Kategorien
Groundhopping

Groundhopping: Israel und Palästina

Ein straff getakteter 4-Tage-Trip nach Israel und Palästina bot Anfang des Jahres ein Maximum an unvergesslichen, aufregenden Eindrücken. Fremde Kulturen, historische Stätten in biblischen Städten und ein Grenzübergang, den man eigentlich nur aus der Tagesschau kennt. Aber auch der Fußball lieferte kuriose Geschichten, wie das Jerusalem-Derby – in zwei verschiedenen Ländern…

Eine außergewöhnlich lange Winterpause lud ein, die Fühler nach den nächsten Länderpunkten auszustrecken. Die Reisegruppe aus drei Hafensängern und einem Vertreter der Rude Fans war schnell gefunden. Genauso wie das Ziel: Israel und Palästina. Während in Israel über den Jahreswechsel hinweg durchgespielt wird, musste der Rückrundenstart der West Bank Premier League auf Datenbasis der letzten Jahre abgeschätzt werden. Zum Glück mit Erfolg, denn der palästinensische Spielplan wurde erst elf Tage vor der Reise terminiert. Ein Rahmenterminplan war nicht auszumachen.

Der Nahe Osten: Fußballerisches Kuriositätenkabinett und politisches Pulverfass

Der israelische Verband, bis 1974 AFC-Mitglied und seit 1994 – aus Sicherheitsgründen entgegen allen geografischen Regeln –  vollwertiges UEFA-Mitglied, bescherte uns das Jerusalem-Derby zwischen Hapoel und Beitar. Informationen zu den palästinensischen Ansetzungen zu erhalten hingegen stellte eine große Herausforderung dar. Als beste Quelle erwies sich letztlich Facebook, wo die Palestinian Football Association (PFA) als „الاتحاد الفلسطيني لكرة القدم“ zu finden ist. Sehr bequem, dass die arabischen Posts direkt vom sozialen Netzwerk übersetzt werden. Nachdem erstmal die Namen der einzelnen Vereine und deren Facebook-Seiten ausgemacht waren, konnte es an die Verifizierung von Anstoßzeiten und Spielorten gehen. Als solide Quelle in der Recherche behauptete sich zudem eine Seite namens „Football Palestine“, die von einer sehr hilfsbereiten Privatperson aus Palästina mit recht guten Englischkenntnissen verwaltet wird. Diese klärte uns dann letztlich auch auf, dass am entsprechenden Spieltag auch das Al-Quds-Derby stattfinden sollte. Al-Quds ist der arabische Name für Jerusalem, einer geteilten Stadt unter israelischer Vorherrschaft, die sowohl Israelis als auch Palästinenser als Hauptstadt ihres Staates beanspruchen. Für uns bot sich so das Kuriosum, an einem Wochenende gleich zwei Jerusalem-Derbys sehen zu können, allerdings in zwei unterschiedlichen Staaten. Das dürfte kaum woanders auf der Welt möglich sein.

Je näher die Reise rückte, umso intensiver wurde die politische Lage im Nahen Osten beobachtet. Dass ausgerechnet der Besuch eines Fußballportals den ersten brandaktuellen Berührungspunkt mit dem Konflikt herbeibrachte, ließ dann doch schnell die Spucke wegbleiben. Am 22. Dezember 2022 wurde der 23 Jahre alte Ahmed Daraghmeh, Fußballer beim palästinensischen Erstligisten Thaqafi Tulkarem, von israelischen Einheiten in Nablus erschossen. Palästinensische Medien sprechen von Besatzern. Israelische Medien hingegen von einem Hamas-Angriff auf jüdische Siedler, die zum Josephsgrab pilgerten und vom Militär begleitet wurden. 

Wenige Tage zuvor wurde die 16-jährige Jana Zakarneh in Jenin von israelischen Soldaten auf einem Hausdach erschossen. Dort habe sie sich in der Dunkelheit in die unmittelbare Nähe von Terroristen begeben, um die Schusswechsel zu filmen. Die Gegenseite spricht davon, dass das Mädchen auf dem Dach ihre Katze gesucht hat. Für Außenstehende bleibt nur eine weitere tragische Nachricht mit unabhängig nicht zu kontrollierenden Informationen, sowie ein dicker Kloß im Hals. 2022 war das tödlichste Jahr seit 2004 in diesem endlosen Konflikt.

Weiter verschärft wurden die Spannungen, als kurz vorm Jahreswechsel die neue, ultra-rechte Regierung von Premierminister Netanyahu ins Amt gewählt wurde. Umstrittenste Persönlichkeit ist Itamar Ben-Gvir, offenkundig rechtsextrem und seitdem Minister für Nationale Sicherheit. Förmlich die erste Amtshandlung war ein Besuch auf dem Tempelberg am 3. Januar 2023. Eine große Provokation, vor der vielfach gewarnt wurde. Als sich das letzte Mal ein israelischer Minister – Ariel Scharon im Jahr 2000 – dazu berufen fühlte, brach die zweite Infitada aus. Zwei Tage später machten wir uns mit Ryanair auf den Weg von Brüssel nach Tel-Aviv.

Bahnhof Tel Aviv Ha’Hagana

Ankunft in Tel Aviv-Jaffa

Die bekannten Horrorgeschichten vom sichersten Flughafen der Welt bestätigten sich nicht, so dass uns Abschiebehaft und Verhör nach der Landung erspart blieben. Ein paar komische Fragen bei der Passkontrolle, eine etwas intensivere Sicherheitskontrolle und schon durften wir uns frei bewegen.

Gut vorbereitet besorgten wir uns zunächst die RavKav-Karte, die zur Nutzung des ÖPNV berechtigt und das Fahren mit Bus und Bahn sehr bequem macht, wenn man sich einmal mit dem System auseinandergesetzt hat. Im Zug nach Jaffa, der arabischen Altstadt von Tel Aviv, begegneten wir erstmals bewusst den orthodox lebenden Juden. Mit schwarzen Gewändern, Schläfenlocken, Gebetsriemen und Schtreimel im Gepäck. Leicht wippend mit der Tora in der Hand wurde die Fahrt zum Beten genutzt. Während die Kippa in Israel, in Jerusalem ganz besonders, allgegenwärtig ist, war und blieb der Anblick der Chassidim immer ein Stück weit befremdlich. Neben der grundsätzlichen Ablehnung gegenüber extrem religiösen Lebensweisen, welchen Ursprungs auch immer, dürfte auch die Netflix-Serie „Unorthodox“ einen Teil dazu beigetragen haben.

Am Ziel angekommen, ließen wir uns zunächst in unserem Hostel Jungle Jaffa nieder. Gewöhnungsbedürftiges Aussteigerpublikum. Wer aber in einer der teuersten Städte der Welt günstig unterkommen möchte, Frühstück und Abendessen gerne im Preis inbegriffen hat und sich von einer großflächigen Schimmelzucht im Sanitärbereich nicht abschrecken lässt, ist hier gut aufgehoben. Highlight ist jedoch das Bloomfield Stadium, das sich aus dem Fenster fast anspucken lässt. Ein Spiel in der 30.000 Zuschauer fassenden Schüssel blieb uns leider verwehrt.

Skyline des modernen Tel Avivs

Der angebrochene Tag nutzte nur noch, sich die Promenade anzuschauen, Geld zu wechseln und ein paar überteuerte Bierchen einzuverleiben. Während meine Wenigkeit nach knapp 40 Stunden ohne Schlaf in der Koje verschwand, zog es die anderen drei Sportsfreunde noch auf die Balz, um sich in einer nahgelegenen Diskothek ein paar Körbe abzuholen.

Befreiung aus den Klauen der Taximafia

Nicht nur zum Leidwesen der beiden Fremden, die das Los gezogen hatten, die Nacht mit uns im 6-Personen-Schlafsaal verbringen zu müssen, klingelten um 6 Uhr in der Früh bereits wieder die Wecker. Das nahmen wir jedoch gerne in Kauf, um der jüdischen Geschichte mit ihrer tragischen, unweigerlich mit Deutschland verknüpften Vergangenheit, den nötigen Tribut zu zollen. So hatten wir uns im Vorfeld für 9:00 Uhr kostenfrei, aber zwingend notwendig, in der weltweit größten Holocaust-Gedenkstätte angemeldet: Yad Vashem in Jerusalem.

