Bilanz der Hinrunde und Ausblick auf das erste Fußballhalbjahr 2026 – Rot-Weiss Essen mit 17 Bonuspunkten oder starkem Fundament für den Aufstieg?
Eine insgesamt sehr überzeugende Hinrunde liegt hinter Rot-Weiss Essen. Die beste Halbserie in der Essener Drittligabilanz mit 34 Punkten und 36:30 Toren lassen Verein und Fans vom Aufstieg in die Zweite Bundesliga träumen. RWE liegt in Lauerstellung auf die Aufstiegsplätze. Rang Vier steht zu Buche punktgleich mit dem Revierrivalen MSV Duisburg, der den Relegationsrang belegt. Die direkten Aufstiegsplätze liegen nur einen Zähler (SC Verl, Platz 2) bzw. zwei Zähler (Energie Cottbus, Platz 1) entfernt. Zugleich dürfen sich in der wie immer engen Liga noch mindestens drei weitere aktuell noch hinter RWE platzierte Teams Hoffnungen machen. Das sind Hansa Rostock, der VFL Osnabrück sowie 1860 München. Bei den Löwen startet RWE am 17. Januar in die Rückrunde. Was erwartet uns in dieser und was sind die wirklichen rot-weissen Ziele?
Wir blicken zurück, Mitte September 2025 befand sich Rot-Weiss Essen in einer schweren englischen Woche und nach dem Spiel gegen den VFL Osnabrück, das an der Hafenstraße 1:1 geendet hatte, kam es zu einer denkwürdigen Pressekonferenz im Vorfeld des Knallerspiels gegen Hansa Rostock am darauffolgenden Samstag. Nicht wie gewohnt Uwe Koschinat gab den Ton an, sondern Essens Kaderplaner Marcus Steegmann griff zunächst zum Mikro. Was war der Anlass? Eine donnernde Philippika gegen die Funke-Medien-Gruppe, die sich nach Meinung der RWE-Verantwortlichen in ihrer Berichterstattung gegenüber einigen RWE-Akteuren deutlich im Ton vergriffen hatte. War das nicht nur Medienschelte, sondern auch ein Motivations-Coup für die eigene Mannschaft? Eine ungewöhnliche Maßnahme nach 6. Spieltagen, an denen Essen einen zwar nicht überragenden Punkteschnitt von 1,5 Zählern, aber klaren Sichtkontakt zu den oberen Tabellenplätzen hatte. War Letzteres das Ziel, so ging es auf. RWE knallte Rostock mit 3:0 aus dem Stadion und war dabei die zweiten 45 Minuten sogar in Unterzahl. Eine Aussage Steegmanns blieb jedoch darüber hinaus in bleibender Erinnerung. Den im Essener Umfeld und auch bei den Medien geschürten hohen Erwartungen an die Spielzeit begegnete Essens Sportdirektor mit bescheidenem „Understeegmannt“. Man sei zufrieden, eine bessere Hinrunde spielen zu können als in der Vorsaison. Wie bitte? Wir erinnern uns mit Grauen, dass Rot-Weiss Essen im Winter 2024 mit nur 17 Punkten einen Abstiegsplatz belegt hatte. Das Ziel sollte allen Ernstes sein, besser abzuschneiden als damals, obwohl mit der Ausnahme von Eitschberger alle Stammspieler gehalten und namhafte Neuzugänge gewonnen werden konnten? Mittlerweile hat sich herauskristallisiert, dass RWE den Aufstieg zwar nicht bedingungslos verfolgt, aber in der Hinrunde auch nicht 17 Bonuspunkte auf Steegmanns Minimalziel gesetzt hat. Laut aussprechen tut es im Verein nach Außen keiner, doch klar ist, die Chance ist da und Essen will sie am Aufstiegsschopfe packen. Welche Lehren dürfen wir aus der Hinrunde ziehen, damit die Rückrunde den vielleicht nur einen entscheidenden Ticken besser wird, um das große Ziel zu erreichen?
