RWE ist Thomas Strunz! (Ein Kommentar)
Noch vor wenigen Wochen konnte bei allen Vereinsbeobachtern der Eindruck entstehen, dass die Führungsetage von RWE ausschließlich Thomas Strunz als Mitglied hat. Er wurde in der Presse zitiert, vertrat den Verein bei öffentlichen Terminen, sprach das Vorwort in der „Kurzen Fuffzehn“, war Patrone für zahlreiche Aktionen mit oder rund um RWE, brachte die Vereinsumstrukturierung ins Rollen und informierte RWE-Fans in schwierigen Zeiten direkt über das Internetforum. Wo auch immer es um Rot-Weiss Essen ging und geht, der Name Strunz war und ist stets präsent.
Wohlgemerkt: Strunz war in der abgelaufenen Saison kein
Vereinspräsident, kein Manager, kein Geschäftsführer, kein
Aufsichtsratmitglied, sondern „nur“ Sportlicher Leiter!
Heckenschütze gesucht
Dass es doch noch andere offizielle Vereinsvertreter geben muss, wurde aber deutlich, als überraschend häufig in überregionalen Printmedien wie der „Welt“ oder dem „Spiegel“ (zu deren großen Stärken und Vorlieben nicht gerade die Amateursport-Berichterstattung zählt) über unseren bundesweit kaum mehr beachteten, viertklassigen Verein berichtet wurde. Darunter war im Spiegel auch ein Anti-RWE- bzw. Anti-Stadion-Bericht von einem „Autor des Jahres“ zu lesen, der nicht sachlich-argumentativ, sondern mit erschreckend populistischen und polemischen Zügen geschrieben war. Der Spiegel als Spielball eines Heckenschützen aus den eigenen Reihen? Schwierig vorstellbar, aber inzwischen sehr wahrscheinlich. Dabei ist der Begriff „Heckenschütze“ treffend: Dass es bei sportlichen Misserfolgen Kritik(er) gibt, ist klar. Dazu braucht man die Tage nur nach Osnabrück, Cottbus oder insbesondere Bielefeld zu schauen. Dort allerdings versteckt sich niemand hinter seiner Meinung – man weiß, wer gegen wen schießt. Dagegen inszenieren bei RWE einzelne (oder nur eine einzige) Person(en) aus einer sicheren Deckung heraus Intrigen - sei es über die Presse oder durch gezieltes Streuen von Gerüchten. Gerade Thomas Strunz scheint dem einen oder anderen ein Dorn im Auge zu sein. Öffentlich bekennt sich niemand, auch Aufsichtsratboss Dr.Bückemeier, der nach eigenen Angaben alle Aufsichtsratmitglieder befragt hatte, konnte den Maulwurf nicht ausfindig machen. Vielleicht will sich diese Person auch nicht in die eigenen Karten schauen lassen, denn bis auf den Zeugwart wird kaum ein Offizieller des Vereins behaupten können, in den vergangenen Jahren erfolgreiche Vereinsarbeit geleistet zu haben.
Rückendeckung für Strunz
So verlief die Abstimmung des Aufsichtsrates am vergangenen Mittwoch
dann doch, wie es zu erwarten war. „Mit allergrößter Mehrheit stehen
die Vereinsgremien von Rot-Weiss Essen hinter dem eingeschlagenen Weg
und damit auch hinter Thomas Strunz”, erklärte Dr. Bückemeier. Nur eine
Person stimmte gegen Strunz – zum Glück nur eine! Denn damit wurde die
Selbstverstümmelung im Verein, die mit einem Rauswurf von Strunz einen
weiteren Höhepunkt erreicht hätte, erstmal gestoppt. Nachdem das Drehen
des Personalrades in den vergangenen Jahren mehr Schaden als Erfolg
einbrachte, ist der kontinuierliche Weg mit Strunz der einzig richtige.
Doch Strunz bleibt nicht nur Sportlicher Leiter, mehr noch: er darf nun
zudem als Trainer fungieren. Ob das wiederum eine gute Entscheidung
ist, darf angezweifelt werden.