Ein langes Wochenende in Israel möglichst effizient zu planen, war eine große Herausforderung. In jeder Überlegung ist der Shabbat, der wöchentliche Ruhetag im Judentum, zu berücksichtigen. Ab Freitagnachmittag steht in Israel wirklich alles still. Alles! Vom kleinen Kiosk bis zum gesamten ÖPNV. Noch sollte uns dieser aber in rund 40 Minuten mit dem Zug vom Bahnhof Ha’Hagana nach Jerusalem bringen, was auch kein Problem darstellte. Schwieriger war es einen Taxifahrer davon zu überzeugen, uns den 30-minütigen Fußmarsch von unserer Unterkunft zum Bahnhof zu ersparen und für faire Konditionen fünf Minuten mitzunehmen. Problem war allerdings nicht, dass es an Taxen in Tel-Aviv mangelte, sondern dass israelische Taxifahrer ziemlich große Arschlöcher sind. Während man in anderen Ländern förmlich von der Taximafia ins Auto gezerrt wird, erlebten wir nun ein ganz anderes Phänomen. Eine Reihe von Taxifahrern hat uns einfach ignoriert oder sehr deutlich, zum Teil in extrem unverschämter Art und Weise, abgelehnt. Als wir es irgendwann doch in ein Taxi geschafft hatten, wurde uns ein horrender Preis für die kurze Strecke angeboten, um uns im nächsten Satz direkt eine Fahrt bis nach Jerusalem andrehen zu können. Es sei schließlich Shabbat, da würden gar keine Züge fahren. Was beim naiven Neckermann vielleicht fruchtet, zieht beim gut vorbereiteten Groundhopper natürlich nicht. Der Shabbat beginnt am Freitagnachmittag, Freundchen!

Nach dieser Lektion konnten wir uns schließlich doch noch auf einen anständigen Kurs für die Fahrt zum Bahnhof einigen. Ganz aufgeben wollte der Scharlatan, dessen vorgetäuschte Freundlichkeit nur sein Geschäftsmodell war, selbst dann noch nicht, als der Wagen bereits rollte. An der ersten Ampel bot der Taxifahrer ganz selbstlos an, die Abfahrtszeiten der Züge zu checken. Selbstsicher auf sein Smartphone verweisend, lautete die nächste Behauptung, dass unser Zug erst in einer Stunde fahren würde. Ob er uns nicht doch nach Jerusalem fahren solle?

Großartige, einstudierte Performance, aber auch dieser Trick zündete nicht und wurde entlarvt. Im Hebräischen wird von rechts nach links gelesen. Der Berufsbetrüger, der sich damit endgültig für ein Trinkgeld disqualifiziert hatte, hielt uns die Ankunftszeit unseres Zuges unter die Nase. Obwohl wir im selben Gefährt saßen, erreichten also nur wir unser Ziel. Völkerverständigung geht anders!

Die Zugfahrt verlief recht entspannt. Kurzer Schockmoment, als ein junger, arabisch aussehender Mann in Straßenklamotten mit einem Maschinengewehr in der Hand durch den Gang spazierte. Ein Anblick, der diverse Ressentiments bedient, an den man sich aber auch unabhängig davon nur schlecht gewöhnen kann. Am Bahnhof Jerusalem Central – auch Yitzhak Navon Station genannt – dann ein blondes Mädel in Leggings mit der Waffe auf dem Rücken geschnallt. Wow! In Israel gilt für alle, für Frauen und Männer ab 18 Jahren, eine Wehrpflicht von 24-30 Monaten. Ein Verweigerungsrecht existiert nicht. Heimkehrende Soldaten und Soldatinnen, meist in Uniform und bewaffnet, nicht selten aber auch in Alltagskleidung unterwegs, sind allgegenwärtig.

Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem

Über drei endlos lange Rolltreppen geht es aus einer Tiefe von 80 Metern an die Oberfläche. An Bahnhöfen, wie auch in Einkaufszentren, gibt es an den Ein- und Ausgängen Sicherheitskontrollen, wie am Flughafen. Nach überstandener Leibesvisitation brachte uns die Straßenbahn 1 hinauf auf Mount Herzl, von wo Yad Vashem fußläufig erreichbar ist. Leichter Nieselregen, dichter Nebel. Passender hätte die Kulisse auf dem Weg in das naturbelassene Tal, wo sich die Gedenkstätte befindet, nicht sein können.

Blick vom Herzlberg auf Yad Vashem

Im Zentrum steht das Museum, ein längliches Gebäude in Form einer Toblerone, dessen Enden über den Berg hinausragen. In die Architektur lässt sich ein Zeitstrahl interpretieren, der das dunkle Gebäude von vorn bis hinten durchzieht. Brutal gut gemacht wird so die gesamte Geschichte des Holocausts wiedergegeben. Von der Machtergreifung Hitlers bis hin zum Kriegsende 1945 und dem Leid darüber hinaus. Die Ausstellung ist für Touristen auf Englisch gehalten. Mit Deutschkenntnissen lässt sich mehr verstehen, als einem oft lieb ist, da viele Exponate deutscher Herkunft sind.

Der Klos im Hals wird von Raum zu Raum, mit jeder dokumentierten Gräueltat, dicker. Kurz vorm Ausgang befindet sich die Halle der Namen, die in stilvoller Herrichtung unzählige Aktenordner bereithält, in denen Gedenkblätter mit den Namen der Opfer, Kurzbiografien und Bilder archiviert sind. Für jedes identifizierte Opfer ein Blatt. 2,5 Millionen Gedenkblätter befinden sich in der kreisförmigen Halle. Platz bietet sie für 6 Millionen. Die leeren Regale symbolisieren die nicht identifizierten Todesopfer.

Dann ist der Ausgang erreicht. Licht am Ende des Tunnels, im wahrsten Sinne des Wortes. Die Schiebetüren zur frischen Luft wirken erlösend. Wo eigentlich eine tolle Aussicht auf Jerusalem sein sollte, ist nur eine weiße Nebelwand zu sehen. Stille. Vier gestandene Männer stehen an der Balustrade und schauen ins Nichts. Sprachlos und mit feuchten Augen, steht die Kindergedenkstätte erst noch bevor. Aus Respekt, aber mit großem Unbehagen, lassen wir auch diesen düsteren Ort nicht aus. Am Eingang sind einige Kinderfotos zu sehen. Lange auszuhalten ist es in dem komplett verspiegelten Raum, der nur das Licht von fünf Kerzen tausendfach reflektiert, nicht. In Dauerschleife werden Name, Alter und Herkunft von 1,5 Millionen getöteten Kindern vom Band abgespielt. Möchte man den Namen jedes Kindes einmal hören, muss man hier drei Monate verbringen. Wir halten es nur wenige Sekunden aus. Es ist und bleibt unvorstellbar. Nie wieder!

Flucht vor dem Shabbat: Auf nach Palästina

Die Stimmung in der Reisegruppe war nach diesem Ausflug zunächst gedrückt. Wortkarg ging es zurück zum zentralen Bahnhof in Jerusalem, in dessen unmittelbarer Nähe sich unser Hostel, das Allenby2 B&B, befand. Um dem anstehenden Shabbat und der zu erwartenden Tristesse auf den Straßen zu entfliehen, sah der Plan seinen ersten Grenzübertritt vor. Das muslimisch geprägte Palästina war das Ziel des Tages.

Doch ist Palästina, bestehend aus dem isolierten Gazastreifen und dem Westjordanland, überhaupt ein Staat? Das ist völkerrechtlich umstritten. 55 Staaten, ein Großteil von Europa und allem voran Nordamerika, widersprechen dem. Dafür spricht die Anerkennung von 140 Nationen, von denen 28 wiederum Israel keine Existenz zusprechen. Eine friedensstiftende Zweistaatenlösung bleibt in dem aktuell wieder stark aufflammenden Konflikt vorerst Utopie. Der Groundhopper muss sich hingegen nicht den Kopf zerbrechen: Durch die seit 1998 bestehende FIFA-Mitgliedschaft ist Palästina – trotz aller politischen Querelen – ein lupenreiner Länderpunkt.

Das imposante Damaskustor

Um diesen ganz entspannt einzutüten, bewegten wir uns frühzeitig in Richtung der historischen Altstadt von Jerusalem, die wir unbedingt noch in aller Lebendigkeit erleben wollten. Kaum eine Stadt der Welt ist so umstritten. Die drei monotheistischen Weltreligionen – Christentum, Judentum und Islam – haben alle ihre Heiligtümer in diesen markanten Gemäuern. Der reinste Schmelztiegel. Ostjerusalem, 1967 erst im Sechstagekrieg gegen die arabische Welt von Israel erobert, wird von Palästina unter dem arabischen Namen Al-Quds als eigentliche Hauptstadt beansprucht.

Auf unserem Weg zum Damaskustor, das im muslimischen Viertel der Altstadt liegt, wühlten wir uns durch die zum Bersten überfüllten Gassen. Um diesem Gewusel kurzzeitig zu entfliehen und den Hunger zu stillen, ließen wir uns zwischenzeitlich in einem unscheinbaren Imbiss nieder. Vier dicke Shawarma-Wraps je 55 Shekel (= 13,50 €) sollten es sein, die allerdings unzählige Spießumdrehungen auf sich warten ließen. Auf unserem weiteren Weg durch die Altstadt erfreuten sich die Wortspielliebhaber unter uns an den zahlreichen Shirts mit Aufschriften wie „Guns n’ Moses“ oder „PikaJew“, einem gelben Pokémon mit Schtreimel und Schläfenlocken.