Gute Offensive, wackelige Defensive
Mit 36 erzielten Treffern hat RWE eine überzeugende Offensivleistung zu bieten, ebenso wie der Tabellenplatz es ausdrückt, ist es die viertbeste Bilanz aller Teams. Übertroffen werden die Essener dabei nur von den Topteams aus Verl (44 Tore) und Cottbus (42 Tore) sowie der Zweitvertretung der TSG Hoffenheim (40 Tore). Nur ein einziges Mal blieb man ohne eigenen Treffer (0:0 in Verl). Defensiv sieht es anders aus. Die 30 kassierten Treffer sind gerade einmal Platz 12 in der Liga, den man sich mit Ingolstadt teilt. Nur dreimal spielte Essen bislang zu Null, in gleich sieben Partien musste man mindestens zwei Gegentreffer schlucken. Zum Vergleich, in der so erfolgreichen ersten Jahreshälfte 2025 nahm man lediglich 20 Treffer hin und war mit 32 erzielten Toren offensiv gar nicht signifikant schlechter. Somit scheint die Kardinalfrage für die Rückrunde zu sein, wie man offensiv durchschlagskräftig bleibt und defensive Stabilität gewinnt. Eine Antwort darauf könnte die Auswertung der Systemdaten liefern.
Fünfer- oder Viererkette? Wo liegt der Schlüssel zum Erfolg?
Eine große Diskussion bei Rot-Weiss Essen dreht sich um das System. Während RWE in der letzten Rückrunde mit einer Fünferkette von Erfolg zu Erfolg und 39 Punkten eilte, stotterte das System zu Beginn der neuen Saison. Nach nur vier Spieltagen gab Uwe Koschinat die Fünferkette zunächst auf und sollte von Beginn an erst am 18. Spieltag beim Gastspiel in Verl wieder darauf zurückgreifen. In drei Partien wechselte Essen zwischendurch das System. Am zweiten Spieltag in Havelse standen sich Essens aufgebotene drei Innenverteidiger über 80 Minuten auf den Füßen, dann stellte man auf Viererkette um. Zwar gelang Tobi Kraulich zu Beginn der Nachspielzeit das heiß ersehnte und dafür gehaltene goldene Tor, doch durch ein Tor des Monats glich Havelse noch zum 1:1 aus. Signifikante Unterschiede erbrachten die Systemwechsel beim Gastspiel in Wiesbaden am 3. Spieltag. Zur Pause lag Essen mit 0:1 hinten, Koschinat stellte dann auf Viererkette und RWE spielte eine bärenstarke halbe Stunde und zog mit 3:1 davon. Nun sollte wieder hinten gesichert werden, mit einer Fünferkette kassierte RWE den Ausgleich zum 3:3, konnte aber noch zurückschlagen. Die folgende bittere Heimniederlage gegen Alemannia Aachen wurde dann zum Schlüsselerlebnis. Mit demselben Erfolgsrezept, mit dem man die Essener schon im Vorjahr zweimal düpiert hatte, triumphierte die Alemannia auch ein drittes Mal gegen Essen. Die Aachener stellten den Essenern im Aufbau alles zu, das verführte RWE zu leichtsinnigen Kurzpässen und haarsträubenden Ballverlusten. Dass alle drei Gegentore zudem durch Elfmeter nach dummen Fouls fielen, war das negative Sahnehäubchen. Das war für 13 Spieltage lang das Ende der Fünferkette. Das bedeutete auch einen Platz weniger für einen Innenverteidiger. Zunächst rotierte Tobi Kraulich aus dem Team, dann verlor Michael Schultz nach seinem verletzungsbedingten Ausscheiden in Aue diesen Platz wieder an Kraule. Nur einmal spielte Essen zwischendurch die Fünferkette eine Halbzeit lang. Nach einer berauschenden ersten Hälfte war man am 7. Spieltag mit einer 3:0 Führung, aber auch dezimiert in die Pause gegangen, weil Tom Moustier in der Nachspielzeit der ersten Hälfte eine sehr harte Rote Karte gesehen hatte. In Unterzahl wurde der Vorsprung nun mit einem Innenverteidiger mehr erfolgreich verteidigt. Am 18. Spieltag fuhr RWE zum SC Verl. Die Ostwestfalen sind das offensiv stärkste Team der Liga und das nötigte Coach Koschinat so viel Respekt ab, dass er dort zum ersten Mal seit Aachen von Beginn an auf die Fünferkette setzte und beim 0:0 einen Punkt entführte. So lief man dann auch gegen Ulm auf und schloss das Kalenderjahr 2025 mit einem abschließenden 3:2 Erfolg ab.
