England-Hopping: Up the Villa!!! (Bericht)
Zwei zu verballernde Tage Resturlaub kombiniert mit einer Ryanair-Aktion im richtigen Moment führten mich zusammen mit einem Kumpel ins Mutterland des Fußballs. Die Prüfung von Flugzeiten ab 'Airport Niederrhein' in Weeze, sowie die vom Zielort aus erreichbaren Stadien und machbaren Anstosszeiten ergaben eindeutig die Destination Birmingham. Und so hoben wir an einem Samstagmittag ab, um die Spiele Wolverhampton Wanderers vs. Charlton Athletic in der Championship-Divison (der zweiten Liga) und Aston Villa vs. Tottenham Hotspur in der Premier League zu sehen. Nach dem Buchen der Flüge, Hin- und Rückflug für zehn Euro pro Nase plus weiteren zehn Euro Bearbeitungsgebühr und zwei Nächte in einem Hotel der bekannten Kette 'Kaschemme' für umgerechnet knapp 38 Euro pro Person, ging es an die Ticketbeschaffung.
Hier wollte ich zumindest für
Villa die Tix sicher haben, da schon bei mehreren Spiele in dieser
Saison „sold-out“ gemeldet wurde. Dieses stellte sich jedoch alles
andere als einfach dar. Eine einfache Bestellung per Email oder über
den Online-Sale ist nur möglich, wenn man eine sogenannte
'Booking-History' vorweisen kann, soll heißen, wenn man in dieser
Saison schon einmal Karten bestellt hat. Der deutsche Aston
Villa-Fanclub wollte leider für unbekannte Personen keine Hilfe
leisten. Der Versuch über das 'Villa Talk'-Forum brachte letztlich den
entscheidenden Hinweis, den ich allerdings bei aufmerksamerem Studium
der Vereins-HP selbst hätte finden können. Das magische Wort nennt sich
'Seatexchange', ein Service der für alle möglichen Tickets in Anspruch
genommen werden kann, sofern der Veranstalter (hier der Aston Villa FC)
daran teilnimmt.
Das ganze funktioniert wie folgt. Als
Dauerkartenbesitzer hat man die Möglichkeit seinen Platz für Spiele,
bei denen man verhindert ist, zu verkaufen. Dieses funktioniert eben
über 'Seatexchange'. Dieser Service wird von einem unabhängigen
Unternehmen angeboten, das an der Transaktion sowohl durch Käufer- als
auch Verkäufergebühren verdient. Über den Internetauftritt des Service
kann man sich das entsprechende Spiel auswählen und dann unter den
angebotenen Tickets auswählen. Zahlung per Kreditkarte und der Drops
ist gelutscht. Es werden natürlich überwiegend Einzeltickets angeboten,
aber mit ein bißchen Geduld hatten wir nach ein paar Tagen zwei nebeneinander
liegende Plätze auf der Haupttribüne mit hervorragender Sicht
erstanden. Dieses allerdings zum englandüblichen stattlichen Preis von
knapp 53 Euro pro Karte. Gut, dass das Pfund momentan so übel
da steht, sonst wär's noch teurer geworden. Ein paar Tage vor der
Abreise sicherte ich uns dann noch die Tix für das Wolverhampton-Match.
Dieses ging auf einfachem Wege per Anruf und Hinterlegung im
Ticket-Office am Stadion gegen Bekanntgabe der Kreditkarten-Daten.
So ging es dann am Tage des Spiels Wolverhampton gegen Charlton ab
Weeze nach Birmingham. Der Abflug war um 13:00 mittags, Ankunft auf dem
Flughafen Birmingham war für 13:25 Uhr
vorgesehen (eine Stunde Zeitverschiebung zurück), Kick-off um 15:00 Uhr. Da die reine Flugzeit aber nur eine Stunde dauert und Ryanair
eine der pünktlichsten Low-cost-Airlines ist, machten wir uns keine
Sorgen. So landeten wir auch überpünktlich, bekamen einen früheren Anschluss-Zug als geplant und waren nach 40 Minuten Fahrzeit eine gute Stunde vor dem Spiel in Wolverhampton. Überhaupt muss man sagen, dass der öffentliche Nah- und Fernverkehr keine Wünsche offen lässt. In kurzen Abständen fahren Züge und Busse, so dass man kaum Wartezeiten hat. Da sich der Ground mit dem klangvollen Namen 'Molineux' direkt an die Innenstadt anschließt,
waren wir in wenigen Minuten dort. Es herrschte bereits reger Andrang.
