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2022/2023 – 3. Liga

Das JWD-Saisonfazit – Teil 2: Der sportliche Leiter

Neben dem Trainer diskutierten die RWE-Fans stark über die Kaderzusammenstellung. So beschäftigen wir uns im zweiten Teil unseres Saisonfazits mit der Rolle von Jörn Nowak. Viel Spaß beim Lesen.

RWE als Reifezeugnis –Eine kritische Würdigung von Jörn Nowak

RWE hatte es wieder einmal getan. In der Schlussphase einer spannenden Saison vollzogen die Essener wie im Vorjahr erneut eine Trennung von einer sportlichen Schlüsselfigur. Traf es im Mai 2022 den damaligen Cheftrainer Christian Neidhart, so war nun der zuvor vier Jahre im Amt weilende sportliche Leiter Jörn Nowak dran. Mit der Betrachtung der Personalie wollten wir das Saisonende ins Land streichen lassen. Unsere Analyse zeigt, wie bei der Demissionierung von Christian Neidhart, bei der Nowak noch federführend beteiligt gewesen war, ist auch diese Personalie facettenreich und komplex. Jawattdenn unternimmt den Versuch einer Aufarbeitung, die zugleich Teil 2 unseres Saisonfazits darstellt.

Die Verdienste – Goldene Aufstiegsmeriten statt goldener Ananas – Die Vorwürfe – teure Planungsfehler

Kein sportlicher Leiter erreichte in Essen in den letzten anderthalb Jahrzehnten mehr als Jörn Nowak. RWE schlingerte seit 2008 im Amateurfußball umher, wo man nach dem Wiederaufstieg aus der fünftklassigen NRW-Liga in die Regionalliga West ab 2011 stagnierte. Nachdem dem neuen RWE-Vorstandsvorsitzenden Marcus Uhlig eine strategische und finanzielle Neuausrichtung gelungen war, änderten sich ab 2019 endlich auch die Ziele an der Hafenstraße 97 A. In einer Liga, in der nur Platz 1 zählt, spielte Rot-Weiss Essen zuvor meist schon ab dem Herbst einer jeden Spielzeit um die goldene Ananas. Um das zu ändern, wurde Jörn Nowak als Nachfolger von Jürgen Lucas von Nachbar Rot-Weiß Oberhausen nach Essen gelotst. Mit gerade einmal 32 Jahren. Würde Nowak dem Druck im Haifischbecken Hafenstraße standhalten?

Er tat es, auch weil ihm der Mut zu unpopulären Maßnahmen nicht fehlte. Zunächst stellte Essens neuer Sportchef den glücklosen Trainer Karsten Neitzel von seinen Aufgaben frei. Das war folgerichtig, denn Neitzel schien nicht geeignet, den Neuaufbau in Essen und die notwendige Neuplanung des Kaders erfolgreich mitzugestalten. Es war eine Zeit, wo man bei Rot-Weiss Essen jeden Stein umdrehte und gewillt war, Veränderungen voran zu treiben. Zu verkrustet und nicht mehr zeitgemäß erschien RWE-Boss Marcus Uhlig die Vereinsstruktur. Der immer noch große Verein RWE war nicht nur sportlich im Hintertreffen, auch infrastrukturell und organisatorisch war man nicht auf der Höhe.

Der ehrgeizige Newcomer Nowak schien bestens geeignet, gemeinsam mit Uhlig eine neue und erfolgreiche RWE-Ära einzuläuten. Mit dem neuen finanziellen Möglichkeiten – geschuldet der bis heute bestehenden strategischen Partnerschaft mit Sascha Peljhan und zumindest damals noch funktionierendem Deal mit der Tiefbaufirma HARFID – hieß es nun klotzen statt kleckern. Nowak erfüllte das Sehnen der Essener nach dem Aufbau einer Spitzenmannschaft, die scheinbare Krone setzte er der Saisonplanung aber mit der Verpflichtung des Neuen Cheftrainers Christian Titz auf. Der hatte zuvor das Zepter beim renommierten Hamburger SV geschwungen und erschien für die vierte Liga als wahrhaft große Nummer. Wie die Geschichte endete wissen wir alle. Jedenfalls musste sich Jörn Nowak bei der Entlassung von Titz, mit dem er intern über Kreuz gelegen hatte, ein sehr dickes Fell zulegen, zeigte damit aber, dass er große Konflikte nicht scheute. Eine Kernkompetenz im Profifußball.

