Vorbericht
Wem lacht die Siegesgöttin? RWE empfängt mit Viktoria Köln einen dicken Brocken
Häufig kritisieren RWE-Fans, dass Trainer Uwe Koschinat auf den Pressekonferenzen vor dem Spiel den jeweiligen Gegner etwas zu sehr über den grünen Klee lobt. Uwe Koschinat bedachte nun auch Viktoria Köln mit sehr wertschätzenden Worten, und zwar mit voller Berechtigung. Nach den bisherigen Saisoneindrücken könnte das Team von der Schäl Sieck der bislang härteste Kontrahent in dieser Spielzeit werden. RWE hat in dieser noch sehr jungen bislang sicher nicht enttäuscht, wirft aber viele Fragen auf, von denen einige hier aufgegriffen werden. Antworten liefern aber am besten immer Siege.
Das Personal und die taktischen Optionen
Am Ende des Sommertransferfensters begrüßten die Essener mit Nick Bätzner einen durchaus prominenten Neuzugang, der wahrscheinlich für die bislang vermisste offensive Kreativität sorgen soll. Bätzner könnte durchaus sofort in die Startelf rücken der Rot-Weissen rücken. Bislang hat RWE eines der formulierten Ziele, mehr Tempo auf den Platz bringen zu können, durchaus erreicht. Zumindest im Spiel gegen den Ball.
Janne Sietan und Tony Menzel zeigen sich bislang sehr präsent im Gegenpressing, Menzel kommt aufgrund seiner Quirligkeit an viele Bälle heran, die andere verloren geben müssten. Durch die Verpflichtung von Bätzner ist Menzels Zukunft in Essens Startelf allerdings fraglich geworden. Hinzu kommt eine bessere defensive Stabilität. Nach dem Horror-Auftakt in Saarbrücken mit 5 Gegentoren hielt Essen, kurioserweise nur unterbrochen durch den Verbandspokal beim unterklassigen SV Sonsbeck, gegen Havelse, den FC St. Pauli im DFB-Pokal und in Wiesbaden den Kasten sauber. Ben Hüning und Max Geschwill finden sichtbar besser zueinander. Und dahinter steht ja auch immer noch Jakob Golz, der aber von seiner Vorderleuten weniger mit Rückpässen ins Spiel einbezogen wird als zuvor.
Kurioserweise wirkt das Zusammenspiel von Marek Janssen und Semir Telalovic als hängende Spitze gut. Kurioserweise weil Essen etwas die Torgefahr abgeht. Marek Janssen wirkt läuferisch und im Zusammenspiel signifikant verbessert, arbeitet auch gut gegen den Ball, Telalovic merkt man sein Potenzial deutlich an, er ist am Ball nur schwer zu verteidigen und auch im Abschluss gefährlich. Grundsätzlich nimmt der Fan wahr, dass RWE nach vorne verteidigen möchte. Nun muss man das auch über länger als 60 Minuten wie in Wiesbaden zeigen.
Rot-Weisse Fragezeichen und Arbeitsfelder
Kaum hält man hinten die Null, fallen die Tore vorne nicht mehr wie reife Früchte. Und das, obwohl Janssen und Telalovic durchaus gut harmonieren. RWE fehlt aber die Tiefe im Spiel, häufig vermisst man bereits den vorletzten Pass und Torgefahr aus der zweiten Reihe, die ein Torben Müsel verkörperte, geht noch völlig verloren. Essens Lösung lautet Nick Bätzner. Der Mittelfeldmann wird vom Bundesligaaufsteiger Paderborn geholt, wo er in der letzten Saison auf 32 Pflichtspieleinsätze in der zweiten Liga kam. Einen Bankdrücker hat RWE somit nicht geholt. Wer muss weichen? Wird Bätzner für Tony Menzel auf die 8 rücken oder für Telalovic auf die 10, was bedeuten würde, dass Marek Janssen herausfällt.
Was ist mit der rot-weissen Bank? In Wiesbaden kamen Lucas Brumme, Dickson Abiama und Cuber Potocnik ins Spiel, da glaubte man, RWE blase nun zum Angriff auf 3 Punkte. Doch weit gefehlt, Essens Spiel verlor an Qualität und Wiesbaden war dem Sieg nahe. Keiner der drei Eingewechselten konnte Uwe Koschinat zeigen, dass er von Beginn an auf den Platz gehört hätte, eher zeigte sich die Berechtigung des Bankplatzes. Eine negative Überraschung, denn Abiama und Brumme gehören eigentlich mit zum Besten, was Liga 3 zu bieten hat und Cuber Potocnik wird noch immer Riesenpotenzial zugeschrieben. Diese Auftritte warfen Fragen auf.