Auf unserer Route – Achtung, kein Wortspiel – kreuzten wir noch die Grabeskirche, das christliche Heiligtum Jerusalems. Jesus soll der Überlieferung zufolge an diesem Ort gekreuzigt und begraben, wie auch nach drei Tagen auferstanden sein. Von außen recht unscheinbar, wird die Besonderheit der Kirche im Inneren doch schnell spürbar. Dazu tragen vor allem die gläubigen Christen bei, die sich in völliger Demut an den Salbungsstein knien, diesen küssen und mit Rosenwasser beträufeln. Hier soll Jesus nach seinem Tod gesalbt worden sein.

Der Salbungsstein in der Grabeskirche

Nach dieser Visite gelangten wir durch das imposante Damaskustor wieder raus aus der Altstadt und steuerten den Busbahnhof an, von dem die Busse auch in die palästinensischen Gebiete fahren sollten. Dem entsprechend herrschte arabisches Flair und damit reichlich Chaos an diesem Ort. Busfahrpläne sind hier nur nett gemeinte Ideen. An dem Bussteig, wo wir unseren Bus erwarteten, tummelten sich bereits unzählige Menschen, die sich in längst überfüllte Busse quetschten. Die Meute vor dem Bus schien sich aber auch nicht allmählich aufzulösen, so dass wir gar nicht erst in die Nähe des Busses kamen. Unser Zeitpuffer war mittlerweile auch ordentlich geschmolzen. Die Orientierungslosigkeit wich immer schneller der Sorge um unsere Pläne. Als das Unterfangen einer Fahrt mit dem öffentlichen Bus endgültig als hoffnungslos abgestempelt wurde, machten wir uns auf die Suche nach einem Taxi. Die lief mindestens genauso schleppend. Nach einiger Zeit wurde das erstbeste Taxi im laufenden Verkehr angehalten. Kurze Verhandlung am Fenster: „Al-Ram. How much?“ – „300 Shekel, but it’s in the West Bank. Are you sure?“

Eigentlich ja. Die Suggestivfrage schürte aber ein paar Zweifel. 20 € pro Nase kostete die 15 km weite Fahrt, die sich staubedingt aber auf knapp eine Stunde erstreckte. Im Preis inbegriffen war dafür ein sehr unterhaltsamer Fahrer, der die Weltsprache Englisch gut beherrschte, interessante Einblicke in sein wildes Leben und wertvolle Tipps gab. Mit Hinblick auf den näher rückenden Anstoß, wurde kurzerhand eine Alternativroute gewählt. Um ausgiebige Kontrollen am berühmt-berüchtigten Checkpoint Qalandiya zu vermeiden, wurde ein Umweg über den kleineren Checkpoint Hizma in Kauf genommen, den wir dann auch problemlos passieren konnten. Die roten Warnschilder richten sich ja immerhin nicht an uns: „The Entrance For Israeli Citizens Is Forbidden. Dangerous To Your Lives!“

Checkpoint Hizma

Die israelischen Sperranlagen, größtenteils ein elektrischer Zaun, erstrecken sich über 760 km, liegen dabei aber nur zu 20 % auf der 1949 festgehaltenen Waffenstillstandslinie. 80 % liegen im Inneren des Westjordanlands, wodurch Israel mit dem Bau der Anlagen in den 2000er Jahren laut UN ganz offiziell gegen das Völkerrecht verstoßen hat. Rund um Jerusalem und Bethlehem erwächst aus dieser Sperranlage eine bis zu neun Meter hohe Betonmauer, die sich über 30 km bedrückend durch das Umland schlängelt. 

Der Blick von einer Anhöhe über die Mauer zeigt uns zunächst eine triste Landschaft aus abgewetzten Plattenbauten, aus denen – warum auch immer – gerade Rauch emporsteigt. Nach dem Grenzübertritt auffallend sind die diversen jüdischen Siedlungsgebiete, die nochmal separat umzäunt sind. Auf der Schnellstraße nach Al-Ram kommt uns ein Geisterfahrer entgegen, der völlig unbeirrt von unserem Taxifahrer zur Kenntnis genommen wird. „Welcome to the West Bank!“ kommentiert dieser trocken unsere ersten Eindrücke.

Israelische Sperranlage zum Westjordanland

Al-Quds-Derby im Westjordanland

Wir fahren noch ein paar Minuten durch Al-Ram, direkt an der Grenzmauer entlang, von der das Faisal Al-Husseini Stadion nur einen Steinwurf entfernt liegt. In meiner Recherche vor der Reise bin ich bereits auf Bilder gestoßen, die das Stadion als Ort militärischer Auseinandersetzungen gezeigt haben, in dem dieses mit Tränengas beschossen wurde. Beim Finale des Abu Ammar Cups am 31.03.2023 stürmten israelisches Streitkräfte das Stadion und schossen abermals mit Tränengas und gummiummantelten Kugeln, wie der asiatische Fußballverband auf seiner Website verurteilte.

Haupteingang des Faisal Al-Husseini Stadions

Am Stadion angekommen, hatten sich bereits einige andere Groundhopper zusammengerottet und auf den Einlass gewartet, für den 2 Euro berappt werden mussten. „What the fuck are you doing here?“ fragte man uns bei der Einlasskontrolle, wo man sich auf Nachfrage als deutsche Kartoffel zu erkennen gab. Dieser unterzogen sich heute 1500 Leute – darunter keine einzige Frau – die das Derby, in dem sich der Erst- und Zweitplatzierte gegenüberstanden, sehen wollten. Hilal Al-Quds gegen Jabal Al-Mukaber. „Das Spiel, das die Brüder, die Söhne von Jerusalem, die Wächter der Al-Aqsa Moschee zusammenbringt“, hieß es auf der Facebook-Seite des Gastes.

Choreo der Fans von Hilal Al-Quds

In einem Außenblock der Haupttribüne bereitete sich die heimische Fanszene auf das Topspiel vor. Auf den gegenüberliegenden Stehtraversen breitete sich ein stattlicher Gästemob aus. Die ca. 15 Hopper schwärmten kollektiv auf die völlig verwaiste Hintertortribüne aus, um besten Blick auf beide Fankurven zu haben. Dem sichtlich verwirrten und leicht überforderten Sicherheitsbeauftragten missfiel dies sichtlich. Wenn es scheppert, dann genau hier, wurde uns mit Händen und Füßen zu verstehen gegeben. Mit der internationalen „Kommt-mal-mit“-Geste und der ebenso weltweit bekannten Buchstabenkombination „VIP“ wurden die deutschen Gäste von der Tribüne geködert. Während wir uns noch in gehobenen Räumlichkeiten an einem reichhaltigen Buffet wähnten, fanden wir uns kurzerhand im völlig trostlosen und komplett leeren Außenblock auf der anderen Seite der Tribüne wieder. Einen Weg zurück gab es nicht, da alle Ausgänge versperrt wurde. So blieb uns in der ersten Halbzeit leider nur ein eingeschränkter Blick auf die Heimseite und die angefertigte Choreo. Der Gästeanhang war aber ohnehin viel motivierter und bot alles, was ein Derby bieten kann. Eine sehenswerte Choreo, durchgängig starke Stimmung mit einigen Höhepunkten und reichlich Pyrotechnik nach der 1:0-Führung der Gäste. Anschließend folgte ein Wechselgesang zwischen beiden Fanlagern. Naheliegend wäre, dass es um eine der zentralen Streitfragen im Nahost-Konflikt ging, den Status von Jerusalem. 

Förmlich synchron zusammengezuckt ist der deutsche Block, als eine Rakete mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit und einem derart lauten Zischen in die Luft stieg, wie es uns in dieser Intensität aus einem Stadion völlig unbekannt war. Das Geschoss kam aus dem Gästeblock und flog Richtung Haupttribüne. Eine Detonation blieb jedoch aus. Uns wurde klar, dass man in Krisenregionen wie Palästina dann doch etwas schreckhafter unterwegs ist.

Die Halbzeitpause nutzten wir, um im Hopperkäfig auf uns aufmerksam zu machen und wieder auf die belebte Seite der Tribüne zu kommen, was mit Müh und Not letztlich gelang. Dort nun also inmitten eines prallgefüllten Blocks palästinensischer Fußballfans, war unser Einlaufen unter unzähligen Augen anfangs doch recht unangenehm. Kleine Gesten der Gastfreundschaft, wie das Anbieten von Taschentüchern, um die versifften Sitze provisorisch zu säubern, besserten das Wohlbefinden aber schnell auf. Den heimischen Teenagern drangen sich bei dem Besuch aus Deutschland jedoch Fragen auf: „Why you support gay?“, hinterließ erstmal nur Stirnrunzeln, bis mehrere Jungs die Frage mit der Hand-vor-dem-Mund-Geste untermalten. Mit dieser wollte die deutsche Nationalelf bei der verschmähten Winter-WM in Katar nach dem Verbot der bunten „One Love“-Armbinde ein Zeichen gegen Homophobie setzen. Puh, da vermieden wir es doch lieber, die Diskussion an der Stelle zu vertiefen.

