Interview mit André Severin

veröffentlicht am 15.05.2007 um 19:10 Uhr

Ende Juni findet im Essener Cinemaxx die alljährige Jahreshauptversammlung statt. Dort stehen in diesem Jahr die Wahlen des Aufsichtsrats an und es bewirbt sich ein Mann aus der Mitte der Fans: Andre Severin stand den Jawattdenn-Redakteuren Rede und Antwort über seine Pläne und dem Grund seiner Bewerbung.

Hallo Andre, stell dich doch mal bitte unseren Lesern kurz vor.

"Hallo. Mein Name ist Andre Severin, ich bin am 26.09.1975 hier in Essen geboren und habe nach meiner Schullaufbahn eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann abgeschlossen und bin nun als Dipl. Sozialarbeiter in der Drogenhilfe in Mülheim tätig. Außerdem bin ich begeisterter Fan von Rot-Weiss Essen und besuche seit weit über 20 Jahren die Spiele zu Hause an der Hafenstraße. Seit ca. 15 Jahren fahre ich so oft es geht auch zu den Auswärtsspielen und habe die Anfänge der Ultragruppierung aktiv mitgestaltet."


Du wirst für einen Posten im Aufsichtsrat kandidieren. Wie würdest du deine Ziele beschreiben?

"Ganz kurz Zusammengefasst könnte man mein potenzielles Engagement im Aufsichtsrat als eine Art "Sprachrohr" aller Fans bezeichnen. Es muss jemanden aus dem Fanbereich geben, der von der Mehrheit der Mitglieder gewählt wurde und dem zugehört werden muss. Die Stimme Andre Severineines von Mitgliedern gewählten Vertreters aus dem Fanbereich hat mehr Gewicht und wird ernst genommen. Es gibt auch jetzt Möglichkeiten, sich zu bestimmen fanrelevanten Themen zu äußern, aber meiner Meinung nach sind bei wichtigen Themen die Fans außen vor und werden zu oft vor vollendeten Tatsachen gestellt.
Meine Ziele beinhalten z. B., dass ich bei den weiteren Planungen eines möglichen Stadionneubaus Mitspracherecht besitze, dass ich die Wünsche und Sorgen der Fans deutlich herantragen und zur Diskussion stellen kann.
Ich möchte aber auch Ansprechpartner für die im Verein eingebundenen Personen sein, Ansprechpartner für das Präsidium und für den Aufsichtsrat, wenn es um planerische und organisatorische Themen geht, die unmittelbar die Fans betreffen und natürlich auch ebenso Kontaktperson für die Ideen und Vorschläge der Fans sein. Ich möchte außerdem als großes Ziel die Vereinskultur von Rot-Weiss Essen und die Mitgliedschaft stärken. Ich möchte das Vereinsleben von RWE mitgestalten und möchte im Sinne aller Mitglieder und Fans Einfluss auf die Vereinspolitik nehmen."

Wie stellst du dir, vorausgesetzt du wirst gewählt, die Arbeit konkret vor? Wie soll der Fan an dich herantreten, um seine Anliegen zu äußern?

"Es ist geplant, die Homepage www.fanvertreter.de weiterhin anzubieten, auch über die Wahl hinaus, um dort per Mail oder per Kontaktformular die Möglichkeit zu bieten, mir diese Anliegen zu äußern. Auch würde ich regelmäßige Treffen anbieten, um Themen zu besprechen, diese aber nicht nur in Zeiten, wo es vielleicht sportlich schlecht läuft. Klar ist, dass ich auch zu bekannten Gremien wie dem Fanrat oder Personen wie Lothar Kontakt aufnehmen würde. Und natürlich kann man mich auch am Stadion jederzeit ansprechen."


Du sprichst den Fanrat an. Siehst du nicht auch eine Möglichkeit, anstelle einer Aufsichtsratskandidatur einen gestärkten, vom Verein 100%ig akzeptierten Fanrat oder ein ähnliches Organ der Fans zu bilden?

"Man kann anhand der Vergangenheit erkennen, dass ein Fanrat in der jetzigen Form nicht so funktioniert, wie sich die Fans und der Verein vorgestellt haben.
Hart formuliert: Der Fanrat ist damals nach den Vorfällen in Münster aus dem "Boden gestampft" worden und auch ich war im ersten Jahr Mitglied dieses Rates. Ich hatte nicht das Gefühl, dass dort etwas Konstruktives zu Stande kommen könnte. Auch hatte ich das Gefühl, dass wir damals von Vereinsseite nicht 100%ig ernst genommen wurden. Durch die Schnelle der Bildung wurde vielleicht nicht alles genauestens überdacht und man war froh, dass nach den Vorkommnissen in Münster schnell reagiert wurde. Ich denke, dass das Wort des Fanrates nicht das Gewicht hat, welches es haben sollte, um etwas zu bewegen.
Deshalb sehe ich es als eine sehr gute Idee, etwas Neues anzustoßen, einen neuen Weg einzuschlagen."


Weiß der Verein von deiner Absicht, für den Aufsichtsrat zu kandidieren?

"Ja! Einmal wurde für die "Aktion" per Transparent beim Heimspiel gegen Unterhaching dafür geworben und auch auf der Geschäftsstelle weiß man von meiner Planung."


Wie beurteilst du die Arbeit des aktuellen Aufsichtsrates?


