RWE ist Thomas Strunz! (Ein Kommentar)

veröffentlicht am 04.06.2009 um 23:10 Uhr von Michael Jaskolla

Noch vor wenigen Wochen konnte bei allen Vereinsbeobachtern der Eindruck entstehen, dass die Führungsetage von RWE ausschließlich Thomas Strunz als Mitglied hat. Er wurde in der Presse zitiert, vertrat den Verein bei öffentlichen Terminen, sprach das Vorwort in der „Kurzen Fuffzehn“, war Patrone für zahlreiche Aktionen mit oder rund um RWE, brachte die Vereinsumstrukturierung ins Rollen und informierte RWE-Fans in schwierigen Zeiten direkt über das Internetforum. Wo auch immer es um Rot-Weiss Essen ging und geht, der Name Strunz war und ist stets präsent.

Wohlgemerkt: Strunz war in der abgelaufenen Saison kein Vereinspräsident, kein Manager, kein Geschäftsführer, kein Aufsichtsratmitglied, sondern „nur“ Sportlicher Leiter!

Heckenschütze gesucht

Dass es doch noch andere offizielle Vereinsvertreter geben muss, wurde aber deutlich, als überraschend häufig in überregionalen Printmedien wie der „Welt“ oder dem „Spiegel“ (zu deren großen Stärken und Vorlieben nicht gerade die Amateursport-Berichterstattung zählt) über unseren bundesweit kaum mehr beachteten, viertklassigen Verein berichtet wurde. Darunter war im Spiegel auch ein Anti-RWE- bzw. Anti-Stadion-Bericht von einem „Autor des Jahres“ zu lesen, der nicht sachlich-argumentativ, sondern mit erschreckend populistischen und polemischen Zügen geschrieben war. Der Spiegel als Spielball eines Heckenschützen aus den eigenen Reihen? Schwierig vorstellbar, aber inzwischen sehr wahrscheinlich. Dabei ist der Begriff „Heckenschütze“ treffend: Dass es bei sportlichen Misserfolgen Kritik(er) gibt, ist klar. Dazu braucht man die Tage nur nach Osnabrück, Cottbus oder insbesondere Bielefeld zu schauen. Dort allerdings versteckt sich niemand hinter seiner Meinung – man weiß, wer gegen wen schießt. Dagegen inszenieren bei RWE einzelne (oder nur eine einzige) Person(en) aus einer sicheren Deckung heraus Intrigen - sei es über die Presse oder durch gezieltes Streuen von Gerüchten. Gerade Thomas Strunz scheint dem einen oder anderen ein Dorn im Auge zu sein. Öffentlich bekennt sich niemand, auch Aufsichtsratboss Dr.Bückemeier, der nach eigenen Angaben alle Aufsichtsratmitglieder befragt hatte, konnte den Maulwurf nicht ausfindig machen. Vielleicht will sich diese Person auch nicht in die eigenen Karten schauen lassen, denn bis auf den Zeugwart wird kaum ein Offizieller des Vereins behaupten können, in den vergangenen Jahren erfolgreiche Vereinsarbeit geleistet zu haben.

Rückendeckung für Strunz

So verlief die Abstimmung des Aufsichtsrates am vergangenen Mittwoch dann doch, wie es zu erwarten war. „Mit allergrößter Mehrheit stehen die Vereinsgremien von Rot-Weiss Essen hinter dem eingeschlagenen Weg und damit auch hinter Thomas Strunz”, erklärte Dr. Bückemeier. Nur eine Person stimmte gegen Strunz – zum Glück nur eine! Denn damit wurde die Selbstverstümmelung im Verein, die mit einem Rauswurf von Strunz einen weiteren Höhepunkt erreicht hätte, erstmal gestoppt. Nachdem das Drehen des Personalrades in den vergangenen Jahren mehr Schaden als Erfolg einbrachte, ist der kontinuierliche Weg mit Strunz der einzig richtige.
Doch Strunz bleibt nicht nur Sportlicher Leiter, mehr noch: er darf nun zudem als Trainer fungieren. Ob das wiederum eine gute Entscheidung ist, darf angezweifelt werden.

