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2025/2026 – 3. Liga

Rot-Weiss Essen – TSV Havelse

Das Sturmtief Uwe liegt über der Hafenstraße 97 A und verdunkelt die Gemüter der RWE-Fans. Der mut- und konzeptlose Auftritt bei der B-Elf von 1860 München hat in aller Deutlichkeit aufgezeigt, dass es nicht reicht, den Blick nur auf die Tabelle zu richten und auf die nach wie vor sehr gute Ausgangsposition zu verweisen. Ein Vorbericht der anderen Art ist online.

Landvermessung vor Match gegen Kellerkind Havelse? Stimmungstief an der Hafenstraße: Nur den Blick auf die Tabelle werfen oder Probleme analysieren?

Das Sturmtief Uwe liegt über der Hafenstraße 97 A und verdunkelt die Gemüter der RWE-Fans. Der mut- und konzeptlose Auftritt bei der B-Elf von 1860 München hat in aller Deutlichkeit aufgezeigt, dass es nicht reicht, den Blick nur auf die Tabelle zu richten und auf die nach wie vor sehr gute Ausgangsposition zu verweisen. Diese dürfte sich bald verschlechtern, wenn Rot-Weiss Essen sich nicht offen den Problemen stellt, die mit Handeln und Reden von Chefcoach Uwe Koschinat einhergehen. Diese sind nicht nur sportlicher Natur. Auch im Binnenverhältnis im Verein können dem Vorstand und dem Sportdirektor Marcus Steegmann einige Dinge nicht gleichgültig sein. Vor dem Heimspiel gegen Kellerkind TSV Havelse am Samstag um 14 Uhr hat RWE einige höchst selbst geschaffene Probleme zu bearbeiten.

Problem 1: Angst vor der Niederlage anstelle von Bock auf den Sieg

Viele RWE-Fans benennen den Koschinat-Style mittlerweile als „Angsthasenfußball“ und was sie damit meinen, wurde beim Auftritt in München sehr deutlich. Selbst ein durch 11 Ausfälle, darunter viele tragende Säulen der 60er, radikal dezimierter Gegner flößte Uwe Koschinat so viel Respekt ein, dass er seine Mannschaft auf das Verteidigen und Umschalten einstellte. Gut 90 quälende Minuten später kam Koschinat dann an den TV-Mikrofonen zu der Einsicht, dass zwei in den Systemen sich spiegelnde Mannschaften ein solches Spiel dann nahelegen. Da fragt sich der mittlerweile ungeneigte Zuhörer, was genau Koschi denn von seinem gegenüber Marcus Kauczinski erwartet hatte. Dieser pflegt bekanntlich einen ähnlichen Ansatz wie Koschinat selbst, legt großen Wert auf die Defensive und hält wenig von stürmischer Offensive. Erst recht nicht, wenn so viele Spieler ausfallen wie an diesem Wochenende.

Warum Uwe Koschinat nicht klar war, was sich beinahe jeder RWE-Anhänger im Vorfeld denken konnte, nämlich dass 1860 sich nicht den Ball nehmen und RWE damit Räume zum Umschalten geben werde, ist das große Rätsel. Ein großes Rätsel ist generell, warum Uwe Koschinat weiterhin geflissentlich ignoriert, dass seine Mannschaft im System der Viererkette, das vom 5. bis zum 17. Spieltag kontinuierlich und ziemlich erfolgreich gespielt worden war (Schnitt 2 Punkte und 2,07 erzielte Tore bei 1,5 Gegentreffern pro Spiel inklusive eines Systemwechsels in Wiesbaden am 3. Spieltag), viel besseren und erfolgreicheren Fußball spielt. Die Zahl der kassierten Tore schrumpft allerdings ohne den negativen Ausreißer in Mannheim (1:6) auf nur noch 1,15. Überzeugende Zahlen.

Uwes eigentlicher Favorit, die Fünferkette, schneidet da in dieser Saison weitaus schlechter ab, denn Essen holte in dieser Formation nur die Bilanz eines Abstiegskandidaten. Im Schnitt stehen gerade einmal 7 Punkte aus 8 Spielen und damit im Schnitt 0,86! Ebenso schoss man weitaus weniger Tore (1 pro Spiel) und kassierte mehr Gegentreffer (1,25 pro Spiel). Anscheinend glaubt Uwe Koschinat aber weiterhin, diese Zahlen können lügen und änderte sein Erfolgssystem zurück zu einem System, das in dieser Saison schlichtweg nicht funktioniert. Es ist wie oben gezeigt sogar ein großer Trugschluss, Essen bräuchte die Fünferkette, um die Gegentore einzudämmen, eher ist das Gegenteil der Fall.