Welches das bessere der beiden Systeme ist, darauf gibt es zumindest statistisch eine sehr klare Antwort. Der Punkteschnitt mit einer Fünferkette beträgt sehr magere 1,2 Zähler. In der Viererkette punktete RWE im Durchschnitt mit 2 Zählern. In diesem System erzielte man 29 Tore (Schnitt 2,07), in der Fünferkette 7 Tore mit einem Schnitt von 1,4. Auch defensiv steht Essen in der Viererkette sicherer, obwohl die 21 Gegentreffer bei einem Schnitt von 1,5 sicherlich nicht berauschend sind. In der Fünferkette steigt dieser Schnitt aber sogar auf 1,8 Gegentore. Pickt man nun das 1:6 von Mannheim als Exoten heraus, wird es statistisch noch deutlicher pro Viererkette, in der Essen defensiv stabiler und offensiv durchschlagskräftiger ist. Dennoch hat man permanent das Gefühl, sein „altes“ RWE-System sei eher das, was Uwe Koschinat am Herzen liege. Ob da vor Saisonbeginn die Vorstellungen des Trainers von der sportlichen Leitung vielleicht zu sehr aus den Augen verloren wurden, bleibt eine offene Frage. Zumindest ist der Essener Kader in der Gesamtzusammenstellung eher auf ein offensiveres System hin zusammengestellt. Dem Fußballfreund blutet das Herz, wenn eine Offensivperle wie Marvin Obuz keinen Platz im Team findet, weil er als Schienenspieler nicht geeignet ist oder inadäquat auf die Zehn ausweichen muss. Abgesehen davon opfert Essen eine offensivere Position für einen Innenverteidiger, was auch Anspielstationen im vorderen Drittel nimmt, vor allem gegen aggressiv pressende Gegner häufig ein Problem für RWE, als Paradebeispiel mag das Aachen-Spiel herhalten. Warum aber steht RWE in der Deckung nicht so stabil wie in den ersten 21 Partien unter Uwe Koschinat? Geben darauf die Ballbesitzstatistiken Aufschluss?
Ball oder nicht Ball? Gegen den Ball!
Wenn die Statistiken der Systemdaten es eindeutig hergeben, dass RWE in der Formation einer Viererkette besser performed, so darf man daraus nicht den Schluss ziehen, Essen generiere darin grundsätzlich mehr Ballbesitz und sei deutlich aktiver und damit erfolgreicher. Erstaunlicherweise ist es sogar so, dass die Rot-Weissen in 8 Spielen weniger Ballbesitz hatten als der Gegner und in einer Partie es sich ausgewogen verhielt. In diesen neun Matches erzielte RWE einen super Punkteschnitt von 2,11, erzielte 1,89 Tore und kassierte nur 0,89. Tiefstwerte waren das 0:0 in Verl (26% Essener Ballbesitz) sowie die Partien gegen Rostock (29 %, allerdings in 45 Minuten Unterzahl) sowie Hoffenheim II (30 %) aus denen RWE 7 Punkte holte, 6 Tore machte und nur einen Treffer kassierte. In 6 dieser 9 Partien spielte Essen in der Viererkette und blieb in allen Spielen ungeschlagen.