Thomas Strunz als Trainer?

Vor der Saison hatte Thomas Strunz in einem Interview mit „jawattdenn“ noch betont, dass ihn eine Trainertätigkeit überhaupt nicht reize. Zu unsicher sei der Posten, ein längerfristiges Engagement sei kaum möglich. Auf der Position des Sportlichen Leiters sei dies anders. Trotzdem änderte Strunz seine Meinung und setzt nun wahrscheinlich auch aus persönlichen Gründen alles auf eine Karte.

Dass in der kommenden Saison das Hauptaugenmerk auf den sportlichen Bereich gerichtet werden soll, scheint im Widerspruch dazu zu stehen, dass kein neuer Trainer eingestellt wird. Die Zusammensetzung des neuen Kaders wird also mit einem kompetenten Mann weniger vorangetrieben. Es bleiben Zweifel, ob das „Modell Magath“ in Essen zum gewünschten Erfolg führt. Denn gerade im sportlichen (also seinem Kern-)Bereich hat Strunz bislang kaum Erfolge vorzuweisen. In Wolfsburg ist er gescheitert und die erste Saison in Essen liest sich nach der Speldorf-Pleite aus sportlicher Sicht wie ein provinzielles Waterloo. Bei den Vertragsverlängerungen mit vermeintlichen Leistungsträgern hatte Strunz kein glückliches Händchen. Die Lorenz-Brüder, Kotula und Kurth konnte ihre Rolle als Leitwölfe auf dem Platz nicht ausfüllen. Die wenigen externen Neuzugänge konnten überhaupt nicht (Pagano, Kühne, Türkeri) oder nur teilweise (Neumayr, Wunderlich, Maczkowiak, Zinke) überzeugen. Lediglich Mölders, Bührer und Mainka erfüllten die in sie gesetzten Erwartungen.

Dabei schaut man inzwischen verdutzt nach Oberhausen. Dort wurde eine Mannschaft aus Spielern aufgebaut, die vor einem oder zwei Jahren noch in der vierten Liga kickten und nun als Leistungsträger dem Verein den Zweitligaklassenerhalt sicherten. Während bei RWO also diverse Viertligaspieler in der Zweiten Liga für Furore sorgten (Nöthe, Terranova, Kaya, Schlieter, Pappas, Lüttmann, Falkenberg, …), konnten umgekehrt bei uns ehemalige Erst- oder Zweitligaspieler nicht mal in der vierten Klasse überzeugen (S.Lorenz, M.Lorenz, Kühne, Kurth). Wann ereignete es sich bei RWE zum letzten Mal, dass sich ein Neuzugang nach einem Zwei-Ligen-Sprung nach oben ad hoc zum Leistungsträger entwickelte? Was bei RWO seit drei Jahren zum Alltag gehört, sucht man bei RWE sogar als Einzelfall vergebens.

Aber gerade nach der verpassten Pokalhauptrunde wird aus finanzieller Sicht ein zielsicherer Blick für bezahlbare potentielle Stammspieler und Leistungsträger aus unteren Ligen immer wichtiger. Doch dafür müsste der Trainer- oder Scouting-Stab vergrößert anstatt verkleinert werden. Ein externer Neuzugang für die Trainerbank hätte auch neue Kontakte, zusätzliche Kompetenz und Erfahrung mitgebracht, die der Verein nach den Fehleinkäufen der vergangenen Jahre noch dringend benötigt.

