"Helden von einst" Teil IX - Jürgen Margref

veröffentlicht am 04.02.2010 um 21:05 Uhr

In unserer Reihe "Helden von einst" haben wir Jürgen Margref besucht. Der Mittelfeldspieler bestritt in den 90ern insgesamt 214 Spiele für Rot-Weiss Essen als Profi. Jürgen Margref erzählt über alte Zeiten und hat auch einige Anekdoten auf Lager.


Jürgen Margref - www.rwe-autogramme-fm.deJawattdenn.de:
Hallo Herr Margref! Wenn wir richtig recherchiert haben, sind Sie 1990 aus dem Nachwuchsbereich in die erste Mannschaft gekommen.

Jürgen Margref:
Ich weiß auch nicht mehr ganz genau, wann das war. Ich meine es war die Saison 89/90, während der ich von der Jugendabteilung über die Amateure zur ersten Mannschaft gestoßen bin. Insgesamt war ich dreizehn Jahre bei dem Klub, und das war mit unter die schönste Zeit, die ich als Profi erleben durfte.


Jawattdenn.de:
Wie verläuft genau ein solcher Wechsel von der Jugendabteilung zur Profimannschaft?

Jürgen Margref:
Bei mir verlief es ganz klassisch. Früher stand ich auf der Westkurve als Fan und habe mir die Spiele angeschaut. Dort habe ich immer davon geträumt, selbst auf dem Rasen im Georg-Melches-Stadion zu kicken. Meistens werden diese Träume selten wahr, aber mit ein wenig Glück, Talent und Fleiß habe ich es in diesem Fall geschafft. Ich habe erst mit vierzehn Jahren mit dem Fußball spielen angefangen, was heutzutage undenkbar wäre. Heute werden die Kinder teilweise mit fünf oder sechs Jahren von den kleinen Vereinen weggeholt. Die ganzen Scouts schlagen dann zu und sie spielen dann in einem jungen Alter schon bei den großen Vereinen. Ich habe in diesem Alter noch auf der Straße oder auf dem Bolzplatz gespielt. Als ich mich dann entschied später, zu einem Verein zu gehen war ich dann relativ schnell bei Rot-Weiss Essen.



Jawattdenn.de:
War es dann der Trainer der ersten Mannschaft, der Sie schließlich für die Profimannschaft entdeckte?

Jürgen Margref:
Bei den Amateuren habe ich zunächst im Sturm gespielt und einige Tore geschossen. Zur Belohnung durfte ich ab und zu bei der Profimannschaft mit trainieren. Das war die Zeit unter dem Trainer Horst Hrubesch, später dann unter Peter Neururer. Die Trainingseinheiten wurden dann regelmäßiger und ich konnte dann sogar einige Spiele absolvieren. Da spielte Rot-Weiss Essen in der zweiten Liga. Dann kam aber eine Saison, wo ich nur in elf Spielen eingesetzt wurde. Da habe ich eigentlich damit gerechnet, dass ich den endgültigen Sprung in die erste Mannschaft nicht schaffen werde.

Trainer war damals Hans-Werner Moors, der sich relativ wenig mit jungen Spielern befasst und mit ihnen gesprochen hat. Ich bekam unter ihm das Gefühl, irgendwie nicht richtig zur Mannschaft dazuzugehören. Da habe ich mir schon Gedanken darüber gemacht, wie es mit mir sportlich weiter gehen soll. Im Trainingslager hat er mit mir allerdings dann gesprochen. Dies war sehr ungewöhnlich, da ich bis auf ein „Guten Tag" mit ihm bis dahin kein einziges Wort gewechselt hatte. Ich war überrascht, als er mich fragte, ob ich gerne Profi werden möchte. Darüber habe ich mich sehr gefreut und so begann meine Profikarriere bei Rot-Weiss.


Jawattdenn.de:
Von den dreizehn Jahren bei RWE waren Sie schließlich acht Jahre lang Profi.