In 10 Matches besaßen die Essener das Leder häufiger als der Gegner, in 8 Matches spielte man dabei Viererkette. Und nun kommt es, je klarer die rot-weisse Dominanz ist, desto geringer sind die Chancen auf einen Dreier. In den 5 Spielen mit dem meisten Ballbesitz, Aue (56 %), Aachen (59 %), Duisburg (62 %), Cottbus (72 %) und Havelse (73 %) gab es keinen Sieg, 3 Remis und 2 Niederlagen. RWE dominierte sogar die Spitzenteams aus Duisburg, und zwar auswärts, und Energie Cottbus nach Spielanteilen sehr deutlich. Einen Dreifacherfolg brachte das nicht. Insgesamt beträgt der Punkteschnitt aus den 10 Spielen mit mehr Essener Ballbesitz nur 1,5 Zähler. In der Offensive war man nahezu deckungsgleich stark wie in der anderen Kategorie und verbuchte 1,9 Tore, hinten brannte es aber deutlich häufiger an und man war mit 2,2 Gegentoren mehr als doppelt so anfällig und kassierte alle drei bisherigen Niederlagen in Spielen, die man von den Zahlen her „kontrolliert“ hatte. Anfälliger ist RWE also, wenn es das Spiel machen muss. Man könnte hier die Vermutung aufstellen, Essen sei nach eigenen Ballverlusten besonders offen für gegnerisches Umschaltspiel. Lässt man die Essener Spiele Revue passieren, zeigt sich das als Trugschluss. Nur gegen Cottbus und in Saarbrücken kassierten die Rot-Weissen lupenreine Kontertore, bei denen der Gegner viel freie Wiese vor sich hatte. Was ist es dann? Gegnerische Standards richten bei Essen auch nur überschaubaren Schaden an, in Wiesbaden und Saarbrücken schnarchte man bei zu Gegentoren führenden Eckstößen allerdings so laut, dass man das bis zur heimischen Hafenstraße hätte hören können. Zusammen mit der Elfmetermisere und individuellen Böcken, siehe die Folgekategorie, hätte man damit 15 und somit genau die Hälfte der Essener Gegentore „erklärt“.
Was passiert bei der anderen Hälfte? Gerade in den letzten beiden Spielen der Hinrunde wurde deutlich, wie sehr das Verteidigen schon weit vorne beginnt. In Verl musste RWE 74 % des gegnerischen Ballbesitzes verteidigen, geriet aber kein einziges Mal wirklich in die Bredouille. Grund dafür, man war schon im ersten gegnerischen Drittel aktiv und übernahm die Verler spätestens ab der Mittellinie aggressiv. Diese hatten fast nur Ballbesitz in ungefährlichen Räumen. Wenn es dann in der Folgewoche gegen den stark ersatzgeschwächten Tabellenachtzehnten erneut mit Fünferkette aufs Feld geht und Essen sich klar in Front liegend in die eigene Box zurückdrängen und den Gegner mit einfachsten Mitteln zum Ausgleich kommen lässt, zeigt sich, Passivität rächt sich und Aktivität bedeutet eben vor allem, auch energisch gegen den Ball und diesen vom eigenen Tor weg zu arbeiten. Bälle in die Essener Box verheißen oft Gefahr für RWE und das ist in Liga 3 nun mal ein probates Mittel vieler Mannschaften. RWE zeigt sich hierbei des Öfteren schlecht sortiert, die löbliche Ausnahme war das Spiel gegen Hansa Rostock, als Essen alles wegverteidigte. RWE wird bei seinen Gegentoren jedenfalls nahezu kaum von einem Gegner richtig auskombiniert, eher schaffen es Kontrahenten durch konsequente Boxbesetzung und