Bei der Kaderzusammenstellung bekommt der Außenstehende ein Stück weit den Eindruck, Essen nähme dieses Jahr als Übergangssaison bewusst in Kauf. Die Truppe ist jung und wirkt entwicklungsfähig, doch es scheint, als hätten Vereine wie Rostock oder der Nachbar aus Duisburg unter dem Strich mehr Erfahrung und Durchschlagskraft. RWE äußert sich nicht zu den Saisonzielen. Es ist vor dem Hintergrund einer langfristigen Planung nicht verwerflich, zunächst eine Mannschaft mit Bedacht aufbauen zu wollen.
Wer glaubte, mit der Pokal-Kohle kaufe RWE bereits jetzt groß ein, sah sich getäuscht. Die lukrativen Zusatzeinnahmen aus dem DFB-Pokal schlummern in der Essener Hinterhand. Ein kluger Kaufmann wie es Marc-Nicolai Pfeifer ist, nimmt diese finanzielle Ressource gerne mit. Aber RWE hat sie scheinbar zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht eingesetzt. Warum auch? Wo wirklich der Schuh drückt, wird sich in den nächsten Wochen und Monaten bis zur Winterpause noch zeigen. Vielleicht wird RWE im Wintertransferfenster dann auf Positionen tätig, die aktuell gar nicht im Fokus erscheinen.
Das Gegnerportrait: FC Viktoria Köln (4. Platz, 3 Spiele, 2 Siege und eine Niederlage, 9:7 Tore, Differenz + 2)
Auf Essen wartet ein echter Prüfstein. Die Kölner Viktoria ist in der Dritten Liga nicht totzukriegen. Des Öfteren werden ihr schlechte Karten zugeschrieben und der Abstieg prophezeit, doch dann kommt es immer anders. In echte Abstiegsgefahr geriet man nie und wenn man sich die bisherigen Auftritte in der noch jungen Saison anschaut, dann wird das auch dieses Jahr nicht der Fall sein. Im Gegenteil, die Auftritte des Teams des jungen Trainers Marian Wilhelm sprachen eine ganz andere Sprache.
Zwar geriet man am ersten Spieltag mit 2:5 zuhause gegen Jahn Regensburg unter die Räder, eine Parallele zu RWE (2:5 in Saarbrücken), doch dann zeigte der Klub von der Schäl Sick was eine Harke ist. Man siegte 3:1 bei Stuttgart 2, zwang den Zweitligisten 1. FC Nürnberg in ein Elfmeterschießen, das Kölle erst mit dem 14. Schuss verloren geben musste, und putzte dann Preußen Münster mit 4:1 von der Platte. Lohn, Platz 4 und zwei Punkte mehr auf dem Konto als Gastgeber Rot-Weiss Essen.
RWE sollte gewarnt sein. Insbesondere der Auftritt der Viktoria gegen Preußen Münster zeigte die Qualität dieser Truppe. Im Grunde waren die Adlerträger chancenlos. Köln zeigte in diesem Spiel alles, was eine gute Truppe ausmacht. Eine zumindest lange Zeit gute defensive Stabilität, einen extrem kultivierten Spielaufbau, schnelles Spiel in die Spitze, wenn es möglich war und hohe Ballsicherheit. Das Ergebnis, Münster lag 0: 2 hinten, bevor es sich versah, kassierte nach dem Anschlusstreffer schnell das 1:3 und kam in Hälfte zwei kaum an den Ball, weil Köln diesen im SC-Verl-Style zirkulieren ließ und Münster nicht ins Pressing kam. Das Spiel hätte sogar höher als 4:1 ausgehen können, denn der übereifrig agierende japanische Austauschschiedsrichter pfiff den Kölnern noch ein weiteres Tor durch schlechte Vorteilsauslegung zurück.