Jürgen Magref:
So ganz genau weiß ich das nicht mehr. Es ist schon seltsam, im Gedächtnis bleiben die schönen Erinnerungen, während die Schlechten verdrängt werden. Ich war ja auch dabei, als RWE zwei oder dreimal die Lizenz entzogen wurde. Jedes Jahr hat man bei RWE um die Lizenz gezittert. Der Verein war nie auf Rosen gebettet, aber es ist wie bei einem Urlaub, man behält nur die schönen Erinnerungen. Der Urlaub wird so viel schöner als er eigentlich war je länger er weg ist (lacht). Es gab zwei Aufstiege, wir haben in der zweiten Liga gespielt, die deutsche Amateurmeisterschaft gefeiert und im Pokal häufig sehr weit gekommen. Das Pokalfinale 1994 war natürlich das Highlight meiner Karriere. Im Stadion war damals eine riesige Stimmung, da beide Fanlager ja nicht gerade verfeindet sind. Aber auch nach dem Spiel wurde in Berlin ordentlich gefeiert, und dann der grandiose Empfang in Essen. Das war alles schon eine tolle Zeit. In den dreizehn Jahren hat man den einen oder anderen Trainer erlebt und viele schöne Erfahrungen gemacht.


Jawattdenn.de:
Wie Sie schon angesprochen haben war das Pokalfinale das Highlight ihrer sportlichen Laufbahn?

Jürgen Margref:
Für jeden Fußballer ist dies ein Highlight, selbst für Erstligaspieler. Wir waren damals nur Zweitligist, obwohl es trotz des Lizenzentzuges gar nicht schlecht für uns lief. Zwischenzeitlich waren wir sogar Fünfter in der Tabelle, mit Jürgen Röber als Trainer waren wir eine verschworene Einheit. Damals war nicht so viel Geld vorhanden, ihr müsst einfach mal Jürgen Röber oder Dieter Bast fragen, mit wie viel D-Mark die eine Mannschaft zusammen stellen mussten. Das waren halt Jungs, die an dem Verein hingen, und dies hat auch den sportlichen Erfolg ausgemacht.


Jawattdenn.de:
Gab es denn abgesehen vom Pokalfinale in ihren 214 Profieinsätzen für RWE Spiele, die ihnen in besonderer Erinnerung geblieben sind?

Jürgen Margref:
Alle Livespiele im Zuge des Pokalwettbewerbes vor vollem Haus an der Hafenstraße waren absolute Highlights. Das Halbfinale 1994 gegen Tennis Borussia Berlin lief ja auch ganz gut für mich. Ich durfte damals das 2:0 zur endgültigen Entscheidung erzielen. Dann waren da noch die Aufstiegsrunden in die zweite Liga, damals konnte man ja noch nicht direkt über die Liga aufsteigen. Da war ich zwar nur noch Mittelfeldspieler in der Mannschaft, konnte aber trotzdem die meisten Treffer in dieser Runde erzielen.


Jawattdenn.de:
In ihre Zeit fiel auch das legendäre Pokalspiel 1992 gegen den Erzrivalen Schalke 04.

Jürgen Margref:
Genau, daran erinnere ich mich gut. Wir waren damals nur Oberligist und Schalke spielte in der ersten Liga. 2:0 haben wir gewonnen, bei Schalke stand Jens Lehmann im Tor und Jörg Lipinski konnte dieses kuriose Tor gegen ihn machen. Wenn man live als Spieler oder als Fan dabei war erinnert man sich daran ein Leben lang. In besonderer Erinnerung blieb mir noch die deutsche Amateurmeisterschaft. Auch wenn dieser Wettbewerb nicht hoch abgesehen war, hatten wir als Mannschaft unserer ersten größeren Erfolg. Es war ein hochinteressantes Spiel mit gefühlten 45 Grad auf dem Platz, dazu gab es noch Verlängerung und Verletzungen. Aber auch die ganzen Kuriositäten bei RWE vergisst man nicht. Es war im Verein nie ruhig, es ging immer hoch her.

Sicherlich kennt ihr einige Anekdoten um den vermeintlichen Doktor Himmelreich, unserem damaligen Vereinspräsidenten. Da waren Sachen dabei, die glaubt man heute gar nicht mehr, wenn man die nicht selbst erlebt hat. Aber das macht diesen Klub auch aus, er ist halt ein wenig verrückt. Deshalb ist es umso trauriger, wie es jetzt um den Verein steht. Ich verfolge die Entwicklung des Vereins etwas am Rande, aber im Gegensatz zu unserer Zeit hat man dort mit relativ viel Geld wenig sportlichen Erfolg. Man ist in der vierten Liga im Mittelfeld gelandet, und hätte man das letzte Heimspiel gegen Schalke II noch verloren wäre die Mannschaft noch weiter abgerutscht. Ich war schon lange nicht mehr an der Hafenstraße, aber dort steht ja nur noch eine Ruine.

