Spielbericht
In 20 Minuten aus dem Himmel in die Hölle – RWE unterliegt in einem Wahnsinnsspiel mit 3:5 bei Energie Cottbus
Es gibt Tage, an dem der Fußball seine ganz besondere Dynamik entwickelt. Dazu gehörte auch dieses Spiel am Sonntagnachmittag in der Lausitz. RWE spielte mehr als eine Stunde lang ein super Spiel, führte abgeklärt mit 3:1 nach Treffern von Safi (21.), Müsel (39.) und Janssen (53.) bei einem zwischenzeitlichen Ausgleich von Engelhardt (32.). Diese Führung hielt man bis in die 73. Minute, dann rollte Tolcay Cigerci über Essen hinweg und stellte mit einem lupenreinen Hattrick auf 4:3 für Cottbus (73./78./82.), in der Nachspielzeit machte Biankadi noch das 5:3. Cottbus ist wieder voll im Aufstiegsrennen, RWE behält zwar den zweiten Platz, hatte aber nach 73 Minuten die zweite Liga schon fest im Visier, das nun ordentlich verrutscht ist.
Das Personal
Vor Jakob Golz im Tor bildeten Alonso und Kapitän Michael Schulz die Innenverteidigung. Auf dem linken Flügel gab es diesmal das Pärchen Franci Bouebari und Dickson Abiama, auf der anderen Seite wurde Ramien Safi für Lukas Brumme in die Partie genommen, weswegen Abiama die Seite wechselte. Hofmann verteidigte dahinter. Das zentrale Mittelfeld bildeten Müsel und Gjasula, Kaito Mizuta spielte davor hinter Marek Janssen.
Nach 64 Minuten begann die Zeit der Wechsel. Ben Hüning kam für den bereits gelb verwarnten Jannik Hofmann auf die rechte Verteidigerposition und Potocnik ersetzte Janssen im Sturm. Nach 71 Minuten kam Marvin Obuz für Ramien Safi in die Partie. Die beiden letzten Wechsel vollzog RWE, als Cottbus das Spiel leider schon komplett gedreht hatte. Nach 85 Minuten ersetzte Ruben Reisig auf der 6 Klaus Gjasula und Kelsey Owusu kam nach langer Zeit mal wieder zu einem Einsatz und ersetzte Abiama.
Die Pluspunkte
RWE zeigte sehr lange ein sehr, gutes Spiel. Die Essener übernahmen von Anfang an die Initiative und Energie Cottbus schien zur Überraschung aller eher auf das Umschaltspiel zu setzen, als das Spiel selber in die Hand zu nehmen. Durch einen eigenen Umschaltmoment kam Essen aber dann zur Führung. Ramien Safi war es, der einen Abpraller nutzte, als Marek Janssen ein Zuspiel von Mizuta zu einer Drehung und einem Abschluss nutzte, den Cottbus Keeper Funk nur nach vorne prallen lassen konnte. Ebenso zeigte sich RWE nach dem Ausgleich zum 1:1 stark bei einem Standard, Müsel lief ein und wurde bei seinem Kopfstoß relativ unbegleitet gelassen. Die erneute Führung war hergestellt. Essens linker Flügel mit Bouebari und Abiama ließ zu diesem Zeitpunkt nichts zu und ging immer wieder energisch nach vorne. Nach dem Seitenwechsel war RWE sofort wieder präsent und nutzte einen weiteren Standard zum 3:1. Rios Alonso hatte am zweiten Pfosten einen Eckstoß nach innen geköpft und Marek Janssen den Fuß reingehalten. RWE schien auf die Siegerstraße zu laufen und war abgeklärt und gut am Ball. Um ein Haar hätte Franci Bouebari sogar das 4:1 markiert, das hätte den Sack zugemacht. Dann begann der Part der Hölle.
Die Minuspunkte
Beim Treffer zum 1:1 deutete sich an, was auch in der zweiten Hälfte später zu einem Problem werden sollte. RWE war vor allem über seine rechte Abwehrseite zu knacken. Ein Cottbuser Spieler durfte antreten und wurde einfach nur mit dem Ball begleitet. Seine Rückgabe verwandelte Engelhardt mit der Pike ins kurze Eck, da sah auch Jakob Golz nicht gut aus. Ansonsten waren die vielen Eckstöße für die Gastgeber latent beunruhigend. In der zweiten Hälfte wurde wurde Essen in den letzten 20 Minuten förmlich überrollt. Man hatte das Spiel lange Zeit völlig im Griff. Dann schlichen sich Nachlässigkeiten ein, man vergab die Chance zum 4:1 und nach Fehlern von Alonso lag das 2:3 zweimal in der Lausitzer Luft. Das fiel dann aber doch.
