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2025/2026 – 3. Liga

VfB Stuttgart U21 – Rot-Weiss Essen (6:1)

Take me down to the Paradise City – oder besser, hol mich raus aus der RWE-Hölle.
Essen liefert beim 1:6 bei Stuttgart 2 eine Bankrotterklärung ab und lässt die Aufstiegshoffnungen in weite Ferne rücken. Fotos und Spielbericht sind online.

Spielbericht

Take me down to the Paradise City – Oder besser, hol mich raus aus der RWE-Hölle

Essen liefert beim 1:6 bei Stuttgart 2 eine Bankrotterklärung ab

Der alte Guns‘n Roses Klassiker, der kurz nach dem Schlusspfiff durch das Stadion in Großaspach hallte, muss allen RWE-Fans vor Ort wie purer Sarkasmus erschienen sein. Statt ans Paradies dachten die meisten Anhänger wohl eher an die Hölle. Binnen 200 Minuten seit der Schlussphase in Cottbus geriet RWE so unter die Ligaräder, dass man vom direkten Aufstiegskandidaten zu einer Truppe mutierte, die nun eher Platz 4 und die DFB-Pokal-Qualifikation sichern muss. Bereits zum zweiten Mal in dieser Spielzeit verlor Essen ein Auswärtsspiel mit 1:6. Ein Dreier bei der Reserve des VFB Stuttgart war fest eingeplant. Aber nach Treffern von Sessa (24./45.), Arevalo (56./76./82.) und Sankoh (56.) lag RWE mit sage und schreibe 0:6 hinten, bevor Cuber Potocnik in der Nachspielzeit den nur noch pflichtschuldig beklatschten Ehrentreffer erzielte. Wir versuchen uns an einer Aufarbeitung eines Nachmittags des Grauens.

Das Personal

RWE ging arg gebeutelt in die Partie. Klaus Gjasulas Gelbsperre gesellte sich noch ein Bänderriss zu. Ramien Safi fiel ebenfalls gesperrt aus, Dickson Abiama und Franci Bouebari fielen verletzt aus. Sicherlich keine Leichtgewichte. Dennoch betonte Trainer Uwe Koschinat vor dem Anpfiff, dass die dafür nachrückenden Spieler genügend Qualität hätten, um das zu kompensieren. Eine Aussage, die er nach dem Spiel sinngemäß revidieren sollte. So begann RWE mit Golz im Tor, Schultz und Alonso in der Innenverteidigung sowie Michael Kostka auf links und Jannik Hofmann auf rechts. Reisig ersetzte Gjasula neben Torben Müsel. Brumme, Mizuta und Obuz bildeten den offensiven Block hinter Stoßstürmer Marek Janssen. 

Schon zur Pause war für Obuz und Kostka Schicht im Schacht, es kamen Nils Kaiser und Cuber Potocnik. Essen agierte im Angesicht eines 0:2-Rückstands nun sehr offensiv, hinten fast Mann gegen Mann und vorne mit Doppelspitze. Nachdem sich der Rückstand infolgedessen bis zur 73. Minute verdoppelt hatte, durften sich Kelsey Owusu und Danny Schmidt anstelle von Ruben Reisig und Kaito Mizuta noch ein paar schwäbische Watschen abholen. Nachdem der VFB auf 6:0 gestellt hatte, belohnte Uwe Koschinat den seit Wochen trotz großer Defensivprobleme auf der Bank schmorenden Tobi Kraulich noch mit einem Kurzeinsatz (88.). Das dürfte Kraule enorm gefreut haben.

Was war da los?