viele Bälle in diese hinein Unruhe zu stiften und den Faktor Zufall stärker heraufbeschwören zu können. Das sogenannte Nachvorneverteidigen fällt Essen indes im System Viererkette mit einem zusätzlichen Mittelfeldmann anstelle eines dritten Innenverteidigers leichter. Je tiefer man steht, desto verwundbarer wird man. Das zeigte auch das Match bei Erzgebirge Aue, als die Gastgeber bei beiden Treffern sehr ungehindert marschieren und abziehen konnten. Allerdings hat Essen nur 2 seiner 30 Gegentore durch Abschlüsse von außerhalb der Box kassiert. Gelangt der Ball aber in diese, brennt es oft lichterloh. Das ungestüme Agieren im eigenen 16er und die daraus resultierenden Elfer, die man so durch falsche Tastenkombinationen nur auf der Playstation produziert, legen hierzu weiteres Zeugnis ab. Es scheinen die guten alten Fußballtugenden zu sein, die nach wie vor Gold wert sein können. Unangenehm für den Gegner zu sein, wenig Räume schon deutlich vor der eigenen Box eröffnen, die Zahl der Bälle in diese hinein deutlich zu reduzieren. Und ist der Gegner mal in dieser am Ball, sollte man ihm nicht das Beinchen stellen wie beim Schülerfußball. Zudem bleibt Fußball ein Spiel, in dem es auch um Konstanz beim Personal, Zufälle und Fehler geht, wie die nächsten Betrachtungen zeigen.
Personaldebatten, Unforced Errors und Elfmeter-Festspiele
Unter Uwe Koschinat sind nur wenige Spieler gesetzt. Absoluter Dauerbrenner ist Rios Alonso. Ene fehlte als einziger Essener Akteur keine einzige Minute. Neben Alonso sind Keeper Jakob Golz, Klaus Gjasula und Kaito Mizuta zu nennen, die zum unbestrittenen Stamm-Korsett zählen. Hier fehlt neben Spielern wie Michael Schultz, Tobias Kraulich und selbst Lucas Brumme ein Name, der lange Zeit unverzichtbar schien. Ahmet Arslan verlor seinen Stammplatz auf den letzten Metern der Vorrunde, Ahmos Daten (4 Tore, davon 3 Elfmeter und zwei Assists) machten ihn nicht mehr unantastbar. Der offensive Mittelfeldmann bekam vom Klub nun sogar mitgeteilt, die Freigabe für einen anderen Klub bekommen zu können, da er auch zukünftig nicht erste Wahl sein werde. Zu Beginn der Spielzeit stellte Koschinat Arslan in Phasen des Spiels sogar auf die Neun, obwohl er dafür gelernte Mittelstürmer zur Verfügung gehabt hätte. Ansonsten stürmte da zunächst Ramien Safi. Denn mit dem eigentlich lange ersehnten Neuner tat Koschi sich dann ungewohnt schwer. Hier wäre der junge Slowene Jaka Cuber Potocnik womöglich der Matador gewesen, hätte nicht ständiges Verletzungspech ihn daran gehindert. Zwei super Treffer in wenigen Einsätzen zeigen, es ist jammerschade, dass Potocnik nun auch nicht mit ins Trainingslager in die Türkei fliegen kann. Marek Janssen, der es in ebenfalls überschaubaren Einsatzzeiten auf dennoch vier Treffer gebracht hat, ist ein Spieler, der sich auch gegen den Widerstand seines Trainers, wie Koschinat auf der Pressekonferenz nach dem Ulm-Spiel offenherzig bekannte, durchsetzen musste. Janssen hat einen gehörigen Torriecher und weiß, wo er in der Box zu stehen hat. Sein starker Abschlusswille und das Stellungsspiel erinnern an RWE-Legende