Dies muss man auch der Stadt anlasten, dass sie eine solche Immobilie verkommen lässt. Unter dem Strich kann es bei RWE nur aufwärts gehen. Der Verein kann nur überleben, wenn er trotz der ganzen Erinnerungen, die am Georg-Melches Stadion hängen, ein konkurrenzfähiges Stadion hat. Beruflich bin ich ja durch die Fußballschule in Duisburg durch die Kontakte näher an den MSV gerückt, dort hat auch ein Umbruch mit dem neuen Stadion stattgefunden. In Essen wäre mit 580.000 Einwohnern noch viel mehr möglich als hier. Wenn ich dann noch den Zuschauerschnitt von RWE in der vierten Liga mit dem von Rot-Weiß Oberhausen in der zweiten Liga vergleiche verstehe ich das alles noch weniger. Als es um den Aufstieg in die zweite Liga bei RWO ging war das Stadion nicht ausverkauft, in Essen hätte man keine einzige Karte mehr bekommen.

Es ist traurig, dass man bei RWE mit diesem Potential und dem vielen Geld nichts erreicht hat. Zudem macht man bei RWE immer die gleichen Fehler. Der Verein hat Leute wie Olaf Janßen oder Thomas Strunz als sportliche Leiter gehabt, denen man den sportlichen Sachverstand sicherlich nicht absprechen kann. Die haben ihre Erfahrungen im Profibereich gemacht, Strunz war sogar Nationalspieler, also liegt es daran nicht. Nach meiner Ansicht fehlt diesen Leuten einfach die Verbundenheit zu dem Verein, die kann man sich nicht erkaufen. In den Strukturen der Spitzenvereine der ersten Liga arbeiten Leute im sportlichen Bereich, die diese Verbundenheit zu ihren Klubs haben. Ich denke da an Uli Hoeneß und Christian Nerlinger bei Bayern München oder Klaus Allofs und Thomas Schaaf bei Werder Bremen. Das fehlt bei RWE. Es gibt viele ehemalige Spieler, die einen Namen haben, die aber nicht bei RWE engagiert sind. Als Außenstehender ist das schwer nachzuvollziehen. Ich spiele nur noch in der Traditionsmannschaft bei RWE, da trifft man den ein oder anderen wieder und spricht über die schönen Zeiten. Schade, dass dieser Verein mittlerweile in der vierten Liga angekommen ist.


Jawattdenn.de:
Bei vielen Interviews, die wir mit ehemaligen Spielern schon geführt haben, stoßen wir immer auf denselben Punkt: Viele Ehemalige beklagen sich, dass sie bei dem aktuellen Vereinsgeschäft außen vor stehen. Woran könnte dies ihrer Meinung nach liegen?

Jürgen Margref:
Vor allem an der Führung des Vereins. Sie machen den entscheidenden Fehler, weil sie immer wieder die falschen Leute einstellen. Aber auch bei der Mitgliederversammlung fallen wenig kritische Worte und alle Konzepte des Vereins werden von den Mitgliedern euphorisch abgesegnet. Die Mitglieder lassen sich durch Namen auch blenden. Es hat auch viel mit politischen Interessen in und um den Verein zu tun. Irgendwann erhält jeder Verein dafür die Quittung, RWE hat sie schon bekommen.

Als Fußballer und auch als Fan denkt man aber immer positiv und es kann ja auch schnell wieder aufwärts gehen. Selbst in der vierten Liga kann eine Euphorie ausbrechen, wenn Rot-Weiss wieder oben mitspielt. Leider ist die Finanznot bei der Stadt so groß, dass sie zuvor gemachte Zusagen anscheinend nicht einhalten kann. Es ist ja dort einiges möglich. Ich bin zwar in Köln geboren, habe aber mein ganzes Leben in Essen gewohnt. Mittlerweile bin ich nach Hattingen gezogen und lebe mit meiner Frau und meinen zwei Kindern an der Grenze zu Essen. Ich kriege daher schon mit, dass die Stadt und das Bundesland für Kultur etwas übrig hat, nur die Kultur des „kleinen Mannes", also der Fußball, wird immer noch stiefmütterlich behandelt. Der Neubau eines Stadions für RWE ist meiner Meinung nach die beste Lösung für den Verein.