"Die Arbeit des Präsidium bzw. des Aufsichtsrates ist nicht so transparent, dass ich sie beurteilen könnte. Es ist also nicht möglich zu sagen, was richtig ist, was falsch ist. Das ist auch nicht meine Intention. Ich möchte beratend und ergänzend zur Seite stehen und auf bestimmte Themen aufmerksam machen, den Aufsichtsrat für das Thema "Fans" sensibilisieren. Es ist klar, dass ich nicht bei allen Themen, die der Aufsichtsrat behandelt, eine ordentliche bzw. professionelle Meinung dazu abgeben kann. Wie schon zu Anfang gesagt. Es ist auch nicht Ziel, jemanden aus dem aktuellen Aufsichtsrat zu verdrängen.
Vielmehr möchte ich eine Ergänzung des vorhandenen Aufsichtsrates darstellen und zu bestimmten Themen zur konstruktiven Arbeit beitragen."


Was entgegnest du Leuten, die behaupten, die Wahl eines Fanvertreters in einen Aufsichtsrat zeuge von Unprofessionalität eines Vereines?

"Warum soll es unprofessionell sein, sich mit den Belangen und Themen der Fans konstruktiv auseinander zu setzen? Auch andere Vereine in Deutschland besitzen Vertreter der Fans in ihren Aufsichtsräten."


Oft wird in Klischees gedacht. Was würdest du deinem Kritiker sagen, der dich vielleicht auf die aktuelle Rolle als Ultra oder auf die Humba reduziert?

"Ganz klar ist, dass ich mich innerhalb des Stadions bedachter verhalten würde. Allerdings wissen auch die Sponsoren um die einmalige Atmosphäre im Stadion und diese für sich zu nutzen. Ich denke, ich habe gerade als einer, der mitten aus der Fanszene kommt, sehr gute Einblicke in die Belange der Fans und das ist genau das, was ich einbringen würde."


Vielleicht noch konkreter gefragt. Welche Argumente hast du gegen die These "Sprachrohr der Ultras" zu werden?

Andre Severin"Ich denke, dass gerade die organisierten Fans bereits jetzt schon viele Möglichkeiten ausschöpfen, um für "sich zu sprechen". Da ich länger als 20 Jahre zu RWE gehe, kenne ich über die Gruppierungen der Ultras hinaus viele Menschen. Ich stand als kleiner Junge noch in der Westkurve, ich kenne viele Fans der Haupt- und Nordtribüne, mit denen ich mich oft treffe und austausche, seien es verschiedene Fanclubs oder auch der nicht "organisierte" Fan. Wichtig ist nicht der Fanclub.
Es geht uns allen um den kleinsten gemeinsamen Nenner und der ist Rot-Weiss! Ich denke, dass ich in den vergangenen Jahren viele Einblicke in die Gedanken und Belangen der Fans gewinnen konnte."


Ein wichtiger Bewerbungsgrund scheint der Stadionneubau zu sein. Mit 14.000 geplanten Stehplätzen scheint der Verein doch ziemlich viel für die Fans zu tun?

"14.000 Stehplätze ist für mich nicht gleich bedeutend mit dem Status des "fanfreundlichsten Stadions Deutschlands". Dazu gibt es noch eine Menge weiteres zu beachten.
Wie gut ist die Anbindung der Fans an den Verein? Wie viel Mitspracherecht gibt es in dieser Hinsicht? Gibt es überhaupt ein Mitspracherecht? Können Missstände aus Fansicht überhaupt vermieden werden? Welche Bewegungsfreiheit würde es im Stadion geben? Wie ist die Behandlung der Gästefans? Wie soll eine reibungslose An- und Abreise gewährleistet werden? Welche Vorkehrungen gibt es bei so genannten Brisanzspielen? Wie wird in Zukunft mit Stadionverboten umgegangen?
Gibt es andere Möglichkeiten, Alternativen, die wirkungsvoller sind als Stadionverbote? Welche Möglichkeiten hat der Verein, die Fans besser an den Verein zu binden?"


Um deine potenziell zukünftige Arbeit für den Verein konkreter zu skizzieren: Vor einem Jahr wurde die "Heimat" vieler RWE-Fans zu einem Gästeblock umfunktioniert. Viele Fans waren damals enttäuscht, auch weil sie sich danach "allein gelassen" gefühlt haben. Was würdest du verändern, damit auch solch schwierige Entscheidungen bei den Fans akzeptiert werden?


"Ich denke, damals ist ziemlich viel schief gelaufen. Es wurde eine Entscheidung getroffen. Im Prinzip standen keine Alternativen zur Debatte. Es gab eine Anhörung, weshalb so entschieden wurde und wie entschieden wurde. Hier hätte der Verein die Fans viel eher in die Planungen mit einbinden müssen. Die Zeit innerhalb des Zeitrahmens bis zur Umsetzung des Sicherheitskonzeptes hätte besser genutzt werden müssen. Dies bedeutet sicherlich viel Arbeit, gerade in einer solch schwierigen Debatte. Allerdings müssen die Fans bei solchen Überlegungen vorab informiert werden. Natürlich gibt es finanzielle Zwänge die Kompromisse erfordern, dennoch muss eine gemeinsame Entscheidung getroffen werden."


Zum Abschluss des Gespräches: Was uns alle aktuell am meisten beschäftigt ist die Frage nach dem Saisonabschluss! Wie siehst du die Chancen auf den Klassenerhalt?

"Ich bin da bis vor dem Fürth-Spiel doch sehr pessimistisch gewesen. Ich glaube erst an den Klassenerhalt, wenn er geschafft ist, ähnlich wie beim Stadionneubau!"

Vielen Dank für das Gespräch



Das Interview führten Thorsten Pydde und Tim Zähringer.