Uwe Neuhaus entlassen

Was bereits in den frühen Morgenstunden leise durchsickerte und sicherlich auch erwartet wurde, ist nun offiziell. Uwe Neuhaus, seit April 2005 in Amt und Würden, ist nicht mehr Trainer der Essener Mannschaft. Die letzten sportlichen Rückschläge mit nur einem mageren Punkt aus fünf Spielen sowie das immer weiter schwindende Ansehen von Neuhaus ließ den Verantwortlichen offensichtlich keine andere Wahl. Der Gipfel dann das „Spiel“ gestern Abend gegen Koblenz. Dass es keine leicht ausgesprochene Kündigung war, konnte man den Aussagen von Nico Schäfer und Olaf Janssen bei der heutigen Pressekonferenz entnehmen.

„Wir haben hier in den letzten anderthalb Jahren hervorragend zusammengearbeitet, Uwe war 24 Stunden für den Verein aktiv und hat sich voll mit Rot-Weiss Essen identifiziert. Es fällt schwer so eine Entscheidung zu treffen.“ gab Janssen preis. "Zuletzt schien es aber, als würde ihn die Mannschaft nicht mehr verstehen.“ Aus dem kurzfristig einberaumten Trainingslager habe er seine Schlüsse ziehen können. Ob im positiven oder negativen Sinne, ließ er dabei jedoch offen.

Auch Nico Schäfer dankte dem Trainer für die Arbeit und betonte abermals, dass Uwe Neuhaus bislang der einzige Trainer war, der den direkten Wiederaufstieg aus der Regionalliga mit einer Mannschaft schaffte. „Die Situation ist natürlich nicht mit der vor zwei Jahren zu vergleichen! Damals haben wir aber im Nachhinein bei der Saisonanalyse feststellen müssen, dass es ein Fehler war, so lange an Gelsdorf festzuhalten. Dennoch kann man da keine Parallelen ziehen!“

Bis zum Spiel in Unterhaching wird nun Janssen das Zepter an der Hafenstrasse schwingen und das Training leiten. Er kündigte indirekt eine härtere Gangart an. „Ich werde die Spieler genau beobachten“, bemerkte er. „Ich erwarte, dass sich die Spieler am Sonntag beim wichtigen Spiel gegen Unterhaching für den Verein zerreißen. Mir brauch auch keiner zu kommen, der mit ein paar blauen Flecken nicht trainieren kann.“

Die Trainerfrage stellt sich laut sportlicher Leitung erst nach dem wichtigen Spiel in Unterhaching, vorher werde man nichts unternehmen. Zu wichtig sei diese Begegnung, stellte Janssen fest. Danach beginnt die Suche nach einem neuen Trainer, der den Verein wieder in das gesicherte Mittelfeld katapultieren soll.

„Dass es die Mannschaft kann, haben die Spiele in Köln und Lautern gezeigt. In der Saisonvorbereitung haben wir Gladbach und in einem weiteren Testspiel Bielefeld geschlagen. Das kann nicht von heute auf morgen alles weg sein. Wenn die Mannschaft wieder an ihre Leistungsgrenze kommt, dann wird es auch wieder besser laufen. Nur dafür muss ein Rädchen ins andere passen! Das Niveau in der zweiten Liga ist einfach ein anderes, da muss alles zusammenpassen und harmonieren.“ Die Essener Mannschaft wird bereits am Samstag nach München fliegen, um sich auf die Partie gegen Haching vorzubereiten, bis dahin stehen jeden Tag zwei Trainingseinheiten auf der Tagesordnung.

 

Ein Kommentar

Neuhaus ist weg – die richtige Entscheidung?

Die Situation, dass ihm das Wasser bis zum Hals steht, war für Uwe Neuhaus nicht neu. Schon vor Jahresfrist stand er (zumindest unter Teilen der Fans) auf der Abschussliste. Der Vorstand ist jedoch ruhig geblieben und hat Neuhaus den Rücken gestärkt - die richtige Entscheidung, wie es sich schon schnell herausstellen sollte.
Was ist also diesmal anders gelaufen? Warum erfolgte im Gegensatz zur Vorsaison der Trainerrauswurf? Die Begründung, der Vorstand habe aus der letzten Zweitligasaison gelernt (damals wurde auf Biegen und Brechen an Gelsdorf festgehalten), berührt sicherlich nur die Oberfläche einer keineswegs monokausalen Entscheidung. Der Vergleich zur Vorsaison hinkt dabei auch gewaltig.


Der Versuch einer Analyse aus der Sicht eines Außenstehenden:

- Die schwachen Spiele der Vorsaison blieben Einzeltaten. Beschämenden Auswärtsauftritten wie in Berlin oder St. Pauli folgten Heimsiege. Die Lübeck-Pleite am 2. Spieltag blieb die einzige Blöße, die man sich in der Hinrunde an der Hafenstraße gab.