Die Wolves, ein Club mit großer Tradition, sind aktueller
Tabellenführer und nach einer sehr starken Hinrunde und einer anschließenden
kleineren Schwächeperiode immer noch deutlich vorn. Der Gegner aus
London, Charlton Athletic, ist dagegen abgeschlagener Tabellenletzter
und kann bereits für Liga Drei planen. Die englische Zweite Liga spielt
mit 24 Vereinen (!) und es war bereits der 39. Spieltag. Soviel zum
Thema Erholungsphasen. Man muss bedenken, dass auch noch
zwei Cup-Wettbewerbe gespielt werden. Die Tickets waren wie geplant
hinterlegt und wir hatten nur noch das Taschen-Problem, da wir keine
Chance hatten, unser Gepäck (allerdings nur Rucksäcke mit dem
Nötigsten) vorher irgendwo einzuschließen. Der Stewart ließ uns aber nach lascher Kontrolle passieren und wir enterten durch die engen Eingänge, die 'Turnstiles', den Ground.
Das Molineux besteht aus vier einzelnen Tribünen, die alle in etwa
gleich hoch sind und sich in der Bauart minimal voneinander
unterscheiden. Der Ground fasst knapp 28.500 Menschen und ist ganz in
den Vereinsfarben gelb und schwarz gehalten, wobei gelb dominiert. In
den beiden Geraden befinden sich Business-Logen. Der Abstand zum
Spielfeld ist für britische Verhältnisse recht groß. Insgesamt ist das
Stadion in der Innenansicht wenig spektakulär, weiß aber durchaus
englischen Flair zu vermitteln. Die Abstände zwischen den Sitzreihen
bieten allerdings ausreichend Anlass für eine nachfolgende Meniskus-OP.
Das Spiel versprach eigentlich reichlich Tore, trafen doch Top-Sturm
und Schießbude der Liga aufeinander. Allerdings sind knappe Ergebnisse im Championship
unabhängig von der Tabellensituation an der Tagesordnung. Über die
Qualität des Spielgeschehens decken wir mit britischem Charme den
Mantel des Schweigens. Ich denke, sogar die Roten hätten dort was
mitnehmen können.
Letztlich siegten die Wolves durch ein spätes Tor
Marke 'Stolperhannes' mit 2-1 und verhinderten die mögliche Blamage.
Die Stimmung war dementsprechend mau, wobei mir die 'Singing Section'
gemessen an 25.000 anwesenden eh recht klein vorkam. Aus London waren
trotz aussichtsloser Lage gut 300 Leute angereist. Nach dem Spiel
frönten wir noch dem Fastfood an den Fressbuden und schossen ein paar
Fotos, um dann den Zug nach Birmingham zu besteigen und unser Quartier
zu beziehen. Dieses ließ aufgrund einer eleganten Backstein-Fassade
Gutes vermuten, spätestens als wir die Rezeption hinter uns gelassen
hatten, hatten wir aber begriffen warum wir das Zimmer so günstig haben
konnten... warm Duschen konnten wir jedenfalls erst zu Hause wieder.
Egal. Hauptsache ein günstiges Dach über dem Kopf. Den Rest des Abends ließen
wir bei einigen Pints in diversen Pubs ausklingen. Unglaublich wie
knapp bekleidet die englischen Mädels trotz arktischer Temperaturen
abends vor die Tür gehen - ich glaube, der normale Brite kommt ohne
Temperaturempfinden auf die Welt.