Ob man bei der Situation, siehe Aufreger, von Michael Schultz gegen Engelhardt wirklich Elfmeter pfeifen muss, sei dahin gestellt. Jedenfalls wurde das Spiel mit dem 2:3 ein völlig anderes und Cottbus drückte nur noch. RWE war Fehler behaftet, ein Freistoß von Cigerci trudelte ins lange Eck, 3:3, und auch vor dem Gegentreffer zum 3:4 war man zu passiv. Cottbus spielte sich zuvor wunderbar frei, Essen begleitete den überragenden Spielmacher Cigerci nur, anstatt ihn zu stellen oder auch gelb würdig taktisch zu Fall zu bringen. Der Schuss des brillanten Zehners schlug unhaltbar für Golz ein. Es sollte bekannt sein, dass man Cigerci so nicht schießen lassen darf. Das 3:5 war letztendlich aus der Situation geboren, das Essen nun alles nach vorne warf. Solche Dinge passieren dann. Es bleibt nur zu hoffen, dass diese wirklich schlimme Berg-und Talfahrt, die RWE aus dem Himmel in die Hölle versetzte, sich nicht in den Köpfen der Spieler festsetzt. Das Interview von Trainer Uwe Koschinat nach dem Spiel Ende machte in dieser Hinsicht Hoffnung.
Die Aufreger
Schon vor dem Spiel war es eigentlich Aufregung genug, dass der von vielen als Kult Trainer bezeichnete Lausitzer-Verbal-Hooligan Pelé Wollitz gegen alles und jeden austeilte, vor allem gegen seinen Ex-Club den VfL Osnabrück, allerdings auch gegen die Schiedsrichter. Das war letztendlich als sehr billiges Manöver abzutun, Schiedsrichter Robert Hartmann zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Dieser verwehrte RWE dann auch nach einem Abschluss von Kaito Mizuta einen klaren Handelfmeter, als Awortwie Grant den Arm zumindest leicht zur Abwehr ausfuhr. Nach dem 1:3 brachte Cottbus unfassbare Hektik ins Spiel und Uwe Koschinat machte den Strafstoß, der zum 2:3 führte, als den am Ende achten Versuch aus, einen Elfmeter zu schinden.
In der 73. Minute zeigte das Erfolg, der Zweikampf zwischen Schultz und einem Cottbuser Angreifer wurde von Hartmann in einer schwierigen 50:50 Situation zu Gunsten der Cottbuser entschieden. Kannst du zwar geben, aber wenn ein Cottbuser nach dem anderen mit wehenden Haaren und rudernden Armen durch die Essener Box fliegt und die Ersatzspieler hinter dem Tor keifend auf den Platz rennen, wird der Druck auf den Referee irgendwann zu groß. Es spricht nicht für den Stil des Trainers Wollitz, den er bei anderen stets anmahnt, zu welchen Mätzchen sein Team fortwährend griff. Und während der unglückliche Verlierer Uwe Koschinat ein faires Interview gab, verweigerte sich Wollitz auch nach dem Spiel einem Interview. Meine persönliche Meinung, Unsportlichkeiten und sauschlechtes Benehmen sind nicht kultisch, sondern idiotisch.
Fazit und über den Tellerrand geschaut: Die Lage in der Dritten Liga
Einige im Essener Lager hatten vielleicht schon ein Siegesstauder an den Lippen und träumten von der zweiten Liga. Nun allerdings schaut RWE etwas dumm aus der Wäsche. Aber man ist immer noch Zweiter, wenn auch nur noch mit einem Punkt Vorsprung. Daher zählt Essen aber durchaus zu den Verlierern des Spieltags gemeinsam mit Hansa Rostock, das beim Tabellenschlusslicht Schweinfurt nicht über ein torloses Remis hinauskam. Der MSV Duisburg rückt RWE wieder auf die Pelle. Der MSV siegte gegen die Zweit-Vertretung der TSG Hoffenheim mit 3:1 und ist ebenfalls nur noch einen Punkt von der Koschinat-Elf getrennt.
Der MSV kann am folgenden Freitag auf dem Aachener Tivoli vorlegen. Die Alemannia ist allerdings in einer top Verfassung und neben Essen hoffen wohl auch alle anderen Aufstiegsanwärter darauf, dass dem MSV dort ein Beinchen gestellt werden wird. Verl meldete sich mit einem 2:0 über Viktoria Köln zurück in den Kreis der Aufstiegsanwärter. Zumindest kann man an der Poststraße wieder hoffen.
Unter dem Strich muss man sagen, Fußball ist manchmal schön und grausam. Für den Betrachter war es ein wahnsinniges Spiel, indem RWE sich am Ende Ende nicht das vorzuwerfen hat, was das Ergebnis ausdrückt. So etwas passiert im Fußball, und wer das Interview von Uwe Koschinat an den Magenta-Mikrofonen verfolgte, das objektiv fair und sportlich war, aber subtile Spitzen gegen die Spielweise des Gegners und seinem Trainer bereit hielt, nahm auch die hoch erhobene Haltung des zuvor siebenmal in Folge siegreichen RWE-Coaches wahr. Am nächsten Sonntag geht es gegen den 1. FC Saarbrücken um für beide Mannschaften sehr wichtige Punkte. Essen schaut nach oben. Saarbrücken will unten endlich wegkommen.
In diesem Sinne
NUR DER RWE!
Sven Meyering