Einstellungsprobleme

Vor der Saison war man sich einmal mehr sicher: man habe Spieler verpflichtet, die sowohl charakterlich als auch sportlich in die Mannschaft passen. Gerade die Charaktereigenschaften sind vor dieser Saison stärker denn je betont worden: Erfahrene Spieler, die sich mit RWE identifizieren und denen der Ruf einer tadellosen Einstellung vorauseilte, wurden an den Verein gebunden, ergänzt durch nur wenige externe Zugänge und vor allem durch junge Spieler aus dem eigenen starken Nachwuchsbereich. Wenn auch nicht sportlich alles nach Plan laufen sollte, so könne man sich wenigstens sicher sein, dass die Mannschaft sich zerreist – so lautete der eindeutige präsaisonale Tenor. Heute würde Strunz vermutlich nicht mehr die Hand für den Charakter dieser Mannschaft ins Feuer legen. Es ist vor der Saison scheinbar nur schwer zu unterscheiden, ob das Funkeln in den Augen eines potenziellen Neuzuganges am Verhandlungstisch durch die Aussicht, beim tollsten Verein der Welt spielen zu dürfen, oder doch nur durch das Gehaltsangebot bedingt ist.

Der RWE-Fan kann derweil nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre nur zu einer Erkenntnis gelangen: Die Voraussetzung „Vereinstreue“ (oder gar „Vereinsliebe“) lässt nicht den eindeutigen Schluss „reißt sich den Arsch auf“ zu. Es gibt lediglich Spieler mit einer professionellen und solche mit einer unprofessionellen Einstellung - und zwar unabhängig davon, ob die Spieler aus Bergeborbeck oder Burkina Faso stammen. Die Spieler mit einer professionellen Einstellung zu finden (und die zudem noch hinreichend talentiert sind), ist vermutlich eine Kunst für sich. Hier kann man Thomas Strunz nur viel Glück und Erfolg dafür wünschen, dass die Zahl der Fehleinkäufe diesmal deutlich kleiner ausfallen wird.

Die Weichen für die Zukunft werden gestellt

Diese Weichen werden aber nicht nur dem Verein, sondern auch Thomas Strunz die Richtung weisen. Wie für RWE ist die kommende Saison auch für Strunz eine schicksalhafte. Nach Wolfsburg könnte ein weiteres Scheitern in seiner noch jungen Vita als Sportlicher Leiter nachhaltigen Schaden anrichten. Und die Aussichten auf eine erfolgreiche Saison werden aufgrund der fehlenden Pokaleinnahmen und der Stärke der Konkurrenz nicht besser.

Mit den Zweitvertretungen aus Köln, K´lautern, M´gladbach und Mainz muss man immer rechnen, zudem droht mit Hessen Kassel ein weiterer Spitzenanwärter in die Westgruppe zu rutschen. Der 1.FC Saarbrücken dominierte in der Oberliga Südwest nach Belieben und wird sicher nicht nur einen gesicherten Mittelfeldplatz erreichen wollen, sondern ambitioniert das obere Tabellendrittel anpeilen. Preußen Münster hat mit Pollok und El Nounou jetzt schon zwei Top-Stürmer verpflichtet und wird mit Sicherheit angreifen wollen. Dieses Jahr wird Strunz also ein verdammt glückliches Händchen bei Neuzugängen haben müssen, wenn Platz 1 erreicht werden soll. Ein glückliches Händchen wird er zudem beim Umgang mit den Fans und vor allem beim Erzeugen einer neuen, positiven Grundstimmung beweisen müssen. Denn inzwischen nimmt das Fanverhalten an der Hafenstraße extreme Züge an. 

Nicht nur einzelne Spieler schaden dem Verein

Das Verfallen in Defätismus unter der Anhängerschaft bringt den Verein nicht weiter. Die Tendenz, dass einzelne Spieler durch die Fans während der Spiele bei jedem Fehlpass gnadenlos ausgepfiffen (auch bei insgesamt guter Einzelleistung) und nach dem Spiel sogar körperlich angegangen werden, ist besorgniserregend. Dabei erfolgen die verbalen und nonverbalen Attacken inzwischen völlig undifferenziert und willkürlich. Jeder Spieler, der einen Fehlpass spielt, kann das nächste Opfer sein, auch wenn zuvor 20 Pässe angekommen sind. Auch hier ist ein Umdenken im Sinne einer erfolgreichen Saison notwendig.
Spiele, die mit der Unterstützung des Publikums nach schwacher Mannschaftsleistung noch gewonnen werden, sind inzwischen undenkbar.

