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2025/2026 – 3. Liga

Rot-Weiss Essen – SC Verl

Zwei Spieltage vor Saisonende kommt der „Lieblingsgegner“ der Rot-Weissen, der SC Verl, an die ausverkaufte Hafenstraße. Aufstieg, die goldene Ananas oder ein Trostpflaster? Welche Szenarien möglich sind, erfahrt Ihr im Vorbericht.

Aufstieg, die goldene Ananas oder ein Trostpflaster? RWE hofft im Saisonendspurt auf Verlrückte Sachen

Ganz Fußball-Essen befand sich am vergangenen Samstagnachmittag in Schockstarre. Nach dem 1:6-Debakel bei der Zweitvertretung des VFB Stuttgart 2 hat Fußball-Drittligist Rot-Weiss Essen seine zuvor noch immer guten Karten vollends aus der Hand gegeben. Drei Spieltage zuvor war RWE beim Gastspiel in Cottbus nach 70 Minuten mit einem Bein in der zweiten Liga. Nur 200 Ligaminuten später müssen die Essener womöglich auf der Geschäftsstelle einen Regalplatz für den unbeliebteste aller Fußball-Preise suchen, die goldene Ananas.

Dieses Symbol einer sinnentleerten Saison droht RWE im Falle eines weiteren Abrutschens in der Tabelle ab Platz 5. Denn dann wäre nicht einmal mehr die Qualifikation für die erste Hauptrunde des DFB-Pokals erreicht, nachdem die Essener auch im Verbandspokal bereits die Segel hatten streichen müssen. Das Trostpflaster Platz 4 und damit den Einzug in den DFB-Pokal zu verteidigen ist das einzige Ziel, dass RWE nach einer Serie von drei Pleiten noch aus eigener Kraft erreichen kann. Andererseits gibt es tatsächlich auch noch die Chance auf die Relegation und sogar auf den direkten Aufstieg. Das ist aber wohl reiner Zweckoptimismus.

Damit sich eines dieser sehr großen Ziele noch realisieren ließe, braucht RWE neben eigenen Siegen am Samstag gegen den SC Verl und in der Woche darauf beim SSV Ulm Schützenhilfe von anderen Klubs. Angesichts der seit langem andauernden Durststrecke gegen den Kleinklub aus Ostwestfalen und den anderen Bedingungen, die noch eintreffen müssen, wäre ein Essener Doch-Noch-Aufstieg eine Verlrückte Sache. Hier kommt ein Vorbericht der etwas anderen Art.

Schießbude Rot-Weiss Essen – Ist der Aufstieg futsch? Die Rechenoptionen

Essens Defensiv-Bilanz ist nicht die eines Auf- sondern die eines Absteigers. Mit mittlerweile 64 Gegentoren nach 36 Spieltagen (Schnitt 1,77) ist mit ziemlicher Sicherheit noch nie ein Team aus der dritten in die zweite Liga aufgestiegen. In den drei Spielzeiten, die Essen bislang der Liga angehört hat, hält Preußen Münster, das nun in den Schoß der Drittligafamilie zurückkehren wird, den Negativrekord mit 49 Gegentreffern nach der wohlgemerkt kompletten Saison. Nach der gleich zweiten 1:6 Klatsche der Saison, die erste fing sich Essen Mitte der Hinrunde in Mannheim, hat man sich das Torverhältnis auf das Gründlichste ruiniert. So gründlich, dass Essen auch bei Punktgleichheit mit Cottbus oder Duisburg den Kürzeren ziehen würde.

So reichen Energie und dem MSV jeweils 4 Zähler aus den beiden Restpartien, um Essen auf Distanz zu halten. Holt RWE seinerseits nicht die volle Ausbeute an Punkten bereits weniger. Allerdings belauern sich die Lausitzer und die Zebras im Kampf um den direkten Aufstiegsplatz. Cottbus hat hier bei Punktgleichheit das nur um zwei Zähler bessere Torverhältnis. Somit müssen beide Teams zweimal den Sieg anstreben und dürfen sich nicht auf Rechenspiele verlassen. Der MSV darf am Freitagabend vorlegen. Beim feststehenden Absteiger in Aue. Die Veilchen zeigten zuletzt ein Lebenszeichen beim Sieg in Ingolstadt. Der Druck des Gewinnen-Müssens liegt beim MSV, die Auer spielen um einen würdevollen Abschied vor dem eigenen Publikum sowie um Anschlussverträge hier oder dort. Man hat ja schon Zebras vor der Erzgebirgs-Apotheke kotzen gesehen. Anderenfalls darf man bei der heimstärksten Mannschaft der Liga aus Duisburg wohl kaum darauf hoffen, dass man in der Folgewoche zuhause gegen die Kölner Viktoria stolpert.