Thomas Strunz als Trainer?
Vor der Saison hatte Thomas Strunz in einem Interview mit „jawattdenn“
noch betont, dass ihn eine Trainertätigkeit überhaupt nicht reize. Zu
unsicher sei der Posten, ein längerfristiges Engagement sei kaum
möglich. Auf der Position des Sportlichen Leiters sei dies anders.
Trotzdem änderte Strunz seine Meinung und setzt nun wahrscheinlich auch
aus persönlichen Gründen alles auf eine Karte.
Dass in der kommenden Saison das Hauptaugenmerk auf den sportlichen
Bereich gerichtet werden soll, scheint im Widerspruch dazu zu stehen,
dass kein neuer Trainer eingestellt wird. Die Zusammensetzung des neuen
Kaders wird also mit einem kompetenten Mann weniger vorangetrieben. Es
bleiben Zweifel, ob das „Modell Magath“ in Essen zum gewünschten Erfolg
führt. Denn gerade im sportlichen (also seinem Kern-)Bereich hat Strunz
bislang kaum Erfolge vorzuweisen. In Wolfsburg ist er gescheitert und
die erste Saison in Essen liest sich nach der Speldorf-Pleite aus
sportlicher Sicht wie ein provinzielles Waterloo. Bei den
Vertragsverlängerungen mit vermeintlichen Leistungsträgern hatte Strunz
kein glückliches Händchen. Die Lorenz-Brüder, Kotula und Kurth konnte
ihre Rolle als Leitwölfe auf dem Platz nicht ausfüllen. Die wenigen
externen Neuzugänge konnten überhaupt nicht (Pagano, Kühne, Türkeri)
oder nur teilweise (Neumayr, Wunderlich, Maczkowiak, Zinke) überzeugen.
Lediglich Mölders, Bührer und Mainka erfüllten die in sie gesetzten
Erwartungen.
Dabei schaut man inzwischen verdutzt nach Oberhausen. Dort wurde eine
Mannschaft aus Spielern aufgebaut, die vor einem oder zwei Jahren noch
in der vierten Liga kickten und nun als Leistungsträger dem Verein den
Zweitligaklassenerhalt sicherten. Während bei RWO also diverse
Viertligaspieler in der Zweiten Liga für Furore sorgten (Nöthe,
Terranova, Kaya, Schlieter, Pappas, Lüttmann, Falkenberg, …), konnten
umgekehrt bei uns ehemalige Erst- oder Zweitligaspieler nicht mal in
der vierten Klasse überzeugen (S.Lorenz, M.Lorenz, Kühne, Kurth). Wann
ereignete es sich bei RWE zum letzten Mal, dass sich ein Neuzugang nach
einem Zwei-Ligen-Sprung nach oben ad hoc zum Leistungsträger
entwickelte? Was bei RWO seit drei Jahren zum Alltag gehört, sucht man
bei RWE sogar als Einzelfall vergebens.
Aber gerade nach der verpassten Pokalhauptrunde wird aus finanzieller
Sicht ein zielsicherer Blick für bezahlbare potentielle Stammspieler
und Leistungsträger aus unteren Ligen immer wichtiger. Doch dafür
müsste der Trainer- oder Scouting-Stab vergrößert anstatt verkleinert
werden. Ein externer Neuzugang für die Trainerbank hätte auch neue
Kontakte, zusätzliche Kompetenz und Erfahrung mitgebracht, die der
Verein nach den Fehleinkäufen der vergangenen Jahre noch dringend
benötigt.
