Spielbericht
Sensation perfekt! – RWE zieht gegen St. Pauli in die 2. Pokalrunde ein
Als die vier Minuten Nachspielzeit beendet waren, lagen sich die RWE-Fans in den Armen. Zum ersten Mal seit dem 1:0-Sieg über Arminia Bielefeld vor sechs Jahren, konnte Rot-Weiss Essen in die zweite Pokalrunde einziehen. Auch wenn St. Pauli gute Möglichkeiten hatte, erlebten die 18.800 Zuschauer eine erstaunlich abgeklärte Essener Mannschaft, die den Sieg erzwingen wollte und dies auch souverän umsetzte.
Das Personal
Auch auf unserer Plattform wurde Uwe Koschinat durchaus hart kritisiert, aber heute muss man ein großes Lob an den Trainer aussprechen, der die Mannschaft perfekt auf den klassenhöheren Gegner einstellte und auch Mut zum Risiko bei der Aufstellung bewies und dafür belohnt wurde. Es lässt vielleicht einen Blick in die Gedankenwelt von Fußballfans zu, dass wir kein Gegenstück zum Wort „vercoacht“ haben, es wäre hier angebracht.
Am Mittwoch im Dauerregen in Sonsbeck spielte Marvin Obuz groß auf und zeigte, welch enorme Fähigkeiten er besitzt. In Richtung Pokalspiel wäre man von Außen vorsichtig bei der Bewertung des Auftritts gewesen, denn zwischen dem Oberligisten Sonsbeck und dem Zweitligisten St. Pauli liegen immerhin 3 Ligen, was eine objektive Beurteilung gar nicht zulässt. Koschinat vertraute auf die Form von Obuz und den Dreierpack von Noah Pesch und ließ die beiden auf den Außenbahnen starten. Marvin Obuz sollte das Vertrauen mit einem starken Auftritt zurückzahlen und auch Noah Pesch deutete an, dass man noch viel Freude an ihm haben wird.
Die Pluspunkte
Seit zwei Wochen wurde darüber spekuliert, dass Koschinat gegen St. Pauli auf die Dreierkette umstellt, aber hier strafte er die Prognosen Lügen und vertraute auf die Viererkette, auf die er auch im Ligabetrieb vertraute. Während die Abwehrkette in Hälfte Eins noch gefährlich wackelte, zeigte sich der Rot-Weisse Abwehrverband im zweiten Durchgang bärenstark und ließ nicht eine Torchance zu.
Es war eine Mannschaftsleistung, bei der wirklich alle 16 eingesetzten Spieler gezeigt haben, dass mit ihnen zu rechnen ist. Dennoch ist es beeindruckend, welchen Entwicklungsschritt Marek Janssen gemacht hat, der nicht nur für den letzten Ballkontakt vor dem Abschluss auf dem Platz stand, sondern sich sehr aktiv ins Spiel eingebunden und seine Mitspieler gut in Szene gesetzt hat. Während er noch in der 33. Minute freistehend am gegnerischen Torwart scheiterte, stahl sich Janssen drei Minuten später in den Rücken der Abwehr und verwandelte eine perfekte Flanke von Marvin Obuz zum erlösenden 1:0.
Über Semir Telalovic braucht man gar nicht mehr zu reden. Seine Bewegungsabläufe, mit denen er sich Freiräume schafft, sind beeindruckend und es ist kein Zufall, wie viele Treffer er nach so kurzer Zeit auf der Habenseite hat. So schloss er nach einer Traumflanke von Jannik Hofmann gekonnt ab und sorgte für die frühe Vorentscheidung bereits zu Beginn der zweiten Halbzeit.
Aber auch Janne Sietan, der bei den Betrachtungen häufig links liegen gelassen wurde, zeigte, warum sich RWE so früh für ihn entschieden hat. Er präsentierte sich als Zweikampfmonster und unterstützte, als er den Druck auf Jannik Hofmann bemerkte, den Rechtsverteidiger regelmäßig, sodass über rechts nicht mehr viel ging.
Darüber hinaus hatte Rot-Weiss offensichtlich die Ansage bekommen, sich auch nach einer Führung nicht hinten einzuigeln und weiter offensiv zu verteidigen. Auch das hat den Blutdruck auf den Rängen geschont. RWE war aggressiv und holte sich die Bälle häufig aus den Angriffsbemühungen des Kiezklubs, wodurch gefährliche Situationen schon im Ansatz entschärft wurden.
Insgesamt war das Fazit, dass viele Zuschauer RWE auf Augenhöhe empfanden, was angesichts des großen Sprungs von zweiter zu dritter Liga ein gigantisches Kompliment für den Trainerstab und die Spieler darstellt.
Die Knackpunkte
In der ersten Hälfte präsentierte sich die RWE-Defensive noch nicht sehr sattelfest und erfahrene Fußballfans wissen, dass das Spiel ein anderes geworden wäre, hätte der FC St. Pauli seine zahlreichen richtig guten Einschussmöglichkeiten genutzt.