Uwe Koschinat hat nach wie vor kein Rezept, Situationen zu lösen, in denen Essen das Spiel machen muss. Das war bereits in der starken Rückrunde so, wenn der Gegner mal nicht den Fehler machte, sich bereitwillig den Ball zu nehmen und Ramien Safi eins zu eins zu verteidigen. Eine wirkliche Entwicklung fand jedenfalls bislang nicht statt, obwohl gerade das Offensivpersonal ein veritables Upgrade erhielt. Das liegt jedoch brach. Uwe Koschinat selbst sprach vor Saisonbeginn von einem Prozess, den man nun gemeinsam zu durchlaufen habe. Das war vollkommen richtig, denn ein vorheriger Abstiegskandidat, der dann die Rückrunde eines Aufsteigers spielte und sich personell verstärken konnte, wurde von nun an mit anderen Augen gesehen. Spannend wäre es zu erfahren, wo Uwe Koschinat sich selbst innerhalb dieses Prozesses ansiedelt. Von außen betrachtet ist es Stillstand und zuletzt sogar Rückschritt. Das wirkt sich dann zwangsläufig auch auf die Entwicklung des kickenden Personals aus.

Gemessen an der Vorstellung vom letzten Samstag liegt der Verdacht nahe, man hätte auf das angeblich so erfolgreiche Trainingslager in der Türkei komplett verzichten und den Jungs individuelle Trainingspläne mitgeben können. Es hätte kaum weniger bewirken können.

Problem 2: Unzufriedenheit im Kader, oder wie setze ich ein Leistungsprinzip außer Kraft

Das Interview des gefrusteten Marek Janssen nach der Partie bei 1860 sprach Bände. Ein Spieler, der nicht nur intern, sondern öffentlich gegen seinen Bankplatz aufbegehrte und nachher bei den Fans in den sozialen Medien gefühlte 100% Zustimmung erntete. Das verärgerte den so zwar nicht namentlich aber dennoch sehr deutlich kritisierten Uwe Koschinat. Er konterte dann verbal ungefähr so wie seine Mannschaft im Spiel zuvor, planlos und ins Leere hinein. Es sei halt ein Spiel gewesen, in dem „die Distanz zum gegnerischen Tor wahnsinnig weit gewesen“ sei. Soll im Fußballerdeutsch heißen, Janssen sei nicht geeignet gewesen, die Räume zwischen Abwehr und Angriff zu schließen. Gemessen daran, dass er hier seine eigene vorsichtige Taktik verbal ad absurdum führte, lieferte Vielredner und Wenigsager Koschinat hier eine Realsatire ab.

Auf der Pressekonferenz trat Koschinat noch einmal nach. „Ich glaube, dass Spieler jetzt auch nicht so tief in der Denkweise eines Trainers sind, um jede Entscheidung auch tatsächlich verstehen zu müssen. Das übersteigt dann vielleicht auch einfach die Sichtweise eines Spielers, weil er soll ja Fußballer sein und noch kein Trainer.“ Stimmt. Die Denkweise eines Trainers, der seinen zweitbesten Torschützen, der 5 Tore in insgesamt nur 319 Einsatzminuten erzielt hat und damit alle 65 Minuten trifft, im Schwerpunkt ins zweite Glied beordert, kann nur noch dieser Trainer selbst verstehen. Janssen stand nur in 18% der Gesamtspielzeit auf dem Platz, damit dürfte er der effektivste Angreifer der gesamten Liga sein. Die fehlende Wertschätzung des Trainers muss man nicht nur nicht verstehen, das kann man einfach nicht verstehen.

Ob Marek Janssen nun eine ähnliche Degradierung droht wie Tobi Kraulich nach seinen kritischen Worten nach der Aachen-Pleite, nach denen er zunächst einmal wochenlang aus der Mannschaft genommen wurde, ist nun spannend. Intern werde er sanktioniert, hieß es nun. Ohnehin braucht man vor dem Havelse-Spiel aber auch noch eine Landvermessung an der Hafenstraße 97 A, um zu ermitteln, wie wahnsinnig weit die Distanz zum gegnerischen Tor diesmal sein könnte. Die Führung der Mannschaft scheint Uwe Koschinat langsam, aber sicher aus den Händen zu gleiten. Und Essens Sportdirektor Marcus Steegmann sollte sich ebenso langsam, aber sicher fragen, ob er so viele teure Fehleinkäufe tätigt oder Uwe Koschinat sich schlichtweg verweigert, adäquat mit diesen Spielern zu arbeiten.