Gemessen an dieser Partie wartet auf Rot-Weiss Essen ein schwerer Brocken. Auch individuell ist Viktoria Köln gut besetzt. Die vier bislang eingesetzten Stürmer Niklas Castelle, Noah Maboulou, David Otto und Alexander Propopenko sorgten zusammen für nicht weniger als 8 Tore in 3 Spielen. Aus dem Mittelfeld und bei Standards kommt viel Kreativität von Taylan Duman, der Essen als Mitglied der Aufstiegsmannschaft des BVB2 2020/21 das Leben schwer gemacht hatte und danach in Nürnberg Zweitligaluft schnupperte. Auffällig war zudem der Auftritt von Außenbahnspieler Yannick Tonye, der Tempo und Technik vereint. RWE wird in der Defensive gefordert sein und im Zentrum sehr präsent und agil sein müssen, um Dominanz zu erlangen.
Eine Chance für die Essener liegt womöglich an dem sehr risikoreichen Aufbauspiel der Viktoria, die den Ball selbst in sehr engen Situationen gewagt herausspielen möchte. Kann RWE Bälle in gefährlichen Räumen erobern, könnte das die Siegesgöttin vom Sockel stoßen.
Fazit und über den Tellerrand geschaut: Die Lage in der Dritten Liga
RWE steht vor einem Heimspieldoppelpack gegen Viktoria Köln und die Würzburger Kickers. Essens Anhang erwartet nicht weniger als 6 Punkte daraus, dann wäre der Saisonstart geglückt. Doch um das Spiel gegen die Viktoria auf ihre Seite zu ziehen, werden die Rot-Weissen voraussichtlich eine Top-Leistung benötigen. Überhaupt sollten wir Anhänger Geduld beweisen. Das neu formierte Team muss erst noch zusammenwachsen und vor dem Hintergrund der erlangten wirtschaftlichen Stabilität ist RWE anders als andere Klubs in dieser Liga nicht zum schnellen Aufstieg verdammt. In der Ruhe liegt die Kraft, aber wie schon vor einiger Zeit einmal geschrieben, Rot-Weiss Essen ohne Druck im Umfeld wäre die Sahara ohne Sand. Schlichtweg nicht vorstellbar.
Was passiert sonst in der Liga? Am Freitagabend will der Audi über die Printen hinwegrollen und zumindest vorübergehend auf den zweiten Platz. Ingolstadt empfängt Alemannia Aachen.
Neben der Essener Partie gibt es am Samstag fünf weitere. Mit großem Interesse darf das Match zwischen Hansa Rostock und Wehen Wiesbaden erwartet werden. Die Kogge marschiert, ist aber defensiv verwundbar. Vielleicht schafft Wehen mit Ex-RWE-Kapitän Michael Schultz an Bord eine Trendwende. Preußen Münster, dessen Fans zuletzt anlässlich des NRW-Tages beim Auswärtsmatch bei der Viktoria separatistische Bestrebungen Westfalens formulierten, aber von den Armeen des Rheinlands überrollt wurden, empfangen das stetige Stehaufmännchen aus Havelse. Waldhof Mannheim versaute sich nach 2:0-Führung in Havelse den fast perfekten Saisonstart und unterlag noch 2:3. Die Punkte gegen den taumelnden SC Verl, das einzige noch punktlose Team, sind fest eingeplant. Vielleicht folgt die nächste böse Überraschung. Der SV Meppen empfängt den 1. FC Saarbrücken und der Tabellenführer Duisburg muss zu Jahn Regensburg. Dort möchte der bislang eher enttäuschte Sascha Hildmann Regenstürme über den Meiderichern entfachen. Nur zu.
Am Sonntag sind für den neutralen Betrachter die Partien zwischen Würzburg und Stuttgart II sowie Großaspach gegen Hoffenheim II eher abtörnend. Wenn aber Fortuna Düsseldorf am Sonntagabend zum rheinischen Derby gegen Fortuna Köln anreist, dann wird den Landeshauptstädtern ganz besonders schmerzlich bewusst, dass sie in der dritten Liga angekommen sind. Statt im Rhein-Energie-Stadion beim FZÄH Kölle geht es ins zugige Südstadion. Am besten wir machen es paritätisch für die Stadt Köln. Während die Fortuna die Namensschwester aus Düsseldorf putzt, holen wir uns den Dreier gegen die Viktoria.
NUR DER RWE!
Sven Meyering