Am nächsten Morgen 'frisch' aufgewacht, stellte sich die
Frage, was mir der Zeit bis zum nachmittäglichen Kick von Aston Villa
anzufangen sei. Da das Hotel im irischen Viertel liegt und für die
Mittagszeit die jährliche St.-Patricks-Day-Parade angesagt war, wollten
wir rechtzeitig aus diesem Bereich verschwinden. Da in Birmingham mit
dem City FC ein weiterer Fußballclub (in der Championship-Division)
und auch im benachbarten West Bromwich mit dem Albion FC ein Premier
League-Club beheimatet sind, beschlossen wir uns die Stadien anzusehen.
Dazu muß man sagen, dass die Chance, abweichend von Spieltagen
und regulären Besichtigungen einen britischen Ground von innen zu
sehen, absolut gen Null tendiert, da die Stadien auf der Insel in der
Regel besser verriegelt und verrammelt sind als Fort Knox.
Dementsprechend waren wir auch nur auf die Außenbetrachtung eingestellt und mussten uns letztlich auch damit zufrieden geben.
Das 'St.Andrews' vom Birmingham City FC war fußläufig
zu erreichen und selbst diesen kurzen Weg hätte man sich sparen können.
Der Bau erinnerte mit seinen an den Fassaden angebrachten großen
Illustrationen und Werbetafeln eher an einen großen Supermarkt als an
ein Stadion. Lediglich an der Nordwestflanke, an der man anhand der
einzigen noch alten Tribüne im typisch britischen Stil der 50er und
60er den Ur-Zustand erahnen konnte, sowie an der mächtig wirkenden
Rückseite der Westtribüne entwickelte die Konstruktion einen Ansatz von
englischem Fußball-Charme.
Also nix wie weg und eine Viertelstunde mit dem Nahverkehrszug in die
Nachbarstadt West Bromwich gefahren. Der WBA-Ground mit dem Namen 'The
Hawthorns' machte schon einen besseren Eindruck. Angenehmerweise
verfügt der Ground über Flutlichtmasten. Ansonsten konnte wir uns auch
hier nur von außen
ein Bild machen. In einer Ecke des Stadiongeländes entdeckten wir dann
noch einen kleinen Club-Friedhof mit mehreren kleinen Gräbern.
Allerdings erschloss sich uns nicht, ob es sich tatsächlich um Urnengräber oder doch eher um eine Gedenkstätte handelt.
Der Zeitpunkt des Main-Events Villa gegen die Spurs rückte näher und
wir schwangen uns in einen der typischen Doppelstock-Busse um zum
Villa-Park zu fahren. Wir mussten
dazu einmal umsteigen und wenn ich nicht sicher gewesen wäre in
Birmingham zu sein, hätte ich mich dort mitten in der Hauptstadt
Pakistans vermutet! Man sah kein europäisches Gesicht mehr. Dazu machte
diese Ecke einen äußerst schmuddeligen Eindruck. Ich distanziere mich
von Diskriminierungen, aber länger als einige Minuten zum
Umsteigen hätte ich mich dort wahrlich nicht aufhalten wollen.
Allerdings machte Birmingham überhaupt einen sehr schmutzigen Eindruck.
Der Villa-Park war schon einige Haltestellen vor dem Aussteigen zu sehen. Die recht hohen Tribünen beherrschen den Stadtteil
Witton nahezu. Je näher ich kam, desto mehr beeindruckte mich der
Ground. Dieses Stadion hat wirklich Charakter, nicht wie die ganzen
neuartigen Einheitsbauten. Der Villa-Park besteht aus vier einzelnen
Tribünen, die sich alle voneinander unterscheiden. Durch die Tatsache, dass das Stadion an seinem ursprünglichen Ort mitten in einem Wohngebiet steht und dadurch, dass
die Ecken nicht zugebaut sind, ist es ziemlich in die Höhe gewachsen
und wirkt trotz seines eher durchschnittlichen Fassungsvermögens von
42.600 ziemlich imposant. Die Haupttribüne besteht aus drei Rängen, die
anderen Tribünen verfügen über deren zwei. Besondere Beachtung verdient
die Rückseite der südlichen Hintertor-Tribüne, dem 'Holte-End', auf der
der harte Kern der 'Villans' seine Heimat hat. Mit zwei breiten
Treppenaufgängen und einer herrlichen Backsteinfassade sieht der Stand
fast aus wie ein Regierungsgebäude.