Als zwei Jahre später erst zwei Spieltage vor Schluss Titz-Nachfolger Christian Neidhart trotz überragend zu nennender Gesamtstatistiken kurz davor schien, den Aufstieg dennoch nicht zu erreichen, zeigte Nowak erneut Konsequenz, aber auch Mut und Verantwortungsgefühl. Neidhart wurden die Papiere ausgestellt, Nowak himself steuerte gemeinsam mit Vincent Wagner Essens Aufstiegsdampfer in den Hafen der Glückseligkeit. Das war hoch gepokert, denn die zwei eigenen klaren Siege in Rödinghausen (3:0) und über Ahlen (2:0) hätten dazu nicht gereicht. Der SC Wiedenbrück spuckte Preußen Münster in die Suppe, die Fortuna schien somit Jörn Nowak hold und belohnte seinen Mut.

Insgesamt lässt sich aber feststellen, dass Jörn Nowak, wenn es ihm notwendig erschien, in Sachen Personalpolitik rigide durchgriff. Nicht nur bei den Trainern, sondern auch beim kickenden Personal. Der RWE-Kader zeigte hohe Fluktuation. Von den Aufstiegsspielern waren nur Cedric Harenbrock und Daniel Heber nicht von Jörn Nowak verpflichtet worden. Für den im dritten Anlauf realisierten Aufstieg hatte Nowak einen Edelkader zusammengebastelt. Tormaschine Simon Engelmann lieferte in Essen wie zuvor in Rödinghausen, Spieler wie Felix Bastians und Thomas Eisfeld erwartet man eher nicht in der vierten Spielklasse.

Diese gestandenen Akteure waren wichtige Bausteine des Erfolgs. Ihre Verpflichtungen wirken aber auch nicht gerade kreativ. Zudem gab es teure Flops wie Zlatko Janjic, der bei Rot-Weiss einfach nicht in die Gänge kommen sollte. Dennoch holte Nowak auch Spieler wie Jakob Golz; Amara Condé oder José-Enrique Rios Alonso nach Essen.

In Essens erstem Drittligajahr hatte Jörn Nowak allerdings kein glückliches Händchen bei der Kaderplanung. Nowaks letztes Spiel in Amt und Würden war das 1:2 gegen Dynamo Dresden. Das Match, so die einhellige Meinung, habe gezeigt, was RWE so alles noch fehle im Vergleich zu einer Spitzenmannschaft. Das stimmt. Doch vergleicht man hier nicht Äpfel mit Birnen? Dynamo Dresden zeigte RWE die Grenzen auf, das taten zuvor auch der 1. FC Saarbrücken und die SV Elversberg. Nur lauteten Essens Saisonziele nicht, um den Aufstieg mitzuspielen, sondern die Klasse möglichst sicher zu halten. Mit 5 Punkten Vorsprung auf die Abstiegszone übergab Jörn Nowak notgedrungen sein Amt. Das ist kein beeindruckendes Ruhekissen, zeugt aber umgekehrt nicht von einer total verfehlten Kaderplanung.