Jawattdenn.de:
Glauben Sie eigentlich noch daran, dass es in absehbarer Zeit ein neues Stadion in Essen geben wird?

Jürgen Margref:
Warum nicht, ich habe es selbst hier in Duisburg erlebt. Die Spiele im alten Wedaustadion waren übrigens besonders schön, da die Stimmung dort sehr schnell gegen die Heimmannschaft umschlug. Deshalb haben wir dort immer sehr gerne gespielt (lacht). Über die Fußballschule haben wir durch die Ausrichtung des Sponsorencups Karten für die neue Arena bekommen, und dort ist es mittlerweile sehr komfortabel geworden. Da kann man mit seinen Kindern hingehen, man wird nicht nass und friert nicht ganz so im Winter.

Hoffentlich wird das Stadion in Essen bald zur Realität. Zu meiner Zeit haben wir auch oft gehofft, dass die Stadt endlich was macht. Als 1993/94 die Westkurve geschlossen und abgerissen wurde, war es sehr trostlos vor diesem Loch zu spielen. Aber wir haben gedacht, die Stadt muss etwas machen, da man doch nicht in einem Stadion mit nur drei Tribünen spielen kann. Und jetzt hat man sogar nur noch zweieinhalb Tribünen. Ich will ja nicht in der Vergangenheit leben, aber vielleicht hätte man schon damals mehr in den Juniorenbereich investieren sollen. Man schiebt in Essen alle wichtigen Sachen vor sich hin, steigt man in die zweite Liga auf braucht man diese Investition nicht mehr, steigt man wieder ab ist dafür kein Geld zur Verfügung.

Für den Fan wäre es doch auch wesentlich schöner, wenn er die Eigengewächse des Vereins auf den Rasen spielen sieht. Denen verzeiht man eher auch noch Fehler, wenn sie dafür aber rennen und auf dem Platz arbeiten. Stattdessen hat man auf teure Spieler gesetzt, wodurch der Druck auf den Trainer und den Spielern immer größer wurde. Diesem Druck hat die Vereinsspitze nicht standgehalten und sie haben diese Leute wieder entlassen. Auch die Fans wurden unruhig, da sich diese Leute nicht mit dem Verein identifiziert haben. Wie soll sich auch ein Thomas Strunz mit RWE identifizieren? Oder Spieler, die nur für ein Jahr da sind? Das schafft man nur mit Leuten aus den eigenen Reihen. Aber der Vorstand sieht dies anscheinend anders, dort hat man auf bekannte Namen gesetzt. Man muss aus diesen Fehlern lernen, weil dabei zu wenig herauskam.

Ansonsten kriegt man die Kurve nicht. Beispielsweise in Hoffenheim wird viel Geld investiert, aber Dietmar Hopp denkt langfristig und so kann der Verein eigenständig weiter existieren. Eine Tradition wie Rot-Weiss Essen mit der deutschen Meisterschaft und dem Pokalsieg haben einige Mannschaften aus der derzeitigen ersten Liga noch nicht einmal. Mit Dirk Helmig diskutieren wir täglich über die Situation von RWE, wenn Du so lange in einem Verein warst, hängt da schon Dein Herz dran. Da kann man sich auch als Außenstehender nicht von frei sprechen, auch wenn wir kaum Leute da noch kennen, höchstens ein oder zwei ältere Mitarbeiter der Geschäftsstelle.


Jawattdenn.de:
Hatten Sie während ihrer aktiven Zeit einmal den Gedanken gehabt, den Verein aufgrund der vielen internen Probleme zu verlassen?