Die Gästefans von Jabal Al-Mukaber

Auf Abwegen zum Checkpoint Qalandia

In der Schlussphase ging es dann wieder auf dem Feld richtig rund. Erst legte sich die Nummer 24 von Hilal Al-Quds mit den eigenen Fans an. Mutmaßlich ging es um die schwache Atmosphäre, die im Vergleich zu den Gästen wirklich zu wünschen übrigließ. Diese drehten hingegen völlig frei, als erst ein gegnerischer Spieler vom Platz gestellt wurde und in der 97. Minute das 2:0 fiel. Brachialer Torjubel, mit dem alle Dämme brachen. Ein furioses Feuerwerk wurde abgefackelt, die Zäune erklommen und die Feierlichkeiten zum Teil in den Innenraum des Stadions verlegt. Als der Schiri das Spiel daraufhin unterbrach, folgte ein Flaschenhagel bis weit auf das Spielfeld. Minuten vergingen, bis das Spiel wieder an- und rasch auch wieder abgepfiffen wurde. Irre Szenen!

Nach der aufregenden Partie wollten wir noch ein paar Eindrücke von Al-Ram gewinnen und spazierten eine Weile an der direkt am Stadion gelegenen Grenzmauer entlang, bis eine Querstraße etwas belebter aussah. In einem kleinen Imbiss genossen wir die fairen Kurse und stärkten uns mit einem Wrap, der für 12 Shekel (= 3 €) zu bekommen war. Im 10 km Luftlinie entfernten Jerusalem hatten wir fast das Fünffache gezahlt.

Die Straßen der Grenzstadt Al-Ram

Über die Hauptstraße steuerten wir im Anschluss den Grenzübergang an. Ohne vernünftige Gehwege, bei Dunkelheit und allerhand brisanten Fahrmanövern bereits ein waghalsiges Unterfangen. Auf halber Strecke wurden wir Zeugen einer handfesten Schlägerei zweier Autofahrer, die einen zünftigen Tumult mit sich brachte. Der daraus resultierende Stau zog sich quer durch die Stadt und bescherte uns ein imposantes Hupkonzert sicheres Geleit über die vermüllten Straßen von Al-Ram.

Auf dem Zubringer zum Checkpoint nahm die Wanderung dann wieder deutlich an Brisanz auf. Die Autos fuhren auf dieser von Leitplanken gesäumten Straße mit geschätzt bis zu 100 km/h durch die Dunkelheit. Während im Ort noch wohlwollend von einem Bürgersteig die Rede sein konnte, mussten wir hier am Rande der Schnellstraße mitten durch die Pampa latschen. „Über Stock und Stein“ wird dem nicht gerecht. Tatsächlich bestand der Trampelpfad aus alten Autoreifen, zerfledderten Müllsäcken, verwesenden Katzen, Knochen verwester Katzen und viel Matsche. Nach wenigen Minuten, als sich nur noch ein Schützengraben vor uns auftat, war der auserkorene Weg endgültig nicht mehr passierbar. Der Gang über die Straße wäre bei der Dunkelheit und dem gängigen Tempo ebenso reinster Selbstmord gewesen.

„Fußweg“ zum Checkpoint Qalandia

In einem Moment der Ratlosigkeit hielten plötzlich zwei Autos am Rande der Schnellstraße, die scheinbar zusammengehörten. Geistesgegenwärtig sprang ich aus der Dunkelheit über die Leitplanke und klopfte an die Scheibe des vorderen Autos. Sichtlich erschrocken und nicht minder skeptisch als wir selbst, öffnete der Fahrer nach kurzem Zögern das Fenster. Passenderweise waren in beiden Fahrzeugen nur zwei Leute, so dass ich über eine Mitfahrgelegenheit unsere einzige Chance sah, zum Grenzübergang zu kommen. Mit Händen und Füßen versuchte ich unser Dilemma zu erläutern, sah mich gleichzeitig jedoch den Pöbeleien von meinen eigenen Leuten ausgesetzt, dass man hier und jetzt in keinem Falle in irgendeine Palästinenser-Karre steigen würde. Das gekonnt ignoriert – Überzeugungsarbeit musste gerade erstmal bei den palästinensischen Nachtschwärmern geleistet werden – schob ich mich kurze Zeit später auf die Rückbank, um die letzten 1-2 km bis zur Grenze mitzufahren. Die Kollegen hatten spätestens da keine Wahl mehr, sich dem Unterfangen anzuschließen. Eine Entführung blieb uns erspart, stattdessen wurden Kekse angeboten, die wir dankend ablehnten, genauso wie die Fahrer einen finanziellen Obolus. So geht Völkerverständigung, liebe Taxifahrer!

Am berüchtigten Checkpoint Qalandia angekommen, sprangen wir aus den Autos und bedankten uns vielmals. Unsere zog es weiter nach Ramallah, quasi die Interimshauptstadt Palästinas. Wir waren weit und breit die einzigen Fußgänger in einer langen Blechlawine. Ein Typ mit Warnweste, dem sein Job wohl selber unklar war, sollte uns den Weg weisen, tat dies allerdings völlig unbeirrt auf Arabisch. Die Gestik war hingegen unmissverständlich: Nicht in diese Richtung laufen, sonst peng. Zweiarmige Gewehr-Geste. Also in die andere Richtung, wieder über Leitplanken klettern, einmal um die ganze Zaunanlage laufen. Dann standen wir endlich vor der schwach besuchten Verrichtungsanlage, die man im Hochbetrieb nicht kennenlernen möchte. Kurze Zeit später waren wir wieder auf der anderen Seite der Mauer. Erleichterung in allen Gesichtern.

Für die Rückfahrt konnten wir dann auf das Taxi verzichten und mit dem öffentlichen Bus zurück nach Jerusalem fahren. Der kostete uns mit 5 Shekeln (= 1,20 €) gerade mal einen Bruchteil von der Hinfahrt.

Nächtlicher Streifzug durch Jerusalem zum Stadion

Zurück in Jerusalem, war allem voran die Altstadt nicht mehr wiederzuerkennen. Wo am Vormittag noch reges Treiben und wildes Gedränge herrschte, waren die Gassen nun gähnend leer. Dieser historisch-religiös aufgeladene Ort bleibt aber unfassbar beeindruckend und könnte ohne Probleme eine Kulisse für Game of Thrones oder Assassin’s Creed darstellen. Wenn möglich, sollte man diesen besonderen Fleck Erde unbedingt in beiden Zuständen mal gesehen haben. Wir nutzten den ohnehin toten Abend, um die heiligste Stätte des Judentums von der ToDo-Liste zu nehmen. Die Klagemauer. Vereinzelt haben Gläubige hier auch zu später Stunde noch gebetet. Die Technik, bei der die Juden sehr nah an der Mauer stehen und mit dem gesamten Körper wippen, sieht für unsereins gewöhnungsbedürftig aus. Das ließ sich auch aus der Ferne beurteilen, in der wir uns zurückhielten, um die Betenden nicht zu stören. 

Zu später Stunde an der Klagemauer

Nach einem ordentlichen Rundgang überkam uns das Verlangen, noch mit einem Bier auf den großartigen Tag und den Länderpunkt Palästina anzustoßen. Im armenischen Viertel machte uns eine urige Taverne bereits Hoffnung, als aus einer offenen Türe Musik auf den Gehsteig hinausklang. Die letzte Runde war aber leider schon eingeläutet worden. Nachdem auch unser Taxifahrer vergebens an einer Tankstelle anhielt und selbst rund um unser, direkt am Hauptbahnhof gelegenen, Hostel, wirklich jede kleine Ramschbude dicht hatte, mussten wir unsere Länderpunktrunde endgültig vertagen. Während der Großteil der Reisegruppe den Shabbat nutzte, um etwas Schlaf nachzuholen, stürzte ich mich noch bis tief in die Nacht mit dem Smartphone in die Reiseplanung, um dem Tipp des palästinensischen Taxifahrers für den noch anstehenden Trip zum Toten Meer nachzugehen. Dieser sollte später noch Gold wert sein.