Insofern Cottbus-Coach Pele Wollitz noch zwischen Schiedsrichter-Schelte in der Aufarbeitung des letzten Spiels sowie prophylaktischer Schiedsrichter-Schelte in der Vorbereitung auf das nächste noch Zeit findet, sein Team auf den Gast aus Wiesbaden einzustellen, wird er womöglich vor deren Torjäger Fatih Kaya warnen und sich überlegen, wie er die Gelbsperre von Topzehner Tolcay Cigerci nicht nur verbal kompensieren kann.

Danach geht es für Pele zu Sascha Hildmann nach Regensburg, wo Hildmann, schon immer geliebt und respektiert von den Essener Fans, mit seiner Mannschaft sicherlich alles dafür tun wird, dass er in Essen zur Legende wird. Also, da muss RWE ja nur noch seine Hausaufgaben erledigen.

Verl nach fast 10 Jahren schlagen! Aber wie?

Bei all den Dingen, die auf anderen Plätzen passieren müssten, wäre es aber bereits schon eine verlrückte Sache, den Sportclub aus dem Kreis Gütersloh nach fast 10 langen Jahren einmal wieder zu besiegen. Denn meistens war es seitdem leider wie Verlflixt und zugenäht. Die Treffer von Kasim Rabihic und Vojno Jesic sicherten RWE am Abend des 16.09.2016 (!) unter Chefcoach Sven Demandt einen 2:0-Erfolg über Verl. Seitdem gab es in 13 Partien beider Teams gegeneinander 8 Remis und 5 Niederlagen für RWE bei einer Tordifferenz von 9:24. Das macht wenig Hoffnung. Um das Minimalziel zu erreichen, die Übergabe der Goldenen Ananas durch den Gast aus Ostwestfalen zu verhindern, muss ein Remis her. Siegen die Verler an der Hafenstraße, wäre der Super-Gau nahezu perfekt und sogar noch die DFB-Pokalqualifikation futsch. Nach den letzten drei RWE-Auftritten mit 0 Punkten und 5:13 Treffern wäre ein Unentschieden allerdings schon mehr, als viele RWE-Fans noch für möglich halten. Leben Totgesagte länger?

Darauf gab die Liga in den letzten Wochen immer nur eine Antwort, und zwar ja. Bislang allerdings zum Leidwesen der Essener, die nach einer Siegesserie von 7 Erfolgen am Stück von vielen schon zum Aufsteiger erklärt worden waren. Der Anfang April an der Hafenstraße vollkommen verdient von den Essenern besiegte MSV Duisburg rechnete wohl spätestens nach seiner 1:3-Schlappe auf dem Aachener Tivoli nicht mehr damit, noch irgendeine Schnitte gegen Essen zu bekommen. Doch RWE sorgte leider dafür, dass es doch so kam. Will man noch einen größeren Wurf tätigen, dann muss der Verl-Fluch besiegt werden. Nur wie?

Die Gäste aus Ostwestfalen kommen ohne großen Druck, zumal man die Qualifikation für den DFB-Pokal ohnehin durch einen Erfolg im Westfalenpokal über die Sportfreunde Lotte sicherstellen könnte. In der Liga hat eine Form- und Ergebniskrise zwischendurch den Verlern nahezu alle realistischen Aufstiegschancen genommen. Ohnehin, was will man in Liga 2 mit einem Stadion, das dafür nicht geeignet und einem Fanpotzenzial, das bezirksligareif ist? Wieder vor einer gähnend leeren Heim-Hütte in Paderborn spielen und 34 Auswärtsspiele zu haben oder sich mit dem Lokalrivalen FC Gütersloh ein neues größeres Stadion bauen? Wohl nicht unbedingt.

Allerdings tut man eines gerne beim kleinen SC Verl, großen Klubs in die Suppe spucken. Man wird in Essen wie üblich darauf aus sein, die Gastgeber der Lächerlichkeit preiszugeben und mit Ostwestfalen-Tiki-Taka zu zermürben. In den Vorjahren hieß es 0:5 und 1:3 aus RWE-Sicht. Coach Tobias Strobl, dessen rhetorische Versiertheit sich noch nicht einmal hinter der des Revier-Sokrates Uwe Koschinat verstecken muss, wird seine Philosophie, den Fußball des 21. Jahrhunderts mit dem SC Verl neu zu definieren und zu revolutionieren an der Hafenstraße 97 A vorführen wollen. Und Vorführen wollen die Verler die Gastgeber ohnehin. Eine Chance für RWE, dass die chronisch-pathologischen Verler Arroganz-Anfälle, die dem SCV immer wieder diverse Punkte kosteten, auch und besonders in Essen wieder ausbrechen werden.