Jürgen Margref:
Ich wäre nie weggegangen, wenn ich nicht verheiratet gewesen wäre und Kinder gehabt hätte. Teilweise habe ich 1997 vier bis fünf Monate kein Gehalt mehr bekommen, das würde doch heutzutage kein Fußballer mehr mitmachen. Die gehen doch schon, wenn sie einen Monat kein Geld mehr bekommen. Ich konnte meine Miete kaum zahlen, und wir verdienten auch nicht das Geld was ein Zweitligaspieler heute bekommt. In der damaligen dritten Liga musste ich dann schauen, was ich mache, und so blieb mir nur übrig, den Verein zu verlassen. Ich bin nie auf den Gedanken gekommen zu gehen, da ich ein sehr bodenständiger Mensch bin.

Dirk Helmig ging es da genauso wie mir. Über unsere Ablösesummen wollte der Verein sich auch wieder sanieren. Dirk wechselte dann zum VFL Bochum, ich verließ den Verein 1998 nach Siegen. Dies verlief aber auch nicht ohne Probleme, da Rot-Weiss eine sehr hohe Ablösesumme forderte. Schließlich konnten sich beide Vereine aber doch einigen. Das war alles sehr schade, aber das Leben ist kein Wunschkonzert (lacht).


Jawattdenn.de:
Wie erfährt ein Spieler eigentlich, dass der Verein keine Lizenz mehr hat? Wird dies vom Verein offiziell mitgeteilt oder liest man das wie die Fans in der Zeitung?

Jürgen Margref:
Es gibt ja immer bestimmte Fristen für den Verein, die er für die Lizenz einhalten muss, von denen auch die Spieler wissen. Jedes Mal war dies aber ein Zittern, einmal saßen wir während des Trainingslagers beim Essen und erfuhren aus den Sportsendungen, dass wir die Lizenz haben. Dann kam auch zeitig die Benachrichtigung durch den DFB. Wenn aber die Gehälter nicht kamen hat man sehr schnell gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmte. Die Vorstände machen bis heute den Fehler, nicht offen mit den Spielern über den Zustand des Vereins zu reden. Würde man mit den Problemen offener damit umgehen hätten die Spieler möglicherweise auch Verständnis für die Situation des Klubs.

Als Spieler trainiert man einfach nur und bekommt kaum einen Einblick in das Vereinsgeschehen, das war auch zu meiner Zeit so. Wird die Lizenz entzogen, ist man als Spieler erst einmal hilflos und überlegt, ob man nach vier Monaten ohne Geld überhaupt noch trainieren soll. Irgendetwas muss man aber tun, sonst bekommt man das Geld nie. Damals war für mich Geld nicht das Entscheidende. Aber wenn man eine Familie hat ist das umso wichtiger, alleine kommt man schon irgendwie über die Runden. Ich hatte eine Verantwortung und musste mit meinem Sport auch etwas verdienen. Das war bei RWE nicht immer möglich. Aber wie ich schon sagte, dass alles habe ich verdrängt und nur die schönen Zeiten sind im Gedächtnis geblieben (lacht).


Jawattdenn.de:
Sie haben ja schon gesagt, dass sie die Hafenstraße nicht mehr so oft besuchen. Könnten Sie trotzdem eine Einschätzung darüber abgeben, ob sich die Stimmung unter den Fans im Gegensatz zu ihrer Zeit verändert hat?

Jürgen Margref:
Dazu kann ich wirklich wenig sagen, da ich wirklich nicht mehr oft im Stadion bin. Zu meiner Zeit war natürlich „der Schreck vom Niederrhein" von Lothar Dohr ein absolutes Highlight auch für uns Spieler. Da hat man selbst auf dem Platz hautnah erlebt und eine Gänsehaut bekommen. Ihr habt das ja sicherlich auch noch erlebt, dass Stadion wurde plötzlich mucksmäuschenstill, Lothar legte dann los und das ganze Stadion brüllte: NUR DER RWE! Das war beeindruckend für uns, aber auch für unsere Gegner. Lothar war und ist eine absolute Kultfigur in Essen.


Jawattdenn.de:
Wie war Ihr weiterer Werdegang nach ihrer Karriere bei Rot-Weiss Essen?

Jürgen Margref:
Wie ich schon sagte, war ich noch zwei Jahre in Siegen und habe dort zweimal knapp den Aufstieg in die zweite Liga verpasst. Ich bin in Essen wohnen geblieben und jeden Tag 150 Kilometer nach Siegen und wieder zurück mit dem Auto gefahren. Das war länger als zwei Jahre kaum auszuhalten. Da ich kein Millionär geworden bin, musste ich mir überlegen, was ich nach dem Fußball machen will. Mit Dirk Helmig zusammen habe ich die Idee gehabt, eine Tennishalle umzubauen und darin eine Fußballschule zu gründen. Wir sind in Essen nicht fündig geworden und haben uns so in Duisburg nieder gelassen.