Dominik Martinovic, der nach starker Vorbereitung von Koschinat mit einem Bankplatz zu Saisonbeginn gefrustet wurde, bildete den Auftakt und verabschiedete sich in Richtung SSV Ulm. Luca Bazzoli kam als Zweitligastammspieler nach Essen, konnte aber keinen Fuß fassen und geriet mit dem Trainer dem Vernehmen nach verbal aneinander. Das war das Ende für Bazzoli in Essen, der nach Ulm ausgeliehen wurde. Auch Ahmet Arslan, letzte Saison Garant des rasanten Aufschwungs unter Koschinat, ist auf dem Abstellgleis angelangt. Seine Formkurve zeigte in der Tat nach unten. Vor 1,5 Jahren kämpften Essens Verantwortliche wie die Löwen um die Verpflichtung dieses Spielers. Vor Saisonbeginn betonte Uwe Koschinat noch, wie Ahmo Arslan ihm gesagt habe, er möge die Mannschaft weiter so coachen wie bislang, denn das Gewinnen sei unfassbar geil. Nun, diese Geilheit verspüren Koschinat und Arslan offenbar nicht mehr auf- oder miteinander.

Und wie verhält es sich mit Marvin Obuz, dem wohl technisch besten RWE-Spieler, der die Qualität hat, ein Spiel zu entscheiden? Weil Obuz nicht als Schienenspieler in Koschinats Anti-Erfolgssystem Fünferkette passt, sitzt auch er sich die vier Buchstaben auf der Bank platt oder kommt als Zehner ins Spiel, eine Position, in der er nicht gut aufgehoben ist. Dennoch erzielte Marvin Obuz in nur 49 % Einsatzzeit 6 Scorerpunkte, 5 Vorlagen und einen eigenen Treffer. Platz 2 im internen Ranking der Assists. Ebenso wie Marek Janssen wird Marvin Obuz in der jeweiligen Kategorie nur von Kaito Mizuta übertroffen (6 Tore und 6 Vorlagen), der Japaner ist allerdings unbestrittener Stammspieler und hat deutlich mehr Spielzeit.

Sowohl im Falle Marek Janssen als auch im Falle Marvin Obuz und zwischenzeitlich auch bei Tobi Kraulich zeigt sich eines bei Uwe Koschinat sehr deutlich. Er postuliert zwar das Leistungsprinzip nach außen, aber es findet unter ihm keine Anwendung. Andere Spieler wiederum werden öffentlich herabgesetzt. Jannik Mause durfte im Trainingslager nicht einmal mehr am Trainingsspiel teilnehmen und sich vor den Augen der mitgereisten Fans anderweitig beschäftigen. Mittlerweile ist klar, Jannik Mause wird nicht mehr für RWE spielen. Die offizielle Verlautbarung ist nun, dass der Spieler sich einer Reha-Maßnahme unterziehen wird, um seinen Fitnesszustand zu verbessern. Das ist die euphemistische Version einer faktischen Ausmusterung. Ahmet Arslan wird dem Vernehmen nach trotz einer fehlenden sportlichen Alternative für ihn ebenfalls nicht mehr für Rot-Weiss Essen spielen. Dennoch sitzt er auf der Bank, darf oder besser muss sich warm machen wie jeder andere Reservespieler auch.

Bei 1860 wurde er dann Zeuge, wie auf seiner Position rein gar nichts passiert, blieb aber draußen. Das ist auch menschlich sehr fragwürdig. Alle diese Jungs hat Marcus Steegmann für sehr teures Geld an die Essener Hafenstraße geholt. Es kann nicht in seinem Interesse sein, wie Koschinat mit diesen vielleicht nicht einfachen, aber potenziell starken Spielern umgeht oder diese sogar öffentlich demütigt wie in den Fällen Arslan und Mause. Unter dem Strich muss der RWE-Sportdirektor aufpassen, dass Koschinat nicht die Autorität seines sportlichen Vorgesetzten und Kaderplaners der Essener durch solche Aktionen untergräbt und sein Wohnzimmer mit Kapital des Vereins beheizt, indem er nicht gerade wenige Spieler förmlich verheizt.

Problem 3: Falsche Signale aus der Vereinsführung oder wieso lasse ich den sportlichen Chefangestellten Vereinskapital verbrennen

Im Tennissport nennt man das „Unforced Error“. Ohne Not und Zeitdruck verlängerte Rot-Weiss Essen Anfang Dezember den Vertrag mit Uwe Koschinat vorzeitig bis Sommer 2027. Warum eigentlich? War die Vertragsverlängerung das Bestreben, auf der JHV einen Coup, so sahen es die Verantwortlichen wohl, zu präsentieren? Nun, schon damals sah ein nicht unwesentlich zu nennender Teil der RWE-Fans diesen Schritt nicht als Personalentscheidung an, die rundum glücklich macht. Trotz des tollen Punkteschnitts waren die Anzeichen erkennbar, dass Koschinat die gewünschte Transformation des RWE-Kaders zu einer Spitzenmannschaft nicht überzeugend zu bewerkstelligen weiß und dabei sogar fahrlässig mit dem ihm zur Verfügung gestellten Potenzial umgeht, siehe Punkte 1 und 2. So konnte man höchstens noch positiv konstatieren, dass man in der Trainerfrage frühzeitig für Ruhe gesorgt habe.