Nach dem üblichen Fastfood-Konsum
nahmen wir unsere Plätze auf dem 'Trinity Road-Stand' ein und
bestaunten das Stadion von innen. Ich war sicherlich schon in größeren
und harmonischer wirkenden Stadien, aber dieses landet schon allein
aufgrund seiner eigenen Art auf jeden Fall in meiner persönlichen Top 5
der live erlebten Spielstätten.
Die Ausgangslage für das Spiel war eigentlich deutlich. Villa spielt
eine hervorragende Saison und kämpft mit den etablierten vier Clubs um
die Champions League-Plätze. Die Spurs sind dagegen miserabel
gestartet, wurden aber nach einem Trainerwechsel vom neuen Mann
mittlerweile ins gesicherte Mittelfeld geführt. Der Kick an sich war
nicht die totale Offenbarung, aber allein schon durch die schnelle
Spielweise attraktiv. Beide Teams haben unglaublich schnelle und
trickreiche Außenstürmer,
die ihre Gegenspieler fast schwindelig spielten.
Nach nur vier Minuten,
konnte Villas Ex-US-Nationalkeeper Brad Friedel bei einer scharfen
Hereingabe in den Fünfmeterraum nur die Richtung des Balles verändern
und ein nachrückender Spurs-Stürmer drückte den Ball über die Linie.
Dieses hatte natürlich einen Torpogo der etwa 3.000 mitgereisten
Anhänger der Londoner unter den 41.205 anwesenden Zuschauern zur Folge.
Villa antwortete mit wütenden Angriffen und erarbeitete sich deutliche
Feldvorteile. Dieses hatte aber nur wenige zwingende Situationen, wie
den Kopfball des Alt-Recken Emile Heskey zur Folge, der nur ans Gebälk
klatschte. Die Spurs arbeiteten mit bescheideneren Mitteln wesentlich
effektiver und waren dem zweiten Treffer einige Male nahe. Nach dem
Seitenwechsel rechnete man mit noch mehr Engagement der Heimelf, doch
es gab erneut die kalte Dusche und die Gäste erhöhten durch ihren
Top-Stürmer Darren Bent auf 2-0. Aston Villa blieb bemüht, doch der
Anschlusstreffer per Kopf durch den norwegischen Nationalspieler John
Carew etwa zehn Minuten vor Schluss kam zu spät und die Gäste aus der
Hauptstadt nahmen die Punkte überraschend mit.
Die Stimmung im Stadion war durchschnittlich. Die Spurs-Supporter
feierten logischerweise ihre eigene Party. Wenn der Villa-Anhang kam,
dann wurde es allerdings richtig laut. So gab es mehrmals einen
Vorgeschmack, wie es bei brisanteren Spielen mit aus Sicht der Heimelf
erfreulicherem Spielverlauf sein würde. Nach dem Schlusspfiff schoss
ich noch ein paar Fotos vom leeren Ground, der sich mit den Sitzen in
den Vereinsfarben weinrot und himmelbau im Flutlicht wunderbar
präsentierte. Dann ergatterten wir noch reduzierte Polo-Shirts im gut
sortierten 'Aston Villa-Megastore' und begaben uns zurück in Richtung
des Hotels. Dort waren in jeder Hinsicht die Reste der
St.Patricks-Day-Feier ersichtlich und wir nahmen noch ein paar Pints in
den völlig überfüllten umliegenden Pubs. Die Heimreise am nächsten
Vormittag brachte uns sicher nach Hause und so ging ein äußerst kurzweiliger Trip zu Ende.
Bilder gibt es hier


