Zwischen Skepsis und Hoffnung – Auftakt zur „Woche der Wahrheit“ in Osnabrück
Trotz des Heimsieges gegen Jahn Regensburg ist kaum jemand an der Hafenstraße zufrieden. Wieder einmal wechselte Uwe Koschinat das System zurück von einer Fünfer- auf eine Viererkette. Nach nun mehr 24 Spieltagen ist immer noch nicht die finale Spielidee für den sehr gut besetzten Kader gefunden. Am Ende musste die Mannschaft abermals um erkämpfte Punkte zittern, weil zu viele Chancen gegen eine limitierte Truppe aus Regensburg zugelassen wurden. Dennoch zählen in der Abrechnung erneut die drei wichtigen Zähler im Aufstiegskampf.
Das Gute im Fußball ist immer, dass jeder Spieltag die Möglichkeit eröffnet, es besser zu machen. Sollte der Knoten auch bezüglich der spielerischen Klasse platzen, wäre jetzt der ideale Zeitpunkt. Denn mit dem VfL Osnabrück wartet ein echter Gradmesser auf die Mannschaft von der Hafenstraße. Das Bollwerk von der Bremer Brücke muss erstmal geknackt werden, höher könnte die Herausforderung für Uwe Koschinat und sein Team kaum sein.
Die Personallage
Trainer Uwe Koschinat kann fast auf den gesamten Kader zurückgreifen. Nur Stammkeeper Jakob Golz fällt weiterhin aus. Hinzu gestellt sich Stürmer Jannik Mause, der sich nach einem Sturz am Ellenbogen im Training verletzt hat. Im Tor startet also wieder Felix Wienand. Mit der Rückkehr von Kapitän Schultz nach seiner Gelbsperre stellt sich abermals die Frage nach dem System. Koschinat könnte wieder zur Fünferkette zurückkehren, allerdings versuchen die Osnabrücker selbst, dass Heft des Handels nicht in die Hand zu nehmen. Ob Ben Hünning wieder in der Startelf stehen wird, ist nach seiner Beteiligung am zweiten Gegentor beim Spiel gegen Regensburg fraglich. Es läuft also darauf hinaus, dass Rios Alonso und Michael Schultz sehr sicher zu Beginn an spielen dürfen, bei einer Umstellung auf eine Fünferkette dürfte sich auch Tobias Kraulich Hoffnung auf einen Startelfeinsatz machen.
Auf den defensiven Außenbahnen gibt es kaum Fragezeichen. Sowohl Jannik Hofmann als auch Lucas Brumme konnten sich in der letzten Woche in die Torschützenliste eintragen und werden den Vorzug vor Michael Kostka und Franci Bouebari bekommen. Auch ist es nach den bislang gezeigten Leistungen schwer vorstellbar, dass Ruben Reisig und Klaus Gjasula aus der ersten Elf rotieren. Sollte es einen zusätzlichen Platz durch die Viererkette im Mittelfeld geben, wird dieser mit hoher Wahrscheinlichkeit an Torben Müsel gehen.
Spannend wird es auch auf den Flügeln, denn mit der Rückkehr von Kaito Mizuta nach seiner Gelbsperre müsste wahrscheinlich Dickson Abiama wieder auf der Bank Platz nehmen. Auf der gegenüberliegenden Seite ist Ramien Safi wieder ein Topkandidat für den Start. In der Sturmspitze kommt es darauf an, ob Jaka Cuber Potocnik wieder im Vollbesitz seiner Kräfte ist. Ansonsten dürfte Marek Janssen in der vordersten Reihe auflaufen. Selten war es so schwer, vorherzusehen, was der Trainer gegen Osnabrück für eine Idee hat. Möglicherweise überrascht Uwe Koschinat wieder alle und es sind Namen in der Startelf zu finden, die vorher nicht erwartet wurden.
Der Gegner: VfL Osnabrück (Tabellenplatz: vier – 43 Punkte – zwölf Siege – sieben Unentschieden – fünf Niederlagen, 35:24 Tore, Differenz +11)
Mit keinem einem anderen Team der Liga lief die sportliche Entwicklung von RWE so ähnlich wie zum VfL. Beide Mannschaften waren im Winter 2024 tief im Abstiegssumpf versunken, nach einer Transferoffensive gelang beiden eine herausragende Rückrunde mit einem am Ende sehr sicheren Klassenerhalt. Im Winter 2025 finden sich beide Mannschaften in der Spitzengruppe wieder und sind nur einen Punkt von einem direkten Aufstiegsplatz entfernt.