Unsere Fußballschule existiert schon seit 1996 und die Halle in Duisburg haben wie seit 2004. Wir sind weiter auf der Suche nach einer Halle in Essen, da wir dort wesentlich mehr Kontakte haben. Unsere Sponsoren wie Coca Cola kommen alles aus Essen, dort lassen sich leichter Sponsoren finden. Auch die Verbundenheit zum RWE ist stärker als zum MSV. Wir hoffen weiter, in Essen fündig zu werden. Ich bin dem Fußball durch die Schule weiter verbunden geblieben, es macht sehr viel Spaß.


Jawattdenn.de:
Wir haben uns auch einmal ihre Homepage der Fußballschule angeschaut. Wie funktioniert eigentlich genau die Arbeit in solch einer Schule?

Jürgen Margref:
Diese Schule ist eigentlich eine „Fußballferienschule". Wir bieten Kurse für Kinder zwischen sechs und 13 Jahren an, die in der trainingsfreien Zeit der Vereine zu uns kommen können. Hier in Duisburg ist es diese Halle, in Essen machen wir unsere Schule an der Bezirkssportanlage Raumerstraße im Stadtteil Frohnhausen. Mittlerweile sind dort zwei Kunstrasenplätze entstanden und es ist eine richtig schöne Anlage geworden. In Hattingen haben wir jetzt auch noch einen Platz, genauer gesagt bei meinem Wohnort in Niederwenigern. Ich kannte den Ort vorher auch nicht, meine Frau ist dort groß geworden und wir haben uns deshalb da nieder gelassen. Jetzt will ich da gar nicht mehr weg, es ist nah an Essen und die Kinder fühlen sich sehr wohl. Niederwenigern ist sehr beschaulich, wie ein kleines Dorf halt.

Ich bin ja eigentlich mehr so ein Stadtkind, habe ja auch zeitweise im Stadtkern von Essen gewohnt. Mittlerweile bin ich ein glücklicher und zufriedener Mensch geworden, das war nicht immer so. Wir bieten zudem ein Stützpunkttraining für die Kinder an, zu dem sie zusätzlich zum Vereinstraining kommen können. So können sie noch eine dritte Einheit in der Halle oder auf dem Platz der Raumerstraße absolvieren und sich weiter bilden können.


Jawattdenn.de:
Es ist aber auch richtig, dass sie zeitgleich noch Trainer von den Sportfreunden Niederwenigern in der Bezirksliga sind?

Jürgen Margref:
Ja, das stimmt. Als ich nach Hattingen gezogen bin kam gleich ein verrückter Fußballobmann zu mir und hat mich gefragt, ob ich nicht für Niederwenigern spielen kann. Zu dieser Zeit habe ich in Velbert noch ein wenig Geld in der vierten Liga verdient. Ich habe ihn dann zunächst gefragt, wo die überhaupt spielen, und er meinte: „In der Kreisliga A". Da musste ich schon ein wenig lachen, da ich noch nicht ganz das Fußball spielen zum Hobby gemacht hatte. Ich sagte ihm, dass er mich gerne noch einmal ansprechen kann wenn ich aufhöre. Und tatsächlich stand der jedes Jahr bei mir auf der Matte (lacht).

Ich meine, dass ich im Jahr 2003 als Spielertrainer in Niederwenigern angefangen habe. Das ist halt so ein typischer Verein, wo jeder mit anpackt und Geld keine wirkliche Rolle spielt, sondern das Miteinander. Ich vergleiche das gerne mit meiner Zeit bei RWE, wo wir viel Spaß miteinander hatten und auch oft zusammen weg waren. Wir waren echte Freunde als Spieler, und so ist das in Niederwenigern auch. Mittlerweile sind wir auch aufgestiegen und haben in Eigenregie durch Spenden seit einiger Zeit einen Kunstrasenplatz. Da hat die Stadt auch nichts gemacht, es ist der erste Kunstrasenplatz in Hattingen und wird wohl auch einer der Letzten sein.