Simon Engelmann. Der prominente Name Jannik Mause hat in Essen noch nicht gezündet. Mittlerweile erscheint die Position der Nummer Neun aber etabliert bei RWE. Ebenso wie Ahmet Arslan verlor dadurch auch Ramien Safi seinen Stammplatz. Der Turbosprinter hat den Kopf vor dem gegnerischen Tor leider allzu häufig nicht frei und lässt seht viele Chancen liegen. Dennoch ist Safi mit seinem Tempo eine echte Offensivwaffe. Inwiefern Neuzugang Danny Schmidt, Leihgabe von Fortuna Düsseldorf, die Karten im Sturm neu mischen wird, bleibt abzuwarten. Laut RWE-Sportdirektor Marcus Steegmann werden Schmidt hohe Fähigkeiten als Wandspieler und Vorbereiter zugemessen, womöglich wird er eine hängende zweite Spitze auf der Zehn. Die bislang zweite Neuverpflichtung kommt aus Dortmund. Ben Hüning (21) erfüllt wie Schmidt die U23-Regelung. Ist dessen Verpflichtung ein Indiz dafür, dass RWE die Fünferkette wieder forcieren möchte? Zumindest dürfte der bereits in der Jugend für Essen aktive Hüning sicherlich ein Herausforderer für seine drei etatmäßigen Kollegen in der Innenverteidigung werden. Nicht reinen Herzens wird RWE mit einem wahrscheinlichen Abgang sein. Publikumsliebling Tom Moustier wird es wohl nach Portugal ziehen und RWE immerhin ein hübsches Ablösesümmchen einbringen. Da man zugleich den in Essen bislang glücklosen Luca Bazzoli nach Ulm ausgeliehen hat, bestünde bei einem Moustier-Abgang im defensiven Mittelfeld weiterer Handlungsbedarf.
Neben Personal- und Systemdebatten zeigte sich auch einmal mehr, dass Fußball ein Fehlerspiel ist. RWE produzierte im Laufe der Vorrunde nicht weniger als 10 Strafstöße gegen sich, von denen 9 berechtigt und die meisten überflüssig waren. Zum Vergleich, alle anderen hier betrachteten Teams kassierten zusammen 9 Gegentore aus Elfmeter, Hansa Rostock konnte diese Bilanz aber auch durch drei Elfmeterparaden ihres Keepers lindern. Hinzu kommen drei Gegentore durch deutliche individuelle Fehler im Spiel. In Summe sind das bereits 11 Einschläge der „Kategorie Vermeidbar“, denn Jakob Golz konnte immerhin einen Strafstoß gegen sich entschärfen. Das ist eine ganze Menge Holz. Die Frage drängt sich auf, ob Essen im Bewusstsein der eigenen Stärke die Zügel gerne schleifen lässt und nicht mit letzter Konsequenz und Griffigkeit verteidigt. Ganz im Gegensatz zur Rückrunde der Vorsaison als RWE mit dem Abstiegsmesser an der Kehle kompromisslos in der Defensive war. Dieser Schlendrian kann teuer werden. Selbst bei Siegen wie zuletzt gegen Ulm, wenn zwar keine Punkte verloren gehen, aber das Torverhältnis leidet. Am Ende könnte in dieser wahnsinnig engen Liga auch ein einziges Tor über den Aufstieg entscheiden. Auch Faktor Zufall bleibt im Fußball stetiger Gast. Bei Essens 1:6-Debakel in Mannheim ging alles schief. Zwei der Gegentore waren abgefälscht, eines ein Eigentor, ein weiteres resultierte aus einem lächerlichen Elfmeter und obendrein gab es für RWE einen unberechtigten Platzverweis. Obwohl man haushoch verlor, war man nicht im Ansatz so viel schlechter als die Gastgeber. Das erklärt man mit keiner Statistik oder Systemanalyse.