Ein Spiel, das unerklärlich schien. Oder etwa doch? RWE wollte zunächst aufs Tempo drücken und übernahm die Initiative. Die VfB-Reserve gab sich im Gegensatz zum Hinspiel, als sie das Match an der Hafenstraße dominierte, zurückhaltend. Und sollte mit dieser Taktik goldrichtig liegen. Noch vor einiger Zeit erschien es undenkbar, aber Essen lief unter dem eigentlichen Sicherheitsfanatiker Uwe Koschinat den pfeilschnellen Stuttgartern ins offene Messer. Die Schwaben verteidigten kompakt und spielten bei Ballgewinnen ihre Tempovorteile gnadenlos aus. Und mit zunehmender Spielzeit auch immer gnadenloser.

Zunächst geriet RWE aber in Rückstand, weil man mal wieder unnötig in der eigenen Box foulte. Sessa zog mit dem Ball parallel zur Strafraumlinie leicht in Essens 16er hinein, einen möglichen Schuss unterband Ruben Reisig mit einem Tritt in Sessas Hacken. Der 14. (!) Strafstoß gegen Essen in dieser Saison. Golz hätte den Elfer- Schuss beinahe über die Latte lenken können, doch schon hier wurde klar, das Glück wird sich von RWE konsequent abwenden. Weil die erste Hälfte wegen diverser Unterbrechungen um gleich 4 Minuten verlängert wurde, hoffte RWE noch auf das 1:1, doch erneut war es Sessa, der in Cigerci-Gedächtnismanier durch das Mittelfeld spazierte und unhaltbar für Golz in den rechten Winkel schlenzte.

In der zweiten Hälfte ging RWE mit der Doppelspitze und einer zunehmend sich auflösenden Abwehrkette, RWE verteidigte nun eins gegen eins über das Feld, All in. Und wurde von den Stuttgartern bitterböse für diese Dinge bestraft. Es war fast schon tragisch, wie die RWE Verteidiger immer wieder den Stuttgarter Stürmern hinterherhechelten. Lediglich Jannik Hofmann war in der Lage, das Tempo der jungen Schwaben mitzugehen, und verteidigte noch zwei bis dreimal in toller Manier.

Michael Schultz, Rios Alonso und auch Nils Kaiser sahen nur noch die Hacken ihrer Gegenspieler. Aus einem dieser Gegenstöße fiel das 0:3, kurz darauf spielte Schultz unbedrängt einen kläglichen Ball in den Lauf eines Stuttgarters und es stand 0:4. Essen spielte weiter Harakiri und fing sich noch Gegentreffer 5 und 6. Uwe Koschinat muss sich fragen, wie er ausgerechnet gegen diesen Gegner auf die Idee gekommen ist, solche Wagnisse in der Defensive einzugehen. Hier und heute wäre es sinnvoller gewesen, im Spiel mehr Geduld zu zeigen. Dem Trainer müsste eigentlich bekannt sein, dass seine Abwehrspieler keine Sprinter sind, daher ist die Frage, warum er dann dem Gegner so viel Wiese gab und bereits in der ersten Hälfte besonders Essens linker Flügel hoch verwundbar war. Fast paralysiert liefen die Rot-Weißen auch nach einem aussichtslosen Rückstand weiter ins Verderben und ruinierten sich ihr Torverhältnis vollends.

Die Worte von Koschinat später am Mikrofon waren fragwürdig. Letztendlich war sein Fazit, dass die Spieler, die ins Match gekommen waren, nicht die Klasse der Spieler hatten, die sie ersetzen sollten, was er vor dem Anpfiff noch ganz anders kommuniziert hatte. Gegen Verl wolle er wieder eine schlagkräftige Truppe aufs Feld bringen, und an der Basis arbeiten. RWE lieferte ein Potpourri aus krassesten individuellen, aber auch kollektiven Fehlern. Die Frage ist, wie Koschinat selbst an der Basis arbeitete und ob seine Taktik am heutigen Tage wirklich angetan war, diesem Gegner zu begegnen. Stuttgart erzielte 5 von 6 Toren aus schnellen Umschaltmomenten. Alleine das Versagen der Mannschaft?