Vor 10 Jahren, als der Verein ebenfalls durch einen Doppelabstieg in die Viertklassigkeit abrutschte und vor dem finanziellen Ruin stand, war die Stimmung an der Hafenstraße noch eine andere: Auch dann, wenn die Mannschaft richtig schlecht spielte, fand der Ball von 5.000 Fans unterstützt am Ende doch noch den Weg ins Tor. Der Unmut wurde zum Pausen- oder nach dem Schlusspfiff geäußert, aber während des Spiels wurde die Mannschaft unterstützt. Zahlreiche Grottenkicks konnten so nach einem Rückstand noch gedreht werden. Bei allem Verständnis für den zunehmenden Frust unter den Fans - die ersten Pfiffe nach 10 Minuten und insbesondere die körperlichen Angriffe helfen niemandem, schon gar nicht dem Verein.

Fazit

Thomas Strunz hat mit städtischer Unterstützung und mit seiner Arbeit, die teilweise jenseits des Aufgabenbereiches eines Sportlichen Leiters lag, auf administrativer Ebene die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft bereits gestellt. Unter den Fans sammelte er durch eine im Vergleich zu seinen Vorgängern sehr transparente Informationspolitik Pluspunkte. Unter anderem erfolgten regelmäßig und zeitnah Stellungnahmen zu diversen Gerüchten und Fakten im RWE-Forum.

Unabhängig von der schwachen sportlichen Leistung ist Thomas Strunz mit seinem Bekanntheitsgrad und seiner positiven medialen Präsenz genau die Person, die RWE in dieser Saison brauchte und nach wie vor braucht. Er ist einer der seltenen „Volltreffer“ bei der seit Jahren katastrophalen Personalpolitik im Verein. Er kämpft auch bei Misserfolg weiter und übernimmt Verantwortung, der er sich im Falle einer weiteren verkorksten Saison auch stellen wird und muss. Dass Thomas Strunz gewillt ist, hier in Essen etwas aufzubauen, hat er mittlerweile hinreichend nachgewiesen.

Hätte sich die Mannschaft über die gesamte Saison auch nur teilweise so engagiert gezeigt wie Thomas Strunz, dann hätten wir in Dortmund vielleicht ein Aufstiegsendspiel. Ihn vom Hof zu jagen, hätte die nicht enden wollende Kette der Fehlentscheidungen des Aufsichtsrates um ein weiteres schwerwiegendes Glied verlängert. Zum Glück ist es so weit nicht gekommen.

Allerdings ist auch Strunz kein Fußballgott. Kostspielige Fehleinkäufe und der Flop mit der Verpflichtung von Ernst Middendorp hat er (mit) zu verantworten. Deshalb ist es gewagt, die sportliche „Macht“ nur einem Mann zu überlassen. Das Richten der vollen Konzentration auf den sportlichen Bereich beginnt nun mit einem kompetenten Mann im Verein weniger.

Dennoch verleiht ihm seine offene und auch selbstkritische Art Authentizität und nährt die Hoffnung, dass er aus Fehlern lernt. Die Ankündigung, auch die eigenen Fehler einräumen und öffentlich aufarbeiten zu wollen, wäre aus dem Munde eines Rolf Hempelmann oder Lorenz-Günther Köstner undenkbar gewesen.

Auch, wenn ein mulmiges Gefühl durch die interne Trainerlösung bleibt, sollten Fans und Verantwortliche positiv gestimmt und hoffnungs- und vertrauensvoll der für alle Beteiligten wichtigen Saison 2009/10 entgegenfiebern.


Tabelle

1 RW Essen 0
2 Hüls 0
3 Duisburg II 0
4 Aachen II 0
5 Speldorf 0
6 BergGladbach 0
7 Wegberg 0
8 Homberg 0
9 Schermbeck 0
10 ETB 0
11 Köln 0
12 Velbert 0
13 Kleve 0
14 Windeck 0
15 Siegen 0
16 Herne 0
17 Rhynern 0
18 Erkenschwick 0


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