Interview mit Olaf Janßen

veröffentlicht am 28.03.2006 um 10:50 Uhr

Olaf Janßen, seit Saisonbeginn sportlicher Leiter bei Rot-Weiss Essen, bestritt als aktiver Fußballer 241 Erst- und 18 Zweitligaspiele für den 1. FC Köln und Eintracht Frankfurt. Kurz vor seiner Vertragsverlängerung stand Olaf Janßen dem Jawattdenn-Team Rede und Antwort über seine Aufgabenbereiche und die Zukunft bei RWE.

Jawattdenn.de:
Olaf Janßen, sie arbeiten seit Sommer 2005 als sportlicher Leiter bei Rot-Weiss Essen. Was sind in dieser Funktion ihre Aufgaben?

Olaf Janßen:
Olaf JanßenDie sind sehr weit gefächert. Ich bin im Prinzip bei jeder Besprechung der ersten Mannschaft dabei, schaue mir so viele Trainingseinheiten wie möglich an spreche täglich etwa zwei, drei Stunden lang mit dem Trainer. Wir reden über alle Dinge des Tagesgeschäftes. Das ist unheimlich wichtig, denn ich bin nun mal für die sportliche Seite verantwortlich. Meine Arbeit betrifft aber nicht nur die erste Mannschaft, sondern alle Teams von Rot-Weiss Essen. Ich kümmere mich auch um die Koordination in der Jugendabteilung. Zum Beispiel haben wir jetzt ein wöchentliches Fördertraining mit zwölf bis 14 Spielern eingeführt, damit die Verantwortlichen der ersten Mannschaft einen Überblick über den Leistungsstand bekommen. Gerade diese besondere Förderung und persönlichen Beziehungen zu unseren Talenten ist immens wichtig, weil unsere Jugendabteilungen im Vergleich zu anderen Vereinen einer sehr schlechten Infrastruktur ausgesetzt sind.


Jawattdenn.de:
Sie meinen hier das Umfeld mit den Plätzen?

Olaf Janßen:
Ja, im Prinzip gibt es keinen einheitlichen Trainingsplatz. Mal trainieren die Jugendlichen auf dem Aschenplatz hier an der Hafenstraße, unsere zweite Mannschaft ist ausgelagert, die A-Jugend spielt hier oder „Am Hallo“, die B-Jugend an der Raumerstraße etc. Die Jungs sollen die enge Bindung zwischen erster Mannschaft, sportlicher Leitung und der Jugendabteilung sehen. Ich mache alle 14 Tage ein Fortbildungsprogramm für sämtliche Trainer im Nachwuchsbereich. Wir setzen uns dort zusammen und reden intensiv über Fußball. Wichtigster Baustein im RWE-Ausbildungskonzept ist der Trainer der ersten Mannschaft. Uwe Neuhaus fordert diese Zusammenarbeit, ist bei vielen Spielen unserer Landesligatruppe vor Ort und setzt sich mit dem Geschehen innerhalb der A-Jugend auseinander. Dieses bekennen des Cheftrainers zur Ausbildung bei RWE verdeutlicht unsere Philosophie, nämlich eigene Talente auszubilden und in die 1. Mannschaft zu bringen.


Jawattdenn.de:
Das hört sich fast so an, als hätten sie im sportlichen Bereich den Rasen komplett umgepflügt …

Olaf Janßen:
Wenn ich hier nur in meinem Büro sitzen würde, wäre es sehr schwierig, die sportliche Situation zu beurteilen. Ich muss also immer ganz nah bei der Arbeit der Mannschaft sein. Wie soll ich sonst beispielsweise einschätzen, ob der Trainer gute Arbeit macht? Das kann ich nur, wenn ich nahe genug dran bin. Dann kann ich auch gegenüber den Gremien meinen Standpunkt einnehmen und ihn belegen und begründen. Die Arbeit hier macht einen Heidenspaß. Es ist zwar sehr umfangreich, aber die Möglichkeit, diesen Posten so auszufüllen, wie ich mir das vorstelle, wird bei RWE von allen getragen und das gibt mir ein gutes Gefühl und Sicherheit. Deshalb war der Schritt für mich persönlich 100 % richtig.


