Hopping Argentinien: Racing Club – Independiente

veröffentlicht am 07.10.2009 um 22:30 Uhr von Redaktion

Wieder mal ein Hoppingbericht eines treuen Lesers der sich zur Zeit in Argentinien aufhält. Einen ausführlichen Bericht und Bilder vom Spiel Racing Club gegen Independiente gibt es hier zu sehen.


Estadio Juan Domingo Peron, Avellaneda, Argentinien / 29.09.2009

Racing Club – Independiente 1:2 (0:2)

Racing Club – Independiente 1:2 (0:2)

Avellaneda ist eine 300.000 Einwohner zählende Stadt im Bezirk Buenos Aires und grenzt an die gleichnamige Hauptstadt - zwei mal jährlich treffen im “Clasico” Avellanedas die beiden ehemaligen Weltpokalsieger Racing Club und Independiente aufeinander, deren Stadien weniger als 500 Meter auseinander liegen.

Die großen Zeiten beider Vereine liegen schon eine Weile zurück. Racing konnte zuletzt 2001 die Apertura (Halbjahresmeisterschaft) gewinnen und somit eine Durststrecke von 35 Jahren ohne nationalen Titel beenden; bei Independiente, dem Rekordsieger der Copa Libertadores (dem südamerikanischen Pendant zur Champions League), reichte es in den letzten 14 Jahren zu einer Halbjahresmeisterschaft (Apertura 2002).

Racing musste 1983 gar den Gang in die zweite Liga antreten und kämpft auch in diesem Jahr um den Klassenerhalt, der in Argentinien nicht durch die Endtabelle, sondern den Durchschnittswert der in den letzten drei Jahren erreichten Punkte ermittelt wird – Independiente befindet sich im Mittelfeld der Tabelle und kann auf eine gemeinsame Geschichte mit Rot-Weiss Essen zurückblicken: Im Jahre 1954 waren die “roten Teufel” Auftaktgegner auf RWEs Südamerika-Tour. Essen, mit dem im gleichen Jahr zum "Helden von Bern" avancierenden Helmut Rahn, gewann 3:1, verlor jedoch die Revanche mit 2:4 – die guten Zeiten liegen in der Vergangenheit, das Stadion befindet sich in einem schäbigen Industriegebiet, wird gerade neu gebaut und in rot spielend hasst man den blau-weißen Nachbarn: Genug Identifikationspotential, um Independiente beim Derby die Daumen zu drücken!

Racing Club – Independiente 1:2 (0:2)

Da das Heimrecht allerdings bei Racing liegt und ich den Teufel tun werde, mich beim zweitwichtigsten Derby Argentiniens in den Gästeblock zu stellen, geht es auf den Oberrang der Racing-Fankurve – Karten sind genug vorhanden: Es gießt wie aus Eimern und die sportliche Lage beider Kontrahenten tut ihr übriges dazu, dass Schönwetterfans das Derby am Fernseher verfolgen und die Sitzplatztribüne des Heimbereichs viele Lücken offenbart.

Um ins Stadion zu gelangen, muss man zunächst die Sicherheitskontrollen passieren. Während man in Deutschland von Ordnern abgetastet wird, übernimmt diese Aufgabe hier die Polizei selbst. Hinter den mit Knüppeln ausgestatteten Kontrolleuren wartet ein Ordnungshüter mit Gewehr – bei den Ausmaßen argentinischer Ausschreitungen der Vergangenheit jedoch nicht allzu verwunderlich.

Racing Club – Independiente 1:2 (0:2)

Probleme gibt es allerdings keine und reichlich früh betrete ich den “Zylinder”, wie das Stadion Racings auch genannt wird. Der Independiente-Fanblock füllt sich recht schnell und wird durch zwei Puffer-Blocks von den Racing-Fans getrennt. Auf Seiten der Heimfans werden vor dem Spiel reichlich Papierrollen verteilt, bis auch der Letzte im Stadion Wurfmaterial für den Einmarsch der Spieler hat. Hinter dem Tor versammelt sich der harte Kern – unter den himmelblauen/weißen Längstbannern, die in jeder argentinischen Fankurve in den jeweiligen Vereinsfarben zu finden sind, befindet sich die Trommlerkapelle und eine Reihe von Racing-Fans läuft mit Regenschirmen in Vereinsfarben ein.