- Neuhaus musste in der vergangenen Saison eine komplett neue Mannschaft zusammenwachsen lassen. Dass in der Hinrunde noch nicht alles „glatt“ laufen konnte, war durchaus vorauszusehen. Nach dem Aufstieg hatte er aber die scheinbar deutlich leichter zu bewerkstelligende Aufgabe, den eingespielten Aufstiegskader, der neben Bilgin keinen weiteren Leistungsträger verloren hatte, sinnvoll zu verstärken. Das ist ihm, so scheint es derzeit, nicht gelungen. Baustellen, die schon in der Regionalliga offensichtlich waren (Wehlages Ausfall gegen Ende der Saison hatte sich bezüglich unseres Flügelspiels deutlich bemerkbar gemacht), wurden in der Sommerpause ignoriert. Auf der Torwart- und den Defensivpositionen sicherte man sich dagegen gleich mehrfach ab. Vier Torhüter und drei linke Verteidiger stehen auf der Essener Gehaltsliste, die „Erwin-Koen-Position“ im linken Mittelfeld ist dagegen mit Kiskanc nur einfach und qualitativ nicht ausreichend besetzt.

- Neuhaus hatte vor einem Jahr schnell eine Stammelf gefunden, der er das Vertrauen schenkte, auch nach schwachen Spielen. Dieses Vertrauen genoß zuletzt kaum ein Spieler. Nach dem 2:2 gegen Paderborn wurde das Team mehrfach völlig umgekrempelt. Man hatte das Gefühl, die Saisonvorbereitung mit Testspielen hätte gerade erst begonnen. Dazu gesellten sich nicht nachvollziehbare taktische Ausrichtungen: so mussten zum Beispiel van Lent und Löbe gegen Frankfurt als die wohl langsamsten Konterstürmer der Liga agieren; gleichzeitig wurden dem Mittelfeld sämtliche Kreativspieler entzogen. Jungen Spielern wie Özbek oder Calik kann man sicherlich die geringsten Vorwürfe machen, warum diese aber ausgerechnet in Krisensituationen eingesetzt werden, ist kaum nachvollziehbar. Von ihnen kann man wahrlich noch nicht erwarten, in solchen Phasen entscheidende Impulse zu setzen. Ein- und Auswechslungen, die jeder Logik des einfachen Fans entbehren, sind dabei nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

- Es ist nicht ausgeschlossen, dass das Verhältnis zwischen Trainer und einigen Spielern nicht mehr das beste war. So saßen gegen Koblenz mit Zaza, Hysky, Grammozis und Haeldermans gleich vier als Leitungsträger eingeplante Spieler auf der Bank, mit Paulo Sergio fehlte noch ein weiterer potenzieller Eckpfeiler verletzungsbedingt. Dass es der Startelf auch an Qualität mangelte, ist somit kaum überraschend, zumal weitere Stammspieler seit Wochen weit unter ihren - hoffentlich noch vorhandenen - Möglichkeiten spielen (Bemben, Löbe). Besonders kurios ist die Entwicklung von Kiskanc: Innerhalb von vier Wochen rotierte er von der Tribüne in die Startelf, um von dort wieder über die Ersatzbank auf die Tribüne gesetzt zu werden. Ist es also nur Zufall oder eine reine Kopfsache, dass dermaßen viele Spieler zur Zeit völlig neben sich stehen?

Es sind nur Spekulationen, aber den Rücken stärkt man seinen Spielern mit dauernden Wechselspielchen sicherlich nicht. Es war bezeichnend, dass selbst die zweifellos als „Volltreffer“ zu bezeichnenden Neueinkäufe Kläsener und Bieler in München für die beiden Gegentore verantwortlich zeichneten...

Die Entlassung von Neuhaus scheint also die in unserer Situation einzig richtige Entscheidung gewesen zu sein. Es sprach viel mehr gegen Neuhaus als nach dem St.Pauli-Spiel. Ob sich damit das Blatt wieder zu unseren Gunsten wendet, lässt sich natürlich nicht mit Sicherheit voraussagen. Es bleibt die Hoffnung auf den „Neue-Besen“-Effekt. Mehr Potenzial als zuletzt gezeigt hat die Mannschaft sicherlich, hoffentlich aber auch genug für den Klassenerhalt. Zahlreiche Spieler haben ihren Zenit überschritten, wenn der neue Trainer nicht das Optimale aus Spielern wie Grammozis oder Paulo Sergio herausholen kann, würde die Mission „Klassenerhalt“ sicherlich schwierig und ein Kaufrausch – neben den ohnehin noch unbedingt neu zu besetzenden Positionen - in der Winterpause wäre programmiert.



Michael Jaskolla