Jawattdenn.de:
Wussten sie vorher, auf was sie sich da einlassen? Hier ist es sicherlich nicht einfacher als anderswo …

Olaf Janßen:
Olaf JanßenDa ich am Niederrhein geboren bin, habe ich während meiner ganzen Jugendjahre immer gegen Rot-Weiss Essen gespielt. Da war mir die Hafenstraße nicht ganz unbekannt. Durch meine zwanzigjährige Laufbahn als Profi kriegt man ja auch eine ganze Menge mit. Ich wusste schon, was das für ein Verein ist und auf was ich mich einlasse. In den vergangenen zehn, zwanzig Jahren gab es nicht gerade viele Situationen, wo die Fans von RWE hätten Purzelbäume vor Freude schlagen können. Dennoch verfügt Rot-Weiss Essen deutschlandweit immer noch über einen extrem großen Fankern. Diese Leute sind da, egal in welcher Liga, egal auf welchem Tabellenplatz Essen steht. Das ist mehr als positiv. Es gibt genügend Vereine im Ruhrpott, wo Emotion viel kleiner geschrieben wird. Fußball ist aber nun mal ein Emotionssport. Ich war von Anfang an davon überzeugt, zusammen mit dem Trainer eine Mannschaft aufbauen zu können, die konkurrenzfähig ist und das Zeug zum direkten Wiederaufstieg hat.


Jawattdenn.de:
Schafft die Mannschaft den direkten Wiederaufstieg?

Olaf Janßen:
Wir haben uns zumindest von allen Mannschaften die beste Ausgangsposition erarbeitet, unabhängig von den Nachholspielen.


Jawattdenn.de:
Ist es eine Trumpfkarte, wenn man jede Woche spielen kann, während die anderen zusehen müssen?

Olaf Janßen:
Es nützt nichts, wenn andere Spiele abgesagt werden und wir nicht gewinnen. Geschenkt wurde uns nichts, die momentane Tabellenführung haben wir uns hart erarbeitet. Die Chance ist riesengroß, dennoch müssen wir mit einem Rückschlag rechnen. Gerade dann wird es wichtig sein, dass die Mannschaft und das Umfeld gefestigt sind. Ich glaube, dass die Truppe so gefestigt ist, um am Ende das Ziel erreichen zu können.


Jawattdenn.de:
Wenn RWE aber nicht aufsteigen würde, wie sähe die Zukunft des Vereines aus?

Olaf Janßen:
Wir sind mitten in den Planungen, sowohl für die zweite als auch für die Regionalliga. Einige Verträge laufen aus, weil wir den Spielern zu Beginn der Saison bewusst Einjahresverträge gegeben haben. Bei den momentanen Gesprächen mit Spielern konfrontieren wir sie natürlich mit der Situation, dass es nicht wie erhofft verlaufen könnte. Wenn wir den Aufstieg nicht schaffen, nehmen wir einen weiteren Anlauf. Aber die Fans brauchen sich keine Sorgen zu machen. Am Ende müssten keine Kerzen aufgestellt werden und es muss auch niemand sammeln. Die Arbeit, die der Vorstand in den letzten Jahren geleistet hat, brachte den Verein wieder in ruhigeres Gewässer. Mit den guten Sponsoren im Nacken haben wir eine gewisse Planungssicherheit.


Jawattdenn.de:
Die "guten" Sponsoren haben auch die Verpflichtung von Arie van Lent ermöglicht. Inwieweit waren ihre eigenen Kontakte nach Frankfurt bei diesem Transfer hilfreich?

Olaf Janßen:
Olaf JanßenEine Menge Umstände haben zum Gelingen dieses Transfers beigetragen. Einer der Hauptgründe war, dass Aries Familie hier in Neuss wohnt und er in Frankfurt auf Grund der räumlichen Distanz zu seinen zwei kleinen Kindern gelitten hat. Somit war erstmal eine grundsätzliche Bereitschaft da. Dann war er von unserem Auftreten, unserer Leidenschaft und unserer Beschreibung von Rot-Weiss Essen sehr angetan. Arie ist ein Emotionsmensch, der dabei sein und nicht irgendwo auf der Bank versauern will. Natürlich war auch mein Verhältnis zu Friedhelm Funkel nicht ohne Bedeutung. Aber das alles Entscheidende bei diesem Transfer war Arie van Lent selber. Schließlich hätte Eintracht Frankfurt ihn auch behalten können. Weil er aber als Mensch einwandfrei ist, kam man seinem Wunsch nach. In 99 von 100 Fällen hätte der Verein gesagt: „Du hast hier einen Vertrag, du bist Stürmer, du sitzt im Moment vielleicht nur auf der Bank, aber wir brauchen dich.“ Heute kommt in den Frankfurter Medien fast jede Woche die Frage auf, wie man ausgerechnet Arie gehen lassen konnte.