Dennoch musste teuer nachjustiert werden. Erst Verpflichtungen wie die von Felix Götze und Andreas Wiegel brachten RWE besser auf Kurs. Und gegen die Truppen, die anderes als Dresden Essens Kragenweite hätten sein sollen, nennen wir hier Halle, Oldenburg oder Zwickau, klappte es auch nicht mit überzeugendem Fußball, sondern Magerkost war angesagt. Die sportliche Fehleinschätzung über die Drittligatauglichkeit des Kaders zu Saisonbeginn war nicht allein auf Nowaks Mist gewachsen. Auch Chefscout Patkovic überschätzte Essens sportliche Wirkungsmacht und der bekanntermaßen kritikfreudige Aufsichtsrat segnete die Kaderplanung ab, tat sich aber im Nachhinein schwer, auch die eigene Rolle am Fehlstart zu reflektieren.

Natürlich ist dennoch klar, dass jemand als der Hauptverantwortliche den Hut aufhaben muss. Nowak selbst war wie mehrfach erwähnt nicht zimperlich gegenüber Trainern, die ebenfalls nicht allein „schuldig“ an sportlichen Fehlentwicklungen waren. Somit musste er stets damit rechnen, auch persönlich demissioniert zu werden. Nowaks Entlassung hatte nicht nur sportliche Gründe. Mit Bannern auf der Alten West wurden gewisse angebliche Vorkommnisse verulkt. Der Nachhall im Verein führte zu einer weiteren Destabilisierung einer bereits strauchelnden Mannschaft, Erfolge blieben rar gesät. Auch das war nicht gerade förderlich für das Standing von Trainer Christoph Dabrowski, der von Teilen der Fanszene zum Vorzeigebuhmann auserkoren wurde, obwohl er nur eines von vielen Gliedern in einer Fehlerkette gewesen war.

Jörn Nowak dürfte am Ende auch selber froh gewesen sein, dass Rot-Weiss Essen die Klasse gehalten und über den Grad der Auswirkungen des Hinter-den-Kulissen-Theaters nicht weiter diskutiert werden muss. Nowaks sportliche Bilanz blieb bei aller nicht unberechtigten Kritik an einer z.T. unausgewogenen Kaderplanung über die vier Jahre seines Wirkens hinweg unter dem Strich in Ordnung. Dennoch war sein Handeln für den Verein finanziell nicht gerade Schonkost. Sowohl für die Regio als auch für die Dritte Liga hatte RWE wahre Mammutkader, das Ziel, sich in der Breite besser aufzustellen gelang qualitativ dennoch in der letzten Spielzeit nicht.

So hinterlässt Jörn Nowak dem Verein auch einige Altlasten, wie z.B. gleich sechs zurückkehrende Leihspieler (Haiduk, Kaiser, Kesim, Krasniqi,Rüth und Voelcke) die bis auf Sascha Voelcke und mit großen Abstrichen Fabian Rüth keine Rolle in Essener Zukunftsplanungen spielen. Auch weitere Spieler haben noch Verträge, die Essen nicht ungerne lösen möchte. Seinen Nachfolgern Christian Flüthmann und Markus Steegmann hat Nowak damit gut gefüllte Arbeitsmappen hinterlassen.

FAZIT:

Jörn Nowaks sportliches Vermächtnis bleibt, Rot-Weiss Essen zurück in den Profifußball geführt und seine Mission erfüllt zu haben. Er tat Dinge auch unpopulärer Art, wenn es ihm nötig erschien. Damit schuf sich Nowak gemäß der Natur der Sache nicht nur Freunde im Verein und Umfeld. Zudem schwächte er damit auch nicht nur einmal die Position der jeweiligen Cheftrainer. Respekt muss man ihm jedoch zollen, denn klar und deutlich übernahm Nowak im Saisonendspurt 2022 die Verantwortung und stellte sich dieser auch. Essens geschiedener sportlicher Leiter der letzten fast vier Spielzeiten wird nun zurückkehren zu Rot-Weiß Oberhausen. Als neuer Cheftrainer. Er sollte seine Zeit bei RWE auch als Lern- und Reifungsprozess begreifen. Letzteres gilt aber umgekehrt auch für einige Ebenen innerhalb des Vereins Rot-Weiss Essen.

Danke und alles Gute Jörn Nowak!

NUR DER RWE!

Sven Meyering