Einstellungsprobleme
Vor der Saison war man sich einmal mehr sicher: man habe Spieler
verpflichtet, die sowohl charakterlich als auch sportlich in die
Mannschaft passen. Gerade die Charaktereigenschaften sind vor dieser
Saison stärker denn je betont worden: Erfahrene Spieler, die sich mit
RWE identifizieren und denen der Ruf einer tadellosen Einstellung
vorauseilte, wurden an den Verein gebunden, ergänzt durch nur wenige
externe Zugänge und vor allem durch junge Spieler aus dem eigenen
starken Nachwuchsbereich. Wenn auch nicht sportlich alles nach Plan
laufen sollte, so könne man sich wenigstens sicher sein, dass die
Mannschaft sich zerreist – so lautete der eindeutige präsaisonale
Tenor. Heute würde Strunz vermutlich nicht mehr die Hand für den
Charakter dieser Mannschaft ins Feuer legen. Es ist vor der Saison
scheinbar nur schwer zu unterscheiden, ob das Funkeln in den Augen
eines potenziellen Neuzuganges am Verhandlungstisch durch die Aussicht,
beim tollsten Verein der Welt spielen zu dürfen, oder doch nur durch
das Gehaltsangebot bedingt ist.
Der RWE-Fan kann derweil nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre nur
zu einer Erkenntnis gelangen: Die Voraussetzung „Vereinstreue“ (oder
gar „Vereinsliebe“) lässt nicht den eindeutigen Schluss „reißt sich den
Arsch auf“ zu. Es gibt lediglich Spieler mit einer professionellen und
solche mit einer unprofessionellen Einstellung - und zwar unabhängig
davon, ob die Spieler aus Bergeborbeck oder Burkina Faso stammen. Die
Spieler mit einer professionellen Einstellung zu finden (und die zudem
noch hinreichend talentiert sind), ist vermutlich eine Kunst für sich.
Hier kann man Thomas Strunz nur viel Glück und Erfolg dafür wünschen,
dass die Zahl der Fehleinkäufe diesmal deutlich kleiner ausfallen wird.
Die Weichen für die Zukunft werden gestellt
Diese Weichen werden aber nicht nur dem Verein, sondern auch Thomas
Strunz die Richtung weisen. Wie für RWE ist die kommende Saison auch
für Strunz eine schicksalhafte. Nach Wolfsburg könnte ein weiteres
Scheitern in seiner noch jungen Vita als Sportlicher Leiter
nachhaltigen Schaden anrichten. Und die Aussichten auf eine
erfolgreiche Saison werden aufgrund der fehlenden Pokaleinnahmen und
der Stärke der Konkurrenz nicht besser.
Mit den Zweitvertretungen aus Köln, K´lautern, M´gladbach und Mainz
muss man immer rechnen, zudem droht mit Hessen Kassel ein weiterer
Spitzenanwärter in die Westgruppe zu rutschen. Der 1.FC Saarbrücken
dominierte in der Oberliga Südwest nach Belieben und wird sicher nicht
nur einen gesicherten Mittelfeldplatz erreichen wollen, sondern
ambitioniert das obere Tabellendrittel anpeilen. Preußen Münster hat
mit Pollok und El Nounou jetzt schon zwei Top-Stürmer verpflichtet und
wird mit Sicherheit angreifen wollen. Dieses Jahr wird Strunz also ein
verdammt glückliches Händchen bei Neuzugängen haben müssen, wenn Platz
1 erreicht werden soll. Ein glückliches Händchen wird er zudem beim
Umgang mit den Fans und vor allem beim Erzeugen einer neuen, positiven
Grundstimmung beweisen müssen. Denn inzwischen nimmt das Fanverhalten
an der Hafenstraße extreme Züge an.
Nicht nur einzelne Spieler schaden dem Verein
Das Verfallen in Defätismus unter der Anhängerschaft bringt den Verein
nicht weiter. Die Tendenz, dass einzelne Spieler durch die Fans während
der Spiele bei jedem Fehlpass gnadenlos ausgepfiffen (auch bei
insgesamt guter Einzelleistung) und nach dem Spiel sogar körperlich
angegangen werden, ist besorgniserregend. Dabei erfolgen die verbalen
und nonverbalen Attacken inzwischen völlig undifferenziert und
willkürlich. Jeder Spieler, der einen Fehlpass spielt, kann das nächste
Opfer sein, auch wenn zuvor 20 Pässe angekommen sind. Auch hier ist ein
Umdenken im Sinne einer erfolgreichen Saison notwendig.