Anders als RWE schafften die Osnabrücker den Anschluss an die Topplätze durch überzeugende Defensivarbeit. Zum Ende der Hinrunde kassierten die lila-weißen nur 21 Buden, dies bedeutete Platz 2 hinter Hansa Rostock in dieser Kategorie. Mittlerweile hat sich der VfL die Spitzenposition zurückeroberte, nur drei weitere Treffer sollten im Jahre 2026 folgen. Die Analyse, wie der Kader von Trainer Timo Schultz verbessert werden kann, war in der Winterpause schnell erledigt. Ein treffsicherer Angreifer sollte her, der mit Julian Kania per Leihe aus Bielefeld gefunden wurde. Dieser Transfer ließ die Liga aufhorchen, schließlich war Kania mit seinen Toren stark am Aufstieg der Arminia beteiligt. Der einzige Transfer in der Winterpause schien die Offensive direkt zu beflügeln.
Ausgerechnet am Jubiläumstag war der Alemannia nicht zum Feiern zumute, mit 0:3 verloren die Aachener vor großer Kulisse. Mann des Tages war mit einer Vorlage und einem Tor nicht Julian Kania, sondern Robin Meißner, der in den nächsten Spielen weitere zwei Treffer erzielte und auch zwei weitere Vorlagen gab. Weiterhin gibt aber die starke Abwehr um Patrick Kammerbauer und Jannik Müller den Ton an. Hinzu kommt noch die Mittelfeldachse Jacobsen, Kehl und Fridolin Müller, die der Mannschaft Stabilität geben.
Die Kompaktheit dieser Mannschaft ist eine große Stärke, die es gilt, am Samstagmittag aufzubrechen. Dies könnte ausgerechnet an der Bremer Brücke gelingen. Auswärts ist das Team von Timo Schultz die beste Mannschaft der Liga, zu Hause allerdings ist die Bilanz mit fünf Siegen, vier Unentschieden und drei Niederlagen nahezu ausgeglichen. Dies klingt fast nach einer logischen Bilanz für eine Mannschaft, die aus einer stabilen Defensive heraus das Spiel nicht unbedingt selbst gestalten will.
Aufpassen muss RWE aber dennoch vor allem auf die gefährlichen Standards, die vornehmlich vom Lars Kehl ausgeführt werden. Allerdings sind die Osnabrücker auch selbst gerne anfällig nach dem ruhenden Ball, so konnte RWE im Hinspiel durch Tom Moustier nach einer Ecke von Kaito Mizuta den Ausgleich erzielen. RWE muss viel Geduld aufbringen und auch in den entscheidenden Momenten das Spiel machen, um den VfL so unter Druck setzen. Sollten die Essener zurückliegen, wird es sehr schwer, gegen die Osnabrücker zu punkten. Nur wen die Mannschaft von der Hafenstraße mutig und selbstbewusst an der Bremer Brücke auftritt, können die Punkte mit nach Essen genommen werden.
Die Lage in der Liga und Fazit
Am Freitagabend hat der Waldhof es verpasst, Anschluss an die oberen Tabellenplätze herzustellen und ging mit 3:1 in Großaspach gegen den Stuttgarter Nachwuchs unter. Parallel zu RWE ist der MSV Duisburg als Spitzenteam im Einsatz, gegen die Schweinfurter gehen die Ruhrstädter als klarer Favorit in das Spiel. Der Tabellenzweite aus Verl darf auswärts in Aachen ran und hat wie die Duisburger die Buchmacher auf seiner Seite. Das Team der Stunde aus Wiesbaden muss nach Regensburg reisen. Außerdem wollen die Ingolstädter im Heimspiel gegen den TSV Havelse die Distanz zu den Abstiegsrängen weiter ausbauen. Am Samstagnachmittag wartet noch das Kellerduell zwischen den SSV Ulm und dem 1. FC Saarbrücken.
Am Sonntag geht es zunächst munter weiter, denn im Stadion an der Grünwalder Straße treffen der TSV 1860 München und Hansa Rostock aufeinander. Danach kommt es zum Ostduell zwischen Kellerkind Erzgebirge Aue und Spitzenreiter Energie Cottbus. Den Abschluss des Spieltages gestalten in ruhiger Atmosphäre die STG Hoffenheim 2 und Viktoria Köln.
Es stehen entscheidende Spiele für RWE an. Direkt im Anschluss an die Reise nach Niedersachsen müssen die Essener nach Rostock zum nächsten Spitzenspiel antreten. In der letzten Saison war weder in Osnabrück noch in Rostock etwas zu holen. Will RWE ein echtes Topteam sein und weiter die Chance haben, ganz oben mitzuspielen, kann man sich eine „Nullrunde“ nicht erlauben. Beste Vorrausetzungen also für Uwe Koschinat und sein Team, den Skeptikern zu beweisen, dass die Mannschaft sich auf dem richtigen Weg befindet und die Hoffnung zu entfachen, am Ende der Saison den großen Wurf zu landen.
In diesem Sinne
NUR DER RWE!