Zudem demütigte Koschinat seinen besten Innenverteidiger Tobi Kraulich nicht nur mit einem nicht mehr nachvollziehbaren Bankplatz, sondern setzte das Sahnehäubchen mit einer Einwechslung in der 88. Minute bei einem Stande von 0:6. Da fehlen einem die weiteren Worte.

Die Aufreger

Eine 1:6-Niederlage ist ja bereits Aufreger genug. Allerdings gab es auch die ein oder andere Situation mit dem Schiedsrichter, über die man in Essen, hätte man nicht so hoch verloren, sicherlich sprechen würde. Unterhalb der Woche hatte man die Taktik ausgerufen, selber auch einmal öffentliche Schiedsrichterschelte zu üben. Schließlich hatte das Energie Cottbus gerade gegen RWE ganz besonders genutzt und Bundesliga Schiedsrichter Robert Hartmann verpfiff Essen in Cottbus nach allen Regeln der Kunst.

In der Woche darauf gegen Saarbrücken hatte man gleich zwei Handelfmeter im Visier, die nicht gegeben wurden. So entschieden sich Marc Nicolai Pfeifer und Alexander Rang Kritik an Schiedsrichtern im Podcast „Was geht RWE?“ unter der Woche zu üben. Von WAZ-Reporter Martin Herms darauf angesprochen, ging auch Uwe Koschinat bei der Pressekonferenz, insbesondere im Rückblick auf das Cottbus Spiel, noch mal richtig aus dem Sattel. Die Kritik an der Schiri-Farce von Cottbus war sicherlich nicht unberechtigt. Das Problem, Schiedsrichter Assad Nouhoum ließ sich von RWE nicht beeindrucken. Als Lucas Brumme noch in der Anfangsphase in der Box erwischt wurde, entschied er nicht auf Strafstoß. Brumme hatte zwar schon Richtung Eckfahne geschossen, wurde danach aber von einem Stuttgarter Spieler klar am Standbein getroffen. Hier darf man sicherlich Elfmeter pfeifen.

Ebenso hätte Nouhoum kurz nach Wiederanpfiff den bereits gelb verwarnten Stuttgarter Catovic des Feldes verweisen müssen, als er Hofmann über die Klinge springen ließ. Der Elfer gegen RWE war allerdings mal wieder vollkommen berechtigt. Der Schiedsrichter trägt sicherlich nicht die Schuld an der Niederlage. Für RWE bleibt aber als Fazit, dass nicht jeder, der sich öffentlich positioniert und sich als benachteiligt gibt, dann auch auch am Ende damit Wirkung erzielt. Essen liegt halt nicht in der Lausitz und auch nicht an der Grenze zu Polen, sondern viel schlimmer, an der Grenze zu Gelsenkirchen.

Fazit und über den Tellerrand geschaut – Die Lage in der Dritten Liga?

Ist es das gewesen? Essen fängt sich die dritte Niederlage im Ligaendspurt in Serie und ruinierte sich mit 5:13 Toren das Torverhältnis. Obwohl Uwe Koschinat nach jeder der vorangegangenen Niederlagen seine Mannschaft öffentlich als stabil und tatendurstig darstellte, sah man darauf davon nichts auf dem Feld. RWE wird zumindest noch auf dem Relegationsplatz übernachten. Um diesen zu behalten, müsste Energie Cottbus morgen in Duisburg gewinnen. Essen hat womöglich die historische Chance bereits vergeben, nach 20 Jahren in das Fußball-Unterhaus zurückzukehren. Ab jetzt hat man es nicht mehr in der eigenen Hand. Die Formschwäche der Mannschaft kommt zur absoluten Unzeit. Realistisch gesehen geht es darum, am Ende nicht auch noch Platz 4 zu verspielen und damit die Qualifikation für den DFB-Pokal. Es sind einfach nur beschissene Wochen.

NUR DER RWE!

Sven Meyering

Fotos