Spiele, die mit der Unterstützung des Publikums nach schwacher
Mannschaftsleistung noch gewonnen werden, sind inzwischen undenkbar.
Vor 10 Jahren, als der Verein ebenfalls durch einen Doppelabstieg in
die Viertklassigkeit abrutschte und vor dem finanziellen Ruin stand,
war die Stimmung an der Hafenstraße noch eine andere: Auch dann, wenn
die Mannschaft richtig schlecht spielte, fand der Ball von 5.000 Fans
unterstützt am Ende doch noch den Weg ins Tor. Der Unmut wurde zum
Pausen- oder nach dem Schlusspfiff geäußert, aber während des Spiels
wurde die Mannschaft unterstützt. Zahlreiche Grottenkicks konnten so
nach einem Rückstand noch gedreht werden. Bei allem Verständnis für den
zunehmenden Frust unter den Fans - die ersten Pfiffe nach 10 Minuten
und insbesondere die körperlichen Angriffe helfen niemandem, schon gar
nicht dem Verein.
Fazit
Thomas Strunz hat mit städtischer Unterstützung und mit seiner Arbeit,
die teilweise jenseits des Aufgabenbereiches eines Sportlichen Leiters
lag, auf administrativer Ebene die Weichen für eine erfolgreiche
Zukunft bereits gestellt. Unter den Fans sammelte er durch eine im
Vergleich zu seinen Vorgängern sehr transparente Informationspolitik
Pluspunkte. Unter anderem erfolgten regelmäßig und zeitnah
Stellungnahmen zu diversen Gerüchten und Fakten im RWE-Forum.
Unabhängig von der schwachen sportlichen Leistung ist Thomas Strunz mit
seinem Bekanntheitsgrad und seiner positiven medialen Präsenz genau die
Person, die RWE in dieser Saison brauchte und nach wie vor braucht. Er
ist einer der seltenen „Volltreffer“ bei der seit Jahren katastrophalen
Personalpolitik im Verein. Er kämpft auch bei Misserfolg weiter und
übernimmt Verantwortung, der er sich im Falle einer weiteren
verkorksten Saison auch stellen wird und muss. Dass Thomas Strunz
gewillt ist, hier in Essen etwas aufzubauen, hat er mittlerweile
hinreichend nachgewiesen.
Hätte sich die Mannschaft über die gesamte Saison auch nur teilweise so
engagiert gezeigt wie Thomas Strunz, dann hätten wir in Dortmund
vielleicht ein Aufstiegsendspiel. Ihn vom Hof zu jagen, hätte die nicht
enden wollende Kette der Fehlentscheidungen des Aufsichtsrates um ein
weiteres schwerwiegendes Glied verlängert. Zum Glück ist es so weit
nicht gekommen.
Allerdings ist auch Strunz kein Fußballgott. Kostspielige Fehleinkäufe
und der Flop mit der Verpflichtung von Ernst Middendorp hat er (mit) zu
verantworten. Deshalb ist es gewagt, die sportliche „Macht“ nur einem
Mann zu überlassen. Das Richten der vollen Konzentration auf den
sportlichen Bereich beginnt nun mit einem kompetenten Mann im Verein
weniger.
Dennoch verleiht ihm seine offene und auch selbstkritische Art
Authentizität und nährt die Hoffnung, dass er aus Fehlern lernt. Die
Ankündigung, auch die eigenen Fehler einräumen und öffentlich
aufarbeiten zu wollen, wäre aus dem Munde eines Rolf Hempelmann oder
Lorenz-Günther Köstner undenkbar gewesen.
Auch, wenn ein mulmiges Gefühl durch die interne Trainerlösung bleibt,
sollten Fans und Verantwortliche positiv gestimmt und hoffnungs- und
vertrauensvoll der für alle Beteiligten wichtigen Saison 2009/10
entgegenfiebern.