Weihnachten in Bethlehem: Blick auf die Geburtskirche

Stern über Bethlehem, führ‘ uns zum Stadion

Was der freundlich-verrückte Taxifahrer, der uns nach Al-Ram gefahren hatte, an Pluspunkten für die Taximafia eingesammelt hat, riss der Halunke vom nächsten Morgen sogleich wieder mit seinem Arsch ein. Es herrschte immer noch die Tristesse des Shabbats. Der penibel ausgearbeitete Reiseplan sah vor, mit dem Taxi zum Damaskustor und von dort mit dem Bus ins palästinensische Autonomiegebiet nach Bethlehem zu fahren. Der Taxifahrer zeigte sich natürlich wieder als hilfsbereiter Touristenfreund und wies daraufhin, dass die Busfahrten nur bis zur Grenze gehen und dort dann eine ausgiebige Kontrolle stattfinden würde. Von der Grenze sei dann wieder ein Taxi bis nach Bethlehem nötig. Mit seinem offiziell legitimierten Taxi wären wir natürlich besser dran und könnten direkt bis zur Krippe des Messias vorfahren. Kokolores. Muss man aber erstmal wissen, denn ohne ausgiebige Recherche vorab hätte man es wohl nicht drauf ankommen lassen. 200 Shekel (= 50 €) sollte die Fahrt kosten. Am Ende fuhr uns der Bus für 5 Shekel pro Person direkt bis ins Zentrum von Bethlehem. Ohne jegliche Grenzkontrolle.

Verdreckte Straßen in Bethlehem

Bethlehem, allein bei dem Namen der Stadt tun sich märchenhafte Vorstellungen auf. Vermutlich, weil diese nur aus Kirchenliedern bekannt ist und weil jeder in der Grundschule schon mal einen wegweisenden Stern gebastelt hat. Die Realität sieht anders aus. Auf den Straßen der arabisch geprägten Stadt sind Menschen und Autos zu einer Masse verschmolzen. Durch die vielen Verkaufsstände, um die sich diese Masse herumschlängeln muss, entsteht ein enges Gedränge, das wirklich beklemmende Gefühle auslöst. Die Erlösung erfolgt am Manger Square (dt. Krippenplatz), wo sich das Gedränge ein Stück weit auflöst. Zwischen den vielen fliegenden Händlern, die allerlei Jesus-Merchandise unter die Leute bringen wollen, stand zu unserer Zeit ein riesiger Weihnachtsbaum auf dem Platz. Es war schließlich der 7. Januar, der mit seinem Vortag das orthodoxe Weihnachtsfest bildet. Im Hintergrund tat sich die Geburtskirche auf, die über ein kleines Schlupfloch betreten wird. Um bis an die Grotte herantreten zu können, in der der Heiland geboren worden sein soll, hätte man sich mit mehreren Hundert Menschen in eine Schlange stellen müssen. Das war es uns dann doch nicht wert.

Überfüllte Einkaufsstraßen in Bethlehem

Wir nutzten die Zeit für eine ausgiebige Mahlzeit in einem örtlichen Restaurant. Zu äußerst fairen Konditionen wurde ein reichhaltig gedeckter Tisch, u.a. mit dem womöglich besten Humus der Welt, eingerichtet. Ebenso fair war der Preis für das Taxi nach Al-Khader, wo nach zünftiger Sättigung der zweite palästinensische Ground auf uns wartete.

Familientreffen bei Taraji Wadi Al-Nes

Al-Khader ist eine Kleinstadt in der Nähe von Bethlehem. Der Gastgeber, Taraji Wadi Al-Nes, trägt hier seine Heimspiele aus, repräsentiert aber eigentlich ein 800-Seelen-Dorf. 2014 konnte dieser kleine Verein mit dem Gewinn der Meisterschaft auf sich aufmerksam machen. Kuriosum dabei, dass die gesamte Mannschaft aus einer Familie bestand. Eine kurze ARD-Dokumentation bringt einem diese Geschichte nochmal in Bild und Ton näher.

Trotz allen Gebeten: Für Taraji Wadi Al-Nes reichte es nicht zum Sieg

Die Familientradition scheint nach wie vor gewahrt zu werden. Zumindest war diese eine der ersten Themen, die uns im Al-Khader International Stadium von den freundlichen Gastgebern nähergebracht wurde. Darauf sollte sich die Gastfreundschaft jedoch nicht beschränken. Uns wurden Sonnenblumenkerne gereicht, Zutritt zum Spielfeld gewährt, um die Haupttribüne fotografieren zu können und zu guter Letzt auch ein Taxi von den Vereinsoffiziellen organisiert, das uns zum zweiten Spiel des Tages bringen sollte. Zunächst fieberten wir aber an Ort und Stelle dem Anpfiff entgegen, der sich um eine satte halbe Stunde verschoben hatte, weil die Gäste ihre Trikots vergessen hatten. Bevor es dann endlich losgehen konnte, stellte sich noch ein nicht näher zu definierender Tross an Männern am Spielfeldrand in einer Reihe auf. Einer davon, der einzige mit Teppich, stand etwas versetzt und gab den Takt zum Gebet vor. Danach verteilten sich die Herrschaften endlich auf den markanten Steinstufen. Die VIPs durften es auf einem Plastikstuhl vorliebnehmen. Frauen waren auch hier nicht unter den 250 Zuschauern anwesend, was zumindest die Genderdebatte bei diesem Spielbericht hinfällig macht.

Die VIP-Loge im Al-Khader International Stadium

Der Anpfiff war der Startschuss für ein wildes, arabisches Geschimpfe auf den Tribünen. Der Spielverlauf ist schnell wiedergegeben: Der Familienverein ging früh in Führung. Der Gast konnte nach einem kapitalen Bock zum 1:1 ausgleichen, woraufhin sich die Mannschaft anstelle eines ausgelassenen Torjubels zum kollektiven Gebet versammelte. Aufgrund der Spielverzögerung ging es dann leider schon kurz nach der Halbzeit mit dem erbetenen Taxi zurück nach Jerusalem. Tore verpassten wir immerhin nicht mehr.

Hapoel vs. Beitar: Das Jerusalem-Derby

Nach knapp 25 Minuten erreichten wir das Teddy-Kollek-Stadion, an dem noch nicht viel los war. Bei der Suche nach einer Lokalität, um noch ein Kaltgetränk vor dem Spiel einzunehmen, machte uns ein letztes Mal der Shabbat einen Strich durch die Rechnung. Es dauerte noch einen Spaziergang auf den nahegelegenen Berg, wo augenscheinlich die besser betuchten Leute in Jerusalem leben, ehe die neben dem Stadion gelegene Malha Mall ihre Pforten öffnete und uns mit einer hopfenhaltigen Erfrischung belohnte.

Blick von oben auf das Teddy-Kollek-Stadion

Das Stadionumfeld füllte sich derweil, so dass wir zügig unseren Eingang ansteuerten. Dabei fiel insbesondere der Kleidungsstil der israelischen Fußballfans ins Auge. So wie in Deutschland mit den 2000ern der Trend aufkam, den Schal an den Enden zusammenzuknoten und um den Hals zu hängen, bindet der modebewusste Tifoso im Heiligen Land sich den Jacquardschal um den Oberschenkel. Bei den ersten beiden Beobachtungen dachte ich noch an provisorisch versorgte Schusswunden, um bloß nicht das große Derby zu verpassen. Eine Schießerei mit so vielen Verletzten hätten wir aber wohl mitbekommen.

Mit Hapoel und Beitar standen sich zwei Stadtkonkurrenten gegenüber, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hapoel gilt als weltoffener, liberaler Club, der sich mittlerweile im Besitz seiner Fans befindet, die zunächst im Jahr 2007 gegen das Management rebellierten und ihren eigenen Fanverein – Hapoel Katamon Jerusalem – gründeten. Katamon ist das Studentenviertel, in dem der Verein früher gespielt hat. Der Fanverein existierte 12 Jahre lang parallel zum ursprünglichen Verein, der in dieser Zeit ohne große Unterstützung blieb. 2019 musste der Verein aus finanziellen Gründen aufgelöst werden. Ein Jahr später wurden die Fans rechtmäßige Erben des Clubs, stellten den alten Namen wieder her und bekamen schließlich sogar den Landespokalsieg 1973 zugeschrieben.