Doch was kann RWE selber tun? Vielleicht gelingt Lucas Brumme ein direktes Einwurftor, das der Schiri einfach mal anerkennt und von Babak Rafati wegen der besonderen Flugkurve als regulärer Treffer legitimiert wird, läuft Ramien Safi frei auf den Keeper zu und trifft danach ins Tor oder der SC Verl schießt bei seiner grundsätzlich enorm riskanten Spieleröffnung einfach ein Eigentor und im Mittelfeld hat mal jemand anderes als Klaus Gjasula echte Eier. Wie gesagt, wir hoffen auf verlrückte Dinge. Und dann muss hinten immer noch die Null stehen. Das erscheint fast als das aller verlrückteste. Doch wenn Uwe Koschinat verlrückterweise in der Abwehr nach Leistungsprinzip aufstellte, müssen Tobias Kraulich und Ben Hüning für Michael Schultz und Rios Alonso spielen.

Und dann wird Christian Ruthenbeck bei der Essener Startaufstellung endlich einmal wieder die goldene Pläte Kraule ankündigen können und RWE tatsächlich über einen Spielaufbau aus der Abwehr heraus verfügen. Womöglich gibt es noch nicht einmal den 15. Saisonelfer gegen RWE und auf den Flügeln wird defensiv gedoppelt und nicht „Eins gegen Zwei verteidigt“, was schon in Cottbus und Saarbrücken so schön gewesen war. Zu vermessen wollen wir aber nicht sein. Wer den Uwe kennt, der rechnet ohnehin mit der Rückkehr zur Fünferkette, nicht dass ein Spiel, das man zwingend gewinnen muss, am Ende noch mutig angegangen wird. Gegen Saarbrücken waren wir ja auch nicht nach der Führung passiv, sondern wagemutig. Das galt zumindest für den Trainer, alle anderen Betrachter hatten das falsch interpretiert, weil sie das Spiel halt nicht richtig zu lesen vermögen. In Stuttgart war man wiederum höchstens beim Aussteigen aus dem Mannschaftsbus womöglich so etwas wie strukturiert, Zeugen dafür gab es keine. Verlrückt.

Ansonsten hoch mit den Floskeln! Sich die Krise aus den Trikots schütteln, von Spiel zu Spiel und nicht dem Gegner hinterher schauen, 90 Minuten plus X Gras fressen, um jeden Zentimeter Boden und Ball kämpfen, Berkan Taz bis zur Toilette in Manndeckung nehmen, den Verlern die Luft aus dem Ball lassen, Hafenstraßenfußball spielen – nein, nicht den von Jan Siewert – den Schiedsrichter nach Fehlentscheidungen ans Telefon rufen und zusätzlich darauf hinweisen, wo sein Auto steht, so wie in Persona von Marc-Nicolai Pfeifer dessen Kabine bereits zur Halbzeit stürmen, um weitere Überzeugungsarbeit zu leisten, das Magenta-Interview mit Uwe Koschinat vor dem Spiel am Mittelkreis so lange weiter führen, bis Verl keinen Bock mehr hat aufzulaufen oder den historischen Verl-Bezwinger Sven Demandt für diese Partie zum Headcoach machen.

Vor dem Spiel haut Ruthe noch einen gegen die 15 Verler-Away-Supporter raus, die Transpis gegen die unverschämte Vereinnahmung von Tribünenplätzen für die Heim-Fans hochhalten, und tituliert sie als Möchtegern-Bielefelder. Dann bleibt denen die Spucke auch noch weg. Ja dann, dann könnte es klappen mit dem ersten Dreier gegen Verl seit einem Jahrzehnt und unsere Auswärtsfahrt nach Ulm bekäme noch eine sportliche Bedeutung und wäre kein Saison-Abschluss-Tingeltangel. Und daran glauben wir doch alle ganz fest! Ansonsten sorgt die SGS ja dafür, dass in Essen nächstes Jahr definitiv Zweitligafußball angeboten werden wird.

NUR DER RWE!

Sven Meyering