Auf der Gegenseite provozieren die Independiente-Anhänger durch Transparente mit Hinweisen auf den Zweitliga-Abstieg Racings 1983 und der Hoffnung darauf, dass sich dieses Ereignis möglichst bald wiederholen möge. "1983: Ya se fueron / 2010: Ya se van" ist auf einem Banner zu lesen, das mit Hilfe von Luftballons im Block senkrecht hochgezogen wird und mit dem Transparent "prohibido olvidar 22-12-83" wird den Racing-Fans sogar der genaue Tag des Gangs in Liga 2 (B) ins Gedächtnis gerufen. Gesungen wird auf beiden Seiten bereits weit vor Spielbeginn lauthals – einige Fans postieren sich das gesamte Spiel über auf einer Mauer vor dem ca. 3-4 Meter tiefen Graben zwischen Spielfeld und Tribünen, der sich durch den strömenden Regen in einen Wassergraben verwandelt hat. Sicherheitsvorkehrungen gibt es hier kaum, Ordner auf den Rängen überhaupt nicht. Steh- und Sitztribüne sind durch Zaun samt Stacheldraht getrennt, jedoch scheut man sich hier nicht 20 Meter über dem Boden am Oberrang außen an den Zäunen entlang zu klettern.

Im Stadion wird kein Alkohol ausgeschenkt und betrunken durch den Block torkelnde Fans findet man hier nicht – dafür kennt jeder von jung bis alt die melodischen und textlich umfangreichen Gesänge, die sich inhaltlich jedoch nicht von deutschem Stadion-Liedgut unterscheiden. Als die Racing-Spieler das Feld betreten, fliegen tausende Papierrollen Richtung Spielfeld – Konfetti-Kanonen hüllen den Racing-Sektor in himmelblau/weiß, vereinzelt werden Bengalos gezündet und eine Serie von Böllern explodiert in der Kurve. Ausnahmslos jeder in der Kurve singt und in Kombination mit den geschwenkten Fahnen und der Trommlergruppe des Unterrangs entsteht eine unbeschreibliche Atmosphäre.

Racing Club – Independiente 1:2 (0:2)

Der Anstoß muss durch die Aufräumarbeiten verschoben werden und somit bleibt Zeit für das Gesangsduell, bei dem die Independiente-Fans die wohl beste nur denkbare Auswärtsunterstützung hinlegen. Der Hass auf den Rängen überträgt sich auch auf den Rasen, wo in den ersten Sekunden der ballführende Spieler jeweils Opfer einer Blutgrätsche eines Gegenspielers wird. Da argentinische Schiedsrichter das Spiel nur äußerst ungern unterbrechen, wird diese Spielweise fortgeführt, bis nach zwei Minuten eine Flanke Independiente-Stürmer Gandin erreicht, der den Ball links unten im Kasten zur Gäste-Führung unterbringt. Im Racing-Block kann man plötzlich eine Stecknadel fallen hören, während vom Independiente-Sektor grenzenloser Jubel durchs Stadion schallt.

Die Stimmung auf Racing-Seite leidet fortan ein wenig und auf dem Spielfeld greift der Schiedsrichter dann doch mit gelben Karten durch, um dem Getrete Einhalt zu gebieten. Wobei man anmerken muss: Wofür es in Argentinien teilweise nur die gelbe Karte gibt, erwarten den Übeltäter in Deutschland wohl eher zwei Jahre auf Bewährung. Die Racing-Fans wachen auf, als die Heimmannschaft per Kopfball den Querbalken trifft, jedoch gibt es nach einer halben Stunde Elfmeter für Independiente, den wieder Gandin zum 2:0 verwandeln kann. In der Folgezeit decken die schnell konternden Gäste die spielerische und taktische Armut Racings auf und könnten bis zum Seitenwechsel 4:0 führen; durch die miserable Chancenverwertung geht es allerdings mit nur zwei Toren Vorsprung in die Pause, die von den Independiente-Fans zum Feiern genutzt wird.