Jerusalem-Derby bei Flutlicht

Beitar hingegen pflegt ein ultrarechtes Image, für das allem voran die Ultragruppe La Familia verantwortlich ist. Ein Hehl wird daraus nicht gemacht, viel mehr bezeichnet man sich in den Gesängen selbst als „rassistischste Kurve der Welt“. Mit Beitar Nordia gründeten auch einige Beitar-Fans, die sich gegen diese Umstände wehren wollten, einen eigenen Verein, allerdings nicht mit dem ganz großen Erfolg. Während arabische Fußballspieler in Israel mittlerweile zur Normalität gehören und mit Hapoel Bnei Sakhnin sogar ein arabisches Team in der ersten Liga spielt, ticken die Uhren bei Beitar noch etwas anders. Araber werden hier nicht geduldet. Die Fans hinderten den Klub einst daran, die große Hoffnung des israelischen Fußballs, Abbas Suan, der arabischer Abstammung ist, zu verpflichten. 2012 erst kamen mit dem Multimillionär Arkady Gaydamak, Russe jüdischer Abstammung und seinerzeit Besitzer des Clubs, zwei tschetschenische Muslime zum Verein. Die gesamte Geschichte, allem voran die Drohungen und die gewaltsamen Proteste, sind in der Netflix-Doku „Forever Pure“ zu sehen. Dzhabrail Kadiev, gerade 18 Jahre alt, kam nur auf eine Einwechslung. Zaur Sadayev immerhin auf sieben Spiele und sogar ein Tor, nach welchem Hunderte Fans das Stadion verließen. Unterstützt wird Beitar verschiedenen Aussagen zufolge von den orthodoxen Juden und dem Likud, der größten konservativen Partei Israels. Auch Ariel Scharon, Ehud Olmert und Benjamin Netanjahu bekannten sich als Anhänger von Beitar Jerusalem.

Wir waren aufgrund unseres Vorwissens nicht ganz unglücklich damit, auf Seiten der Hapoel-Fans Platz zu nehmen. Der Weg dorthin war jedoch beschwerlich. Am Einlass bildeten sich lange Schlangen, die nur sehr langsam ins Stadioninnere abgeflossen sind. Mitten im Gedränge ergab sich ein Gespräch zwischen zwei Hapoel-Fans und einem Vertreter unserer Reisegruppe, wobei festgestellt wurde, dass es einen gemeinsamen Freund in Bremen gab, der heute auch vor Ort sei. Hapoel und Werder pflegen, vor allem auf Fanprojektbasis, eine langjährige Freundschaft.

Nach einer typischerweise sehr intensiven Kontrolle schafften wir es pünktlich zum Intro auf unsere Plätze. Beide Seiten gingen mit einer Choreo ins Rennen, wobei die Beitar-Fans allerdings in allen Belangen überlegen waren. Pyrotechnik hingegen gab es nur beim Abschlusstraining von Beitar. Auch zahlenmäßig und von der Lautstärke her hinkte Hapoel doch sehr deutlich hinterher. Generell mussten wir feststellen, dass unsere Erwartungen etwas zu hoch waren und wir doch mehr Dampf auf dem Kessel erwartet hatten. Nachdem Hapoel vor zwei Jahren aus den Niederungen des israelischen Fußballs zurück ins Oberhaus gekehrt war, fand im September 2021 das erste Aufeinandertreffen beider Vereine nach fast 20 Jahren statt. Die aufgestaute Rivalität dürfte sich also schon in den bisherigen vier Partien etwas entladen haben. So war auch vor dem Stadion kaum bis gar keine Polizeipräsenz notwendig.

Beitar-Fans nach der 1:0-Führung

Schiedlich-friedlich ging auch das Fußballspiel mit 1:1 zu Ende, so dass wir beide Kurven einmal in Ekstase erleben durften. Die Stimmhoheit der Beitar-Fans war in den Spitzen wirklich brachial, während die Hapoel-Fans den Last-Minute-Ausgleich brauchten, um endlich mal aufzudrehen.

Unverhoffte Partynacht in Jerusalem

Die Abreise vom Stadion war entgegen unserer Vorstellung völlig planlos und unkoordiniert. Es gab scheinbar keinerlei Sonderbusse ins Zentrum. Der ganze Mob wartete auf irgendwelche Linienbusse. Vernünftige Auskünfte waren nicht zu erhalten. Mit gebrochenem Englisch – auf beiden Seiten – versuchten wir uns von zwei Mädels die richtigen Busnummern erklären zu lassen. Nach einer halben Ewigkeit landeten wir in einem Reisebus, der plötzlich hielt und nach reichlich Hetze auf Hebräisch von einer Vielzahl an Fans geentert wurde. Wie tote Fische schwammen wir mit dem Strom. Konnte ja nicht so falsch sein und war letztlich auch die richtige Entscheidung.

Der Mahane Yehuda Market bei Nacht

Schwer geschafft von einem wilden Tag, wollten wir uns nicht die Blöße geben, einen zweiten Abend in Folge auf das wohlverdiente Feierabendbierchen zu verzichten. So erhoben sich die vier geschundenen Körper nach kurzem Aufenthalt im Zimmer nochmal für die Beutejagd. Da die Nacht schon längst angebrochen war, hatten viele Läden schon wieder geschlossen. Auf Google Maps sah der fußläufig erreichbare Mahane Yehuda Market vielversprechend aus, der mit reichlich Ortsmarkern unser Interesse weckte. Da dürfte es doch sicherlich noch einen offenen Kiosk geben. Aber hallo!

Die Erwartungen, die beim Derby nicht erfüllt werden konnte, bekamen wir nun doppelt und dreifach zurückgezahlt. Zahlreiche Trinkhallen links und rechts, unzählige Leute auf den Straßen, Ausschank von Bier und Cocktails an mobilen Ständen und überall beste Partymusik bis auf Anschlag aufgedreht. Der Mahane Yehuda Market eröffnete sich vor uns, wie ein Portal in eine fremde Galaxie. Wo tagsüber Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch und vieles mehr verkauft wird, herrscht in der Nacht ein derart wüstes Treiben, dass Rüttenscheid davon nur träumen kann. Unsere Augen funkelten schon, als sich in einer dieser typischen Markthallen eine feiernde Meute zeigte, die komplett auf „We Will Rock You“ ausgerastet ist. Die hüpfenden Kippas auf der Tanzfläche gaben für unsereins ein ungewohntes Bild ab. Absolute Eskalation. Jerusalem ist immer für eine Überraschung gut.

Nach kurzen, aber sehr eindeutigen Blickwechseln innerhalb unseres Quartetts, fanden wir uns keine zwei Minuten später in einem Kiosk wieder, um erstmal den Kühlschrank zu plündern und auf Level zu kommen. Der erste Dämpfer: Kein Verkauf von Alkohol nach 23 Uhr. Also doch zu der mobilen Theke mitten auf der Straße, wo ein DJ auflegte und zwei verballerte Typen, beide mit Joint im Mundwinkel, die Getränkeversorgung sicherstellten. Fortan pendelten wir also die wenigen Meter von hier zur Markthalle und zurück. Der Prozess war immer etwas langwierig, weil die beiden Strategen auf der anderen Seite der Theke jedes Mal unsere Bierbestellung aus dem Kühlschrank nehmen und in Plastikbecher umfüllen mussten. So merkten im Eifer des Gefechts ab der 3. Runde weder die beiden Versorger, noch die Abnehmer, dass ein nicht unwesentlicher Teil des Kaufgeschäfts auf der Strecke blieb: Die Bezahlung.

Nach bekanntem Gesetz stiegen Pegel und Stimmung proportional zueinander, so dass im Rausch schnell die Zeit vergessen wurde. Um 5:30 Uhr sollten immerhin schon wieder die Wecker klingeln. Als in der Markthalle schon der Zapfenstreich eingeläutet wurde, liebäugelten einige Unverbesserliche unter uns noch mit der Einkehr in eine Diskothek. Am Ende siegte jedoch die Aussicht auf 2-3 Stündchen Schlaf.

Vom Rande des Wahnsinns zum Rande der Judäischen Wüste

Wie angekündigt, ging es frühzeitig aus den Federn, um die auserkorene Busverbindung um 6:30 Uhr in Richtung des Toten Meeres zu nehmen. Der Abreisetag sollte nochmal ein straffes Programm und einige Highlights mit sich bringen, aber uns auch an das Ende unserer Kräfte. Diese wurden uns bereits am Busbahnhof arg strapaziert, wo nur der Restpegel verhinderte, dass das Nervenkostüm nicht schon hier in sich zusammenfiel.

Wir hatten uns vorab Tagestickets geholt und die erste Verbindung des Tages rausgesucht, die uns in die Judäische Wüste bringen sollte. Den richtigen Bus ausfindig gemacht, wies der Busfahrer uns überaus unfreundlich und vollkommen desinteressiert an der Tür zurück. Natürlich ohne auch nur irgendein englisches Wort zu beherrschen. Ein junger Israeli hatte übersetzt, dass unsere Tickets für den Bus nicht gültig sein würden. Wir also mit Blick auf die nahende Abfahrtszeit im Eiltempo zum Schalter, wo man uns immerhin auf Englisch mitteilen konnte, dass der nächste Bus erst um 8 Uhr fährt. Das würde unseren komplett auf Kante genähten Tagesplan von vorne bis hinten zerschießen. Der 6:30-Uhr-Bus gehöre zu einem anderen Unternehmen. Tickets müsse man beim Busfahrer kaufen. Wir also wieder im Vollspurt zurück, um notgedrungen nochmal vier Tickets zu kaufen, wollte uns das ignorante Arschloch nun zu verstehen geben, dass der Bus voll sei: „No space.“ Kann ja doch ein paar Brocken Englisch, dieser Dreckssack.

