09.09.2007

SV Babelsberg - RWE

 

Auswärtsspiele sind schön …

Wer diese Saison Geld übrig hat oder einfach nur den aktuellen Ratenkredit noch erweitern kann, dem sei eines wärmstens empfohlen: Fahr' doch mal mit RWE auswärts!

Auf des Gegners Platz ist unser Team trotz Personalkarussells und Abwehrkettenlotto noch ungeschlagen, kassierte im vierten Spiel gerade mal das erste Gegentor der Saison. Wieso sollte man sich also weiterhin bei Fußball-ähnlichen Veranstaltungen im eigenen Stadion quälen, wenn's doch für gerade mal für 50 Euro 'nen Auswärtssieg zu sehen gibt?!

Gegen 06:00 Uhr ging's auch für drei Jawattdenns wieder auf die A2 in Richtung Wolfsburg. Dieses Mal durften wir jedoch noch ein paar Kilometer dranhängen, es ging in Brandenburgs Landeshauptstadt Potsdam, genauer gesagt in den Stadtteil Babelsberg zum dort heimischen SV Babelsberg 03. Gegen 11:30 Uhr erreichte man bereits das Karl-Liebknecht-Stadion, welches sicherlich das Prädikat „klein aber fein“ verdient hat. Auch sonst erinnert in der Stadt in unmittelbarer Nähe der Bundeshauptstadt so gar nichts an das gewohnte Bild im Osten. Babelsberg erinnert eher ein wenig an den Stadtteil Prenzlauer Berg in Berlin: viel renovierte Altbauten, buntes Treiben auf den Straßen, gepflegte Vorgärten und Balkons.

Das Karli, wie es die Einheimischen liebevoll nennen, liegt in einer Sackgasse, die in einen Landschaftspark mündet. Parkplätze gibt es sicherlich nicht allzu viele, mit früher Anreise oder ca. fünf Minuten Fußweg parkt man aber in Babelsberg gut und vor allem kostenfrei.

Über eine Querstraße kommt man zum Gästeblock. Dieser war jedoch noch nicht geöffnet, als wir ihn erreichten. Gelangweilt schaut man sich auch hier ein wenig um und, oho, man erspäht die Ausläufer einer Schlossanlage. Wenn ich da dran denke, was der Gästefan hier so sieht, wenn er sich vor dem Gästeeingang umschaut. Hier wurden wir übrigens noch von zwei netten jungen Damen und einen Fotografen angesprochen, der uns gerne fotografieren wollte, für sein Internetportal www.die-fans.de („ihr kennt doch Internet, oder?“). Naja, wir machen ja auch jeden Scheiß mit, also aufgestellt. Auflockernd kommt die Frage des Herren: „Na, was machen Fußballfans denn so beim Auswärtsspiel?“. Na klar, randalieren ...

Pünktlich um 12:30Uhr öffnete der Gästeblock. Es gibt Wurst und Steak, dazu die üblichen Getränke. Wurst-Preise von 1,50 Euro schonen hier den Geldbeutel. Und schmecken tut's vom Holzkohlegriff ja eh tausend Mal besser als aufgewärmt in 'ner neuen Multifunktionsarena.

Am Stadioneingang verkauft ein junger Mann das örtliche Stadionmagazin mit Namen "Nulldrei". Vor dem Spiel haben natürlich auch wir uns über die Babelsberger Fanszene etwas informiert, und es ist wohl auch so hinreichend bekannt, dass man dort eher das politisch linke Spektrum als die im Osten sonst üblichen „Thor Steinar“-Skins trifft. Umso mehr verwundert doch das Aussehen des Zeitungsverkäufers mit Glatze und Szene-typischer Kleidung.
Das Magazin ziert eine Karikatur mit dem in Essen bisher wohl gänzlich unbekannten Gassenhauer „Omi, is Essen schon fertig?“. Immer wieder ein Brüller. Die Zeitschrift selber gleicht inhaltlich jedoch so gar nicht den üblichen Stadionzeitungen. Langweilige Statistiken werden hier optisch aufgepeppelt. Enthalten sind Choreobilder der Fanblöcke sowie Berichte über die Fanszene inkl. Hoppingberichte oder auch Werbung für Punkrock-Konzerte.
Und enthalten ist auch ein Interview mit unserem Trainer Heiko Bonan, ich zitiere die ersten Zeilen:

„Der Saisonstart Ihrer Mannschaft war nicht gerade erfolgreich. Wo sehen Sie die Ursachen? ->Das habe ich doch schon tausend Mal versucht zu erklären …“

Na klar, welch ein Schelm, der meint, das Babelsberger Publikum liest nicht die Reviersport oder die WAZ. Was sollen also so blöde Fragen? :-D

Im Stadion selbst ist die Sicht perfekt, es herrscht strahlender Sonnenschein, einzig das Fangnetz vor dem Gästeblock behindert die Sicht doch etwas. Links auf der Gegengeraden befindet sich der Babelsberger Stimmungs- und Fanblock, Bewegung ist dort bei ca. 50 Personen zu sehen (samt Capo mit Megafon). Gleich zwischen Heimblock und Gästefans postiert sich heute nicht nur die obligatorische Bereitschaftspolizei, sondern auch wohl eher erlebnisorientierte Einheimische samt Unterstützung der „Antifa Ultras“ von FC Sankt Pauli, welche überwiegend dadurch glänzen, mal das Stadion (und sich selbst) einzunebeln und Pöbeleien rüberzuwerfen. Vielleicht sollten die Herrschaften demnächst den doch etwas schwachen Heimsupport etwas aufbessern, anstatt ständig samt Fähnchen auf dem Zaun rumzuhampeln. Und nein, in Essen sind nicht alle Fans „Nazis“, das sollte aber mittlerweile auch bis Hamburg oder Potsdam durchgedrungen sein. Andererseits ist ein „Babelsberg könnt ihr uns hörn?" - "Wir werden eure Stadt zerstörn!“ von Seiten der doch etwas jungen Sänger auf Essener Seite auch nicht wirklich die feine Art.

Soweit so gut. Das Spiel beginnt eigentlich wie ein Heimspiel: gut angefangen, Gegentor, dann geht gar nichts mehr. Erst ein wohl doch eher wohlwollend gegebener Elfmeter bringt wieder Leben in unsere Truppe. Da Babelsberg sich aber nicht blamieren möchte gegen uns, gibt man nun alles und, zack, fängt sich direkt zwei Kontertore. Tja, wohl doch noch nicht fertig das Essen, was Oma?

Kurz vor dem Abpfiff springt dann noch mal „Ultra Sankt Pauli“ auf den Zaun, damit auch wirklich jeder Gästefan mitkriegt dass man nur zum Pöbeln in die Filmstadt gekommen ist. Alle Achtung!

Nach Spielende geht's dann auf den Rückweg durch zwei Polizeisperren, wo man jedoch eher den Schal-tragenden Fan kontrolliert als Leute in sportlichem Outfit ohne Fanutensilien, naja. Ohne Probleme oder Pöbeleien geht's aber auch mit rot-weißer Kluft zurück zum PKW, der gerade mal knapp 50 Meter vom Treffpunkt der Babelsberger Fanszene entfernt steht. So was hat man wohl eher selten. Ein Gruß geht an dieser Stelle noch mal an den Herrn mit der „Filmstadt Inferno“-Fahne in den Armen, der uns ganz kritisch beäugte und sein Stückchen Stoff wie das liebste Kuscheltier an sich presste. Wir wollten dir nix klauen. ;o)

Der zweite Auswärtssieg in Folge, sieben Punkte innerhalb von sieben Tagen, ein sonniger Nachmittag, passt doch! Da nimmt man auch 14 km Stau auf dem Rückweg mit einem Lächeln in Kauf, erst Recht, wenn man den 9er Bus der Chaos Boys und Asozialen Essener neben sich hat, schade, dass unsere Kameras im Kofferraum waren, war geil mit euch, Jungs! Ach, und wenn die drei Mädels aus dem blauen Kombi mit dem Mettmanner Kennzeichen, die meinem Mitfahrer so nett gewunken haben über zehn km, das hier lesen sollten: Meldet euch, er hatte nichts zum Schreiben.

In 14 Tagen geht's wieder auf die A2, wieder nach Wolfsburg, wieder nach Potsdam, diesmal jedoch noch ein Stückchen weiter zum nächsten Auswärtscoup, diesmal zu Eisern Union, und auch Jawattdenn ist dann wieder „on the road“.


(mn)