Racing Club – Independiente 1:2 (0:2)

Als die Racing-Spieler auf den Rasen zurückkehren, fliegt erneut eine enorme Menge an Papierrollen in Richtung Spielfeld und trotz 0:2-Rueckstand macht der Anhang der "Academia", so der Spitzname der Heimmannschaft, noch mal ordentlich Betrieb. Drei Minuten nach Wiederanpfiff kann Ledesma eine Flanke aus kurzer Distanz via Kopfball zum Anschluss über die Linie drücken und die einseitige Partie aus Halbzeit 1 ist plötzlich wieder völlig offen. Die Gastgeber versuchen in der Folgezeit mit einer Brechstangentaktik den Ausgleich zu erzwingen und Independiente wird sichtlich nervös.

Bei Fehlpässen ins Seitenaus oder Schussversuchen ins Niemansland pfeift hier der gegnerische Anhang den Versager gnadenlos aus - eine südamerikanische Eigenart, die in Essen bekanntlich vornehmlich den eigenen Spielern vorbehalten ist. Allerdings melden sich aufgrund zahlreicher amateurhafter Fehler im Aufbauspiel Racings auch genug "Meckerköppe" mit Kritik an der eigenen Spielweise zu Wort.

Kritisch wird es, als Independiente erstmals in Halbzeit 2 vor den gegnerischen Fans eine Ecke ausführen muss. Statt eines Ordners mit Regenschirm postieren sich hier vier Polizisten in voller Montur mit Plastik-Schutzschilden vor dem Eckball-Schützen - neben den restlichen Papierrollen und einigen Feuerzeugen prasseln auch eine Reihe undefinierbarer Wurfgeschosse auf den Spieler nieder, der nach einem schmerzhaften Treffer den Schiedsrichter darauf aufmerksam macht, die Ecke nicht ausführen zu wollen.

Racing Club – Independiente 1:2 (0:2)

Es folgen Aufforderungen der Racing-Spieler an den eigenen Block, das Werfen zu unterlassen und schließlich kann der Eckball dann doch - ohne zählbares Ergebnis - ausgeführt werden. Auf die Durchsage eines Stadionsprechers wartet man, wie auch nach dem Anschlusstreffer, vergebens - es gibt offenbar auch keinen. Einzig für Werbedurchsagen in der Pause existiert eine Lautsprecheranlage, sodass das Rahmenprogramm allein den Fans überlassen wird.

Auf dem Rasen gibt Racing in der Schlussphase noch einmal alles, jedoch stellt es fuer die Independiente-Defensive keine große Herausforderung dar, die Langholzbälle abzuwehren. Peinlich wird es, als drei Gästespieler den in der Nachspielzeit aufgerückten Torhüter auf dem Weg zu einem möglicherweise entscheidenden 3:1 überlisten wollen und dabei statt eines Distanzschusses aufs leere Tor ins Abseits laufen - dennoch brennt nichts mehr an und mit dem Schlusspfiff stürmen die Independiente-Spieler zum feiernden Anhang, während ich mich mit dem deprimierten Racing-Anhang auf den Weg nach draussen mache.

Wie in Argentinien üblich, muss der Heimanhang vor verschlossenem Tor auf den Abmarsch der Gäste warten. Im Normalfall dauert die Prozedur gut und gerne 15 Minuten, doch beschließen die Racing-Fans irgendwann den Ausbruch, den auch die wenigen Knüppel der hoffnungslos unterbesetzten Polizei nicht verhindern können. Während die Ordnungshüter den Rückzug antreten, geht es raus aus dem Stadion und nach einem letzten Blick auf den Stadion-Neubau Independientes nebenan auch raus aus Avellaneda. Racing gegen Independiente, das war ein spielerisch schwaches aber hart umkämpftes Derby mit großartiger Atmosphäre!

Dominik

Tabelle

1 RW Essen 0
2 Hüls 0
3 Duisburg II 0
4 Aachen II 0
5 Speldorf 0
6 BergGladbach 0
7 Wegberg 0
8 Homberg 0
9 Schermbeck 0
10 ETB 0
11 Köln 0
12 Velbert 0
13 Kleve 0
14 Windeck 0
15 Siegen 0
16 Herne 0
17 Rhynern 0
18 Erkenschwick 0


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