Die Finanzlage ist halt in einigen Städten nicht besonders gut. Letztens hatten wir sogar ein Testspiel gegen Rot-Weiss Essen, da hat der ganze Verein mit angepackt um das Spiel auf die Beine zu stellen. Wir haben einen echt sehr guten Platz, da hatten selbst die Spieler von RWE Freude dran. Meine Jungs konnten sich endlich an einen Vierligisten messen, das war eine sehr gelungene Veranstaltung.


Jawattdenn.de:
Haben Sie als Trainer vielleicht auch einmal andere Ambitionen, z. B. eine Profimannschaft zu übernehmen?

Jürgen Margref:
Ich habe zwar eine Trainerlizenz, aber bei zwei kleinen Kindern zu Hause bin ich nicht flexibel genug. Wenn Du da wirklich Karriere machen willst kommt ein Anruf und Du musst am nächsten Tag z. B. in Berlin oder München sein. Das ist ganz klar nicht mein Ding. Nebenbei habe ich mit einem Schulfreund, Ralf Bockstedte, eine Spielervermittlungsfirma gegründet. Die Firma sitzt in Essen-Frintrop und ist im Internet unter www.bockstedte.de/playersinterests zu finden. Ich bin dort Chefscout und versuche da was mit aufzubauen. Mittlerweile sind wir auf einen ganz guten Weg.

Damals sind die Spielervermittler zu den Vereinen gegangen und galten als nicht besonders seriös. Heute muss man Lizenzen als Spielervermittler erwerben und jeder Vertrag wird über sie abgewickelt, ob man das jetzt gut findet oder nicht. Vielleicht ist das auch gar nicht so schlecht, der haben Vereine und Spieler mehr Sicherheit. Ich schaue mir den einen oder anderen Spieler an und der Ralf Bockstedte versucht ihn zu vermitteln. Zu unserem Team ist der ehemalige Schalker Spieler Ingo Anderbrügge dazu gestoßen, den kennt man sicherlich auch noch. Dieses Projekt wächst und macht uns immer mehr Freude. Alles was mit Fußball zu tun hat macht mir viel Spaß. Allerdings möchte ich die Sache mit dem Trainer nicht weiter fort führen, in Niederwenigern ist das mehr ein Hobby von mir. Wahrscheinlich macht es deshalb noch so viel Spaß (lacht).


Jawattdenn.de:
Gibt es denn, abgesehen von Dirk Helmig, noch weitere Kontakte zu ihren ehemaligen Mitspielern, z. B. durch die Traditionsmannschaft?

Jürgen Margref:
Durch die Verbundenheit damals ist der Kontakt bestehen geblieben. Manchmal ist durch die räumliche Trennung alles nicht ganz einfach. Daher sieht man sich oft sehr selten, aber dafür ist es dann umso schöner. Vor allem, wenn man nach dem Spiel mit der Traditionsmannschaft ein Bierchen trinkt und über alte Zeiten quatscht. Für mich ist das leider viel zu selten, aber als Viertligist ist man auch nicht mehr so begehrt und kann viele Termine machen. Es könnte schon mehr sein als das alljährliche Traditionsmasters in Mülheim.

Aber darum muss sich auch einer immer kümmern, zurzeit macht dies der Dieter Bast alleine. Die Unterstützung vom Verein fehlt da auch, die haben derzeit ihre eigenen Baustellen. Es fehlt einfach im gesamten Verein eine klare Linie und Kontinuität. Auf lange Sicht hat man da keine Chance. Kurzfristig wird RWE vielleicht wieder aufsteigen, aber dann passiert wieder nichts und es geht wieder runter. Ich denke langfristig muss man auf die Jugend setzen und mit dem Nachwuchs arbeiten. Wenn Du da mal ein Talent herausbringst kannst Du von dem Geld möglicherweise eine ganze Saison finanzieren. Aber das hat man bei RWE nie gesehen. Ich hoffe man lernt aus diesen Fehlern und es kommen wieder bessere Zeiten. Ich würde mich sehr drüber freuen!


Jawattdenn.de:
Herzlichen Dank für dieses Interview, Herr Margref!

 


Das Interview führten Pascal Druschke und Hendrik Stürznickel