Keine 20 Minuten waren gespielt, als Max Geschwill sich im Zweikampf verschätzte und Arkadiusz Pyrka ziehen lassen musste, der einen fast perfekten Pass auf Martijn Kaars spielte, der leicht im Rücken angespielt aus vier Metern einfach ins freie Tor abprallen lassen musste. Er versuchte jedoch ein wenig Kraft in den Schuss zu legen und verfehlte das leere Tor um viele Meter. Das musste das 1:0 für den Gast sein.
Es spricht für Max Geschwill, auf dessen Kappe diese Szene ging, dass er sich ins Spiel zurückkämpfte, wichtige Impulse im Spielaufbau gab und auch in den Zweikämpfen zunehmend sicherer wurde.
Auch in der 31. Minute konnte Martijn Kaars einen Abpraller von Jakob Golz freistehend und volley verwerten, aber auch hier schoss er über das Tor. Kaars nahm nach dem Spiel die Niederlage auf seine Kappe, was sein Trainer relativierte. Es gibt selbst für so talentierte Stürmer Tage, an denen auch gar nichts klappen will und alle Essener sind dankbar, dass Kaars so einen Tag genau beim Pokalspiel erwischte, der ihm so sicher nicht noch einmal widerfahren wird.
Kurz vor der Pause verfehlte auch Hrgota aus guter Position das Essener Gehäuse. Auch wenn man sich über die angebotenen Möglichkeiten ärgert, muss man zugestehen, dass St. Pauli eine enorme individuelle Klasse aufbietet, die man nicht komplett ausschalten kann und mehr noch, dass die defensive Grundstruktur in Hälfte Zwei einfach nichts mehr zuließ. Darauf lässt sich aufbauen.
Der Aufreger
Auch wenn die Vergabe gelber Karten vollkommen willkürlich erfolgte – so war ein taktisches Foul mal gelbwürdig, mal nicht, ein Draufgehaltener Schlappen ist offenbar nicht mehr mit gelber Karte zu ahnden – war Schiedsrichter Tobias Reichel in der Spielführung wirklich stark. Er setzte sich angenehm von den häufig zu beobachtenden Selbstdarstellern ab und verlieh durch seine Körpersprache eine Ruhe, die dieses Spiel nicht allzu schwer zu pfeifen machte.
Der größte Aufreger aus Sicht der Gäste bestand vermutlich darin, sich gar nicht richtig aufregen zu können. Dabei wurde seitens Teilen der St. Pauli-Ultras alles dafür getan, das Pokalspiel zu politisieren und RWE basierend auf dem hinreichend zerpflückten Monitor-Bericht ein massives Problem mit Rechtsextremismus anzudichten – Reisewarnungen für Gästefans inklusive.
Als Beleg für den Rechtsextremismus musste dann schon der schwarz-rot-goldene Rand des auch auf der Choreo sichtbaren Fanshirts herhalten. „Nie wieder Deutschland!“ schallte es da aus dem Gästeblock und die Ultras Sankt Pauli entblödeten sich auch nicht, ernsthaft von einer „faschoverseuchten“ Fanszene zu schreiben. Zur Erinnerung: Das stammt aus der Feder derselben Fans, die letzte Saison noch einem Kapitän zujubelten, der in einem Trikot posierte, das symbolisch den jüdischen Staat von der Landkarte ausradiert hatte und die mit internationalen Fanclubs kooperieren, die zum Teil offen mit der Hamas sympathisieren. Vielleicht sollte man in Hamburg erstmal vor der eigenen Haustür kehren und sich zudem ab und an mal auf Fußball konzentrieren. Wie das geht, hat RWE den Gästen auf dem Platz und auf den Rängen in beeindruckender Manier gezeigt.
Allerdings wurde auch auf Westseite ein Plakat an die Ultras St. Pauli adressiert, das dann eher unangenehm war, als dass es die gegnerische Gruppierung treffend aufs Korn genommen hätte.
Fazit
Was für ein Sonntagabend! RWE schafft es einmal mehr in die nächste Pokalrunde und nimmt damit zusätzliche Prämien von über 450.000€ plus die Einnahmen eines weiteren ausverkauften Heimspiels ein. Viel wichtiger als das können wir RWE-Fans uns über eine weitere Partie gegen einen bekannten Verein an der Hafenstraße freuen, Fußballherz was willst du mehr.
Noch wichtiger als der Pokal ist hierbei jedoch die Richtung, in die die Partie weist. Zwischen Pokal und Liga bestehen große Unterschiede, jedoch bleibt zu hoffen, dass die Mannschaft das Selbstbewusstsein aus diesem Sieg in die kommenden schwierigen Aufgaben mitnehmen kann. Heute haben alle Spieler gezeigt, dass sie RWE verbessern und als Mannschaft bestehen können. Heute darf und soll dieser tolle Erfolg gefeiert werden. Ab dann sollte der Fokus auf Wiesbaden liegen und mit all dem Rückenwind sollte auch die Skepsis auf Seiten der Zuschauer verschwunden sein, sodass wieder eine Einheit an der Hafenstraße entsteht.
In diesem Sinne: Nur der RWE!
Fotos





























































































