starke Rückenwind, der Rot-Weiss Essen in der ersten Halbzeit unterstützt hatte, war in der zweiten Hälfte auf Kölner Seite zu bemerken. Diese auf den ersten Blick ungewöhnliche Erklärung ist durchaus plausibel und sollte bei der Bewertung der beiden Hälften berücksichtigt werden.

Schon wieder zu Null. Wer hätte das gedacht? Die Kehrseite der Medaille ist der zu verbessernde Torabschluss und die spielerische Kreativität. Essen hätte aus seiner Dominanz mehr Kapital schlagen müssen. Die Frage, die sich hier aufdrängt, ist, warum der bislang sehr aktive und gegen den Ball klar verbesserte Marek Janssen gegen Cuber Potocnik, der nach seiner Einwechslung in Wiesbaden enttäuscht hatte, in der Startelf gewechselt worden war. Man muss das nicht verstehen. Der Matchplan ging auf. RWE hätte sicherlich mehr Probleme bekommen, wenn man nicht mit einer Führung in die Kabine gegangen wäre. Und die Einwechselspieler geben weiterhin Rätsel auf. Lucas Brumme und Dickson Abiama sind weit entfernt von ihrer Bestform. Die wird aber benötigt, damit Essen mehr Tiefenläufe und Kreativität mit dem Ball entwickeln kann.

Die Aufreger

Schiedsrichter Simon Schreiner hatte wahrlich nicht seinen besten Tag. Die Bewertung von Zweikämpfen zeigte keine klare Linie. Mal war rustikales Checken in American-Football-Art für Schreiner legitim, mal verfiel er in kleinliche Pfeiferei, die den Spielfluss in der zweiten Hälfte raubte. In der oben bereits angesprochenen Szene mit Nick Bätzner hatte RWE Glück, dass Schreiner diese 50:50-Geschichte nicht als Foul auslegte. Kölle regte sich nicht darüber auf, sondern über den angeblich falschen Eckball, den RWE im Nachgang zum goldenen Tor verwertete. Albern, wenn man sieht, dass die Verteidigung dabei Menzel in Ölgötzenmanier bestaunte. Man sollte generell aufhören Eckstöße und sogar Einwürfe derart zu sezieren. In beiden Situationen liegt es später an einem selbst, wie man das verteidigt bekommt.

Auf der Westtribüne wurden kritische Plakate zum neuen Format des Zechenabends präsentiert. Viele Fans sehen in der Substitution des traditionellen Hüttenabends eine reine Marketingidee, die gegen das Herz gerichtet sei. Hier gibt es offenbar Redebedarf, zumal der Vorstand immer für Transparenz und Offenheit wirbt. Zum Thema „Marketing ersetzt das Fußballherz“ passte dann auch die Zulosung des Brausekonstrukts und von der DFL dreist geduldeten 50+1-Regelbrechers RB Leipzig als Essener Gegner in der zweiten Pokalrunde. Da stellte sich wahrhaft Brechreiz ein.

Fazit und über den Tellerrand geschaut: Die Lage in der Dritten Liga

Essens junge Mannschaft zeigte einen reifen Auftritt, aber in den zwei Spielhälften mit unterschiedlichen Gesichtern. Defensiv passen nun sehr viele Dinge, die offensive Durchschlagskraft leidet aber noch. Der Lohn für den Sieg ist Platz 6 und die Lauerstellung hinter den Spitzenplätzen.

Dort kristallisieren sich langsam Schwergewichte heraus. Der MSV Duisburg bleibt verlustpunktfrei. Und das, obwohl Sturmtank Lobinger früh die Rote Karte wegen einer Tätlichkeit sah und der MSV in der zweiten Hälfte mit 0:1 in Rückstand geriet. Dieses Match dann zu drehen und 2:1 in Regensburg zu siegen, ist eine Ansage an die Konkurrenz. Die machte auch Saarbrücken und überrannte bemitleidenswerte Meppener mit 6:1 im Emsland.

Rostock konnte seine Überlegenheit nicht zum Sieg gegen Wiesbaden nutzen, 1:1 hieß es bei Schlusspfiff im Ostseestadion. Ansonsten schlug Münster tapfere Havelser mit 2:1. Freitagabend hatte der Ingolstädter Audi eine Aachener Printe im Auspuff. Früh sah ein Ingolstädter Rot, nach 11 Minuten führten die Alemannen mit 3:0. So blieb es bis zum Schlusspfiff.

Für das große Torspektakel in der Liga ist RWE offenbar nicht mehr verantwortlich. Im nächsten Heimspiel gegen Würzburg können die Rot-Weissen ihre gute Ausgangsposition hoffentlich weiter verbessern.

NUR DER RWE!

Sven Meyering

Fotos