Heim- und Auswärtsbilanz – Egal wo, Essen macht sein Ding
Ins rot-weisse Bild einer insgesamt bemerkenswerten Konstanz passt ebenfalls, dass die Essener Heim- und Auswärtsbilanzen sich sehr angleichen. Im heimischen Stadion an der Hafenstraße erzielte RWE 18 Zähler in 10 Heimspielen (Schnitt 1,8), in der Fremde holte man 16 Punkte aus 9 Spielen (1,77). Obwohl man die Hafenstraße als Festung empfindet, verlor man dort zwei Spiele, auswärts war das Desaster von Mannheim die einzige Niederlage. RWE macht so oder so oder besser egal wo sein Ding. Der Heimfaktor wirkt sich jedenfalls kaum gegenüber Auswärtsauftritten aus. Das tut er aber sehr wohl bei anderen Spitzenklubs, bei den vordersten Rängen nirgends aber so deutlich wie beim MSV Duisburg. Die Meidericher blieben als einzige Mannschaft zuhause ungeschlagen und haben einen starken Schnitt von 2,33 Punkten aus 9 Partien. Auswärts ist man durchschnittlich einen ganzen Zähler schlechter unterwegs, 13 Punkte aus 10 Partien bei 3 Niederlagen bedeuten nur 1,3 Zähler pro Match. Im Verfolgerfeld macht1860 München das noch etwas krasser. Während man an der Grünwalder Straße im Schnitt 2 Zähler pro Partie holte, bringt man es auswärts noch nicht einmal auf einen ganzen Zähler, 0,88 Punkte bei 5 Niederlagen. Auch Cottbus ist in der heimischen Lausitz weniger launisch, holte einen Schnitt von 2,1 Zählern aus 10 Partien, auswärts kennt man nur Sekt oder Selters, 5 Siegen stehen 4 Niederlagen gegenüber und der Schnitt beträgt 1,66 Punkte. Verl (19 Punkte, Schnitt 1,9) und Osnabrück (17, 1,88) führen die Auswärtstabelle an, vor heimischen Zuschauern lief es bei beiden Teams schlechter, für Verl stehen dort 1,77 und für Osnabrück sogar nur 1,5 Punkte zu Buche.
Wer hat den längsten Atem? Die Halbzeitbilanzen der Teams
In vielen RWE-Spielen hatte man den Eindruck, die Mannschaft müsse erst einmal in Fahrt kommen. In der Tat würde ein Spiel bereits nach 45 Minuten abgepfiffen, hätten die Essener nur 26 Punkte auf dem Konto, das reicht in dieser Statistik nur zu Platz 11. Ginge es nur um den zweiten Spielabschnitt, wäre RWE 6. mit 31 Zählern, auffällig dass man auch hier unter seiner Gesamtbilanz bleibt. Eine erkennbare Diskrepanz gibt es auch bei Hansa Rostock, das in Hälfte 2 33 Zähler und im ersten Spielabschnitt nur 26 holte, fast analog zum VFL Osnabrück mit 32 bzw. 24 Punkten. Besonders viel Anlaufzeit benötigen die Münchener Löwen, deren Bilanzen (21/32) die deutlichsten Unterschiede der betrachteten Teams aufzeigen. In beiden Hälften Vollgas gibt der SC Verl und gewinnt beide Statistiken mit 35 bzw. 34 Punkten, die Verler sind damit in Hälfte 2 deckungsgleich mit ihrer gesamten Punktausbeute. Auch hierbei ist der FC Energie Cottbus wie sein Trainer Pele Wollitz unterwegs, der gerne mal etwas übertreibt und wenig von Regulation hält. Im ersten Spielabschnitt holten die Lausitzer 35 Zähler, im zweiten waren es nur 24 Punkte. Einen Gutteil seiner insgesamt 36 Punkte verdankt der Tabellenführer somit seinen deutlich stürmischeren ersten Halbzeiten. Der MSV Duisburg ist im zweiten Spielabschnitt (29 Punkte) leicht besser unterwegs als im ersten (28). In gewisser Weise spiegeln sich auch fußballerische Mentalitäten wider. Der SC Verl zieht ungestüm sein Ding durch, Energie Cottbus verliert nach wildem Start in Hälfte Zwei den Punch. Im Vorjahr war das bei den Lausitzern das Kennzeichen einer ganzen Saison, aufgeteilt in starke Vor- und mäßige Rückrunde. Während alle anderen Topteams, darunter RWE, sich kontinuierlich steigern und nach hinten heraus durchschlagskräftiger sind.