Danach sah der Bus aber mal gar nicht aus. Alter, ich habe mehr Zeit in die Reiseplanung gesteckt als in meine Bachelorarbeit! Wir müssen in diesen verdammten Bus! Schäumend vor Wut und fast schon in arabischer Manier wild gestikulierend nutzten wir die letzten 60 Sekunden bis zur Abfahrt, um – leider nur verbal – auf den Busfahrer einzuschlagen. Der hatte dann scheinbar auch die Schnauze voll von pöbelnden Ausländern, derer Sprache er nicht versteht. Aus bis heute unerfindlichen Gründen griff der Sympathieträger sich plötzlich unsere Tickets, um sie vor seinen Scanner zu halten. Das Gerät leuchtete grün und wir durften schlussendliche passieren und zwischen den vielen freien Sitzreihen wählen. Noch mehr space war nur im Kopf des Busfahrers. Warum nicht gleich so, meine Güte!

Die bewegte Geschichte der Felsenfestung Masada

Der Plan für den letzten Tag sah vor, das Westufer des Toten Meeres zu erkunden. Ursprünglich wollten wir den Naturpark En Gedi und die Felsenfestung Masada besuchen. Das Heilbad im Toten Meer sollte auf der Rückfahrt an einer nah am Wasser gelegenen Bushaltstelle genommen werden, so unsere naive Vorstellung. Auf dem Weg nach Al-Ram wurden wir dafür vor zwei Tagen von unserem Taxifahrer ausgelacht. Der empfahl uns den öffentlichen Badestrand in En Bokek, gelegen im südlichen Bereich des zweigeteilten Salzsees, wo man sich auch noch vernünftig abduschen könne.

Blick von der Festung Masada auf das Tote Meer

En Gedi, eine Oase mitten in der Wüste, fiel der Planänderung zum Opfer, so dass wir nach zwei Stunden Fahrt am Fuße der Festung Masada erstmals Halt machten. Den Aufstieg der knapp 450 Höhenmeter über den Schlangenweg sparten wir uns aus Zeitgründen und berappten stattdessen die 20 € pro Person für die Seilbahn. Ein kleiner Film vor der Abfahrt gab erste Einblicke in die Geschichte. Etwa 15 v. Chr. soll der römische Herrscher Herodes den Palast auf dem Gipfelplateau erbaut haben. Dieser galt aufgrund seiner exponierten Lage als uneinnehmbar. Zumindest bis ungefähr 70 n. Chr., als ein römischer Feldherr eine gewaltige Belagerungsrampe bauen ließ, die heute noch sichtbar ist. Nach dem Fall Jerusalems im Jüdischen Krieg 70 n. Chr., hatten sich knapp 1000 Widerstandskämpfer auf Masada verschanzt. Monatelang wurde die Festung gegen die römischen Angreifer verteidigt. Als die Lage aussichtslos war, begingen 960 Menschen geschlossen Selbstmord und brannten zuvor alle Habseligkeiten nieder. Ein vierteiliger Fernsehfilm von 1981 erzählt die gesamte Geschichte.

Weltsprache Fußball: Ein Bolzplatz inmitten der Ödnis

Oben angekommen wurden wir mit einem traumhaften Panorama auf den tiefsten an Land zugänglichen Ort der Erde belohnt. Das Tote Meer wirkt aus der Höhe ein bisschen wie ein Fremdkörper in dieser trockenen Landschaft. Schaut man über das Gewässer hinweg, sieht man schon das Nachbarland Jordanien. Auf der anderen Seite der Festung war die karge Schönheit der Halbwüste von Judäa zu bestaunen. Der Palast selber ließ sich vor dem geistigen Auge sehr gut rekonstruieren. Einzeichnungen, die originales und rekonstruiertes Gemäuer erkennbar machten und viele Hinweistafeln ließen die Ruinen wieder ein Stück weit lebendig werden. Nach anderthalb Stunden hatten wir aber auch jede Ecke abgeklappert und genug gesehen, so dass es rechtzeitig wieder mit der Seilbahn nach unten ging.

Seilbahnstation der Festung Masada

Intime Gefühle im Toten Meer

Der Bus zur Weiterfahrt kam natürlich nicht planmäßig. Irgendwie ein unbehagliches Gefühl, mitten in der Pampa an einer recht einsamen Haltestelle zu sitzen, ohne zu wissen, wann tatsächlich der richtige Bus vorfährt. Die Situation zwang mich zu einem Staredown mit meinem höchstpersönlichen Erzfeind, der Geduld. Der Tag war mal wieder straff durchgetaktet und hatte wenig Spielraum für Verspätungen. Nach 45 Minuten Ungewissheit und einer weiteren Dreiviertelstunde auf der Straße, stießen wir endlich wieder auf Infrastruktur. Der Ferienort En Bokek ist in den 60er Jahren entstanden und dient ausschließlich als Residenz für Touristen, die zur Erholung oder zu Therapiezwecken am Toten Meer sind. Eine lokale Bevölkerung gibt es nicht. Das hatte in der Coronapandemie den Vorteil, dass die Ortschaft, genauso wie Eilat am Roten Meer, zu einer „Grünen Insel“ erklärt wurde. Da beide Orte nur über eine Zufahrtsstraße verfügen, konnten auf diesen Checkpoints eingerichtet werden. So wurden die Ausfälle der Tourismusbranche – durch die Öffnung für inländische Urlauber mit entsprechender Testung – etwas abgefangen.

Das Tote Meer: Tiefster an Land zugänglicher Ort der Erde

Am Strand von En Bokek ließ sich erstmals richtig durchschnaufen. Das große XXL-Schriftzug „Dead Sea“ lud als Fotomotiv ein und steigerte unsere Vorfreude auf ein nahezu einzigartiges Erlebnis. Zunächst genehmigten wir uns an einer Strandbude jedoch etwas zu essen und ein großes, überteuertes Bier. Endlich richtiges Urlaubsfeeling!

Dann endlich wurde der Fokus auf die Hauptattraktion des Jordantals gelegt. Kaum waren die Liegen in deutschester Manier okkupiert, trieb es den schwitzenden Mob zum salzigen Nass. Bei den ersten Schritten ins Tote Meer war erstmal kein Unterschied zum Mittelmeer zur vernehmen. Der Griff zum Meeresboden zeigt, dass dieser aus einer dicken Salzschicht besteht. Statt matschigem Sand bekommt man hier nur weiße Salzkristalle zu greifen. Auf der Haut lässt sich mit dem feinen Tastsinn der Hände ein glitschiger Film feststellen. So richtig Freude kommt erst auf, wenn man sich in dem Wasser mit 30 % Salzgehalt treiben lässt und erstmals die Kontrolle über den eigenen Körper verliert. Die eigene Unsicherheit und der Anblick der anderen Freischwimmer löste großes Gelächter in der Runde aus. Ein wirklich besonderes Gefühl!

Die Schönheit eines ganz besonderen Salzsees

Den Dreh haben wir aber schnell raus und gehen unverzüglich darin über, verschiedene Kunststücke auszuprobieren. Immer mit der Voraussetzung, dass der Kopf nicht unter Wasser und dieses erst recht nicht in die Augen gerät. Der Kontakt mit Schleimhäuten kann sehr unangenehm sein. Das stellten wir auch mit der Zeit leidvoll fest, wenn auch zunächst keiner so richtig raus mit der Sprache wollte. Da mir der Plural von Anus, über den wir noch auf der Rückfahrt diskutierten, bis heute fremd ist: Uns brannten die Arschlöcher. Allen! Ein menschliches Problem, über das gesprochen werden dürfen muss.

Länger als 10-15 Minuten sollte der Badegang nicht dauern, so dass wir eine Pause einlegten, bevor es noch ein zweites Mal in die Salzlake ging.  Bei 10 Grad Temperaturunterschied zum 65 km Luftlinie entfernten Jerusalem, was hier keine Seltenheit ist, ließ sich die Zwischenzeit bei bestem Strandwetter wunderbar auf der Liege verbringen. Der ein oder andere lag dabei auf seiner Winterjacke, die bei Abfahrt noch ganz gut ins Gesamtbild passte.

Als Freund von Kuriositäten soll nicht unerwähnt bleiben, dass so mancher Touristikverband damit wirbt, dass man sich am Toten Meer keinen Sonnenbrand holen kann. Das unterschreibt zwar so nicht jeder Wissenschaftler, korrekt ist aber, dass die UV-Strahlung durch die Tieflage und den Wüstenstaub in der Luft geringer ist.