Diese Ruhe ist nun ad Acta. Aber nicht oder nicht hauptsächlich, weil Spieler mittlerweile beginnen, aufzubegehren. Sondern weil Uwe Koschinat höchstpersönlich auf dem besten oder eher schlechtesten Wege ist, seine Autorität irreparabel zu beschädigen, sportlich fragwürdige Entscheidungen trifft und verbal Kopfsprünge in jeden Fettnapf unternimmt. Überhaupt hat man seit der Vertragsverlängerung den Eindruck, Koschinat lege nochmal einen drauf. Kaum war die Tinte der Vertragsunterschrift getrocknet, da warf der Coach das System Viererkette, zudem er zuvor eher überredet werden musste, wieder über Bord und auch der Umgang mit seinen Spielern nahm an Schärfe zu. Es scheint, als begreife Koschinat sein Arbeitspapier nun als Freibrief. Ob Marc Nicolai Pfeifer und Alex Rang ihre Entscheidung bereits bereut haben ist zwar rein hypothetisch. Aber ob man im Verein wirklich voll hinter dem Trainer stehe, wie es zuletzt in der Causa Janssen-Interview verlautbart wurde, darf zumindest angezweifelt werden. Funken Trainer, Vereinsführung und sportliche Leitung wirklich voll auf einer Welle?

Auch der Auftritt im Video-Format „Was geht RWE?“, in der Pfeifer und Rang versprachen, den ohnehin bereits sehr stark erscheinenden Kader auf der ein oder anderen Position noch verbessern und optimieren zu wollen, darf als unglücklich gelten. Es wurde die Erwartungshaltung geweckt, man lande nun große Transfercoups. Es kamen bislang mit Danny Schmidt und Ben Hüning Nachwuchstalente, mit Ruben Reisig freilich ein gestandener Sechser, der die Abhängigkeit von Klaus Gjasula mindern könnte. Auf der anderen Seite stehen der Verlust von Tom Moustier und die voraussichtliche Trennung von Ahmo Arslan. Da kommen beim gemeinen Fan Zweifel auf, ob man die gewünschte Erhöhung der Qualität hinbekommen habe. Um Max Brandt vom SSV Ulm bemüht man sich nun nicht mehr, vielleicht legt man auch noch auf der Arslan-Position nach. Eine Personal-Fluktuation, deren Notwendigkeit Fragen aufkommen lässt. Zumal Koschinat schon verlauten lassen hat, der Kader sei ihm bereits zu groß.

Zu guter Letzt sollte der stets auf Sparkurs ausgerichtete Vorstand einmal kritisch hinterfragen, wie viel teures Vereinskapital Koschinat mit der Degradierung teurer Spieler verbrennt. Mit der unnötigen vorzeitigen Vertragsverlängerung hat man zudem Koschinat so oder so noch ein weiteres Jahr zu bezahlen.

Fazit: Weiter so geht nicht!

Rot-Weiss Essen steht vor wichtigen Wochen. Die Konkurrenz punktete fast ausnahmslos dreifach und tat noch etwas für das Torverhältnis. Am Samstag geht es gegen den TSV Havelse. Eine Mannschaft mit toller Moral, die sich trotz fast aussichtlos erscheinender Lage im Tabellenkeller mit einem Aufsehen erregenden 4:0 gegen die Reserve der TSG Hoffenheim zurückgemeldet hat. Es soll nicht respektlos erscheinen, wenn an dieser Stelle nichts mehr zu diesem Gegner gesagt werden wird. Uwe Koschinat muss Antworten auf die oben benannten Problemfelder finden, und zwar schnell. Ein weiter so wie bisher geht nicht.

So lange muss RWE weder auf den Gegner noch auf die Konkurrenz, sondern ausschließlich auf sich selbst schauen. Sonst wird man zwangsläufig die Chance auf den Aufstieg verspielen. Es wird aus dem Verein heraus oft beklagt, dass das Essener Umfeld Unruhe schüren würde, wo doch große Zufriedenheit herrschen müsse. Doch wie aufgezeigt, sollte hierbei nicht Ursache und Wirkung verwechselt werden. Die notwendige Diskussion dieser Thematiken darf nicht weiter mit dem Totschlagargument, Tabelle gut, alles gut, ausgeblendet werden.

NUR DER RWE!

Sven Meyering