Fazit und Ausblick
Wer mit 34 Punkten aus der Hinrunde und engem Kontakt zu den Aufstiegsplätzen nicht zufrieden ist, hat eine überbordende Anspruchshaltung. Dennoch gibt es zahlreiche RWE-Fans, die sich von ihrem Trainer und seiner Mannschaft ein klareres eigenes Konzept wünschen, dass sich an der eigenen Stärke und nicht wie sehr häufig am Gegner ausrichtet. Es mag in der Situation okay sein, nach Verl zu fahren und ein zuvor wochenlang gut funktionierendes System auf eine kompaktere Variante umzustellen, zeigt aber umgekehrt auch, dass RWE, obwohl von der Punktausbeute her nahezu ebenbürtig mit den Verlern, auf den Gegner reagiert und nicht selbst agiert. Irgendwie sucht man noch immer nach einer klaren rot-weissen DNA.
Im Trainingslager in der Türkei muss eine Antwort darauf gefunden werden, was RWE für einen Fußball spielen möchte. In zwei unterschiedlichen Systemen annähernd gleich gut agieren zu können ist wertvoll. Von einer klar erkennbaren und klar durchgezogenen Spielidee erschien Essen bislang aber noch ein gutes Stück entfernt. Man kann es auch positiv formulieren, Uwe Koschinat hat in dieser Spielzeit mehr als nur eine Spielidee mit der er den Gegner überraschen kann. Insgesamt präsentierte sich die Mannschaft stets als Einheit und in der Lage auf Rückschläge sehr adäquat zu reagieren. Das hat der Konkurrenz Respekt eingeflößt. RWE war bislang anders als Mamor, Stein und Eisen nicht zu brechen. Nach wie vor haben die Essener unter Uwe Koschinat in saisonübergreifend mittlerweile 40 Ligaspielen noch nie zweimal in Serie verloren. Nur dreimal verlor man bislang in dieser Spielzeit, sechsmal punktete man nach Rückständen. Das große Ganze stimmt bei RWE. Es erscheint daher trotz nicht weniger Kritikpunkte so, dass es scheinbar nur wenige Stellschrauben sein könnten, die Essen zurück ins Fußball-Unterhaus bringen könnten. Wie oben aufgezeigt geht es dabei vorrangig um bessere Arbeit gegen den Ball und konzentrierteres Verteidigen der eigenen Box. Mit welchem Personal man schlussendlich nach Ende des Transferfensters Ende dieses Monats die Saison weiterspielen wird, bleibt spannend. RWE denkt jedenfalls längst nicht mehr nur kurzfristig, wie in vergangenen Jahren. Essens Team soll verjüngt werden, ohne an Durchschlagskraft zu verlieren. Dass Akteure wie Tom Moustier, die sich in den Vordergrund gespielt haben, das Interesse anderer Klubs wecken, gehört zum Geschäft. Es ist nicht die schlechteste Variante, wenn man sich als Ausbildungsverein, der junge Spieler weiterbringt, einen Namen macht. Anders als vor einem Jahr geht der Klub ohne Abstiegs- und Existenzängste in die weitere Spielzeit. Allein dieser Aspekt lässt uns mit Freude auf die kommenden 19 Partien warten.
NUR DER RWE!
Sven Meyering unter Unterstützung von Datenmaterial von Klaus Schroer, Dominik Gsell und Fotmob .