Jawattdenn.de:
Wie wichtig ist bei ihrer Tätigkeit die Tatsache, dass sie Ex-Profi sind?

Olaf Janßen:
Ich weiß, wie das Geschäft funktioniert, und habe einen relativ guten Überblick über den Markt. Dann spielen natürlich die Kontakte sowie ein gewisses Vertrauen eine große Rolle. Wenn ich beispielsweise jemanden wie Klaus Allofs anrufe, ist das sicherlich einfacher, weil er mich kennt, als wenn ich mich erst vorstellen müsste: sie kennen mich vielleicht nicht, mein Name ist Olaf Janßen, ich bin sportlicher Leiter bei Rot-Weiss Essen …


Jawattdenn.de:
Sie haben einen Trainerschein. Fühlen sie sich mehr als Manager oder als Trainer?

Olaf Janßen:
Als Verantwortlicher für den sportlichen Bereich ist es ein großer Vorteil, wenn man die Arbeit eines Trainers kennt und beurteilen kann. Das ist ein wichtiger Baustein bei meiner Arbeit. Ich habe ein Jahr mit Falko Götz bei 1860 München zusammengearbeitet und anschließend in Köln an der Sporthochschule den Fußballlehrer gemacht. Damals habe ich natürlich nicht gewusst, dass ich mal sportlicher Leiter werde. Ich wusste aber, dass ich in einer verantwortungsvollen Position eines Fußballvereins tätig werden möchte.


Jawattdenn.de:
Schließen sie aus, dass sie irgendwann Trainer werden?

Olaf Janßen:
Mit jedem Tag, den ich hier arbeite, kann ich das mehr ausschließen. Ich genieße meine Arbeit. Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, dass ich jetzt beim Training als Trainer arbeiten müsste. Im Gegenteil: ich fühle mich sehr, sehr wohl, weil ich ein strukturell denkender Mensch bin.


Jawattdenn.de:
Also wenn der große FC Köln Hans-Peter Latour feuern und sie fragen würde: "Olaf, willst du bei uns Trainer werden?" - sie würden ablehnen?

Olaf Janßen:
Ja, genau!Das können sie so auch so schreiben und das unterschreibe ich dann auch! Meine Arbeit hier hat gerade erst begonnen und ich habe das Gefühl, dass sie noch lange nicht beendet ist.


Jawattdenn.de:
Sind sie also gewissermaßen vom "Virus" RWE befallen?

Olaf Janßen:
Ich werde keine Nibelungentreue schwören. Aber Rot-Weiss Essen ist ein Verein, mit dem man unheimlich viel bewegen kann, und die Zusammenarbeit mit dem Vorstand könnte besser nicht sein. Auch die Zusammenarbeit mit Uwe Neuhaus ist beinahe einzigartig. Diese Strukturen, die wir jetzt geschaffen haben, funktionieren! Unabhängig von personellen Besetzungen. Wenn man so was innerhalb von sieben oder acht Monaten aufbaut, ist das sicherlich auch schon einzigartig. Dieser Verein hat so viel Potenzial. Genau das meinte ich damals auf der Jahreshauptversammlung, als ich sagte: „Rot-Weiss Essen – Herzensangelegenheit“. Dies wurde mir damals negativ ausgelegt, weil ich noch nicht so lange hier bin. Aber es macht soviel Freude und Spaß, wenn wir es schaffen die richtigen Entscheidungen zu treffen! Dann bekommt man auch vom Fan viel mehr zurück, als man sich das überhaupt vorstellen kann. Dann nehme ich auch gerne in Kauf, das man vielleicht vorher ein bisschen mehr auf die Mütze bekommt. Das ist in diesem Sport schon immer so gewesen. Man kann sich nicht auf der einen Seite auf Schultern aus dem Stadion tragen lassen, sich aber in schlechten Zeiten verkriechen. Entweder man nimmt RWE mit dem Herzen auf, oder man macht gleich einen großen Bogen um die Hafenstraße. Eine Herzensangelegenheit eben!!


-> Zum Interview Teil II