Das Tote Meer ist und bleibt ein ganz besonderer Ort auf diesem Planeten. Wie lange nur, ist die Frage. Schon 2050 könnte der rasch sinkende Wasserspiegel dazu führen, dass der See vollständig ausgetrocknet ist. Hauptursache dafür soll die zu hohe Wasserentnahme aus dem Jordan, dem wichtigsten Zufluss des Toten Meeres, sein.

Maccabi Haifa auswärts: Sold out in Petach Tikwa

Die Rückfahrt nach Jerusalem mit dem Bus verlief überraschenderweise planmäßig. Von dort brachte uns der Zug nach Petach Tikwa, einem Vorort von Tel-Aviv mit fast 250.000 Einwohnern. Im HaMoshava-Stadion war Maccabi Haifa an diesem Abend zu Gast. Hausherr war der FC Sektzia Nes Ziona, ein unbedeutender Verein aus einem deutlich kleineren Vorort, dessen Stadion nicht den Anforderungen der Liga Ha`Al genügte.

10.000 Maccabi-Haifa-Fans im HaMoshava-Stadion

In Vorfreude auf einen runden Abschluss dieser Tour traf uns an der Stadionkasse ganz unerwartet der Blitz: „Sold out“ – Damit hatten wir nicht gerechnet. Auch ein Kontakt aus Reihen der Ultras von Maccabi nicht, über den ich im Vorfeld über einen Podcast aufmerksam wurde und mir einige Informationen einholte. An der Stadionkasse gab es nur noch VIP-Karten zu horrenden Preisen. Da noch reichlich Zeit bis zum Anpfiff war, klagte ich zunächst jedem unser Leid, der einen Anzug trug oder sonst wie den Anschein macht, was zu sagen zu haben. Auch der Trommler der Heimmannschaft, von der maximal zehn Leute – gut erkennbar am knalligen Orange – antischten, konnte nicht helfen.

Auf dem Schwarzmarkt lagen die Preise bei 40-50 €, was mir der Besuch im Gegensatz zu den Miteisenden zähneknirschend wert gewesen wäre. Problematisch war jedoch, dass es keine haptischen Tickets gab und die dubiosen Schwarzhändler, die eine amtliche Crew im Rücken hatten, die Tickets hätten per E-Mail senden müssen. Letzte Hoffnung war der deutschsprachige Maccabi-Ultra, der sich nach einem Hilferuf noch für uns bemühte und Kontakt zur anwesenden Ultraszene aufnahm. Leider vergeblich.

Als das Spiel bereits ein paar Minuten lief und wir vor der sich leerenden Stadionbar herumlungerten, fuchtelte plötzlich ein kleiner Knirps mit seinem Handy, auf dem ein e-Ticket abgebildet war, vor meiner Nase herum. Der Preis von 15 € war mir zunächst suspekt, das Risiko aber auch dafür gering. Nach kurzem Kompromissbeschluss mit den Kollegen, wagte ich den Versuch. Wenige Momente später war ich – mit dem Handy des maximal 12-Jährigen, der mir gegenüber scheinbar größeres Vertrauen hatte als umgekehrt– im Ground. Das Handy wieder an den Jungen zurückzugeben, war aufgrund der passierten Vereinzelungsanlage und der engen Drehtüren gar nicht so einfach, hat aber letztlich dann doch geklappt.  

Das gerammelt volle Stadion war komplett in Grün-Weiß gehüllt. Der ein oder andere trug seine Farben und das Vereinswappen gar auf der Kippa, was große Begeisterung bei mir auslöste. Das Spiel verfolgte ich aus einer der oberen Ecken in dem nur an den Längsseiten bebauten Stadion. Das Catering für mich machten die Familienväter und ihre Kids um mich herum, die mich reichlich mit Keksen versorgten. Die Stimmung rund um die Green Apes war in der Spitze sehr ordentlich. Gerade nach den beiden Toren zum 2:0-Sieg. Allerdings ebbte das Stimmungshoch auch schnell wieder ab, so dass hier – ähnlich wie beim Jerusalem-Derby – keine Bestnoten vergeben werden konnten.

Nach dem Spiel hatten wir erstmals über einen längeren Zeitraum keinen Stress auf der Tour. Im Gegenteil. Wir hatten noch reichlich Zeit totzuschlagen. Der Rückflug nach Düsseldorf war für 9:10 Uhr angesetzt. Eine weitere Hotelübernachtung hatten wir uns daher getrost gespart. In diversen Lokalitäten nahmen wir noch ein paar Bierchen zu uns und damit die ein oder andere Stunde von der Uhr. Das kräftezehrende Programm der Vortage, das definitiv an die Belastungsgrenze und darüber hinaus ging, verhinderte jedoch größere Sprünge. So machten wir uns inmitten der Nacht irgendwann auf den Weg zum Flughafen, wo wir uns eine muckelige Ecke aussuchten und das Nest für die letzten Stunden einrichteten. Tatsächlich fanden alle nochmal in den Schlaf, mussten der Nacht auf dem Boden im Nachgang aber doch noch Tribut zollen. So hatte es nach Heimkehr nahezu die gesamte Reisegruppe erwischt, teilweise über mehrere Wochen. Aber was sind schon zwei Wochen im Vergleich zur Ewigkeit, für die die gesammelten Erlebnisse letztlich sind.

Game over am Flughafen Ben Gurion

Fazit zu diesem speziellen Fleckchen Erde

Entgegen mancher Story, die man im Vorfeld zu hören bekam, hatten wir als Deutsche keine sonderlich unangenehmen Situationen in Israel erlebt. Wirklich nur sehr vereinzelt, waren ein paar Vorbehalte zu spüren, wenn die Frage nach der Herkunft wahrheitsgemäß beantwortet wurde. Das Bewusstsein für das historisch belastete Verhältnis der beiden Nationen schwingt im eigenen Kopf trotzdem immer wieder mit. Berührungspunkte mit den orthodoxen Hardlinern des jüdischen Glaubens, die vornehmlich in ihrer eigenen Bubble bleiben, gab es ohnehin nicht.

Während man in Jerusalem und in Tel-Aviv in der Mischpoke an Menschen jeglicher Couleur mitschwimmt und wenig Aufmerksamkeit erfährt, zieht man im palästinensischen Autonomiegebiet hingegen schnell die Blicke auf sich. Nach anfänglicher Verwunderung hatten sich die Menschen dort, gerade beim Fußball, jedoch sehr über unseren Besuch gefreut. Nichtsdestotrotz bleibt die gesamte Region ein ständiger Unruheherd, in dem es genau zu überlegen gilt, wann und wie man wo hinreist. Drei Monate nach unserer Reise wurden zwei deutsche Touristen mit einem israelischen Kennzeichen in Nablus von rund zwei Dutzend Männern und Jugendlichen attackiert und leicht verletzt. Die Lage war zu diesem Zeitpunkt allerdings nochmal deutlich angespannter und mit einem israelischen Kennzeichen nach Palästina einzureisen, vor allem nach Nablus, ist grundsätzlich keine gute Idee.

Eine gute Idee hingegen wäre gewesen, ein paar Tage länger vor Ort zu bleiben. Wer die Zeit und das nötige Kleingeld hat, kann noch so viel mehr in dieser Ecke sehen. Die Hafenstadt Haifa oder auch klangvolle Adressen aus dem Religionsunterricht, wie Jericho, Nazareth oder der See Genezareth am Fuße der Golanhöhen, wären allesamt sicher noch eine Reise wert gewesen. Im Süden des Landes liegt Eilat am Roten Meer und lädt zur Erholung ein. Auf dem Weg dorthin geht es durch die Wüste Negev, die rund 60 % des Staatsgebiets von Israel einnimmt und mit dem En-Awdat-Nationalpark glänzen kann. Auch Jordanien ist von Jerusalem aus schnell zu erreichen, wo schon mancher Groundhopper in der Hauptstadt Amman noch einen weiteren Länderpunkt mitnahm.

Fantechnisch zur Rückkehr laden vor allem die Derbys in Haifa und Tel-Aviv ein, wo sich in beiden Städten Maccabi und Hapoel um die Vorherrschaft streiten. In der Hinsicht hat Palästina keine großen Spektakel zu bieten. Ein Tagesausflug nach Ramallah in die inoffizielle Hauptstadt wäre interessant gewesen. Oder nach Hebron, die geteilte Stadt, hinter der eine unfassbare Geschichte steckt. Nablus und Jenin hingegen gelten als absolute Brennpunkte der Gewalt und sollten zumindest in Krisenzeiten gemieden werden.

Der Nahe Osten ist in vielerlei Hinsicht ein sehr spezieller Fleck auf dieser Welt. Im positiven, wie auch im negativen Sinne. Man wünscht den Menschen, dass auch in dieser Region eines Tages Ruhe einkehrt und Wege für ein friedliches Zusammenleben gefunden werden. Es bleibt nur schwer vorstellbar.

Sebastian Hattermann